Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

das Ganze überwachen. Einer der Stadträte hat das Unter- 
richt3Swejen unter ſich. Um dem ungeheuren Andrange von 
Lernbegierigen zu begegnen, ſind auch. von Kirchen, Fabriken 
beſondere EClementarſchulen gegründet worden, in denen auch 
Tüchtiges geleiſtet wird. 
In zwei Klaſſen kann aber natürlich nur da3 Notdürf= 
tigjte gelehrt werden. Daher entſtanden einem dringenden 
Bedürfnijſe der Bevölkerung entſprechend die vierklaſſigen 
Stadtſ<hulen für die Schüler und Schülerinnen der Elemen- 
tarjchulen, die dieſe erſte Stufe mit Auszeichnung durch» 
gemacht haben. Hier handelt e8 fich nicht nur um Religion, 
den Unterricht in Mutterſprache und Rechnen, obgleich ſie 
naturgemäß noch den Hauptteil, den breiteſten Raum ein- 
nehmen. In diejen Schulen wurde ſogar der Unterricht im 
Deutſchen und in zweiter Linie im Franzöſiſchen eingeführt. 
C35 könnte wundernehmen, daß gerade das Deutſche bevor- 
zugt wurde, bei dem jo ſcharf und oft betonten Deutſchenhaß ; 
aber bis jezt wurde der Handel doch in erſter Reihe mit 
Deutſchland betrieben, und die heranwachſende Jugend der 
Hauptſtadt hat in jedem geſchäftlichen Unternehmen die 
Bevorzugung der jungen Leute und jungen Mädchen kennen 
gelernt, die, wenn aud) nur ein wenig, deutſch verſtehen. 
Die Stadtverwaltung gedachte jedoch bei dieſem zweiten 
Grade der WVolksſ<hulen nicht ſtehen zu bleiben, ſie beab=- 
jichtigte noch einen Oberbau der Handelsſchule, eine Art 
Handelsj<hule oder Realgymnaſium, zu dem die fähigſten 
Schüler allmählich auſſteigen ſollten. Ob das nun nach dem 
Kriege möglich ſein wird, iſt die Frage. An Lehrmitteln, 
Büchern für die Bedürftigen wird nicht geſpart. Den Kin=- 
dern, die weit entfernt wohnen, gewährt die Stadtverwal- 
tung unentgeltliche Trambahnfahrt. Auch wird den AÄrm- 
ſten warmes Eſſen zum Frühſtück gegeben und auf jede Weiſe 
für ihr leibliches und geiſtiges Wohl geſorgt. 
Hierbei zeigt ſich ganz beſonders der Vorzug der weiblichen 
Lehrkräfte, die dem Kinde in jeder Beziehung ſo viel näher 
ſtehen. Wie alle dieje Vergünſtigungen von ihnen angeregt 
jind, werden ſie auch von den Lehrerinnen ausgeteilt und 
juſten in ihren Händen erſt den rechten Segen. Ihnen fällt 
es leichter, die notwendige Verbindung zwiſchen Elternhaus 
und Schule herzuſtellen, da die Mütter ſich ihnen ungezwun=- 
gener nähern als einem Manne, was namentlich in Ruß 
land eine große Bedeutung hat. Vor allem entſtammen die 
Lehrerinnen im Durchſchnitt gebildeteren Schichten als die 
Volks8ſchullehrer. 
Das eben Geſagte widerſpricht vielfach dem Bilde, das 
man ſich wohl vom WVolksſ<hulweſen in Rußland entwirft. 
u der Hauptſtadt mag es nicht ſo ſchlimm ſtehen, aber das 
unermeßliche Reich liegt noch ganz im Dunkeln, wird man 
mir einwenden. Darum muß noc< von dem Fortſchritte der 
Volksſ<ule auf dem platten Lande geſprochen werden. 
 
UT. 
Die Landſchule. 
Jeder ruſſiſche Kaiſer hatte ſein beſondere38 Gebiet, für 
das er alle Kräfte einſezte. So lag Alexander Il. der 
Ausbau der Flotte am meiſten am Herzen. Nikolai I1. er- 
ſtrebt vor allem die Hebung der Volks8bildung. Auch Reich38- 
rat und Reichsduma ſind einig in der Erkenntni3, daß 
ohne einen gründlichen Aufbau der Volksſchule die hohen 
Ziele einer Umgeſtaltung des ganzen ruſſiſchen Leben3 nicht 
erreicht werden können. In der Reichsduma tritt der merk- 
würdige Fall alljährlich ein, daß zum Bau und zur Einrich- 
tung neuer Volksſchulen viele Millionen mehr bewilligt 
werden, als der Miniſter der Volks3aufklärung annehmen will. 
Cs gibt freilich eine ſtarke Gegenſtrömung, die grund- 
jäßlich von Volksbildung nichts wiſſen will. Dieſe Leute 
vom jogenannten „ſc<warzen Hundert“ machen geltend, daß 
jeder begabte Junge, der Elementarbildung genvſſen habe, da- 
dur< der Landwirtſchaft verloren gehe, Daran iſt bis zu 
0 
 
emed amen 
einem gewiſſen Grade etwas Wahre38, denn ein verartig 
ausgebildeter junger Mann kann als Dorfſchreiber, al8 Han- 
del3mann, al8 Verkäufer in einer Monopolbude ein gutes 
Auskommen finden und kehrt meiſt ſeinem heimatlichen Aer 
den Rücken, wodurch das dörfliche Leben ſeiner beſten Kräfte 
beraubt wird. Je größer jedoch die Anzahl der Geſchulten 
wird, deſto mehr werden jie im Dorfe bleiben müſſen und 
dann zur Hebung der wirtſchaftlichen Verhältniſſe beitragen. 
Der Hunger nach Bildung iſt überaus groß. Ohne Schul- 
zwang jind alle Klaſjen überfüllt, und die Draußengebliebe- 
nen lajſen die Hoffnung nicht jinken, jpäter no<g anzukom- 
men. Überall wird mit Feuereifer gelehrt und gelernt. Natür- 
lich überwiegt die zweiklajjige EClementarjchule, wenn auch 
in größeren Dörfern und Flec>en ſchon vierklaſſige Schulen 
auftauchen. Um dem Bedürfmijje nach Lehrern und Lehre- 
rinnen zu begegnen, entſtehen aller Orten Seminarien. Bis 
jezt überwog no< das weibliche Geſchlecht unter den Lehren- 
den, aber nicht ſo ausſchließlich wie in den Hauptſtädten. 
Die Schule ſoll auf dem Lande zugleich landwirtſchaftliche 
Kenntniſſe vermitteln, dazu dienen Gärten und Verſuch3- 
felder bei der Schule. Jmkerei, Geflügelzucht ſollen ge- 
fördert werden. Hierfür eignen jich männliche Lehrkräfte 
bejſer. 
Die Volksſchule iſt keine alte, feſt gegründete Einrichtung 
wie bei uns. Aus kleinen Anfängen erwachſen, von den 
Behörden mit Mißtrauen betrachtet, iſt ſie groß geworden. 
Im Beginn waren es die Frauen und Töchter der Guts- 
beſißer, die in dem ſchönen Drange, jich zu betätigen, in die 
Dörfer hinabſtiegen, „ins Volk gingen“, um zu lehren und 
zu wirken. Andere junge Mädchen ſchloſſen fich an. Wie 
vielfach begegnen wir in den Meiſterwerken der Schrift- 
ſteller dieſen Geſtalten. 
Dann kam die große Zeit der Reformen. Alexander Il. 
j<huf die Semſtwo, die PBrovinzialſelbſtverwaltung, die als 
eine ihrer Hauptaufgaben die Volksbilung anjah. Mit ihren 
beſ<ränkten Mitteln, im ſtetigen Kampfe gegen Bedrückung 
und Berdächtigung, gründeten die Semſtwo eine Schule nach 
der anderen und unterhielten ſie. Opfervoll, wie immer, 
gingen gebildete junge ruſſiſche Mädc<hen ins Dorf und ar- 
beiteten, ſchlecht bezahlt und ganz vereinſamt, oſt gegen den 
heimlichen Widerſtand der Dorfgeiſtlichen, faſt wie auf ver- 
lorenem Poſten gegen die Macht der Finſternis. Anfangs 
ließen die Eltern nur die Knaven lernen. Mädchen hätten 
das nicht ſo nötig, heißt e8 wohl auch jezt noc<h. Jn einem 
gewiſſen Gegenſaße zu den Schulen der Semſjtwo unterhält 
die Kirche ihre eigenen Anſtalten, in denen häufig die Zög- 
linge der Brieſterſeminarien den Unterricht leiten, der viel- 
fach einjeitig und beſchränkt, feine beſondere Zuneigung ge- 
nießt. Aber auch hier werden Samenkörner für die Zukunft 
geſtreut. Auf größeren Gütern, von bedeutenden Fabriken . 
werden Schulen für die Arbeiterkinder unterhalten, oft mit 
gewerblichen Fortbildungskurfen. | 
Aber nicht geradeaus geht die Entwiklungslinie. In der 
Erkenntnis der alten Wahrheit: „Wer die Schule hat, hat die 
Zukunft“, iſt die Regierung beſtrebt, die Volksſhule ganz in 
ihre Hand zu befommen und ſie zu vereinheitlichen. Die 
Semſtwo will ſich natürlich das von ihr Errungene nicht 
entreißen laſſen, und die Kirche macht auch ihr Anrecht gel- 
tend. Dabei iſt die Semſtwo als Vertreterin des Fortſchrittes 
den anderen immer etwas verdächtig, obgleich in der Selbſt- 
verwaltung nach der Revolution die reaktionär Geſinnten 
die Übermacht erlangt haben. In den Kreiſen der Lehrer- 
ſhaft überwiegt bi8 jezt der Freiſinn. Aus dem Volke 
hervorgegangen, am Volke arbeitend, hält ſie ſich im eigent- 
lichſten Sinne für berufen, das Volk ſelbſt zu vertreten. 
Das trat bei dem erſten allgemeinen Volksſchullehrer- 
kongreſſe in St. Peter3burg 1913 zutage. Mit Staunen jah 
die Hauptſtadt die Arbeitskraft und Arbeitsluſt dieſer Schar 
von Lehrern und Lehrerinnen, die in vielen Sektionen- 
pädagogiſche und methodiſche Fragen beſprachen, aber den 
Mut auch fanden, gegen die Vergewaltigung der Mutter- 
m.
	        

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