Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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unjerer Sprache, ſolange es dem ſchöpferiſchen Sprachgeiſte 
de3 Volke3 nicht gelungen iſt, gute deutſche Ausdrücke dafür 
zu formen. 
Um hier der Jugend die richtigen Wege zu weiſen, iſt viel 
Einzelbelehrung nötig. Dazu kann vielleicht die Rechtſchreibe- 
ſtunde mit herangezogen werden. Da iſt 3. B. in der Ober- 
klaſſe die Behandlung der gebräuchlichen Fremdwörter vor- 
geſchrieben. Wahrſcheinlich iſt dieſe Lehrplanaufgabe bisher 
im allgemeinen ſo aufgefaßt worden, als müßte man die 
Jugend ſchon in der Schule zu einer gewiſſen Beherrſchung 
der im Geſchäft3s- und Alltagsleben üblichen Fremdwörter 
bringen. Sollte man ihr nicht auch auf andere Weiſe gerecht 
werden können, ſo nämlich, daß man zeigt, welche vielge- 
brauchten Fremdwörter zu vermeiden ſind? Mag man ſie 
dabei ruhig einmal ſchreiben laſſen, wenn nur der (iZu- 
jammenhang, in dem ſie auftreten, den Kindern den richtigen 
Erſaß dafür bietet, und die Art, wie man ſie behandelt, ihren 
Eifer weckt, ſtatt des fremden Wortes das deutſche zu 
brauchen. 
Und dieſer Eifer kann immer wieder neu belebt werden, 
wenn man ihnen davon erzählt, wie er ſich jezt in Deutſch- 
land an den allerverſchiedenſten Stellen regt. Man ſpreche 
vom deutſchen Kaiſer, der ſchon ſeit über zwanzig Jahren 
auf der Tiſchkarte der kaiſerlichen Tafel nur deutſche Speiſe- 
bezeichnungen zuließ, und dem es zu danken iſt, wenn die 
von Fremdwörtern ſo ſtark durchſeßte Heeresſprache im Laufe 
der lezten Jahre immer deutſcher geworden iſt. Man be- 
richte über Erlaſſe deutſcher Behörden, die auf reine8 Deutſch 
dringen; man nenne die Stadtverwaltungen, deren Depu- 
tationen und Bureaus ſich jezt in Behörden, Ausſchüſſe 
oder Ämter verwandeln; man erzähle, wie die Verbände der 
verſchiedenen Gewerbetreibenden, der Friſeure, der Schuh- 
mader, der Fleiicher, der Gaſtwirte 3. B. ſiß mühen, all den 
Wuſt von Fremdwörtern auszumerzen, den ſie ſo lange für 
unentbehrlich gehalten haben, wie die Handelsfammern da- 
für eintreten, das Geſchäft3deutſch von fremden Beimiſchun- 
gen zu reinigen. 
Neben den Kriegsnachrichten von den herrlichen Siegen 
über unjere Feinde jenſeits der Reich8grenzen ſollten im 
großen deutſchen Kriege auch die Krieg8nachrichten vom 
Kampfe um die Reinheit unſerer Mutterſprache in der Schule 
ihre Stäite finden. Sie ſind freilich nicht alltäglich in den 
Zeitungen zu leſen; wer hier auf dem laufenden bleiben will, 
der muß die „Zeitſchrift des Allgemeinen Deutſchen Sprach- 
vereins“ zu Rate ziehen, die an jeder Schule gehalten und 
gelejen werden ſollte. Sie hat im Kriegsjahr 1914/15 ſchöne 
Kunde bringen können von einem kräftigen Aufſhwung des 
jprachlichen Empfindens, und ſie kann uns Lehrenden immer 
wieder das Gewiſſen ſchärfen für unſere Vfliht, an der 
Reinigung der Mutterſprache mitzuarbeiten. 
Deutſche Lehrerinnen in Fraukreich vor dem Kriege. 
Nicht unbekannt waren in Deutſchland auch ſchon vor dem 
Kriege Geſinnung und entſprechendes Verhalten, die den deut- 
i<hen Erzieherinnen im Auslande zum Teil entgegengebracht 
iwvurden. Warnung und Aufklärung von ſeiten des Allgemeinen 
Deutſchen Lehrerinnenverein8 und ſeiner Stellenvermittlung, 
des Kultusminiſteriums und der Behörden ſuchten die uner- 
ſahrenen deutſchen jungen Mädchen, die im AusSlande eine 
Stelle wünſchten, vor unüberlegten Schritten zu bewahren, 
indem jie ihnen dringend ans Herz legten, nicht ohne vorher 
eingezogene Erkundigungen in ein fremdes Haus zu gehen. 
Freilich, gegen eine gewiſſe allgemeine Gehäſſigkeit, die 
einem Volke und ſeinen einzelnen Vertretern von einer 
ſremden Nation entgegengebracht wird, kann auch die beſte 
Organiſation nichts ausrichten. Von der Stimmung gegen 
die deutſchen Lehrerinnen in Frankreich gab ja vor dem 
Kriege Prevoſt3 Roman „Les Anges Gardiens“ den Be- 
weis ab -- eines der vielen, bei ſeinem Erſcheinen nicht 
genügend beachteten Zeichen des ſich zuſammenziehenden Haſ- 
 
ſes gegen unſer Volk. Weniger romanhaft, dafür durch 
die Troſtloſigkeit ſeines Wirklichkeitsgehalt8 um ſo erſchüt- 
ternder iſt ein anderer Beleg für franzöſiſc<e8s Verhalten 
gegen deutſche Lehrerinnen. 
Der folgende Bericht iſt der „Liller Krieg3zeitung“ 
wörtlich entnommen. Nichts iſt ihm hinzuzufügen; nur der 
Wunſc< des Verfaſſers, den er zum Schluß ausſpricht, iſt zu 
unterſtreichen und die Hoffnung auf ſeine Grfüllung chon 
jekt als ein kleiner Gewinn des Krieges anzuſehen, um 
der ausgenußten weiblichen Kräfte und um der Ehre Deutſch- 
land3 im Auslande willen ! 
„Das deutſche „ſreulain“ in Lille, Aus dem Liller Bür- 
gerhauje, in dem ich einquartiert bin, iſt der Beſißer mit Sack 
und Pac geflüchtet, als Anfang Oktober das Bombardement 
begann. In Bordeaux lebt er jezt mit ſeiner Frau und ſeinen 
drei Kindern. Als Hüterin wurde die 45 jährige Köchin zu- 
rüdgelajjen. Die hat mir allerlei aus den Tagen und Nächten 
des Bombardement38 erzählt, als ſie unten im Keller ge- 
jeſſen hatten, ſie und das deutſche Fräulein. „„Da3 deutſche 
Fräulein ?“ fragte ich überraſcht. Und nun erfuhr ich einiges 
aus der Lebensgeſchichte dieſer jungen Landsmännin, die 
Mitte Oktober nach Deutſchland zurücgekehrt iſt, erfuhr oben- 
drein, daß ſehr viele franzöſiſche Familien hier in Lille 
jich eine deutſche Erzieherin für ihre Kinder gehalten hatten. 
I<h quartierte mich im elterlichen Schlafzimmer de3 Hauſes 
R. ein. Alles behäbig eingerichtet. Muſterhaft ordentlich da3 
Schlafzimmer der Kinder im Obergeſchoß. Da3 Haus gefiel 
mir. I< ſuchte dann auch nach einem Schlafzimmer für 
meinen Burſchen. Im dritten Geſchoß: konnte ih ihn nicht 
unterbringen, obwohl ich weder für ſein Seelenheil, noch 
für das der ſ<nurrbärtigen Köchin fürchtete, aber die beiden 
Schlafräume da oben waren nur durch einen Schrank ge- 
trennt. „Aljo im Zimmer von dem deutſchen Fräulein ?“ 
Die Köchin machte ein bedenkliches Geſicht. Das war die 
Kammer über der Küche, unter dem ſchrägen Dach -=- und 
da regnete es herein! Als ich das Loch ſah, in dem die arme 
Land38männin hatte hauſen müſſen, erfaßte mich ein gelindes 
Entſezen. Die Dienſtbotenkammern des dritten Geſchoſſes 
waren dagegen Prunkgemächer. EGinen AusSgleich für das 
j<lecht jhließende jhräge Dachfenſter, durch deſſen Fugen 
es hineinregnete und der falte Wind herxeinblie8, boi der 
Umſtand, daß mitten durch den Raum der Kamin führte. 
34 prallte aber zurüct, al38 ich jezt, während die Köchin 
unten ihre Mahlzeit auf dem Herd ſtehen hatte, in ſeine 
Nähe geriet. Auch heute noh, troß des inzwiſchen nieder- 
gefallenen Staube3, jah ich, wie peinlich das deutſche Fräut- 
lein auf Ordnung und Sauberkeit gehalten hatte. I< ſah 
es hernach auch an den Spielſhränken der Kinder und noch 
an hundert verſchiedenen anderen Kleinigkeiten. Denn dieſes 
deutſche Fräulein war die arbeitende, denkende, lenkende Seele 
des franzöſiſchen Hauſes geweſen. „O0, elles Sont tr&s ha- 
biles, ces freulains!“ lobte auch die ſ<nurrbärtige Köchin 
gönnerhaft überlegen. Und ſie mußte mir den Wirkungskreis 
von „„ſreulain“ ſchildern. Alſo „freulain“ hatte die drei 
Kinder, zwei Mädchen von 13 und 11 und einen Knaben 
von 8 Jahren, zu unterrichten, hatte ihre geſamte Wäſche 
in Ordnung zu halten, hatte ſie zu baden, ihnen die Locken 
zu wickeln, die Tennisſ<uhe zu kreiden, Fle>e zu entfernen, 
hatte Monſieur auf der Schreibmaſchine die im Geſchäft 
eingehenden deutſ<hen Briefe abzuſc<reiben, deutſche Briefe 
des Korrejpondenten zu verbeſſern, ſie hatte für Madame 
Gänge zur Schneiderin, zum Delikateßhändler zu beſorgen, 
hatte Jie bei ihren Gejangsübungen am Klavier zu begleiten, 
hatte den Zirkel für Deutſch in der Ecole R. zu leiten 
(Mile. R. iſt die Schweſter von Monſieur R.), und hatte 
die Töchter beim Tennisſpiel und bei Beſuchen zu betreuen. 
Mit den Kindern ſollte ſie immer deutſch ſprechen, damit 
dieje ſic übten. Das ſei „freulain“ gar nicht angenehm 
gewejen, meinte die Sc<nurrbärtige, denn eigentlich war 
„jteulain“ nach Lille gekommen, um hier beſſer Franzöſiſch 
zu lernen. Dieſes „„freulain“ beſchäftigte mich immer leb-
	        

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