Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

. Jprache in den Schulen Polen8 und der Oſtſeeprovinzen 
Verwahrung einzulegen. Doch war das zu viel gewagt. Der 
Kongreß ward aufgelöſt, einige allzu Waghalſige wurden 
verhaftet. Die übrigen kehrten in alle Provinzen des Reiches 
zurück, feſt entſchloſſen, ihre Arbeit zum Wohle, zur Er- 
leuchtung Rußlands fortzuſetzen. 
Die Fortſchritte im Volks8ſchulweſen unter der jeßigen 
Regierung ſind ganz außerordentlich. Wir dürfen hier eben 
nicht mit Deutſchland vergleichen, ſondern mit den Verhält- 
niſſen von früher. Die Zahl der des Leſen8 und Schreibens 
Unkundigen geht ſtändig zurü>. Gewiß trägt viel dazu bei, 
daß ſogar ſc<hon die Elementarbildung gewiſſe Vergünſti- 
gungen beim Militärdienſte bedingt. Zudem werden die 
Soldaten im Regimente tüchtig in die Schule genommen, 
entweder um neu zu beginnen oder Vergangenes aufzu- 
friſchen. Natürlich werden noch Jahrzehnte vergehen, che die 
ruſſiſche Volk8bildung die Finnlands oder der Oſtſeeprovinzen 
erreicht, aber die ernſte Arbeit wird einſt ihre Früchte 
tragen. Der Eifer, der in dieſen jungen noch unverbrauch- 
ten Kräften ſchlummert, iſt bewunderungs8wert. Wurde doch 
beim Ausbruch des Krieges unter anderen eine ganze „Ex- 
furſion“ von Volksſchullehrerinnen auf einer Studienreiſe in 
Deutſchland von den Ereigniſſen überraſcht. Man denke ſich, 
mit welchen Entbehrungen ſich dieſe unbemittelten Mädchen 
die Möglichkeit dazu errungen haben mögen. Unterſchäßen 
wir das aufrichtige Streben nicht, das alle Beteiligten be- 
jeelt und einſt reichen Segen tragen wird, wenn mit wach- 
jender Erkenntnis die Völker einander näher kommen, wenn 
ſie, ſtatt ſich zu bekämpfen, in Werken des Friedens mit- 
einander wetteifern. 
Nachklänge zur Bismartfkffeier. 
TL. 
Am Bismar>denkmal in Berlin. 
Die Bi8mardfeier vor dem Reich8tag8gebäude, am Denkmal 
des Kanzler8, die am Vormittag de8 1. April ſtattfand, 
war mehr als ein Feſtakt, mehr al8 ein Erinnern in Vereh- 
rung, Bewunderung und unauslöſchlichem Dank; ſie war ein 
Ausdruc des einheitlichen Volk8willens8, ein Zuſfammenklingen 
all der Töne, die eins geworden ſind in Wunſch und Hofſ- 
nung, in Demut und Stolz und darum in ſieghafter Un- 
verleßlichkeit. Dieſem Gehalt de3 Tage3 verlieh die Ju- 
ſchrift Ausdru>, die der am Denkmal niedergelegte Kranz 
des Reich3tages8 trug: „Dem Schmied der Reichseinheit das 
einheitliche Volk“. 
Es8 waren keine Einzeleindrüce, die der Stunde die Prä- 
gung gaben ; nicht die anweſenden Vertreter ſtaatlicher, ſtädti- 
ſcher, kaufmänniſcher, gewerblicher Körperſchaften und Ver- 
eine, nicht allein unſere Krieger in Galauniform oder dem 
ſchlichten Ehrenkleid, das die Spuren des Kampfes aufwies, 
die Chargierten der Studentenverbindungen und nicht nur 
ver feſtliche Zug der höchſten Würdenträger de8 Reichs und 
Staats, der Generalität und Admiralität, der Reichskanzler, 
der junge Fürſt Bismar>, ſondern die Geſamtheit de3 un- 
vergeßlichen Anbli>8 durc< den Ausdrucd, den jedes einzelne 
Geſicht trug. Das Zuſammen all der Farben, wehenden 
Fahnen, erhobenen Klingen, dieſe3 Bild, eingerahmt von 
einer vieltauſendköpfigen Menge, ließ ſtändig -- neben oder 
über dem unmittelbar Aufzunehmenden =“ als Grundge- 
fühl der freudig „ernſten Feſtſtimmung das Empfinden exr- 
flingen: Welch eine Feier mitten im furchtbarſten, blutig- 
ſten aller Kriege der Weltgeſchichte ! Dies iſt Deutſchland, wie 
könnte e3 je untergehen? Wie könnte der feſtgefügte Bau 
in ſeinen Fundamenten erſchüttert werden? -- Der Reich3- 
kanzler ſprach am Denkmal die Worte: „Was Bi38mar> ge- 
ſchaffen, kein Deutſcher läßt e8 ſich rauben. Feinde umtoben 
da8 Reich, wir werden ſie ſchlagen. Er hat uns gelehrt: 
: Furcht nur vor Gott, Zorn gegen den Feind, Glauben an 
unſer Volk. So werden für Kaiſer und Reich wir kämpfen, 
. ſiegen und [eben.“ 
 
H -- 
Und alle Bli>e, die ſich hoffnungsvoll in die Zukunft 
wandten, waren zunächſt gerichtet auf die Jugend, die in 
großen Scharen an der Feier teilnahm. Sämtliche Schulen 
hatten Vertretungen ſchi>en dürfen, die nun -- ſtolz, dabei 
ſein zu dürfen -- das Spalier bildeten für den Feſtzug, 
der ſich über die Freitreppe de8 Reichstag8gebäudes zum 
Bi8marc>denkmal begab. Zweitauſent Volks8ſ<ulkinder, 
Knaben und Mädchen, wirkten al8 Sängerc<or mit. Der 
Sohn des Kronprinzen, der jüngſte Thronerbe aus 
dem Hauje Hohenzollern, vertrat durc< ſein Erſcheinen den 
Gedanken, daß ſicq in den Erben vollenden ſoll, wa8 von 
den großen Toten und den kämpfenden Lebenden erworben iſt. 
1. 
Ausſprüche Bismar>s über deutſche Jugend und Jugend- 
erziehung. 
In unſerer Jugend iſt ein ganz anderer nationaler 
Schwung und eine großartigere Auffaſſung des politiſchen 
Lebens als in meinen Alters8genoſſen, die durch die Jahre 
1847 und 1848 mit dem Fraktion3- und Parteiſtempel not- 
wendig hindurc<gegangen ſind und den ſie nicht von ihrer Haut 
abwaſchen können. Laſſen Sie uns mal erſt alle ſterben, dann 
jollen Sie ſehen, wie Deutſchland in Flor kommen wird. 
Wir ſind augenbliklich das Hindernis ſeiner nationalen Ent- 
widlung -- . . . Wir jind alle noc< viel zu ſehr erfüllt 
vom Parteifampfe8zorn, wir glauben no< an die Größe der 
Parteien, .an die Bedeutung der Frage, ob einer bei dieſet 
oder jener Partei eintritt, ob ein Wahlſieg hier oder da, 
ob bei einer Abſtimmung ein Sieg erfochten wird. Mit 
welchem Triumph erfüllt das die Herzen =- das meinige nicht 
aus8genommen! Auch ich bin freudig wie ein Kind darüber. 
Aber ich habe zu der deutſchen Nation und namentlich zur 
Jugend, zu der jep: (1885) ſtudierenden Jugend, zu der 
Jugend, die unter de: Eindrücken der großen Zeit ſtudiert 
hat, die unſer Kaiſer an der Spiße ſeines Heeres inaugu- 
rierte, das Vertrauen: die wird mit ganz anderen Augen 
auf die heutige Poli:ik, auf den PartifulariSmus der zehn 
oder zwölf Fraktionen, die hier miteinander kämpfen, zurüc- 
blicken. 
* * 
* 
Kinder und Bäume. Über die Kinder, äußere und 
innere, wie über die kleinen Bäume im Walde, geht der 
Sturm hinweg, der in den Kronen der alten brauſt, und ſie 
beugt und bricht; wenn ſie größer werden, wachſen ſie in 
die Sturmſchicht hinein, und ihre Wurzeln müſſen kräf- 
tiger werden, wenn ſie nicht untergehen wollen. 
* W 
K 
E38 gehört zu unſeren heutigen Aufgaben, daß wir unſeren 
Kindern eine nationale Erziehung geben. Ich habe das Ver- 
trauen, die deutſche Frau beſizt hierfür alle Eigenſchaften. 
* 
X 
R 
Die Tatſache, daß die mir geſpendete Anerkennung An- 
flang bei den Frauen findet, gibt mir die Sicherheit für die 
Dauer de8 Deutſchen Reiches. Wa3 unſere Frauen ſich an- 
geeignet haben, das werden unſere Kinder verteidigen, wenn 
jie Mädchen ſind, durc< da8 Familienband, wenn ſie Män- 
ner ſind, wo es not tut, auf dem Sc<hlachtfelde. 
* * 
* 
Mein Vertrauen in die Zukunft beruht auf der Stellung, 
welche die deutſche Frau genommen hat. Die Überzeugung 
einer Frau iſt nicht ſo veränderlich, ſie entſteht langſam, 
nicht leicht, entſtand ſie aber einmal, ſo iſt ſie weniger leicht 
zu erſchüttern . . . Wir ſind ein einzig Volk von Brüdern 
und Schweſtern, und auf die Schweſtern iſt unter Umſtän- 
den nod mehr Verlaß als auf die Brüder, in der Politik 
und zuweilen auch im Privatleben. 
f 
* „aul
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.