Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Öſterreich. handelte € 8 fich um mehr als um die Erwerbung 
einer Provinz! 
E3 dauerte noch lange -- bis 1850 --, ehe Preußen eine 
Verſaſſung erhielt, aber den Anfang dazu durch die Ex- 
weckung des Sinn3 für öffentliches Leben und Gemeinjc<aft 
gab Stein mit der Städteordnung, die die bürgerliche 
Selbſtverwaltung einrichtete und Untertanen in „Bürger“ 
wandelte. Das Werk Friedrichs des Großen wurde ſortge- 
jezt durg BiS8mar>, der ſich als geiſtiger Nachfolger 
Friedrich3 Il. anſah, der das Deutſche Reich, den National- 
ſtaat, und mit dem Reichstag den Verfaſjungs8ſtaat 
jchuf. 
Mit der Nennung der beiden größten Staat3männer, die 
den preußiſch-deutſchen Bau fügen halfen, iſt eine neue 
Antwort auf die Frage nach dem „ſtaatlichen Wirken der 
Hohenzollern“ vorbereitet. Dieſelben haben es verſtanden, 
großen Männern die Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer 
Jdeen zu geben. Wilhelm I. iſt nicht ohne Zögern und inneren 
Kampf in einen geſchichtlichen Abſchnitt = die Reichsgrün- 
dung -- hineingegangen. Er war vor allem Preuße und 
fürchtete das Zurückdrängen altpreußtiſcher Art durch den 
neuen Reich8gedanken. Aber er hat ſich mit der Größe der 
Selbſtbeſcheidung den Forderungen der Zeit gefügt und die 
große Löſung der Reichsidee Bi8mar> mit Dank und An- 
erkennung überlaſſen. Und ſchließlich iſt auch er, Wilhelm 1., 
von der Größe des Auſſtiegs, von dem Umfang der Macht, 
von der bedeutenden Miſſion ſeines Hauſes ergriffen ge- 
weſen, die die urſprünglichen Burggrafen von Nürnberg von 
der märkiſchen Kurwürde zur preußiſchen Königsherrſchaft 
und ſchließlich zum deutſchen Kaiſertum führte. 
- Aber mit der Erreichung dieſes Zieles war die Entwicklung 
nicht abgeſchloſſen. Das neue Reich ſchuf neue Aufgaben. 
Mit den Worten „Induſtrialiſierung Deutſchlands“, „„Teil- 
nahme am Welthandel“ ſind einige der neuen Richtlinien 
gegeben. Von niemand wurden die Forderungen der Zeit 
deulticher erfannt als von Wilhelm 11. Er iſt der Kaiſer, 
der ganz moderner Monarch iſt, der den Stimmen der Ma- 
Ihinen mit Verſtändnis lauſcht, die modernen Mittel des 
Verkehr3 und der Technik mit Meiſterſchaft benutzt, aber 
auch dafür ſorgt, daß die Errungenſchaften nicht toter Me- 
<JhaniSmus jind, der die lebendige Menſc<henkraſt dahinter 
achtet und jo dur< 25 FRegierungöjahre vorbereitete, was 
Naumann mit dem Wort vom „ſozialen Kaijertum“ au3- 
drückte. Auch darin, daß ſich diejes Werk nicht in Frieden 
vollenden konnte, müſſen wir einen tieferen Sinn ſuchen, 
wenn es uns jezt auc< no< ſchwerfällt. Doh finden wir 
ihn: Die bedeutendſten Zeichen ſeiner Lebensfähigkeit und 
Unüberwindlichfeit hat der von den Hohenzollern geſührte 
Staat ſtet3 gegeben, wenn der Anprall von allen Seiten 
am heftigſten war und alle äußeren Hilfen verſchloſſen 
ſchienen. Dann erſt erhob ſich die innere Widerſtandskraft 
von Fürſt und Volk zu ihrer vollſten Bewußtheit. So war 
es unter Friedrich 11; jo iſt es jezt unter Wilhelm 11. 
Die Geſchichte dex 500 Jahre iſt ſcheinbar zunächſt nur 
die Geſchichte eines Territoriums: der Mark, die nach dem 
alten ſlawiſchen „„Brennabor“ den Namen erhalten hat; 
und eines auch aus jlawiſchen Anfängen hervorgegangenen 
Koloniallandes, das gleichfalls nach der ſlawiſchen Urbe- 
völferung, den Pruzzen, benannt iſt, in das das ſc<hwä- 
bijche, jüddeutjche Geſchle<ht der Zollern verpflanzt wird. 
Aber dieſes Land iſt mehr als nur der Boden, auf dem 
ſich die jahrhundertelange Leiſtung eines Herrſc<erhaujes 
auswirkt: wie Deutſchland oft als die Mitte Europas be- 
zeichnet und daraus ſeine weltgeſchichtlihe Aufgabe abge- 
leitet wird, ſo iſt = in vielfachem Sinne =- die Branden- 
burger Mark das „„Herz der deutſchen Lande“. Und darum 
iſt ihre Geſchichte die aller Deutſchen. Wie ſich das Land 
vom Ständeſtaat des Kurfürſten Friedrichs 1. zum abſoluten 
Staat des Großen Kurfürſten und Friedrichs des Großen 
und zum Nationalſtaat Wilhelms 1. entwicelte, ſo iſt es in 
den ſozialen Wohlfahrtsſtaat Wilhelms I]. hineingewachſen, 
 
der zugleich Weltmacht iſt und ſein muß. Aber nie iſt dieſent 
Staat ſein Fortſchreiten leicht gemacht worden. Erſt nach, 
heißem Kampf konnte Friedrich der Große der Schöpfer der 
„Großmacht“ Preußen werden; durch ein blutigeres, opfer- 
reicheres Ringen muß ſich Deutſchland ſeinen Plaz in der 
Welt ſichern, damit es „das größere Deutſchland“ werde. 
Die Hoffnung auf einen jolchen Ausgang des Krieges iſt 
erwachſen aus dem unverleßlichen Glauben an Deutſchlands 
beſondere Aufgabe in der Welt, und dieſer Glaube ſchafft 
die Einheit zwijchen Volk, Vaterland und Herrſcherhaus, 
deren Geſchi>e, dur< Jahrhunderte gemeinſamen Erleben3, 
unlö3lich miteinander verbunden ſind. | | 
Friedrich VL, Burggraf von Nürnberg. 
Von Rektor Richard Herrler. 
Am 21. Juni des Jahres 1412 ritt durch die Tore von 
Brandenburg, der alten Hauptſtadt der Mark, ein ſtattlicher 
Zug von Reitern ein. E38 war der Burggraf Friedrich VI. 
von Nürnberg, umgeben von einem glänzenden Gefolge frän- 
fiſcher Ritter. Auch die Nachbarfürſten, die Herzöge Rudolf 
und Albert von Sachſen und die Grafen von Schwarzburg, 
zu deren Familie der damalige Erzbiſchof von Magdeburg 
gehörte, waren erſchienen, um an dem feierlichen Zuge teil- 
zunehmen. Friedrich war gekommen, um die ihm vom Kaiſer 
Sigmund übertragene Statthalterſchaft zu übernehmen. Zwar 
hatte er dieſes Amt ſchon vor einem Jahre erhalten, war 
aber biSher durch dringende Geſchäfte abgehalten worden, 
daöjelbe anzutreten. Jezt aber war er frei und war gekom- 
men, die Zügel der Herrſchaft feſt in die Hand zu nehmen. 
Die Einkünfte der Hohenzollern aus dem Amt der Burg- 
grafen von Nürnberg und der damit verbundene Landbeſiß 
waren nur klein. Als Wohnjig diente z. B. nicht das Schloß 
in Nürnberg, deſſen Schuß den Nürnbergern übertragen war, 
jondern nur eine enge Feſte daneben. Wichtiger war, daß 
mit dem Burggrafenamt der Oberbefehl über die kaiſerlichen 
Mannen und das Landgericht in Franken verbunden war. 
Tropßdem hatte es die Familie Hohenzollern verſtanden, ' 
durc) jparjame Wirtichaft und kluge Politik ihr Beſitztum 
durc< Kauf und Heirat ſo zu vergrößern, [ſo daß ſie legten 
Endes über die beiden Herrihaften An3bach und Bayreuth 
verfügte. Als der Vater Friedrichs 1398 ſtarb, da teilten ſich 
die beiven Söhne jo das Land, daß Johann das Oberland 
und Friedrich das Niederland erhielt. Doch das Land war 
dur<g Ankauf neuer Gebiete und Erbſchaft3teilungen ver- 
jhuldet. Darum bot Friedrich ſeine Dienſt dem König Sig- 
mund an, der ihn bereitwillig aufnahm. 
In des Königs Dienſten bewährte ex ſich ſo, daß dieſer 
jon ein Jahr darauf von ihm rühmte; „daß die viel= 
fältigen, ruhmvollen und verdienſtlichen Taten Friedrichs 
zur Erhöhung des Glanzes der Majeſtät zum Vorteil des 
ganzen Königreichs, zum Aufnehmen des Gemeinweſens und 
zum Nußen der Einwohner“ geweſen wären. 
Wie jehr er Friedrich ſchätzte, erſehen wir auc< daraus, 
daß er ihm bei Ruprechts Tode die Verhandlungen über 
den Erwerb der deutjc<hen Kaiſerkrone übertrug. Die Ver=- 
hältnijſe lagen recht verwidelt, da drei Kandidaten aus dem 
Hauje Luxemburg ji darum bewarben. Zunächſt die bei=- 
den Brüder Wenzel und Sigmund und ihr Vetter Joſt 
von Mähren. Wenzel war zwar als Kaiſer abgeſeßt wor- 
den, doch wollte, er dieje3 nicht anerkennen. Jeder verfügte 
über zwei von den ſieben Kurſtimmen. Die ſiebente Kur- 
ſtimme der Mark beanſpruchte ſowohl Wenzel wie Sigmund. 
Die Wahl jollie am 20. September 1410 in der Bartholo- 
mäuskirche zu Mainz ſtattfinden. Dieſen Tag verſchob aber 
der Biſchof von Mainz eigenmächtig und ließ, damit eine 
Wahl völlig unmögli< würde, die Kirche verſchließen. Man 
hoffte ſo, die Gegner zu überrumpeln. Doch die Anhänger 
Sigmunds, die Kurfürſten von Trier und Pfalz ſowie Fried- 
rich als Vertreter Sigmund38 und der Mark ließen ſich da-
	        

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