Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

Mit beſonderer Vorliebe wandte ſich die deutſche Lehrerin 
den lieben Vettern jenſeits des Kanals zu. Nicht als ob fie 
es dort ſo ausnehmend gut gehabt hätte. Aber man brauchte 
ſie und ſchäßte ſie. Die Univerſitätsbildung, die bekanntlich - 
England den Frauen über ein Vierteljahrhundert vor Deutjch- 
land freigab, hatte auf die Berufsbildung noch kaum einen 
Einfluß geübt. Die tiefe Unwiſſenheit der landläufigen eng- 
liſchen Erzieherin ließ auch das beſcheidene, aber ſicher ge- 
gründete Wiſſen der deutſchen höchſt ſchäzenswert erſcheinen ; 
ihre pädagogiſche und muſikaliſche Begabung kam dazu. Und 
ein Heer von gewiſſenloſen Agenten ſorgte dafür, daß immer 
wieder ein friſcher Nachſchub zur Verfügung ſtand; junge 
unerfahrene Mädchen, die ohne irgendwelche Zuflüchtsſtätte, 
faſt ohne geſeßlihen Schuß, nur zu oft dem traurigſten Ge- 
ſchid entgegengingen. 
In dieſe Zuſtände griff mit dem energiſchen Willen, dem 
tat» und hoffnungsfrohen Temperament und der genialen 
Geſtaltungskraft, die ihre glückliche Mitgiſt waren, Helene 
Adelmann ein. Auch ſie war als Erzieherin mit 23 Jahren 
nach England gekommen. Wer den Boden kennen lernen 
will, auf dem fie heranreifte und aus dem die elemen- 
taren Kräfte erwuchſen, die ſie zu ihrem LebenSwerk befä- 
higten, der leſe das köſtlich urwüchſige Buch: „Aus meiner 
Kinderzeit.“ Man begreift, wie ſchwer aber nach dieſem 
Kindheit8paradies die Bildungskämpfe ſein mußten, die ſie 
hinausführten, die ihr das umfaſſende Verſtändnis für alles 
Menſ<liche gaben und die Weite de8 Blicks, die ihre Leben3- 
aufgabe verlangte, und wie ſchwer auch die äußeren Kämpfe, 
die zur LosSreißung von der friedlichen Scholle führten und 
in den Lehrerinnenberuf hinein. 
An ſich ſelbſt und an anderen hatte fie Gelegenheit ge- 
nug, das üble Ausbeutungsſyſtem der engliſchen Agenten 
kennen zu lernen, das damals gerade in beſonderer Blüte 
ſtand. Sie erkannte, daß Abhilfe nur auf eine einzige Weiſe 
inöglich war: durd) einen Zuſammenſchluß der Erzieherinnen 
jelbſt. Jn einem kleinen Leſezirkel von vierzehn deutſchen 
Erzieherinnen gewann fie die erſten Jünger. Am 15. No=- 
vember 1876 wurde ein Bund zu gegenſeitiger Hilfe bei 
eintretender Stellenloſigkeit und zu gemeinſamem Kampf 
gegen das Agentenunwejen geſchloſſen. Jede3 der Mitglieder 
warb neue. Auf der einzigen Grundlage, auf der ein Verein 
gedeihen kann, auf der des Bedürfniſſes geſhloſjen und 
von einer ungewöhnlichen organiſatoriſchen Kraft geleitet, 
erwarb der Berein fich bald das unbedingte Vertrauen des 
Publifums und der deutſchen Lehrerinnen. Im zweiten Jahr 
ſeine8 Beſtehens war er j<on auf 400 Mitglieder ange- 
wachien ; ſpäter hat fich die Zahl faſt verdoppelt. 
Aber um den deutj<hen Erzieherinnen einen wirklichen 
feſten Halt in der Fremde zu geben, dazu war ein eigenes 
Heim notwendig. In raſtloſer Tätigkeit wurden die Sum- 
men „zujammengebracht, die den Grundſto> dafür bilden 
mußten. Nur mit Einſatz der ganzen Perſönlichkeit konnte 
es gelingen, die drei= und vierfache Aufgabe zu erledigen, 
Die die Aufbringung der großen pefuniären Mittel für den 
Erwerb der beiden Häuſer in Wyndham Place, die heute ver- 
waiſt ſtehen, der aufreibende Kampf mit den Agenten, die 
innere Organiſation des Vereins und -- ihr Erzieherinnen- 
beruf ſtellten. 
Denn lange Zeit hatte Helene Adelmann auch dieſem 
neben ihrer Vereinstätigkeit genügen müſſen. Im deutſchen 
Daheim in London hängt ein Bild aus jener Zeit, das die 
Friſche und Energie ahnen läßt, mit der fie ihre Aufgaben 
anfaßte. Und die Schilderung einer Mitarbeiterin aus jenen 
Tagen gibt ein lebendiges Bild ihrer raſtloſen Arbeit: „Die 
eigentliche Triebfeder in all dieſem Wirken, die Feuerader, 
die dem ganzen Organismus Leben und Wärme verlieh, 
der Knotenpunkt, in dem ſich ſeine weithin verſponnenen 
Fäden vereinigten, war Frl. Adelmann, die auch jezt noch 
ihres Erzieherinnenberufs treulih wartete und nur ihre 
freie Zeit den Arbeiten für den Verein zu- widmen ims= 
ſtande war. Und wie arbeitete ſie in den ihr bleibenden 
18 
 
freien Stunden de8 Tages! Das Haus ihrer Prinzipalin 
iſt nur drei Minuten vom Daheim entfernt. Um fünf Uhr 
abend8, wenn ihre Pflichten beendet ſind, eilt ſie hinüber 
ins Verein3bureau; mit ſicherer, beſtimmter Hand rafft ſie 
die Geſchäfts3fäden auf, die ſie am vergangenen Abend nieder- 
legen mußte, hört bi8 in3 kleinſte Detail die Ereigniſſe des 
Tages an und ſezt ſich dann an die eigene Arbeit, die 
Buchführung. Ihr klarer Kopf, ihr eminentes Konzentra- 
tionSvermögen helfen ihr in kurzer Stunde dieſelbe Arbeit zu 
bewältigen, zu der eine andere die doppelte und dreifache 
Zeit gebrauchen würde. Kein unordentlicher Hausbewohner, 
fein jaumſfeliger oder untreuer Dienſtbote iſt vor ihr ſicher = 
immer fällt das ſcharfe Auge gerade auf das, was jich geri 
verbergen möchte, aber immer geht von dem ſtrahlenden 
Bli>d auch Liebe, Wohlwollen und Ermutigung für alle ſis 
Umgebenden aus.“ | 
Auf die Dauer ging es natürlich mit diejer drei- und vier- 
fachen Belaſtung nicht. Wenn auch in Magdalene Gau=- 
dian eine vorzügliche Mitarbeiterin gewonnen war, die ſich 
ganz dem jungen Unternehmen widmen konnte, jo häufte 
ſich auch deren Arbeit bald ſo, daß ſie ſie nicht allein mehr 
bewältigen konnte. Und ſo gab Helene Adelmann dem Drän- 
gen der Mitglieder nach und zog im Jahre 1883 in das3 
Daheim ein, in dem nun beide Vorſteherinnen, in glück- 
licher Weiſe einander ergänzend, gewirkt haben, bis der Krieg 
jäh alle Fäden zerriß. = 
(E53 iſt nicht meine Aufgabe und hier auch nicht der Ort, 
die Geſchichte des engliſchen Vereins zu ſchreiben; ſie wird 
uns hoffentlich von berufener Hand zuteil werden. Nur in 
wenigen Worten habe ich das eigentliche Leben8werk von 
Helene Adelmann berühren wollen, um ihre Bedeutung für 
die deutſchen Lehrerinnen zu kennzeichnen. | 
Sie hat nicht nur darin beſtanden, daß ſie ihnen Obdad). 
und Schuß geſchaffen, daß ſie ihre Stellung in England 
zu heben wußte, ihre Gehaltsbedingungen zu verbeſjern : 
ſie hat vor allem auch die vaterländiſche Aufgabe zu ex- 
füllen verſtanden, deutſche Bildung und deutſche Pädagogik 
in England zu immer höherer Schäzung zu bringen. Jhr 
Herz war ganz deutſc< geblieben, bei aller unbefangenen An=- 
erkennung deſſen, was die Fremde bot, und ihr gutmütiger 
und doch jo beſhämender Spott traf jede „Engländerei“, die 
Neulinge wohl einmal in dem ganz deutſch gebliebenen 
„Daheim“ zur Schau zu tragen verſuchten. 
Die Teilnahme an allen Beſtrebungen, die im alten Vater- 
lande der Hebung der Lehrerinnenbildung dienten, führte fie 
Pfingſten 1890 zu der Lehrerinnenverſammlung in Fried- 
richroda, aus der die Gründung des Allgemeinen Deutſchen 
Lehrerinnenverein3s hervorging. 
Im Sturm gewannen die neuen Aufgaben, die ſich hier 
boten, ihr Herz. Als einen der erſten führte ſie den großen 
engliſchen Verein der neuen Gemeinſchaft zu. Als ihre 
Sonderaufgabe im Vorſtand des Allgemeinen Deutſchen Leh- 
rerinnenvereins8 ſah ſie es au, „den Sternguckern für den 
Drotkorb zu ſorgen“. Mit glücklicher Hand organiſierte ſie 
unſere Stellenvermittlung, der bis zum Sc<luß ihre Für- 
jorge galt. Und aufs neue durften deutſche Lehrerinnen den 
Segen ihrer jelbſtvergeſſenen Arbeit empfinden, diesmal im - 
eigenen Lande. 
Und ein drittes Mal hat ſie eingreifen dürfen in die Ge- 
j<ichte der deutſhen Lehrerinnen. Um die Jahrhundert= 
wende etwa wurden die Änderungen immer fühlbarer, die 
im englijhen Frauenbildung5wejen eingetreten waren und 
die mehr und mehr die deutſche Erzieherin in den Hinter- 
grund drängten. Die Errichtung zahlreicher guter Mädchen- 
ſchulen verminderte das Bedürfnis nach Erzieherinnen über=- 
haupt. Die engliſMen High Schools und Univerſitäten ver- 
mittelten den Mädchen die gleiche Bildung wie den Knaben; 
mehr und mehr verlangte man da38 auch von der Erzieherin. 
Die „accomplishments“ ſanken im Kurſe; Latein und Max- 
thematif, den Ddeutjh<en Lehrerinnen noch als unweiblich 
ferngehalten, war nun durch die ſchließlich doch bequemere
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.