Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Fahne Eingezogenen und infolge de8 Kriege38 Verſtorbenen ab- 
geſtuft werden mit der Maßgabe, daß dieſe Renten unter An- 
rechnung der Renten de8 Geſees vom 17. Mai 1907 bis zu 
einer mäßigen Höhe anſteigen, und daß eine Berücjichtigung 
des Einkommens aus fundierten Ertragsquellen derart ſtatt- 
findet, daß das Geſamteinkommen der Familie zuzüglich der 
Arbeit3renten zwei Drittel des früheren Einkommen38 nicht 
überſteigt. Damit hat ſich der Reichstag die Anträge zu eigen 
gemacht, die in den bekannten gemeinſamen Vorſchlägen des 
Bunde3 der Landwirte und de8 Hanſabundes der Öffentlichkeit 
unterbreitet und dann von 58 großen wirtſchaftlichen Verbänden 
unterſtüßt worden waren. Der wirtſchaftlichen Not derjenigen 
Angehörigen des Mittelſtandes, deren Ernährer al3 Angehöriger 
der Unterklaſſen de8 Heere3 gefallen iſt, wird dadurch wirkſam 
geſteuert werden. Nach überſchläglicher Berechnung werden bei 
Annahme dieſer Vorſchläge etwa 50 Millionen an Zuſaßrenten 
an die Witwen und Waiſen unſerer Krieger zur Zahlung ge- 
langen. 
Die kofibaren Kinder. Der Krieg hat mit aller Schärfe bewieſen, 
daß da8 wertvollſte Gut eines Volkes die Kinder ſind. Frank- 
reich geht am Zweikinderſyſtem zugrunde und ſcheidet infolge 
ſeiner verminderten Bevölkerung38zahl aus der Reihe der Groß- 
mächte aus. Zweifellos wird man nach dem Kriege der Pflege 
unſeres Nachwuchſes eine noc< größere Aufmerkſamkeit zu- 
wenden als biSher. Wie aus parlamentariſchen Kreiſen verlautet, 
ſollen, nach den Wünſchen zahlreicher Volksvertreter, die jo- 
genannten Kinderprivilegien bei der Steuerveranlagung ganz 
erheblich erweitert werden. Auch die Schulgeldfreiheit ſoll für 
kinderreiche Familien beträchtlich au8gedehnt werden. Jung- 
geſellenſteuern ſind ja ſchon in einzelnen Bundesſtaaten ein- 
geführt worden. Sie werden nach dem Kriege ſicherlich noch 
mehr Anklang finden. Auch ſollen kinderloſe Familien in größe- 
rem Maße zu den Laſten des Staates herangezogen werden. 
Verwendung hoher Arbeitslöhne jugendlicher Arbeiter. Die 
Krieg3zeit hat es mit ſich gebracht, daß viele Betriebe mit 
HeereSslieferungen, die ſich meiſt recht lohnend geſtalten, voll- 
auf beſchäftigt ſind. Auch ſolche Unternehmen, die in FriedenSs- 
zeiten ſich mit der Fabrikation anderer Erzeugniſſe beſchäftigen, 
haben ſich zur Umwandlung ihres Betriebes entſchloſſen, um 
an den gewinnbringenden Lieferungen für die Heere3verwaltung 
beteiligt zu werden. Dadurch bietet ſich namentlich auch einem 
Teile der jugendlichen Arbeiter eine erhöhte Verdienſtmösglich- 
keit. Bei dieſer Sachlage iſt es vielleicht angebracht, auf den 
8 1194 YAbſaz 2 Ziffer 2 der Gewerbeordnung zu verweiſen, nach 
welchem die Gewerbetreibhenden veranlaßt werden, einen Teil des 
Lohne35 den jugendlichen Arbeitern nicht dieſen ſelbſt einzuhän- 
digen, ſondern bei einer Sparkaſſe einzuzahlen. Dadurch wird 
dieſen Leuten die Möglichkeit genommen, mit dem Gelde nach 
Belieben ſchalten und walten zu können und Leben3gewohnheiten 
anzunehmen, deren Beſchränkung auf ein beſcheidenes Maß 
bei normalem Arbeit3verdienſt nach dem Kriege von dieſen 
dann verhältnismäßig. ſchwer empfunden werden würde. 
Sparkaſſenbücher für Kinder gefällener Krieger. Der Kreis 
Emden gibt allen während de38- Krieges im. Landkreiſe Emden 
geborenen Sindern, deren Vater nach der Geburt des Kindes3 
gefallen oder ſeinen Wunden erlegen iſt, ein Sparkaſſenbuch 
mit 10 4& unter der Bedingung, daß diejer Betrag vor Voll- 
endung des 20. Lebenöjahres nicht abgehoben werden darf. 
Krieg und Kinderfürſorge-. Die Wöcnerinnen« und Kinder- 
fürſorge muß noc< mehr als in Frieden3zeiten ausgebaut 
werden. In vielen Städten haben die Frauenvereine -- oft 
zum Nationalen Frauendienſt zuſammengeſchloſſen =- im An- 
ſchluß an die kommunale Unterſtüzung und die durc< Geſeß 
vom 9. Dezember 1914 erhöhten Leiſtungen der Krankenkaſſen 
beſondere Fürſorge- und Beratungsſtellen eingerichtet. Die Ort3- 
gruppen des Deutſch-Evangeliſchen Frauenbundes haben ſeit 
Jahren Arbeitskommiſſionen geſchaffen, welche ſich mit Wöchne- 
rinnen« und Kinderfürſorge, mit Hauspflege und Waiſenpflege 
befaſſen. In dieſer Zeit, wo die Notlage- mancher Krieger- 
familien und ſolcher Familien, die durch. die Kriegslage in be- 
drängte Verhältniſſe gekommen ſind, beſondere Hilfe verlangt, 
 
bewähren ſich die Frieden3arbeiten. Die Hauspflegevet- 
eine ſollten ſich in immer mehr Städten al3 ſtändige Organi- 
ſation gründen. Sie ſtellen den Wödnerinnen in den erſten 
Tagen nach der Entbindung eine Pflegerin, die in dieſer Zeit 
die Hausfrauen- und Mutterpflichten der Wöchnerin übernimmt. 
So ſind HauSshalt und Kinder in den Ruhetagen der Mutter 
nicht eine ſteie Sorge für dieſe. Die Wöhnerinnenfür- 
ſorgevereine, die Mittageſſen und pekuniäre Hilfe gewähren, 
finden eine Kriegserweiterung durch die Leiſtungen der Kriegs- 
paten. In der Evangeliſchen Frauenzeitung ſind häufig Bitten 
wegen Übernahme einer Krieg3patenſchaft zu leſen. Nicht die 
augenblickliche Hilfsleiſtung für den Säugling und ſeine Mutter 
ſind die eigentlichen Pflichten der Kräeg3paten, ſondern ſein 
fortdauernde3 liebevolles Intereſſe an dem Heranwachſen des 
Kinde3, Rat und Hilfe bei ſeiner Erziehung und, wenn nötig, 
dann auch pekuniäre Unterſtüzung. Die Bedeutung für unſer 
Volksleben liegt darin, daß durch die Kriegs3patenſchaft eine 
dauernde Verbindung verſchiedener ſozialer Stände entſtehen 
wird. Die Kinderfürſorge durch Unterbringung in Horten und 
Krippen, durch Waldſpaziergänge mit ſchwäc<hlichen Schulkin- 
dern, durc<h Unterbringung auf dem Lande während der Ferien 
wird ebenſo wie die Waiſenpflege nach dem Kriege einen viel 
größeren Umfang annehmen. Durch die Berufstätigkeit: der 
Kriegswitwen wird eine ſtärkere liebevolle Fürſorge für die 
Krieg8waiſen einſehen müſſen. Den geringſten Dank für unſere 
Helden, die nicht wiederkehren, können wir in der liebevollen 
Fürſorge und Hilfe für ihre Witwen und Waiſen beweiſen. 
Möchten Reichsfürſorge und BereinShilfe die richtigen Wege 
finden und die richtigen Kräfte dieſe Beratung38- und Fürſorge- 
arbeit immer weiter ausbauen, damit in Friedenzzeiten bieſe 
Liebe3arbeit zum Segen für unſere Jugend werde! 
Aus den Vereinen. 
Heſſiſcher Landeslehrerinnenverein, 
Am 3. Juli 1915 tagte die gej<häſtliche Hauptverſammlung 
des Heſſiſc<en Landeslehrerinnenvereins zu Frankfurt a. M. 
Frl. Tafel (Bensheim) und Frl. Spamer (Mainz) erſtatteten 
Bericht über die Kriegstagung des A. D. L.:V. Im Anſchluß 
' daran fand eine lebhafte Ausſprache über die Berufsbera- 
tung in Heſſen ſtatt, Eine Mitarbeiterin der Darmſtädter 
Beruſ3beratungsſtelle der Orts8gruppe des Allgem. Deutſchen 
-Frauenvereins erteilte Auskunft über die dortige Einrichtung. 
Die im heſſiſchen Landeslehrerinnenverein zuſammengeſchloſſenen 
Vereine werden die Frage der Berufsberatung in Heſſen no<- 
mals im engeren Kreiſe beſprechen. Die endgültige Stellung- 
nahme ſoll dem erweiterten Vorſtande des Lanüdesvereins vor- 
behalten bleiben. 
Angeſtelltenverſicherung. 
Abkürzung der Wartezeit. 
- Die Angeſtelltenverſicherung iſt erſt ſeit 22/, Jahren in Kraft. 
Da die Wartezeit zur Geltendmachung des Anſpruches auf 
Hinterbliebenenreinte in den Übergang3jahren 60, auf 
Ruhegeld wegen Berufsunfähigkeit für Männer 120 Beitrags8- 
monate, für Frauen 60 beträgt, ſo gehen die im Kriege Ge- 
fallenen oder berufsunfähig Gewordenen jeden Anſpruch3 
verluſtig. Im Todesfall kann nur die Rückerſtattung der 
Hälfte, bzw. bei freiwillig Verſicherten drei Viertel der Beiträge 
an die Witwe oder Kinder unter 18 Jahren des Verſtorbenen 
erfolgen. Der Berliner Ort38aus8ſchuß der Ver- 
trauens5männer, Flottwellſtr. 41, Zimmer 5 -- Sprech- 
ſtunde täglich 1-3 Uhr -- macht daher mit Recht auf die 
ſehr wichtige Beſtimmung des Verſicherungsgeſebes für 
Angeſtellte aufmerkſam, die es ermöglicht, ſich ſofort einen 
Anſpruch auf Rente zu ſichern. Gemäß 8 395 des ge- 
nannten Geſeßes kann nämlich bi8 zum Ende de3 Jahres 1915 
einem Angeſtellten nach vorhergehender ärztlicher Unterſuchung 
von der ReichS3verſicherung3öanſtalt für Angeſtellte geſtattet 
werden, die Wartezeit durch einmalige Einzahlung
	        

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