Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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wirklich teilnehmen! Dieſe Treue gegen da38 Vermächtnis all 
unſerer auf dem Felde der Ehre Gefallenen iſt wohl die wich- 
tigſte, Teilnahme de38 daheim gebliebenen Jungdeutſchland8 an 
dem im Kriege ſtehenden Deutſchland.“ 
Die drei in dem vorliegenden Hefte geſammelten Vorträge 
ſind von einem ganz einheitlichen Geiſt getragen. Selbſtver- 
ſtändlich liegt für viele die Bedeutung des Krieges noch auf 
einem anderen Gebiete als dem einzig vom Verfaſſer anerkann- 
ten. Allen, denen die Begriffe Macht, Ehre und Einwirkung3- 
möglichkeit in der Welt nicht leere Formeln, ſondern Vor» 
bedingung des größeren Deutſchland und ſeiner Behauptung 
in der Welt bedeuten, muß der Standpunkt Förſters einſeitig 
erſcheinen. Daß er aber -- troß ſeiner grundſäßlichen Ab- 
lehnung des Krieges =- die tiefe Kulturkraft und da38 Vor- 
bildliche des fämpfenden Heeres anerkennt, iſt eine lezte Recht- 
fertigung des Selbſtbehauptungs8kampfe8 unſeres Volkes. 
„FZrieg und Chriſtentum“ iſt das Thema, das uns allent- 
halben entgegentritt; und für die, die ſich zu beidem bekennen, 
gibt es kaum eine andere Löſung als die der Tat durch opfer- 
bereite Hingabe. Davon ſpricht auch ein kleines Hefti, das 
eigentlich nur durch die Berſönlichfeit ſeines Verfaſſer3 den 
Zuſammenhang zwiſchen Glaube und Krieg3tat darſtellt. Die 
„Grundlinien des Glaubens“ ſind hier gezogen von dem bekann- 
ten Frankfurter Geiſtlichen Otto Zurhellen, der als Frei- 
williger den Tod auf dem Schlachtfelde fand.?) Die -Dar- 
ſtellung wird eingeleitet durch den Nachruf eines Amtsbruders 
des Gefallenen, in dem e3 heißt: 
„Ein leßter Gruß des im Kriege gefallenen Pfarrers unſerer 
Gemeinde an die deutſche Jugend! Bevor Otto Zurhellen ins 
Feld hinauszog, hat er ſeine Frau und Mitarbeiterin gebeten, 
dieſe kurze Zuſammenfaſſung ſeines Konfirmandenunterrichts, 
die er während der Stunde zu diktieren pflegte, herauszugeben. 
Wenn er nicht wiederxkehrte, ſollte dieſes Heftchen als lette 
Gabe den Konfirmanden Überreicht werden, die er nun nicht 
mehr bis an den Tag ihrer Konfirmation geleiten konnte, 
weil er da mit am Platze ſtehen wollte, iwo um unſeres 
Volkes Geſchicke gekämpft ward. Dieſes Heftchen wird zugleich 
in ſeiner ſchlichten Klarheit und Gedankenkraft eine teure Er- 
innerung ſein für alle die, die früher durch ſeinen Unterricht 
hindurchgegangen, und Hhofijentlich noch weit über den Kreis 
Derer hinaus38, die unmittelbar im Banne ſeiner frommen und 
freien PBerſönlichkeit geſtanden haben, eine wertvolle Mitgabe 
für junge Menſchen, die ins Leben eintreten.“ 
Aus dem Zuſammenhang dieſes kleinen Heftes mit den? 
folgenden erklären ſich der Geiſt und die Stimmung der Be- 
trachtungen über „Kind und Krieg“, die Elſe Zurhellen- 
Pfleiderer als „Anregungen für Eltern und Erzieher“ weiter- 
gibt.3) Wie bei Förſter iſt auch hier vorwiegend an eine 
Charafterbildung der Jugend gedacht, die erzieheriſche Auf- 
gabe in den Mittelpunkt geſtellt. Aber die ethiſchen Werte 
nicht nur der Begriffe „Hingabe, Opferwilligkeit, Selbſtentäuße- 
rung“ werden betont, jondern der Wert de3 Vaterlandes an ſich. 
Aus einer ſtarken und tiefen Liebe zur Heimat iſt hier ge- 
zeigt, wie Kinder zu lenken ſind in ihrem Erleben, aber auch 
Erleiden des Krieg3: wie man ſie begeiſtern kann. „Nichts 
Beſſeres für ein Kind, als wenn e3 einen Helden in der Seele 
trägt, dem es in ſtürmiſchem Eifer gleichen möchte.“ Aber 
nicht nur einem einzelnen Helden ſoll die Begeiſterung gelten, 
ſondern dem BVaterland. LebenS3voll wird, um den Begriff 
„Zaterland“ mit Inhalt, mit Farbe und Duft zu füllen, von 
ihm erzählt: von der Schönheit ſeines Friedens und der 
Gefährdung durc<g den Feind: „damit ſie fühlen lernen, 
wovor es gilt das Vaterland zu bewahren, und dankbax 
ahnen, wovor ſie durch die Tapferkeit unſerer Soldaten be- 
wahrt werden. Damit ſie auch einſehen, daß man um ſo großer 
2) Grundlinien des Glaubens. Eine Gabe für den Weg ins 
Leben. Von Otto Zurhellen. 19 S. Verlag Perthes, Gotha 1915. 
3) Der Krieg und unſere Kinder. Anregungen für Eltern und 
Erzieher. Von Elſe Zurhellen-Pfleiderer. 36 S. Ebd. 50 Pf. 
 
Dinge willen leiden muß. Zweifache Sehnſucht ſollten wir ſchon 
in den Kleinen wecken: Sehnſucht zu leiden um de8 Vaterlandes 
willen, und Sehnſucht Leiden zu lindern.“ 
Auch davor wird nicht zurücgeſchre>t, die Kinder entbehren 
zu laſſen, ihnen liebgewordene Gewohnheiten und Bequems- 
lichkeiten zu nehmen: „Hier gibt e3 etwa8 zu tragen, an dem 
die ſeeliſche MuSkelkraft de8 Kinde3 ſich üben kann.“ 
Als Frau, als Mutter richtet die Verfaſſerin ihren Bli 
auf das erſehnte Ziel --- den Frieden; aber nicht jeder Friede 
iſt ihr recht, nicht der Friede an ſich, „ſondern nur einer, der 
die Güter umſchließt, um die das teuerſte Blut gefloſſen iſt: 
Freiheit, Ehre, deutſche Welimachtſtellung, Vorherrſchaft deut- 
ſcher Kultur“. Auf die vielen Kinderfragen nach dem Warum 
und Wozu des Krieges ſind hier Antworten gegeben, die über 
die Anregung im einzelnen hinaus den inneren Kampf und 
Sieg einer ſtarken Perſönlichkeit. zeigen. 
Gegenüber der Vertiefung der geſtellten Frage in dem vor- 
liegenden kleinen Werk wirkt etwas aufdringlich und ober- 
ffächlich zugleich, wa3 im folgenden Hefichen von einem Manne 
als die „Aufgabe der deutſchen Mutter“ im Kriege hingeſtellt 
wird.*) = Eine Vorbemerkung: In dieſer Zeit des Kampfe3 
gegen das Fremdwort empfiehlt ſich eine Schrift nicht ohne 
weiteres, die den Krieg als das Materialiſation8phäno- 
men von Bewegungen in einer höheren Welt er- 
flären will! 
Innerhalb dieſer Bewegungen wird Deutſchland nun die 
Aufgabe zuerkannt, die -- nach Heranziehung eines allzu häufig 
angewandten Dichterwortes -- darin beſteht, daß die Welt 
am deutſchen Weſen geneſen ſoll. Dazu iſt vielleicht zu bemerken : 
In dieſer Zeit, in der jeder Staat ſich ſeiner Eigenart bewußt 
und auf die Beſonderheit ſeiner Kultur ſtolz iſt, wollen wir 
Doch darauf verzichten, andere gegen deren Willen an unſerem 
Weſen geſund werden zu laſſen. 
Die deutſche Zukunftsleiſtung wird darin erblidt, daß die 
heiligen Güter Gott und Vaterland neu erfämpft werden. 
„Ein Arm, ein Schwert: das iſt uns ſchon geworden. Nun 
brauchen wir noch einen, Gott.“ Das erſtere iſt Tat der Männer, 
der Kampf um Gott ſoll vorwiegend von den Müttern aus8gefoch- 
ten werden. Die Schrift von Elſe Zurhellen-Pfleiderer lehrt dem 
gegenüber, daß nur bei ungeteilter Vereinigung der Jdeale 
Gott, Freiheit, Baterland eins durch das andere lebendig und 
fraſtſpendend werden kann. 
Daß die Anteilnahme der Frau am Leben de3 Staate3 und 
der Volfsgemeinſchaft ſich nict bei bloßen Gefühlen und -- 
wenn auch noh jo ſc<hwunghaften, tragenden -- Stimmungen 
befriedigt, Jondern die großen Zuſammenhänge im Weltge- 
Ichehen erfennt, einſchäßt, beurteilt und bewußt Stellung dazu 
nimmt, lehren die „Kriegsbriefe“*), auf die hier nur kurz hin= 
gewieſen werden fann, da jie ſich nicht mit dem Erziehungs3- 
problem beſchäftigen, ſondern nur zeigen, wie eine Frau ſich 
zum politiſchen Denken erzogen hat. Zugleich ſind ſie ein Ein- 
gehen auf die Frage nach der Berechtigung des Haſſes, =- in- 
jonderheit des Haſſes gegen England; denn von der Empörung 
gegen England iſt dieſes Buch (das Werk einer deutſchen Frau, 
die eine engliſche Mutter hatte) diktiert. In den Spalten der 
„Lehrerin“ iſt wiederholt auf dieſes Thema eingegangen. Hier 
die Antwort der Verfaſſerin der Kriegsbriefe: 
„Nichts kann und darf uns in Zukunft leiten al3 einzig 
und ausſc<hließlich das Wohl unſeres eigenen Vaterlandes, un- 
befümmert um Haß, unbefümmert um Liebe, unbekümmert 
um jede perſönliche Empfindung: das ſteht feſt. 
Aber auch dies ſteht feſt: daß während all dieſer erſten Krieg3- 
monate der Haß gegen England da war -=- daß er noch da 
iſt = daß die Brandmale dieſes Haſſe3 uns bis in die fernſte 
Zukunft an den 4. Auguſt 1914 erinnern werden. . 
4) Der Krieg und die Aufgaben der deutſchen Mütter. 
Von Albert Malte Wagner. 36 S. Ebd. 0,40 K. 
5) Kriegsbriefe einer deutſchen Frau. Von L. Nießen:- 
Deiters. Deutſche Kriegsſchriften, 8 . Heft. Verlag A, Marcus und 
E. Weber, Bonn. 1 X.
	        

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