Volltext: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Überblik gegeben werden fonnte, iſt dahin zuſammenzufai ſen : 
Der Krieg hat uns für die beruflichen Leiſtungen der Frauen 
gelehrt, daß gerade das Beſte gut genug iſt, um unſerem 
Vaterlande zu nüßen, und daß e3 unſerer ſtärkſten Anfoxr- 
derungen bedarf, um dem mnahezüfommen, wa3 auf den 
Schlachtfeldern für uns geleiſtet wird. 
Beſprechung über den Einfluß der Schule auf die Berufs- 
wahl der jungen Mädchen. 
Am 30. Augujt hatte die Groß-Berliner Auskunftsjtelle 
für Frauenberufe, Genthiner Str. 19, die Schulleitungen, ſo- 
wie die an der Frage intereſſierten Lehrer und Lehrerinnen 
der höheren Schulen zu einer Beſprechung über „den Einfluß 
der Schule auf die Berufswahl der jungen Mädchen“ einge- 
laden. In ihrem Referat über dies Thema ſprach Frl. Ober- 
lehrerin Müller, Luijenſchule Berlin, einerſeits über die 
Möglichkeiten, in den verſchiedenen Unterrichtö8fächern darauf 
hinzuweiſen, wie ſich der Wirkungskreis der Frau immer 
mehr erweitert habe, und andererſeit8 über die Notwendig- 
keit, daß die Schulen mit der Auskunftsſtelle Hand in Hand 
arbeiten. In neun ſtädtiſchen Schulen haben BVertrauen3- 
damen die Vermittlung übernommen, doch deutete die Re- 
ferentin auf die Schwierigkeiten hin, welche dadurch entſtehen, 
daß die Lehrerinnen an den ſtädtiſchen Schulen ſehr wenig 
Unterricht in den Oberklaſſen und faſt nie die Leitung der 
Abgangsklaſſe haben. Andere Schulen haben in ihren Jahres8- 
berichten auf die Auskunftsſtelle hingewiejen. 
Daran knüpfte in der folgenden Ausſprache Herr Stadt- 
Ihulrat Reimann an, indem er befürwortete, daß die 
Auskunftsſtelle eine kurze Üüberjicht über die Berufs8möglich- 
feiten für junge Mädchen zum Abdruck in den Jahresberich- 
ten an die Schulleitungen ſenden möge. Die Worſißende, 
Frau Dr. Lieſe Thurmann, verjprac<h jich nicht viel von 
jolher notwendigerweiſe lüdenhaften Zuſammenſtellung, 
man ſprach vielmehr den Wunj< aus, daß die Scul- 
leitungen und Klaſſenleiter die jungen Mädchen vor allen ge- 
druckten Berichten warnen und zur mündlichen Beſprechung 
in die Auskunfisſtelle ſchiden und, wenn möglich, dahin be- 
gleiten möchten. Man kam zum Schluß darin überein, daß 
die Schulleitungen das nach Möglichkeit tun wollen, aber 
auch die Auskunftsjftelle den Berjuch machen will, eine kurz- 
gefaßte Überſicht für die Jahres3berichte Yerzuſtellen und der 
Direktorenkonferenz vorzulegen. M. N. 
Die Victoria -Fortbildungs- und Fachſchule 
in Berlin 
teilt den Tod ihrer Ehrenvorſizenden, Frau Geheimen Sanitätsrat 
Eliſabeth Feig, mit, die im Alter von 76 Jahren nach langen Leiden 
am 8. September entſchlafen iſt. Jhr widmet der Verein folgenden 
Nachruf: 
Sie ſtand von Jugend an in den Reihen der gemeinnüßig arbeiten- 
den Frauen Berlins, eine ihrer idealſten Vertreterinnen, die mit dem 
ſcharfen und ſicheren Bli> für die ſozialen Nöte und Forderungen 
unſerer Zeit eine Zartheit des Weſens, eine Schlichtheit und Jnner- 
lichfeit verband, wie ſie vorwiegend nur den Frauen einer vergange- 
nen Periode eigen zu ſein ſcheinen. Als Tochter von Joſeph Leh- 
mann, des Begründer8 de8 „Magazins für die Literatur des Aus- 
landes“, wuch38 ſie in einem Hauſe auf, das von politiſchen, wiſſen- 
ſchaftlichen und künſtleriſchen Intereſſen erfüllt war und ſie mit vielen 
bedeutenden Perſönlichkeiten in Berührung brachte. Schon in ganz 
jungen Jahren wurde ſie bei der Gründung des Lettevereins zur Mit- 
arbeit herangezogen. Mit einem Militärarzt, Dr. M. Feig, vermählt, 
brachte ſie das Kriegsjahr 1870/71 in raſtloſer vaterländiſcher Arbeit 
zu, die durch die Verleihung des Luiſen- Ordens die höchſte Aner- 
kennung fand. Im Jahre 1878, bei Gründung der Victoria - Fort- 
bildung8= und Fachſchule, trat ſie mit Frau Präſident Henſc<ke und 
Frau Anna Leubuſcher in die neugebildete Kommiſſion ein und hat 
ſeitdem neben der Tätigkeit im Letteverein mit immer wachſender 
'n 
 
Liebe an der Fortbildungsſhuljugend Zehangen und den Aufgäbeit 
der Fortbildungsſchule unermüdlich mit einer Hingebung ohnegleichen 
gedient. Jhr Heimgang bedeutet cinen unerſeßlichen Verluſt für die 
Anſtalt. . 
Tuvalidenverſicherung. 
Von einer Rechtsentſcheidung, die für alle nach der Reich8- 
verjicherung3ordnung verſicherung3pflihtigen Lehrerinnen 
große Bedeutung hat, berichten die „Münchner N. N.“, vom 
10. September : 
Eine Privatlehrerin für fremde Sprachen und Klavier 
wurde infolge einer <roniſchen Mittelohrerkrankung auf dem 
einen Ohre faſt taub, auf dem anderen ſo ſchwerhörig, 
daß nur durch lautes Sprechen in dieſes Ohr eine Verſtän- 
digung mit ihr möglich iſt. Wegen der durch dieſes Gehör- 
leiden herbeigeführten Invalidität ſtellte die Privatlehrerin 
Antrag auf Gewährung der Invalidenrente. Die Landesver- 
jicherungsanſtalt wies den Anſpruch zurück; ſie vertrat die Auf- 
faſſung, daß die Lehrerin durch andere Betätigung noch ſo viel 
verdienen könne, daß ſie als nicht invalide im Sinne des 8 1255 
R.-8.-O. zu gelten habe. Oberverſicherung3amt und Landes8- 
verjicherungsamt ſtellten ſich auf den Standpunkt, daß die 
Klägerin invalide ſei, und daß ihr des8halb die Rente zuſtehe. 
In den Urteilsgründen iſt geſagt: E3 entſteht die Frage, ob 
die Klägerin durch eine Tätigkeit, die ihren Kräften und 
Fähigkeiten entſpricht und ihr unter billiger Berücd- 
jimtigung ihrer Ausbildung und ihres bishe- 
rigen Berufes zugemutet werden kann, noc< imſtande iſt, 
ein Drittel deſſen zu verdienen, was körperlich und geiſtig 
gejunde Perſonen derſelben Art mit ähnlicher Ausbildung und 
in derjelben Gegend dur<g Arbeit zu verdienen pflegen. Dieſe 
Frage iſt zu verneinen. Zwar muß bei Prüfung der Ex= 
werb3möglichfeit der ganze Arbeit3markt berücjichtigt wer- 
den, aber der Verſicherte kann nicht auf den Erxr=- 
werb dur< eine für ihn völlig fremde, körper- 
lich und geiſtig ungeeignete Lohnarbeit verwieſen 
werden. Auch das vorgeſchrittene Alter der Klägerin iſt zu 
berücjichtigen, ebenſo der Umſtand, daß ſie nach ihrer bis- 
herigen Tätigkeit in der Verwertung ihrer Kräfte jehr ein- 
geſchränkt iſt. Es darf unbedingt angenommen werden, daß 
jie bei ihrer hochgradigen Schwerhörigkeit auf dem allgemei- 
nen Arbeitsmarkte als HausShälterin, häuslicher Dienſtbote 
oder Kinderpflegerin nicht in Betracht kommen kann, ebenſo 
nicht als Köchin oder Näherin, denn hierzu fehlen ihr die 
Kenntniſſe und die Übung. Die Tätigkeit als landwirtſchaft- 
liche Arbeiterin oder Wäſcherin kann ihr unter billiger Be- 
rücjichtigung ihrer Ausbildung und ihres bisherigen Be- 
rufes nicht zugemutet werden. Die Klägerin iſt de3halb als 
invalide im Sinne des Geſees zu erachten. 
Tagungen. 
Deutſcher Fröbelverband. 
(Zweigſektion des A. D. L.-V.) 
17. Hauptverſammlung in Mannheim. 
Krieg3tagung am 4. und 5. Oktober 1915. 
Au3 der Tagesordnung ſeien hervorgehoben: 
Montag, den 4. Oktober, vormittags 9*/, Uhr: 
Was bedeutet das Mannheimer Schulſyſtem für nicht normal ver- 
anlagte Kinder? Herr Stadtſ<ulrat Dr. Sickinger. 
Nachmittags 4 Uhr: 
Erörterungen über die weibliche Dienſtpflicht. 
Wie verhält ſich die Ausbildung der Frauenſchülerin, Kindergärtnerin 
und Kinderpflegerin zur weiblichen Dienſtpflicht? Referentinnen: 
Frl. Droeſcher (Berlin). Frl. Löwe (Mainz). 
Abends 8%, Uhr: 
Öffentliher Vortrag. 
Frl. Dr. Gertrud Bäumer: Deutſches Kind -- Deutſche Kultur.
	        

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