Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Das iſt, kurz zuſammengefaßt, der Hauptinhalt der 20 Pa- 
ragraphen der Hindenburgſchen Sculgeſeßgebung, zu der 
die Zivilverwaltung nun die weiteren Ausführungs5beſtim- 
mungen zu treffen hat. Gewiß wieder einmal eine hoch- 
erfreuliche Betätigung deutſchen „Barbarentum3“, daß die 
Regelung des Schulweſens für das ganze Land ſo tatkräftig 
in Angriff genommen wird, noch ehe drei Wochen ſeit der 
Eroberung der Landeshauptſtadt verfloſſen ſind. 
Eine deutſche Schule in Rumänien. 
Wiederholt iſt in der „Lehrerin“ auf die deutſ<en Ausland- 
ſ<ulen hingewieſen worden als auf Pflegſtätten deutſchen 
Geiſtes und deutſcher Kultur inmitten einer andersartigen, 
oft feindſeligen oder erſt langſam zu gewinnenden Umwelt. 
Von einer ſolchen Bildungsſtätte wird aus Galaß in Ru- 
mänien berichtet. 
Wenn auch in den neutralen Staaten die deutſchen Schu- 
len nicht aufgehoben wurden wie im feindlichen Auslande 
(Italien, England und beſonders den engliſchen Gebieten 
Südafrikas), ſondern ihren Unterricht fortfeßen konnten, ſo 
hatten jie natürlich doc< ſehr zu leiden unter dem Sturm 
des Hajjes und der Verleumdung, den die feindliche Preſſe? 
überall entfeſſelte. Da iſt es nun höchſt bezeichnend für 
die Werbekraft des deutſchen Geiſtes, daß in einem Lande 
wie Rumänien, deſſen Wohlgeſinntheit doch nicht außer 
Zweifel ſteht, der deutſche Unterricht nicht bloß ſeinen Stand 
behaupten, ſondern noch Fortſchritte machen konnte. Die 
den „Mitteilungen de3 Vereins für das Deutſchtum im Aus- 
land“ vorliegenden Nachrichten über die deutſche Schule 
in Galaß machen da3 ganz beſonders deutlich. 
Dieſe Anſtali, die ſeit dem Jahre 1906 von einer kleinen 
vierklajjigen Volksſ<hule zu einer Knabenmittelſchule und 
Höheren Mädchenſchule, verbunden mit Kindergarten, als 
Vorſtufe und Handelskurſen als Abſchluß emporgewachſen iſt, 
fonnte in der Kriegszeit ihre Schülerzahl (gegen 500) noch 
erhöhen. So waren für den erſten Jahrgang allein 66 Kin- 
der angemeldet, eine vorher nie erreichte Zahl. Gerade 
aus rumänijhen und rumäniſch-jüdiſchen Kreiſen kam der 
Zuwachs. Die Bedeutung daeſe8 Fortſchreitens ergibt ſich 
vor allem daraus, daß die Eltern der in einer deutſchen Schule 
untergebrachten Kinder durc<h ihren ſtändigen Verkehr mit 
den Lehrern die beſten Zeugen gegen die Verleumder des 
Deutſ<tums werden und gerade dort in Rumänien in kri- 
tiſ<en Zeiten einen wirkung3vollen Damm gegen den die 
Mittelmächte überflutenden Haß gebildet haben. Bei der 
Abſchlußfeier, die in kleinen Aufführungen, Liedern und 
Gedichten die Erfolge dex Schule zeigte, war die Beteili- 
gung der Eltern größer al3 je zuvor. Der glänzende Ver- 
lauf dieſer Feier nach ſo ſchwerem Arbeitsjahre war ein 
voller Sieg unſerer wackeren Kämpfer am Donauſtrande. 
Auch als Mittelpunkt der deutſchen Kolonie des 
Ortes bewährte fi die Schule in hohem Maße. In der 
Turnhalle fanden wöchentlich zweimal Stri>kabende der deut- 
Ichen Frauen ſtatt, und allwöchentlich verſammelte ſich dort 
die gejamte Kolonie, um die ausliegenden Zeitungen durch- 
zublättern und zuſammenfaſſende Vorträge über den Kriegs- 
verlauf zu hören. Die Turnhalle war übrigens auch zu allen 
anderen Zeiten den Mitgliedern der Kolonie und den Freun- 
den der Schule aus anderen Nationen geöffnet. Dort wur- 
den die neueſten Telegramme vorgelegt und damit den 
Schauernachrichten feindlicher Herkunft die beſte und ſchnelle 
Widerlegung gegeben. 
Am eigenartigſten berührt jedenfalls, daß auch Englän- 
der, Franzoſen und Jtaliener, deren Kinder die 
deutſche Schule beſuchten, faſt ausnahms8lo3 nicht daran 
dachten, jie in anderen Schulen unterzubringen. Nach dem 
Urteil dieſer Leute muß es alſo mit der deutſchen Unkultur 
und Barbarei nicht jo ſchlimm ſein. So hat die Schule bei . 
 
völliger Wahrung der Takte3, dex in eineni neutralen Staate 
nötig iſt, höchſt ſegen3reich für den Ruf des deutſchen Vol- 
kes gewirkt, und es iſt auf das Dringendſte zu wünſchen, 
daß jie ganz bejondere finanzielle Unterſtüzung erhält. 
Literaturbericht. 
Scullektüre für Engliſch. 
Von Clara Neuſe. 
Daß ein Kriegsjahr hinter uns liegt, ſpüren wir auch, wenn 
wir an die Beſprechung fremdſprachlichen Leſeſtoffes herantreten. 
Wir leſen jezt mit andern Empfindungen und Gedanken, als 
wir es noch vor einem Jahre taten, und ganz beſonder38 wohl 
ſehen wir engliſche Bücher und ihren Inhalt jeßt anders. Es 
iſt hier nicht der Plaz, ausführlich darauf einzugehen, inwieweit 
die Erfahrungen des Krieges den fremdſprachlicen Unterricht 
beeinfluſſen werden, ganz läßt ſich dieſe Frage aber bei der Be- 
ſprechung fremdſprachlichen Leſeſtoffe3 nicht umgehen. Wir wiſſen, daß 
wir auch nach dem Kriege in unſern Schulen Franzöſiſch und Engliſch 
weitertreiben und tüchtig weitertreiben, wenn hoffentlich auch der 
Kenntnis der fremden Sprachen nicht mehr die Wichtigkeit bei- 
gelegt wird, die ſie als Bildungsmaßſtab bei vielen jetzt beſaß. 
Deutſc<, Geſchichte und Erdkunde werden hoffentlich im Unter- 
richtsplan einen größeren Raum als bisher einnehmen, und 
die fremden Sprachen werden zurücktreten müſſen. Sie müſſen 
zurüctreten, aber darunter darf die Gründlichkeit des Betriebes 
nicht leiden. Der Unterricht in den fremden Sprachen ſoll auch 
ſeinerſeit3 dazu helfen, daß wir in unſerer deutſchen Art er- 
ſtarken und uns ihrer immer mehr froh bewußt werden. Zur 
deutſchen Art gehört auch das Anerkennen fremder Art, doch 
hüten ſollen wir uns vor dem Fehler des Deutſchen: blindes 
Bewundern de3 Fremden. Ein möglichſt gründliches Wiſſen 
von der fremden Sprache ſi< anzueignen und in das Weſen 
des fremden Volfes einzudringen, ſoweit das bei dem jugend- 
lichen Alter unſerer Schülerinnen möglich iſt, das bleibt alſo 
unjer Ziel, und unter dieſem Geſichtspunkt, ſo wie ex durch die 
Kriegsereigniſſe uns verſchärft iſt, betrachten wir die vorliegen- 
den Bücher für engliſche Schullektüre, 
Da ſind zunächſt die in bezug auf Einband, Papier und Druck 
vorzüglichen Bändchen von Dieſterwegs82?) neuſprachlichen 
Reformausgaben, herausgegeben von Prof. Dr. M. F. Mann. 
Die Anmerkungen ſind in engliſcher Sprache, wie das ja dem 
Weſen der „Reform“-Au3sgabe gemäß iſt. Aber vielleicht wird 
hier gerade ein Wandel eintreten, denn wollen wir in weniger 
Zeit Gründliches erreichen, ſo muß die kurze deutſche Erklärung 
die vft mühſame engliſche Umſchreibung erſezen, überhaupt die 
deutſche Sprache wieder mehr im Unterricht gebraucht werden, 
als die Ganz-Reformer es wollen. Für die höheren Klaſſen, 
jo im Ober-Lyzeum, erſcheinen mir die fremdſprachlichen An- 
merkungen berechtigt, doch ganz unangebracht finde ich ſie im 
Anfangsunterricht; ſo gibt Duve in Kingsleys Water-Babies 
eine lange engliſche Erklärung des Wortes 8wallow, fügt dann 
aber vorſichtig doch. noc<h in Klammern „G. Schwalbe“ hinzu. 
Die Herausgeberin hat wohl ſelbſt empfunden, daß hier Zeit- 
verluſt und unnötige Erſchwerung vorliegt, e38 iſt wenigſtens 
gerade für dies Bändchen auch ein engliſch-deutſches Wösrtexr- 
buch erſchienen. 
Alle vier Bücher ſind inhaltlich durc<aus zu empfehlen. 
Für das Ende des zweiten Schuljahres oder den Anfang des 
dritten im Engliſchen eignen ſich die Popular Tales from Engl. 
Lit. (ArtusSſage, Robin Hood und zwei Erzählungen aus Thad>e- 
rays Irieh Sketch Book) und da3 ſhon erwähnte Stingzley, 
Water-Babies. Kings3leys föſtliche Erzählung mit ihrem friſchen, 
natürlichen Stil, von der Herausgeberin ſehr geſchi>t gekürzt, 
iſt für unſere deutſchen Kinder ein guter engliſcher Leſeſtoff, der 
1) Dieſterwegs Neuſprachliche Neformausgaben: Mellin, 
A Your through England. Mühe, Popular Tales from Engl. Lite- 
rature. Montgomery, Modern Britiebh Problems I. Duve, Kings- 
ley, The Water-Babies (Six Essays by Living Authorities),
	        

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