Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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ſchule, die Jugend- und Volks3pflege. Alle ſeine Ausführungen 
hierüber verraten den guten Volkskenner und warmherzigen 
VolkSerzieher. Von der tief ſittlichen Auffaſſung de8 Be- 
griffes der Mütterlichkeit, die der Verfaſſer vertritt, zeuge ein 
Abſchnitt aus dem kurzen Kapitel: Der Mann in der Mädchen- 
erziehung: „Darum ſoll ſich der männliche Erzieher vor allem 
darüber klar bleiben, was Mütterlichkeit iſt, und wie man ſie 
pflegt; daß es nicht iſt ein halb religiöſes, halb ſinnliches 
Schwärmen, nicht eine gewiſſe ſeeliſche Biegſamkeit und Schmieg- 
ſamkeit des weiblichen Weſen3, nicht ein gefühlsmäßiges Sich- 
anſchmiegen an den Erzieher, nicht ein Bedürfnis nach Liebe 
und Anerkennung, ſondern mehr ein vornehmes Sichabſchließen, 
Sichzurückhalten, eine innerliche, ernſte Kultur der Seele, und 
daß die höchſte Mütterlichkeit zugleich. in der höchſten Perſön- 
lichkeit, in der ſelbſtändigſten, leiden58= und opfermutigſten, ver- 
förpert iſt.“ F. O. 
Die Lehrerinnen und das „„Lehrerinnenelend“ 
in der Schweiz. 
Die „Lehrerin“ vermittelte in ihren Nummern vom 3. April 
und 4. September Nachrichten über den anſcheinend vorhandenen 
Lehrerinnenüberfluß in der Schweiz im allgemeinen und dem 
Kanton Zürich im beſonderen. Inzwiſchen hat der Lehrerin- 
nenverein Zürich die in Schweizer Zeitungen dargeſtellten 
Verhältniſſe geprüft und ſich: veranlaßt geſehen, die dort ein- 
ſeitig erfaßten Tatſachen zu berichtigen. Die in der „Neuen 
Zürcher Zeitung“ erſchienenen Ergebniſſe der Unterſuchung ſind 
der Schriftleitung der „Lehrerin“ von der Vorſizenden des 
Lehrerinnenvereins Zürich direkt zugeſtellt worden; ſie ſollen 
gern an dieſer Stelle wiedergegeben werden. 
Nach der Feſtſtellung, die die „Neue Zürcher Zeitung“ bringt, 
jollten die Ausführungen über das „Lehrerinnenelend“ jeiner- 
zeit nur die ſchulentlaſſenen Töchter vor dex Anmeldung zu den 
Seminaren abſchre>en. Die Nachprüfung der dort geſchilderten 
Verhältniſſe geſchah durch: Fragebogen, die im Mai verſchickt 
wurden, und deren Aufarbeitung im September beendet werden 
konnte. | 
Als erſtes ergab ſich aus den Erkundigungen, daß der Mo -= 
ment ſchlecht gewählt war, um weitere Kreiſe von einem 
beſtehenden Lehrerinnenelend zu überzeugen. Wenn ein ſolches 
wirklich beſtanden hatte, ſo durfte ſeit dem 1. Auguſt 1914 ent- 
ſchieden nicht davon geſprochen werden. An jenem Tage wur- 
ven im Kanton Zürich 570 Lehrer zu den Fahnen gerufen, 
etwa ein Drittel dex Primar- und Sekundarlehrerſchaft. Da 
mußten ſämtliche jungen Lehrer und Lehrerinnen ohne YAus- 
nahme -Vikariatsdienſte leiſten. Zudem ſtellten ſich der Exr- 
ziehungsdirektion eine große Zahl verheirateter Lehrerinnen, 
die lange Jahre dem Schuldienſt fern geweſen waren, zur Ber- 
fügung. Sogar zwei vierte Klaſſen des Seminars KüsSnacht 
wurden zum Schuldienſt verwendet. Troß dieſen vielen Helfern 
war es der Erziehungs5direktion unmöglich, allen Geſuchen um 
Vikare zu entſprechen. Beinahe die Hälfte der verwaiſten Klaſſen 
und Schulabteilungen mußte unter die zurückgebliebenen Lehrer 
und Lehrerinnen verteilt werden. Als Ende September 1914 
die Landwehr-Bataillone aus dem Dienſt entlaſſen wurden, 
konnte ein Teil der aufgelöſten Klaſſen wieder vereinigt werden. 
Alle Vikare mußten bis im März 1915 ihre Klaſſen führen. 
(Die Verwendung der Lehrerinnen bei den verſchiedenen Ein- 
ziehungen der Lehrer wird dann im einzelnen ausgeführt.) 
Den Lehrerinnen wurde der Dank für ihre Leiſtungen im 
Kriegs8jahre in eigentümlicher Form abgeſtattet. Al3 die Zeit 
der Aufnahmeprüfungen an den Seminarien herannahte, ex- 
innerte man ſich plößlich, daß man über einen beſorgnisSer- 
regenden Lehrerinnenüberfluß verfüge. In den Ausſchreibungen 
dve3 fantonalen Lehrerſeminaxs Über die Aufnahmeprüfungen 
wurde nicht bloß, wie in früheren Jahren, bemerkt, daß nur 
eine beſchränkte Anzahl Töchter aufgenommen werde. Man ver- 
ſicherte noch extra, daß die Erziehungsdirektion keinerlei Ga- 
rantie übernehmen könne für die ſpätere Anſtellung der Töch- 
 
ter. Dieſe Art der Ausſchreibung ließ die Vermutung zu; daß 
die Erziehungösbehörde in der Lage ſei, den männlichen Semi- 
narzüöglingen für Anſtellung im Schuldieuſt zu garantieren. 
Würden die Mädchen aus dem Seminar KüSnacht verſchwinden, 
bedeutete das nicht etwa eine Verminderung der Produktion an 
Lehrkräften ; es wäre einfach Raum für einige männliche Lehr- 
kräfte mehr geſchaffen; denn im Intereſſe richtiger Ausnußung 
der Staatsfinanzen werden die Seminarklaſſen immer eine 
beſtimmte Anzahl Zöglinge aufweiſen. 
Nach dieſen Feſtſtellungen wird fortgefahren: 
Wir vertreten nicht den Standpunkt, daß ohne Rückſicht auf 
das Bedürfnis ausgebildet werden ſollen; aber wir ſind der 
Anſicht, daß die Erziehungs8behörde voraus8geſehen hat, wann 
eine Zeit des Lehrerinnenüberfluſſes kommen werde. 
(E38 wird nachgewieſen, daß ſich je nag dem Bedürfnis 
die Aufnahmezahl der Seminariſtinnen richtete, die Zuſam- 
menziehung oder Einrichtung neuer Klaſſen eintrat.) 
Beſonder3 ſchwerwiegend iſt der Nachweis, daß unter den 
al8 „ſtellenlo38“ bezeichneten 300 Lehrkräften ohne weiteres 
alle diejenigen mitgezählt worden ſind, welche erſt proviſo- 
viſche Anſtellung innehaben können. Nach dem zürcheriſchen 
Sculgeſes hat jeder Brimarlehrer zwei Probejahre 
als Verweſer oder Vikar zu amtieren, bevor er 
wählbar iſt. Drei Viertel dex 300 jungen Vikare und Ver- 
weſer wurden erſt 1914 und 1915 patentiert, können alſo: 
no< nicht gewählt werden. Jhr Los iſt kein außergewöhnlich 
ſ<limmes8; alle ihre älteren Kollegen und Kolleginnen hatten 
dieſe Probezeit auch durchzukoſten vor ihrex Wahl. Haupt- 
ſache iſt, daß dieſe neu patentierten Lehrer gleich reichlich Ar- 
beit fanden. Das war faſt durchweg der Fall. 
Auch auf die Stellung der verheirateten Lehrerin im Kan- 
ton Zürich wird Bezug genommen. Ein Lehrerinnenüberfluß 
ſoll damit erklärt werden, daß viele Landgemeinden aus Ab- 
neigung gegen die verheiratete Lehrerin, überhaupt keine Leh- 
rerxinnen mehr wählen wollen. Die zehn verheirateten Leh- 
rerinnen, die gegenwärtig im Kanton Zürich: zur Zufrieden- 
heit der Schulbehörden ihres Wirkungskreiſes amtieren, kön- 
nen kaum dafür verantwortlich gemacht werden, wenn die 
jüngſten weiblihen Lehrkräfte zu Vikariat8dienſten auserſehen 
werden. 
Die Vikarinnen werden oft ihres geringen Einkommens 
wegen bedauert. Wie ſteht es damit? Im Schuljahre 1914/15 
waren ſie mindeſtens während 30 Wochen beſchäftigt; das 
] brachte der einzelnen auf dem Lande 1260 Fr. und in der 
Stadt 1560 Fr. ein. Das iſt gewiß kein großer Verdienſt; 
aber zur Not werden junge Leute damit auskommen können, 
wenn ſie wiſſen, daß der Zuſtand ein vorübergehender iſt. 
Auch für die Lehrerin gilt es, erſt ihre Tüchtigkeit zu zeigen, 
wenn ſie bald zu einer beſſeren und einträglichexen Anſtellung 
gelangen will. Ein BVerweſer hat auf dem Lande für eine 
ganze JahresSarbeii auch nur 1500 Fr. Gehalt zu erwarten, 
wenn es ihm nicht gelingt, die Schulhauswohnung zu ver- 
mieten. Warum nimmt niemand Anſtoß daran, daß eine Kin- 
dergärtnerin in der Stadt Zürich nach ihrer Wahl nur ein 
Einkommen von 1400 Fr. bezieht und dazu noch verpflichtet 
iſt, in der Stadt zu wohnen ? 
Überblict man den ſehr ausführlichen Bericht de8 Leh- 
rerinnenvereins Zürich, aus dem hier nur einzelne Auzzüge 
wiedergegeben ſind, ſo ſcheint ſich zuſammenfaſſend als Exr- 
gebnis der Erhebung feſtſtellen zu laſſen; - | 
Der Lehrerinnenüberfluß war in früherer Zeit durch zu 
viel Aufnahmen in den Seminaren mehr vorhanden als jeßt, 
er regelt ſich in der lebten Zeit vielmehr nach dem Bedürfnis; 
die jungen Lehrerinnen ſind bereit, die Widerwärtigkeiten der 
Erobejahre auf ſich zu nehmen, und bekundeten ihren Willen, 
die Zeiten der Arbeitsloſigkeit zu ihrer beruflichen Weiter- 
ausbildung zu benußen; die Einſchränkung der Zahl von Leh- 
rerinnen würde nicht eine Hexabminderung ihrer Not, ſondern 
nur eine prozentuale Verſchiebung von männlichen 
und weiblichen Lehrkräften zur Folge haben.
	        

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