Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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hunderts getrieben werden, wohl aber im Sinne des heutigen 
deutſchen Sprachvereins, der Fremdwörter gelten läßt, ſoweit 
ſie unerſeßlich ſind, dabei aber den Grundſas. hochhält: „Kein 
Tremdwort für das, wa38 gut deutſch ausgedrüct werden 
kann.“ Man wird alſo das Wort „Religion“ auf dem Stun- 
denplane ſtehen laſſen; man wird aus geſchichtlichen Gründen, 
ſolange der KatechiSmus Luthers den Lehrſtoff abgibt, für 
Religionslehre auch fernerhin Katechi8musunterricht jagen 
können; man wird weiterhin auch in der Volksſchule mit 
ruhigem Gewijjen von elektriſchen Erſcheinungen und <emi- 
ſchen Verbindungen ſprechen ; aber man ſollte do<h allgemein 
mit größerem Ernſte als bi8her gegen alle entbehrlichen 
Fremdwörter in der Schulſprache vorgehen, ſowohl von ſeiten 
der Behörden wie von ſeiten der Lehrenden. 
Gewiß ijt jeit Jahren jchon vielfach von Amts wegen der 
Kampf gegen das Fremdwort geführt worden. Man wird 
ebenſo wie in Dresden ſicher auch an vielen anderen Orten, 
in den amtlichen Lehrplänen der WVolksichulen Erdkunde, 
Naturlehre, Sprachlehre und andere Fächer gut deutſch be- 
nennen, und augen]<einlich hat der Krieg man<en Behörden 
aufs neue Anlaß gegeben, auf die Verdeutſchung der amt- 
lichen Sprache in der Schule hinzuwirken. So hebt die „„Zeit- 
jhrift de3 Allgemeinen Deutſchen Sprachvereins“ in der De- 
zembernummer des vorigen Jahres hervor, daß die neue 
Shulordnung in Bayern, die ſich auf höhere Schulen be- 
zieht, Reinheit und Gefälligkeit der ſprachlichen Form zeigt. 
„Symnaſialabſolutorium wurde durch Reifeprüfung erſeßt, 
Ordinarius durch Klaſſenleiter, Brotokoll durch Niederſchrift, 
Hoſpitant durch Gaſtſchüler uſw. An Stelle der Arithmetik 
iſt der Rechenunterricht und das Rechnen getreten; Geo- 
graphie iſt allerdings geblieben, ebenſo Prüfungskommiſſion, 
obwohl in der Prüfungsordnung für das höhere Lehramt 
Dafür die Bezeichnung Prüfungs8ausſchuß gewählt wurde. Die 
Inſtruktion zur Schulordnung führt nun den Namen BVoll- 
zugs8beſtimmungen zur Schulordnung, die alten Diſziplinar- 
jaßungen für die Schüler ſind jezt zu einer Schülerſazung 
geworden.“ 
Gine bejonders nachdrücliche Verfügung, reines Deutſch 
in der Schule zu pflegen, hat die Königliche Regierung in 
Düſſeldorf an die Kreisſchulinſpektionen gerichtet. Sie lautet: 
„Aus der mächtig aufflammenden Begeiſterung und der 
beijpielloſen, alle Stände, Bekenntniſſe und Berufs8arten um- 
faſſenden EGinhelligkeit des deutſchen Volkes bei dem Aufruf 
zum gegenwärtigen Kriege nehmen wir Veranlaſſung zu dem 
Erjuchen, unausgeſezt und nachhaltig weit mehr als bisher 
dahin zu wirken, daß zunächſt im Unterrichte alle fremd- 
ſprachlichen Ausdrüfe und RedenZarten vermieden werden, 
für welche die Mutterſprache deutſche Wendungen üibietet. 
Selbſtverſtändlich werden hierdurch die in die Heimiſche 
Sprache übergegangenen Lehnwörter, wie auch die gramma- 
tiſchen Ausdrücke und Bezeichnungen nicht berührt. 
Weiterhin ſind die Knaben und Mädchen dahin anzu=- 
leiten, für die Bedürfniſſe des täglichen Lebens, für Speiſen 
und Getränfe, für körperliche und geiſtige Beſchäftigungen, 
für Spiele und Übungen uſw. im Gegenſaße zu den bisher 
jo beliebten fremdländiſchen Bezeichnungen deutſche Benen- 
nungen zu verwenden und im häuslichen Kreiſe wie im täg= 
lichen Verkehr mit anderen heimiſch zu machen. 
Wir erinnern endlich auch daran, daß die durch die öffent 
liche Meinung gebieteriſch geforderte Umänderung mander 
Geſchäftzaufſchriften, die in unverſtändlicher Weiſe aus frem- 
den Sprachen entnommen waren, in deutſche Bezeichnungen 
auch erziehlich zu verwerten iſt. 
Überhaupt iſt die Erinnerung an den Geiſt einer großen 
Zeit, wie die Gegenwart ſie darſtellt, zu pflegen und wach zu 
halten, da jie geeignet iſt, den Mut zu ſtählen, den Sinn zu 
veredeln und die Liebe zu Kaiſer und Reich von neuem feſt 
zu begründen und dauerhaft zu machen.“ 
Dieſe Verfügung iſt mit großer Freude zu begrüßen und 
jollte auch außerhalb ihres Geltungs3bereiches beachtet wer- 
den. Das eine iſt allerdings nicht recht einzuſehen, warum 
 
für grammatiſche Bezeichnungen ſelbſtverſtändlich Fremd- 
wörter beibehalten werden müſſen. Jm Deutſchunterricht der 
deutſchen Volksſchule ſind dieſe durchaus nicht unerſetzlich ; im 
Gegenteil, die Ausdrücke: Sazgegenſtand, Saßausſage, Er- 
gänzung, Beifügung u. dgl. m. ſagen dem Kinde ſchon an und 
für ſich etwas und helfen ihm daher weit beſſer, die Schwie- 
rigkeiten der Sprachlehre zu verſtehen, als wenn man ihm mit 
Subjekt, Prädikat, Objekt und Attribut kommen wollte. -- 
Aber von dieſem einen Vorbehalt abgeſehen, gibt die Düſſel- 
dorfer Verfügung fehr wertvolle Fingerzeige dafür, in wel- 
<er Weiſe der Kampf gegen das Fremdwort in der Schule 
geführt werden fann. Sie begnügt ſich nicht damit, darauf 
zu dringen, daß im Unterrichte ſelbſt alle fremdſprachlichen 
Ausdrüke und Redeweiſen vermieden werden. Das iſt ja 
ſchließlich das mindeſte, was verlangt werden kann, daß 
man ſich ſelber vor Fremdwörtern hütet und ſie in den 
Antworten und Aufſäzen der Kinder zurückweiſt; aber das 
allein genügt nicht; das wäre Gelegenheitskampf und keine 
zielbewußte Arbeit für die Reinheit der Mutterſprache. Zu 
einer ſolchen gehört, daß wir die Kinder planmäßig über 
das Unweſen der Fremdwörter belehren und ſie gewinnen, 
an ihrer Ausrottung bewußt mitzuarbeiten. Darauf zielen 
der zweite und dritte Abſchnitt der oben wiedergegebenen Ver- 
ordnung hin, wenn ſie fordern, daß die Kinder vor den in 
der alltäglichen Umgangs8ſprache üblichen Fremdwörtern ge- 
warnt werden und daß man die Bewegung gegen fremd- 
jprachliche Geſchäftsaufſchriften erziehlic<h in der Schule ver- 
werte. Deutſcher Geiſt, der im großen deutſchen Kriege ſo 
kräftig erwacht iſt, ſoll auch in reinem Deutſch zu Worte 
fommen, und der Jugend ſoll es unverlierbar eingeprägt 
werden, daß Liebe zum deutſchen Vaterlande ſich auch betäti- 
gen muß in der Bflege der reinen deutſchen Mutterſprache. 
Geſchichte und Deutſchunterricht, das ſind die beiden Fächer, 
in denen die Belehrung über das Fremdwort ihren Plag 
hat. Vom Anfang der deutſchen Geſchichte an zeigt ſich die 
Empfänglichkeit des Deutſchen für alles Fremde, dieſe Gigen- 
Ichaft, die ſowohl den Reichtum wie die Schwäche deutſchen 
Weſens begründet. Von den Römern übernahmen die Deut= 
jchen mit den Gütern der Kultur zugleich eine Unzahl von 
Namen für dieſe Güter; aber die Kraft ihres Volkstums 
offenbarte jich darin, daß fie dieſe Namen in deutſches Ge- 
wand kleideten und ſo zu deutſchem Eigentum machten. In 
Zeiten deutſchen Niederganges, im Dreißigjährigen Kriege 
und unter der napoleoniſchen Fremdherrſchaft, füllte jich die 
Sprache des gedrücten deutſchen Volke8 mit Brocken aus 
all den vielen Sprachen der fremden Söldnerſcharen, die 
Deutſchlands Boden zertraten, und die ganze Schwäche des 
Volksöbewußtſeins zeigte ſich in der ängſtlichen Gewiſſen- 
haftigkeit, mit der man die fremde Form der neugewonnenen 
Wörter hütete: Lehnwort und Fremdwort, der Unterſchied 
fann den Kindern klar gemacht werden an Gegenüberſtellun- 
gen wie: Kreuz und Kruzifix, Pfalz und Palais, Pförtner 
und Portier, Münze und Portemonnaie uſf., und ſie lernen 
dabei die Lehnwörter verſtehen al8 Zeugen von Zeiten 
kraftvollen Vorwärtsſtreben3 und Höherſteigen3 des deutſchen 
Volkes, die überflüſſigen Fremdwörter als traurige Denks= 
mäler der Zeiten deutſcher Knechtſchaft und deutſchen Nieder- 
ganges. Solche Betrachtungen können zeigen, wie mit der 
Zeit deutſchen Auſſchwunges8, die wir jeßt erleben, der Kampf 
gegen die Fremdwörter al8 Ausfluß neuerwachten deutſchen 
Volk8bewußtſeins in tiefinnerlichem Zuſammenhange ſteht, 
und fie können die Jugend zu Mitkämpfern für die Reinheit 
der Sprache gewinnen. Natürlich muß ihr dabei aud) klar= 
gemacht werden, daß nicht über jedes Fremdwort Acht und 
Bann auszuſprechen, nicht jedes als Denkmal deutſcher Er=- 
niedrigung zu werten iſt. Es gibt Wörter, für die bisher 
einfach in unſerer Sprache der entſprechende Ausdruc fehlt, 
namentlich ſol<e aus dem Gebiete der Wiſſenſchaft und Tech- 
nik, die infolge des neuzeitlichen Verkehrs zum Gemeingut 
aller Völker geworden ſind. Sie können nicht durch willkür- 
liche Bildungen verdrängt werden; ſie haben Heimatrecht in
	        

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