Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Fortſchritte auf dem Gebiete der hauswirtſchaftlichen 
Erziehung. | 
Ähnlich wie in Preußen und Sachſen ſind nun auch 
in Bayern feſte Grundſäße für die Ausbildung der haus- 
wirtſc<aftlihen Lehrerinnen (in Bayern Wirtſchaftslehrerin- 
nen genannt) aufgeſtellt worden. Die Entwürfe einer „Schul- 
und Lehrordnung für die Wirtſchaftslehrerinnenjeminare 
und einer „Prüfungsordnung für die Wirtſchaftslehrerinnen“ 
wurden am 16. Juli im Staats8miniſterium des Innern für 
- Kirchen- und Sc<ulangelegenheiten in einer Sißung beraten, 
zu. der auch Vertreterinnen der beſtehenden Wirtſchaftslehre- 
rinnenſeminare zugezogen waren. Die Entwürfe fanden im 
allgemeinen Billigung, und die neuen Verordnungen werden 
im Miniſterialamtsblatt veröffentlicht werden, ſobald auch 
der Lehrplan feſtgeſtellt iſt. Sie treten mit Beginn des 
Schuljahres 1916/17 in Kraft; doch kann der Eintritt in 
die 1. (unterſte) Klaſſe in den Schuljahren 1916/17 und 
1917/18 auch no<g nach den bisherigen Beſtimmungen er- 
folgen. 
„Für den ſpäteren Eintritt gelten folgende Beſtimmungen: 
Zum Eintritt in die 1. Klaſſe berechtigt der erfolgreiche Be- 
ſuch der 6. Klaſſe einer höheren Mädchenſchule oder des 3. Gym- 
naſialkurſe8 bei höheren Mädchenſchulen oder der 3. Klaſſe 
einer Lehrerinnenbildungs8anſtalt unter der Vorausſeßung, daß 
nach Abgang von dieſen Schulen nachweislich zwei Jahre auf 
die Fortbildung in den Gegenſtänden de8 Hau3halt5 verwendet 
worden ſind. Dieſe Fortbildung kann erworben werden durc 
Beſuch eines Handarbeit3lehrerinnenſeminarxs8 oder auch eines 
Kindergäurtnerinnenſeminarx38 oder einer Haushaltungsſc<hule oder 
durc< praktiſche Betätigung der Schülerinnen in einem geeig- 
neten. Haushalte, von Schülerinnen der höheren Mädchenſchulen 
und der Gymnaſialfurſe bei höheren Mädchenſchulen insSbe- 
ſondere auch durc; Beſuch einer Frauenſchule. 
.Doch behält ſich das Miniſterium des Innern für Kirc<hen- 
und Sculangelegenheiten vor, auSnahms3weije auch einzelnen 
Schülerinnen der letzten Klaſſe einer ſechsklaſſigen Mädchen- 
mittelſ<hule mit ſehr gutem oder gutem Abgang3zeugniſſe 
den Eintritt in die erſte Klaſſe unter der VorausSſezung 
zu geſtatten, daß auch dieſe Schülerinnen nach Abgang von 
der Schule nachweislich zwei Jahre auf die Fortbildung in 
' den Gegenſtänden de8 Haushalt3 (wie oben in einem Hand- 
- arbeitölehrerinnenjeminare, . einem Kindergärtnerinnenſemi- 
„nare, einer Haushaltungsſchule oder dur< Betätigung in 
einem geeigneten HauSshalte) verwenden. 
Dieſer Vorbehalt iſt ſehr erfreulich. Bietet er doch die 
Möglichkeit, daß auch Mädchen aus kleineren Orten ohne 
Höhere Mädchenſ<ule oder aus Ständen, die ihren Töchtern 
nicht von vornherein eine höhere Mädchenſchulbildung bieten 
können, Zutritt zur Laufbahn der Wirtſchaft3lehrerin ex- 
halten. 
Sn Medlenburg haben nach längeren Vorbereitungen 
die Frauen die Sache der hauswirtſchaſtlichen Ausbildung 
der Mädchen in die Hand genommen. In Güjtrow erfolgte 
' die Gründung eines Mecklenburger Frauen-Schulverbandes, 
. dem ſich verſchiedene Frauenvereine und Haushaltungsſchulen 
. anſchloſſen. Der Zwe des Verbandes iſt die Ausbildung 
der weiblichen Jugend für die Berufe der Hau3- 
frau oder ihrer Stellvertreterin, der Wirt- 
'ſchaft3lehrerin an ländlichen und ſtädtiſchen 
- HauSshaltung3- oder Frauenſ<hulen, der Land- 
pflegerin, wirtſ<aftlichen Betrieböleiterin oder 
Anſiedlerin. Man plant zunächſt, eine wirtſchaftliche 
Frauenſchule in der Stadt Mal<how zu errichten und dieſer 
ſpäter ein Seminar ländlicher Wirtſchaftsjchulen für Mädchen 
mit Volksſchulbildung, ein Alter5heim und ein Landkinder- 
heim anzugliedern. Für die nach dem Reiffenſteinſchen Muſter 
zu errichtende Frauenſc<hule iſt von der Stadt Malchow ein 
. am. Fleejenſee gelegenes, von hohem Laubwald umrahmtes 
Gelände von zwei Hektar unentgeltlih zur Verfügung ge- 
: ſtellt. :Der Sitz des Vereins ſoll in Schwerin ſein, Für 
 
 
das geplante Unternehmen ſind die Geldmittel bereit38 zum 
großen Teil geſichert. Die Koſten ſind auf 120000 4 ge- 
ſ<häßt. Hierzu ſind 70000 4 bereits ſichergeſtellt, Anteil- 
ſcheine bis zu 12000 4 gezeichnet. Der Bau ſoll baldigſt 
begonnen und das Unternehmen im Frühjahr 1916 eröffnet 
werden. 
Soziale Rundſchau. 
Ausſchuß für ſoziale Hilfsarbeit im Landesverein 
Preußiſcher Volksſc<ullehrerinnen. 
Die zunehmende Verwahrloſung der Jugend erweckt in faſt allen 
deutſchen Gauen lebhafte Klagen. No< nie ſtanden ſo 
viele Schüler vor Gericht, no< nie wurden jo 
viele Fürſorgeerziehungs8anträge geſtellt. Nament- 
lich wird auf die bedenkliche Zunahme jugendlicher Perjonen 
unter der Wanderbevölkerung hingewieſen. Zum Teil handelt 
es ſich dabei um Arbeitswillige, die durch den Krieg ihre Stelle 
verloren haben, auc< um Lehrlinge, deren Lehrverhältnis in- 
folge Einberufung de8 Meiſter8 gelöſt wurde. Zum Teil ſind 
es aber auch Arbeitswillige, die leichtſinnig, von der Unruhe 
de3 Krieges getrieben, ihre Lehr- oder Arbeitsſtelle und das 
Elternhaus verlaſſen haben, in dem die väterliche Macht fehlt. -- 
Das Stuttgarter Jugendſekretariat bemüht ſich, die Jugend- 
lihen dem Wanderſtrom zu entziehen, die Verhältniſſe feſtzu- 
ſtellen, mit der Heimat Verhandlungen anzuknüpfen und die 
jungen Menſchen dem Elternhaus und den verlaſſenen Lehr- 
ſtellen wieder zuzuführen oder, wo das nicht angeht, in ſonſtigen 
geordneten Verhältniſſen oder neuen Lehrſtellen unterzubringen. 
Es warnt davor, obdachloſen Jugendlichen Unterſchlupf zu 
gewähren oder bettelnden und hauſierenden Kindern Geld zu 
verabreichen; vielmehr ſollten alle ſolche Fälle der Polizei- 
direktion oder dem Jugendſekretariat gemeldet werden, das 
die Verhältniſſe feſtſtellt und wirklicher Not abhilft. Cin ver- 
ſtändni3volles Hand-in-Hand-Arbeiten der Bürgerſchaft mit den 
Fürſorgeſtellen kann manchen Schaden verhüten und iſt heute 
wichtiger denn je. 
Die Neuerung im preußiſchen Fitrſorgeerziehungsgeſeß, die am 
4. Auguſt in Kraft getreten iſt, iſt im preußiſchen Geſetzesver- 
ordnungsblatt veröffentlicht worden. Die Änderung der Ziffer 1 
des 8 1 des Geſeßes ergibt folgende Faſſung: 
Cin Minderjähriger, welcher das 18. Leben3jahr noh nicht 
vollendet hat, kann der Fürſorgeerziehung überwieſen werden: 
1. Wenn die Vorausſezungen des 8 1666 oder des 8 1838 
de38 Bürgerlichen Geſezbuches vorliegen und zur Verhütung der 
Verwahrloſung des Minderjährigen die anderweitige Unter- 
bringung erforderlich iſt, eine nach dem Ermeſſen des Vor- 
mundſchaft3gerichts8 geeignete Unterbringung, aber ohne Jnan- 
ſpruchnahme öffentlicher Mittel nicht erfolgen kann. 
Die Bekämpfung der Shundliteratur verdient auch jezt im Kriege 
volle Aufmerkſamkeit. Troß aller anerkennen5Swerten Bemühun- 
gen iſt es nicht gelungen, dieſes übel zu unterdrücden, welches 
Volkswohlfahrt und Volksgeſundheit im höchſten Maße beein- 
trächtigt. Man hat beobachtet, daß ſeit Au3bruch de35 Krieges 
eine Reihe kleiner Buchhandlungen, Papiergeſchäfte, Althand- 
lungen, Kolonialwarenhandlungen uſw. aus dem Vertriebe von 
Schundſchriften eine Quelle des Erwerb3 zu machen ſuchen, 
um ihre verringerten Einnahmen zu heben. Die Art und Be- 
ſchaffenheit des Leſeſtoffes führt den Geſchäften immer mehr 
Käufer zu, die ſich nicht nur aus den ſchulentlaſſenen Schülern 
und Scülerinnen der Volksſchule, ſondern auch aus den noch 
ſchulpflichtigen zuſammenſeßen. 
Auch Kriegsſ<hundſchriften gibt es, die in ein vaterländiſche3 
Gewand gekleidet ſind. Dieſe Schriften werden mit Recht nicht 
bloß Literariſc; wertlos, jfondern auch moraliſc<h verderblich ge- 
nannt. Sie können die Jugend um ſo mehr auf Abwege vex- 
leiten, als die häusliche und ſc<hulmäßige Aufſicht vielfach 
fehlt, ganz abgeſehen davon, daß die Krieg8nachrichten ſchon 
an ſich aufregend wirken. Nachdem ein gerichtliches Urteil 
rechtskräftig geworden iſt, daß Geſchäfte, die ſich mit..dem
	        

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