Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Der Aufichwung Deüttſchländ3 als Folge der Einigung. Die fol- 
gende fnappe und dabei doch lebendige Zuſammenfaſſung der 
europäiſchen Geſchihte macht das kleine Werk ebenſo geeignet 
zur Vorbereitung für den Lehrer wie zu einem Hilfsmittel für 
den Schüler. 
Sehr viel weniger geiſtige Anſprüche ſtellt das kleine Heft 
„Der Weltkrieg“), das auch die Tatſachen der lezten Mo- 
nate ſchon in einem geſchichtlichen Zuſammenhang verarbeiten 
möchte und ſich vorwiegend an Volk3- und Mittelſchüler wendet. 
Das Büdlein ſoll als Fortſezung der Schülerhefte und al3 
Textgrundlage für den ſpäter auszugebenden IV. Band des 
Werks „Der Geſchichtzunterricht in aus8geführten Lektionen“ be- 
trachtet werden. E3 liegt eim erſter Teil vor, der die Vorgeſchichte 
und die erſten Kriegösmonate umfaßt und dem ein zweiter Teil 
folgen ſoll. 
Der Ausgang wird von dem Wort des Reichskanzlers ge- 
nommen: „Die äußere Verantwortung für dieſen größten aller 
Kriege tragen die Männer in Rußland, die die allgemeine Mo- 
biliſierung der ruſſiſchen Armee betrieben und durchgeſeßt 
haben; die innere Verantwortung aber trägt die britiſche Re- 
gierung.“ Im Anſchluß daran wird über die Feindſchaft der 
Großmächte, die Erhebung Deutſchland8, die Waffentaten un- 
gefähr bis zum Ende des vergangenen Jahre3 berichtet. Die 
Darſtellung verſucht mit Glü>, einfach und allgemeinverſtändlich 
zu ſein, hält ſich aber nicht immer von Gemeinpläßen und auch 
herabſeßenden Bemerkungen fern. Es wird nicht nur von der 
„engliſhen Krämerpolitik“ geſprochen, ſondern auch vom 
„Owarzen Plan der Feinde“, dem „„Schelmenſeldzug unſerer 
Feinde“. Warum da3? Warum ſie im wirkungsloſen Streit 
mit Worten bekämpfen ? So gut wie dieſe Feinde ſelbſt können 
wir's doch nicht! Wollen wir es alſo auf andere Weiſe verſuchen. 
Ebenfalls gibt eine Darſtellung der Gegenwart3ereigniſſe die 
furze Überſicht „Der Weltkrieg“ von Schulrat Tromnau 
in König3berg, die eine Ergänzung zur Geſchichte in Hirts Re- 
alienbuch iſt.8) In wenig Seiten wird aufgezeigt: Die Ent- 
ſtehung des Krieges, Deutſchland3 Kriegs5bereitſchaft und Opfer- 
mut, der Kampf ſelbſt. Entſprechend der Heimat de3 Verfaſſers 
ſind die Kämpfe im Oſten -- in Oſtpreußen und Polen -- au3- 
führlicher und auch mit ſtärkerer innerer Anteilnahme beſchrieben 
al38 das Ringen im Weſten. Namentlich für Schulen im Oſten 
unſeres Vaterlandes wird daher auch der kleine Abriß eine will 
kommene Erweiterung des bereits eingeführten Geſamtwerks ſein. 
Direkt in den Oſten führt uns der Hiſtoriker Dietrich S8 <ä- 
fer.?) In einem Vortrag, den er in der Gehe-Stiftung zu Dre3- 
den gehalten hat, zeigt er die Beziehungen des deutſchen Volke3 
zu dem Grenzgebiet der Monarchie auf. -- Hier iſt nicht nur 
Gegenwart und Verſtändnis für die Dinge des Tages3 gegeben, 
ſondern Geſchichte, wiſſenſchaftliche Einſicht; aber immer in der 
Betrachtung des Forſchers der hiſtoriſch-politiſchen Schule, der 
die Dinge ganz von ſelbſt in ihrer Wirkungskraft bis auf die 
Jeßtzeit hin beobachtet, oder -- um mit Schäfers Worten zu 
ſprechen -- „auf die aus den Hergängen ſich ergebenden Folge- 
rungen hinweiſt“. Der Oſten als deutſches Kolonialgebiet, die 
Tätigkeit des deutſchen Ritterordens, des Großen Kurfürſten und 
Friedrichs 11., daneben die ſlawiſche Frage, vertreten durch Ruſ- 
ſen- und Bolentum, werden aufgezeigt und daraus die gegen- 
wart3politiſche Folgerung gezogen, die in der entſcheidenden 
Jrage nach dem eigentlichen Feinde Deutſchland38 zugleich eine 
Antwort bedeutet: „Der berechtigte Haß gegen England, der zur- 
zeit die politiſche Grundſtimmung unſeres Volkes iſt, ſollte nicht 
blind machen gegen die Tatfache, daß Rußland die für un3 weit- 
aus gefährlichſte Macht iſt.“ 
7) Dr. C. Spielmann, Der Weltkrieg 1914/15. Für Haus und 
Schule gemeinverſtändlich dargeſtellt. 1. Teil: Die Vorgeſchichte und 
die erſten Krieg3smonate. Mit 19 Bildniſſen. Verlag Geſenius, Halle 1915. 
8) Der Weltkrieg 1914/15. Eine Ergänzung zur Geſchichte von 
Ferdinand Hirts Neuem Realienbucph. Von Sculrat Friedrich 
Tromnau in Königs8berg i. Pr. 5 Pf. 
9) Dietrich Schäfer, Das deutſc<e Volk und der Oſten. Vor- 
träge der Gehe-Stiftung zu Dresden. 7. Band, Heft 3. B. G. Teubner, 
Leipzig und Berlin 1915. 1 4. " 
 
Ein weiterer Vortrag der Gehe-Stiftung behandelt das Thema: 
„Frieg und Sozialpolitik“20) Er gibt eine genaue Dar- 
ſtellung der durch die Verſicherungsgeſeßgebung geſchaffenen Lei- 
ſtungen im Kriege, weiſt auf notwendigen Au3bau derſelben nach 
der Richtung der Arbeitsvermittlung hin und wünſcht eine Au3- 
dehnung der Sozialpolitik namentlich auf dem Gebiet der Für- 
ſorge für Arbeits3loſe. Für alle in der Krieg3arbeit ſtehenden 
Lehrerinnen werden die in dem Vortrag zum Ausdrud ge- 
brachten Gedanken auf oft von ihnen aufgeworfene Fragen ein- 
gehen, jie vielleicht zum Teil beantworten. Für die Schule 
fommen dieſelben nur indirekt in Betracht, aber einzelne richtig 
ausgewählte Beiſpiele können doch auch dazu dienen, reiferen 
Schülerinnen den Zuſammenhang zwiſchen den Geſchehniſſen der 
äußeren Politik und der Volkswirtſchaft klarzumachen. 
Die Zuſammenhänge aufzude>en, die unlösliche Verſtrikung 
aller Formen unſeres ſtaatlichen Lebens nachzuweiſen und damit 
in dem zunächſt ganz überwältigenden Zuſammenſtrom der Er- 
eigniſſe in der Gegenwart doch die hiſtoriſche Folgerichtigkeit 
des Geſchehens zu zeigen, iſt das Gemeinſame aller der Schriften, 
deren Gehalt wir direkt oder indirekt der Jugend nahebringen 
wollen, um ſie -- ſoweit es möglich iſt =- mit Bewußtſein teil- 
nehmen zu laſſen an der größten Epoche, die die Geſchichte kennt. 
Nachrichten. 
Deutſ<e Shulverwaltung ſoll in Ruſſiſc<h-Polen, ſoweit e8 von 
den Deutſchen beſeßt iſt, eingeführt werden. Der Kreisſc<hul- 
inſpektor Otto in Schrimm iſt dazu vom Reichskanzler 
in die Kaiſerliche Zivilverwaltung nach Kaliſ< berufen wor- 
den. Was für Verhältniſſe er dort vorfindet, geht aus der 
Schilderung eines deutſchen Kriegsberichterſtatiers hervor, die 
der „Dre3dner Anzeiger“ brachte. Rudolf von Koſchüßki berichtet 
über eine „Automobilfahrt zur Front mit Spen Hedin“ und 
erzählt dabei: 
An den Sonnenſeiten der Dorfhäuſer ſtanden Kinder, viele 
geſunde Kinder, wie in allen polniſchen Dörfern. „Habt ihr 
feine Schule?“ rief ich: einer Puppe hinüber. -- Nein. „Euer 
Lehrer iſt wohl geflohen; da ſeid ihr froh, nicht?“ =- Wir haben 
feinen Lehrer. „„Wo geht ihr denn da in die Schule?“ -- 
Wir haben keine Schule, gehen in keine Schule. „WaS8, in 
feine Schule -- könnt ihr denn leſen?“ -- Nein. „Schreiben, 
rechnen ?“ =- Nein. Nur wenn der Vater oder die Mutter etwas 
können, zeigen ſie 28 uns. „Können deine Eltern denn 
leſen ?“ -- Nein. „Und deine?“ -- Nein. -- Wie, ein paar 
Meilen von der deutſchen Grenze, von dem Lande voller Schul- 
meiſter -- und nicht leſen und ſc<reiben? . . . I< ſah den 
Kindern ſcharf in die Geſichter, von dem drallen 16 jährigen 
Mädel bis zum kleinen Hoſenmatz herunter, um die Spuren 
tiefen Elend3 und Unglüds8 zu erkennen, die dieſe geiſtige Um- 
nachtung darin aufgezeichnet haben mußte. Aber e8 waren 
lauter friſche Kindergeſichter, die aus ihren Lumpen mindeſtens 
ſo fröhlich Herauslachten, wie die der deutſchen, wohlbeleſenen 
und wohlgekleideten Kinder. Auch Sven Hedin wird aus dem 
Bilde, das er raſch. von dem Grüppchen aufnahm, nicht viel 
anderes herausleſen. Nur daß die Lumpen einerſeits8 
und die verlorenen Schlachten andererſeits mit 
der mangelnden Schulmeiſterei irgendwie zuſam- 
menhängen, möchte ich für möglich halten und darum bei- 
leibe feine Abſchaffung derſelben in Deutſchland befürworten. 
Die ſtaatsbürgerliche Bildung der Schweizer Jugend. Im Schweizer 
Ständerat begründete Wettſtein-Zürich (freiſinnig) einen Antrag, 
durc<< den der Bundesrat eingeladen wird, die Frage zu prit- 
fen, in welcher Weiſe der Bund die ſtaat3bürgerliche Bildung 
und Erziehung der ſchweizeriſchen Jugend fördern könne. Der 
Antragſteller führte aus, daß das Verhalten vieler Bürger 
während des Krieges, beſonders in den erſten Wochen nach 
“Deſſen Ausbruch, politiſches Denken und die Erkenntnis der Be- 
dingungen der ſc<weizeriſchen Freiheit und Selbſtändigkeit, die 
10) Stieda, Krieg und Sozialpolitik. Vorträge der .Gehe-Stiftung 
zu Dresden. 7. Band, Heft 2. Ebd. 80 Pf.
	        

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