Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Nehmen wir nun noch Spalte 3 hinzu: Wieviel erzeugt 
das Land auf den Kopf der Bevölkerung? Wieder werden 
den Kindern intereſſante Einblicke eröffnet. „Deutſchland 
kann nicht ausgehungert werden“, ſo verfündet ſtolz die 
Überſchrift der ganzen Liſte. Und die Ziffern von Spalte 3 
geben dem recht. In keinem der kriegführenden Länder 
wird auf den Kopf der Bevölkerung ſoviel an Nahrung83- 
mitteln gewonnen wie in Deutſchland. Warum iſt e3 ns- 
tig, daß Deutſchland ſo viel hervorbringt? Unſere Krieg8- 
lage hat es allen Kindern klargemacht: Wir mußten uns 
vorſehen, um beim Abſchluß vom Welthandel beſtehen bleiben 
zu können. Darum iſt in Deutſchland neben Induſtrie und 
Handel ſtet8 die Landwirtſchaft gepflegt worden, während 
England troß der hohen Ertrags8ziffer für den Hektar doch 
am Verfall der Landwirtſchaft krankt, weil e3 ſich ganz 
einſeitig auf die Zufuhr von Überſee verlaſſen hat. E3 iſt 
ganz nüßlich, in diejem Zuſammenhange auch einmal von 
der Bedeutung der landwirtſchaftlichen Schußzölle mit Groß- 
ſtadtkindern zu ſprechen. 
So können Ziffern in einfachſter Weiſe volkswirtſc<haft- 
liches Verſtändnis vermitteln. Sie müſſen aber auch zur Ent- 
wildlung weltpolitiſchen Verſtändniſſes herangezogen werden. 
Daran hat es unſerem Volke ja im Gegenſatz zu ſeinen 
Nachbarvölkern jahrhundertelang nur allzuſehr gefehlt, und 
e3 iſt viel nachzuholen. Nehmen wir noc< einmal die Zif- 
fern der Bevölkerungsdichtigkeit und vergleichen Deutſchland 
mit den Ländern jeiner Gegner. Nur England und Belgien 
weijen eine noch dichtere Bepölkerung auf, beide38 Handel3- 
ſtaaten mit reichem Kolonialgebiet. Zu beiden Seiten Deutſch- 
lands aber liegen Länder mit weit dünnerer Bevölkerung, 
Frankreich mit 74, Rußland gar mit nur 27 Einwohnern 
auf den Quadratkilometer, während in Deutſchland 126 auf 
dem gleichen Raume leben. Das ganze Unrecht de38 Krieges 
unſerer Gegner wird allein ſchon an dieſen Ziffern klar. 
Da haben ſich die Franzoſen mit ihrer ſinkenden Bewvöl- 
ferungöziſfer und die Ruſſen mit ihrem ungeheuren unau3- 
genüßten Landgebiete vereinigt, um dem auf engem Raume 
zujammengedrängten deutſchen Volke Land zu entreißen, und 
England, da3 ſeine dichte Bevölkerung nur durch ſeinen 
Handel und ſeine Kolonien erhalten kann, hat es ſich zum 
Kriegsziele geſeßt, dem unter ähnlichen Bedingungen leben- 
den Brudervolke den Handel zu zerſtören und alle Kolo- 
nien zu rauben. Nicht nur während der Dauer des Krieges, 
nein, für alle Zukunft wollen die Feinde uns aus8hungern 
- und einſchnüren. Was demgegenüber da3 deutſche Volk für 
jeine Selbſtbehauptung zu erſtreben hat, das muß ſich aus 
jol<en Betrachtungen ſchließlich auch jedem Kinde aufdrän- 
gen, aueh wenn wir vorläufig noc< keine feſtumriſſenen 
Kriegösgiele in der Schule erörtern können. 
Daß die Schule die Pflicht hat, weltpolitiſche3 Denken in 
der Jugend zu weden und zu fördern, das iſt mit großer 
Cindringlichkeit ſ<on vor dem Kriege von einem Lehrmeiſter 
des weltpolitiſchen Denkens, von Rohrbach, in ſeinem Buche: 
„Der deutſche Gedanke in der Welt“ geſagt worden. Bei, 
aller Anerkennung, die er darin der Schule zollt, beklagt 
er Dody, daß die Ddeutſ<en Schulen, höhere und niedere, 
nicht in der rechten Weiſe zu nationalem Denken erziehen. 
Gr ſagt: 
„Der Fehler, der in unſerer Volksergziehung gemacht wird, 
ijt der, daß die nationalen Werte der Jugend unter einem 
fjaljcgen Geſichtswinfel gezeigt werden. So wird gelehrt: 
jo herrlich weit haben wir's dank unſeren großen Fürſten. 
und Führern gebracht, und das Erreichte müßt ihr wertſchäßen 
und zu ſeiner Verteidigung Gut und Blut herzugeben bereit 
jein, gleich euren Vätern. Dieſe Art von Unterweiſung ent- 
behrt aber der eigentlichen nationalen Triebkraft, weil ſie 
nicht imſtande iſt, ein ideales Zukunfts8ziel aufzuſtellen, an 
dem jeder einzelne mit ſeinem Herzen beteiligt iſt. . . . Na- 
tionale Begeiſterung kann ſich überhaupt nicht auf die Dauer 
an etwas Erworbenem und Vorhandenem Ein as jon- 
dern, | wenn jie ec<ht und fraftvoll jein ſoll, muß ſie mit Vor-. 
 
wärt5wollen und mit Zukunft3hoffnungen durchtränkt ſeit. 
Das aber fehlt in unſerer Erziehung. Wo iſt die Jugend, 
der etwas von der Zukunft des deutſchen Gedankens in der 
Welt erzählt wird? Wa3 denken ſich unſere jungen. Leute 
dabei, wenn ſie jingen oder deklamieren: Und es mag am 
deutſchen Weſen no< einmal die Welt geneſen? = Gar 
nicht3. Wa3 nüßt ihnen ein gelegentlich von hoher Stelle 
fallendes Wort: Unſere Zukunft liegt auf dem Wajſer, oder 
ähnliches ? Wie viele von uns, ob Alte oder Junge, Leh- 
rende oder Lernende, haben wohl eine Vorſtellung davon, 
daß eine neue Periode der menſchlichen Entwiclungs5ge= 
ſchichte begonnen hat und daß es ſich für das deutſche Volk 
darum handelt, ob es im kommenden Weltalter Hammer 
oder Amboß jein will 7?“ 
Nun, der Weltkrieg hat dafür geſorgt, daß dem deutſchen 
Volke in allen ſeinen Schichten ein neues Werſtändnis für 
jeine weltpolitiſche Lage auſgegangen iſt, und die deutſche 
Schule wird in Zukunft gewiß nicht mehr bloß vergangene 
deutſche Taten feiern, ſondern ſtärker als biSher der Jugend 
auc< künftige deutſche Ziele ans Herz legen, und dazu ge- 
hört nicht nur der Schwung begeiſterter Rede, ſondern auch die 
nüchterne Grundlage tatſächlichen Wiſſens. Einen Bauſtein 
dazu kann auch die Statiſtik in der Schule liefern. 
Im Anſc<luß an die vorſtehenden Ausführungen ſei auf 
ein jehr zur rechten Zeit erſchienenes „„Krieg3rec<henbuch“ ?) 
aufmerkſam gemacht, das eine mit großem Fleiß zujammen- 
getragene Fülle ſtatiſtiſchen Stoffes in Rechenaufgaben bringt. 
Den oben gekennzeichneten Zielen, volkswirtſchaftlihe38 und 
weltpolitiſches Verſtändnis zu wecken, dienen beſonders die 
beiden erſten Abſchnitte: Urſachen des Krieges und Freund 
und Feind. Urſache des Krieges iſt der Neid der Gegner über 
Deutſchlands Aufſchwung geweſen, und ſo werden hier Ziffern 
geboten, die den Auſſtieg deutſcher Volk3wirtſc<haft und deut- 
ſcher Macht kennzeichnen. Das Kapitel Freund und Feind 
bietet Stoff für Vergleiche des deutſchen Volkes mit ſeinen 
Bundesgenoſſen und ſeinen Feinden. Die weiteren Kapitel 
behandeln die Verhältniſſe des Krieges: Unſere Feldgrauen, 
unjere blauen Jungen, den Luftkrieg und die Pflichten der 
Daheimgebliebenen. Das lezte Kapitel gibt Ziffern über die 
BolköSernährung, und endlich iſt in einem Anhange noch 
Stoff für die Bildung weiterer Aufgaben geboten. J:1 der 
Volksſ<ule wird der reiche Inhalt de3 Büchlein3 nur mit 
Au3wahl zu benüßen jein; es eignet fich vor allem für die 
Hand des Lehrer3, der es ſowohl für Rechenſtunden wie 
auc<h für den erdfundlichen und gejchichtlihen Unterricht zu 
Rate ziehen kann. Für gehobene Abteilungen, Mittelſchulen 
und Präparanden wünſchen die Verfaſſer, daß man es von 
den Schülern durcharbeiten und von ihnen auc<h die ſtati- 
ſtiſchen Verhältniſſe zeichneriſch darſtellen laſſe. Auf alle 
Fälle bietet es reichen Stoff zur Belebung de5 Unterrichte3 
und kann wohl ſeinen Teil mit dazu beitragen, wie die Ver- 
faſſer hoffen, „„unjere Jugend durc< den Krieg zu freien, 
ſtolzen Deutſchen zu erziehen“. 
 
Soziale Rundſchau. 
Ausſchuß für ſoziale Hilfsarbeit im Landesverein 
Preußij<er Volksſchullehrerinnen. 
Kriegsbeihilfen. 
Zuſaßrenten für Witwen und Waiſen unſerer Krieger. Am 
19. März hat der Reichstag einſtimmig eine Entſchließung anu- 
genommen, durch die der ReichsSkanzler erſucht wird, noch in 
dieſer, ſpäteſtens in der nächſten Tagung de38 Reichstages, 
dieſem einen Geſeßentwurf vorzulegen, dur< den über die 
- Beſtimmungen des Geſetzes vom 17. Mai 1907 hinaus den zu 
verſorgenden Witwen und Waiſen Zuſatrenten gewährt wer- 
den, die nach dem leßten Arbeitzseinkommen de3 zur 
2) Kriegsrechenbuch 1914/15. Von Tr. Göhrs und G. Lü>e. Ernſt 
. Wunderlich, Leipzig. 80 Pf.
	        

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