Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Bismar>, die deutſche Politik und der Krieg. 
Die folgenden Ausführungen ſind einem Artikel Prof. 
Otto Hinzes8 in der „Internationalen Monatsſchrift' 1) 
entnommen, in dem dieſer beſte Kenner preußiſcher Wer- 
jajſung38- und Verwaltungsgeſchichte die auswärtige Politik 
der Gegenwart mit dem Leben3werk Bi8mar>s in Verbin- 
dung ſeßt. 
„Zn der ungeheuren Kriſis dieſer Tage fehlt uns die 
Stimmung zu einem Verſuch, in ruhiger Sammlung 
zu überdenken, was der gewaltige Mann, der heute vor 
hundert Jahren das Licht der Welt erblickte, ſeinem Volk 
und Vaterland geweſen iſt, was er gewollt und gewirkt 
hat, und wie ſein Werk in dem großen hiſtoriſchen 
Zuſammenhang der Scii>ſale unſeres Volkes zu be- 
werten iſt. Immer wieder zieht die ſtürmiſch bewegte 
Gegenwart unſere Gedanken auf ſich; unwillkürlich 
ſtellen wir auch die wohlvertraute Geſtalt unſeres Na- 
tionalhelden in ihre Probleme und Verwicklungen hin- 
ein, und dringender als jonſt ſchon erhebt fich am heu- 
tigen Gedenktage die Frage: Wie verhält jich das, was 
wir in dieſer großen Schifalsſtunde der Welt kämp- 
ſend, ſorgend, hoffend erleben, zu dem, was dieſer ge- 
treue E>art unſeres Volkes in ſeinem Wirken und Wol- 
len, in ſeinen Gedanken und Sorgen, in ſeinen Wünſchen 
und Warnungen gleichſam als ein Vermächtnis an die 
Zukunft hinterlaſſen hat? Wandeln wir weiter auf 
der Bahn, die er gebrochen hat? Iſt ſein Geiſt mit 
uns in diejem furchtbaren Daſeins8kampfe, der uns von 
den Gegnern aufgezwungen worden iſt?“ 
Rach zwei Richtungen wird von Hinze das Leben3werk 
Bismarc>s betrachtet: al8 Anlaß zu der Feindſchaft, die uns 
jeßt umgibt, als Erweckung der „Widerſtände, die als eine 
der vornehmſten Urjachen des gegenwärtigen Krieges zu be- 
trachten ſind“, einerſeit3; und andrerſeits als das Gelingen 
des genial durchdachten Plane3, dem BisSmar>3 Beſtreben 
1871--1890 vor allem galt: „Die Gefahr einer feind- 
lichen Koalition der Mächte gegen Deutſchland, wie ſie uns 
beute betroffen hat, abzuwenden.“ In dieſem Bemühen 
wird nicht nur der Dreibund, jondern vor allem auch der 
Rüdcverjicherung3vertrag mit Rußland aufs höchſte gewer- 
tei und deſjen Nichterneuerung dur< Caprivi ähnlich be- 
urteilt wie von Reventlow *), mit dem Hinze auch darin 
übereinſtimmt, daß er -- hier nur als Urteil Bis8marc>s 
wiedergegeben -- die Wege der Reichspolitik in den fol- 
genden Jahrzehnten nicht unbedingt nach Maß und Tempo 
billigt, wohl aber ihr leztes Ziel und damit auch die ſich 
ergebenden Konflikte als berechtigt anerkennt. So kommt 
er zu dem Schluß -- einem Schluß, der Bi8mar> wie dem 
„neuen Deutſchland“ in gleicher Weiſe gerecht wird: 
„Gine maßvolle, aber furchtloje Politik mit dem 
Ziel, einen ehrenvollen Platz unter den führenden Mäch- 
ten zu behaupten, und mit einer ſtarken Land- und 
Seemacht im Hintergrunde -- da3 iſt do; wohl im 
großen und ganzen in Übereinſtimmung mit dem, was 
Bismar> wollte und eingeleitet hat, mögen auch die 
Methoden im einzelnen nicht immer nach ſeinem Sinn 
geweſen ſein. Vielleicht, daß eine ſo unvergleichliche 
Staatskunſt wie die jeine uns günſtigere Bedingungen 
für den großen Weltkampf verſchafft haben würde, in 
den wir verwicelt ſind, aber erſpart geblieben wäre er 
uns wohl in keinem Falle. Und die Art, wie wir ihn 
führen, würde auc<4 den Begründer deutſjher Größe 
mit Stolz und Freude erfüllen. Es iſt ganz ſo gekom- 
1) Der Artikel iſt enthalten in Heft 9 (1, April 1915) des 9, Jahr- 
gangs der wiederholt in der „Lehrerin herangezogenen „Internatio- 
nalen Monatsſchrift für Wiſſenſchaft, Kunſt und Technik. B. G. Teub- 
ner, Leipzig und Berlin. 
2) Vgl. den Artikel in Nr. 43 des vorigen Jahrgangs: „Über deutſche 
Potitik in den lekten 25 Jahren. 
 
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men, wie er es ſich gedacht hat: Ganz Deutſchland von 
der Memel bis zum Bodenſee iſt aufgebrannt wie eine 
Pulvermine und ſtarrte von Gewehren; der Furor 
Teutonicus des angegriffenen, in ſeinem friedlichen Da- 
ſein bedrohten Volkes bewies, daß der Kaiſer die rechte 
Stunde abgewartet hatte, e8 zu den Waffen zu rufen. 
Niemals, ſeit es ein deutſches Volk gibt, iſt e8 mit ſol- 
<er Kraſt, Einmütigkeit und Zucht zu kriegeriſcher 
Heerfahrt aufgeſtanden ; niemals vielleicht in der gan- 
zen Weltgeſchichte iſt von einem Heere ſo viel gefordert 
und geleiſtet worden wie in dieſem Kriege. Und mit 
dem Heer, dem Volk in Waffen, iſt das arbeitende Volk 
in der Heimat einig in dem unerſchütterlichen Willen, 
durc<zuhalten bis zum ehrenvollen Frieden. Das Rei, 
das 1866 und 1870 geſchmiedet worden iſt, hält zuſam- 
men; Germania ſitzt im Sattel und reitet. Der große 
Reichsbaumeiſter, deſſen Andenken wir heute feiern, 
könnte mit Befriedigung auf ſein Werk blicken ; wir aber 
können in dem ſchweren Kampfe, den wir durchzukämyp- 
jen haben, getroſt von der Überzeugung uns .durch- 
dringen laſſen, daß wir ſein Werk fortführen, und daß 
jein Geiſt und ſeine Kraft auch in uns heute leben- 
dig iſt.“ 
Behördliche Erlaſſe und Verfügungen. 
1 
Die Königliche Regierung Düſſeldorf erließ an die ihr 
unterſtellten Höheren Mädchenſchulen und Mittelſchulen des 
Bezirks ein Schreiben, das die 
Beſeitigung und Vermeidung fremdſprachlic<her 
Ausdrüde und Redeweiſen 
bezwe>t und folgenden Inhalt hat: 
Aus der mächtig aufflammenden Begeiſterung und der bei- 
jpielloſen alle Stände, Bekenntniſſe und Berufsarten um=- 
faſſenden Einhelligkeit des deutſchen Volkes bei dem Aufruf 
zum gegenwärtigen Kriege nehmen wir Veranlaſſung zu dem 
Erjuchen, unausgeſeßt und nachhaltig weit mehr als bisher 
dahin zu wirken, daß zunächſt im Unterrichte alle fremd- 
jprachlichen Ausdrü>e und Redeweiſen vermieden werden, 
für welche die Mutterſprache deutſche Wendungen bietet. 
Selbſjtverſtändlich werden hierdur<g die in die heimiſche 
Sprache übergegangenen Lehnwörter wie auch die grammati- 
jen Ausdrücke und Bezeichnungen nicht berührt. 
Weiterhin ſind die Knaben und Mädchen dazu anzuleiten, 
für die Bedürfniſſe des täglichen Lebens, für Speiſen und 
Getränke, für körperliche und geiſtige Beſchäftigungen, für 
Spiele und Übungen uſw. im Gegenſaß zu den bisher ſo 
beliebten fremdländiſchen Bezeichnungen deutſche Benennun- 
gen zu verwenden und im häuslichen Kreiſe wie im täglichen 
Verkehre mit andern heimiſch zu machen. 
Für Beſtrebungen dieſer Art machen wir auf die von dem 
deutſchen Sprachverein herausgegebenen Hefte (des Wirkl. 
Geheimen Oberbaurats Dr.-Jng. Dr. phil. Sarazzin) auf- 
merktjam. 
Wir erinnern endlich au daran, daß die durch die öffent= 
liche Meinung gebieterijch geforderte Umänderung mancher 
GeſchäftSauſſchriften, die in unverſtändlicher Weije aus ſrem- 
den Sprachen entnommen waren, in deutſche Bezeichnungen, 
auch erziehlich zu verwerten iſt. 
Überhaupt iſt die Erinnerung an den Geiſt einer großen 
Zeit, wie die Gegenwart ſie darſtellt, zu pflegen und wach 
zu halten, da ſie geeignet iſt, den Mut zu ſtählen, den Sinn 
zu veredeln und die Liebe zu Kaiſer und Reich von neuem 
feſt zu begründen und dauerhaft zu machen.
	        

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