Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Mutter. Sie macht ja weiter nicht8 als ſchneidern, e3 iſt ihr 
Verdienſt, ihr Beruf. Den Kindern. dämmert der Unterſchied 
zwiſchen gelernter Berufsarbeit und häuslicher Hilfsarbeit. 
Die Köchin bietet dasſelbe Beiſpiel. Die Kleinen ſind nun 
jehr eifrig im Suchen nach weiteren Wörtern, an welche 
man die Silbe in anhängen kann. Das lebendige Bei- 
ſpiel ſteht ja vor ihnen, wenn ihnen auch vielleicht der 
Unterſchied von Schneiders8frau und Schneiderin augen- 
fälliger iſt al8 der von Lehrers8frau und Lehrerin. Jeder 
fleine Jrrtum, der die Silbe in fälſchlich anfügt, ijt will- 
kommen, um da38 GErfaßtwerden noc< einmal zu jichern. 
Auch die Ärztin iſt den Kindern nicht jo unbekannt, wie 
manche vielleicht glauben. Dies Jahr hat der Krieg noch ſo 
manches in hinzugebracht, 3. B. die Shaffnerin. Man ver- 
ſäume nicht, die Schulung auch dieſer neueſten innen zu 
bejprechen. Ein offenes Geſtändnis der Lehrerin, daß ſie 
jelbſt nicht mehr imſtande wäre, Schaffnerin zu werden 
(= ich denke an mich! =-), würde kleinen Beſinnlichen die 
Belehrung darüber veranſchaulichen, daß eine Perſon nicht 
für alles paßt, und daß jede jich das vorher überlegen muß, 
ehe jie einen Beruf zu erlernen anfängt. Überhaupt muß 
nun jede aufſchreiben, was ſie einmal werden will; Fehl- 
griffe in der Berufswahl überſehen wir vorläuſig. 
Ganz natürlich und ſelbſtverſtändlich kommt den Kindern 
dieſe Frage vor und ſpielt ihre Rolle im kleinen Köpfchen weiter. 
Im Anſchauungsunterrichte werden bei uns Handwerker- 
berufe behandelt. Selbijtverſtändlich wählt man dazu in Mäd- 
d<enktlaſſen die ihnen wohlbefannte Schneiderin und Pußma- 
<erin, oder man fügt bei, daß es auch Goldſchmiedinnen und 
Buchbinderinnen gebe, und erzählt, daß dieje aber jehr ſchön 
zeichnen können und die Kunſtgewerbeſchule beſuchen müßten. 
Man gewöhne ſie, wo man ſich in der Klaſſe auch nur bei 
einigen Kindern Erfolg verſpricht, an den Gedanken, daß erſt 
das Lernen, dann „die Stelle“ kommt. Auch in unſeren ein- 
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fachſten Volksſ<ulen ſizen doch wohl in jeder Klaſſe we- 
nigſtens einige, denen. dies Ziel erreichbar gemacht werden 
fann. Denn ac<! wer mit 14 Jahren eine „Stelle“ ſucht, 
der wählt überhaupt ſelten einen Beruf, der wechſelt mit der 
Stelle den Beruf und jagt der Stelle nach, die am beſten 
im Arbeitö8markt daſteht. Darum ſei dies unſer ſeſtes Ziel, 
den Mädchen, die fo glücklich ſind, einen Beruf erlernen zu 
können, auch dazu zu verhelfen. 
Nach und nach muß man ſie aber den Ernſt der Lage 
kennen lernen. Sie müſjen erfahren, daß bei uns die Er- 
ternung3möglichfeiten für die Mädchen ſehr erſchwert jind, 
daß alle Pläße ſchnell und lange vorher vergeben werden 
und dann nur an die Tüchtigjten. Man ermuntere ſie, 
hier Willensſtärfe zu beweiſen und alle ihre Kräfte auf 
das Ziel zu richten, das ſie vor Augen haben. Solche 
Mädchen, bei denen die Berufsberatung einen Teil ihrer 
Crziehung bildete, bedürfen dann kaum mehr dieſer Beras 
tung; ihnen heißt's nun, die ferneren Mittel und Wege zu 
ihrem Ziele anzuweiſen, Auſnahme in eine Schule oder in 
eine Lehrſtelle. Zu dieſer wird die Zentralſtelle verhelfen, 
bei jener werden ſie wohl unjeren Beiſtand benötigen. 
Wie ſteht es mit den Eltern? Auch fie tüſſen durch 
uns ausführlich und längere Zeit vorher für die Sache 
lebendig gemacht werden. Ladet zu den Elternabenden, die 
zu dieſem Zwecke veranſtaltet werden, nicht bloß die Eltern 
der Konfirmanden, ſondern alle ein! Jm lezten Winter iſt's 
zu ſpät. Und laßt da Vertreterinnen verſchiedenſter Berufe 
Anſprachen halten, damit der Augenſchein mit überzeugen hilft. 
Verſäumt nicht, den beſten Augenſchein ſelbſt zu bieten, 
das Beiſpiel von jemand, der ſic zufrieden und glücklich 
in ſeinem Berufe fühlt und dies fröhlich bekennt. 
Erzählt Eltern und Kindern von den trüben Erfahrungen, 
die uns der Krieg in bezug auf die geringe Erwerbstüchtig- 
feit gewiſſer Frauen- und Mädchenkreiſe brachte, von den 
armen Weſen, die ihre Eltern ohne jedes Prüfungszeugnis 
hatten hinaus ins Ausland wandern laſſen, von den ratlojen 
Töchtern, die einen Beruf ſuchten, welcher ohne Zeit» und 
 
Geldkoſten „ergriffen“, aber nicht erlernt werden ſollte, vsn 
den Frauen, die einen Beruf „nicht nötig“ gehabt hatten und 
nun auſ eigenen Verdienſt angewieſen waren. Solche arme 
Wejen darf es von jezt an gar nicht mehr geben, e8 muß 
den Eltern GewiſſensSſache werden, auß der Tochter die 
Wohltat und den Schuz eines beſtimmten Berufes zu gewähren. 
Soll aber dieſer Weckruf an das Gewiſſen der Eltern 
nicht verhallen, jo muß er ſeinen Widerhall in der Seele 
der Töchter finden. Alle Zweige des Unterrichts ſollen den 
Anteil der Frau an der Kulturarbeit beleuchten und die 
Überzeugung widerſpiegeln, daß die Schülerin nur durch 
planmäßig Gelerntes und Geübte8 eine brauchbare Arbei- 
terin in ihrem jeweiligen Arbeit3gebiete werden kann; der 
Geſinnungsunterricht dur<dringe ihre Seele mit dem Wun- 
jhe, dereinſt nicht bloß eine Stelle zum Geldverdienen zu 
juchen, ſondern eine Stelle in einem Berufe und damit einen 
Plaß inmitten ihres Volkes zu erringen und auszufüllen. 
Iſt in den Mädchen dieſer Wunſch erwacht, ſo wiſſen ſie 
auch die ganze bedauerliche Jämmerlichkeit de3 bekannten: 
„Meine Tochter hat das nicht nötig!“ zu beurteilen; dann 
verden ſie ſich auc<h dagegen wehren, ihre beſten Lernjahre 
ven Unternehmern „wiſſenſchaftlicher Kurſe“ opfern zu laſſen 
oder andere Tändeleien als Arbeit wichtig zu nehmen. Sie 
werden ſich ihren Weg ſelbſt ſuchen und gern die Wegweiſer 
der Beratungsſtellen dazu erkunden gehen. 
So, von innen heraus erwachſend, nicht nur von außen 
an jie herangebracht, wünſche ich mir die Beruf8wahl unſerer 
Töchter. 
Soziale Rundſchau. 
Ausſc<uß für ſoziale Hilfsarbeit im Landesverein 
Preußiſcher Volksſhullehrerinnen. 
Die Einrichtung und Lehrpläne der Mädhenfortbildungsſchule 
in Preußen betrifft ein neuer Erlaß des preußiſchen Handelsminiſters 
an die Regierung3präſidenten, der hauptſächlich den Begriff 
des hauswirtſ<haftlichen Unterricht3 klarſtellt: 
„Die in dem Erlaſſe vom 6. November 1913 getroffene 
Anordnung, daß der hauswirtſchaftliche Unterricht als ver- 
bindliches Fach in die Lehrpläne der kaufmänniſchen und 
gewerblichen Pflichtfortbildungsſchulen für Mädchen aufzuneh 
men ſei, iſt, wie die inzwiſchen über die Einrichtung ſolcher 
Schulen gepflogenen Verhandlungen ergeben haben, vielfach 
irrtümlich aufgefaßt worden. Man hat unter hauswirtſchaft- 
lichem Unterricht lediglih Ko<hunterri<ht verſtanden und 
hiervon ausgehend ſich gegen die weitgehende Berücſichtigung 
dieſes Faches gewandt. Demgegenüber weiſt der neue Erlaß 
darauf hin, daß es ſich bei dem hauswirtſchaftlihen Unter- 
rit in den Pflichtfortbildung3ſchulen um die Pflege der 
Fertigkeiten und Kenntniſſe handelt, deren die Mädchen ſpäter 
im häuslichen Leben auf jeden Fall bedürfen, ob ſie nun 
"gewerblich tätig bleiben oder nicht, und die ihnen vollends 
unentbehrlich ſind, wenn die Aufgaben der Gattin und Mutter 
an ſie herantreten. Der hauswirtſchaftliche Unterricht darf 
daher nicht nur das Kochen umfaſſen, ſondern ex muß auch 
no< berücſichtigen: in jedem Falle Nahrungs3mittellehre 
und hau5Swirtſhaftliche Buchführung, Hau3arbei- 
ten (Reinigen, Waſchen und Plätten), Nadelarbeiten (Weiß- 
nähen, Schneidern, Ausbeſſern und Umändern von Kleidung3- . 
und Wäſcheſtü>en), ferner Geſundheit3lehre und, wenn 
möglich, auch Kinder- und Krankenpflege. Au8 den 
örtlichen Verhältniſſen wird ſic< im Einzelfall ergeben, auf 
welche Teile dieſes Lehrſtoffes beſonderer Wert zu legen iſt, 
und welche Teile mehr in den Hintergrund treten können. 
Hierauf wird beſonders auc<h die verfügbare Zeit von Ein- 
fluß ſein.“ -- Der Miniſter „erſucht ſodann, das hier Aus- 
geführte bei Verhandlungen mit Gemeinden uſw. über Er- 
richtung von Müödchenfortbildungsſchulen und bei Begutachtung 
der Lehr- und Stundenpläne beſonder38 zu berückſichtigen... 
Eine Fürſorgeſtelle für Kriegerwitwen- und Waiſen in Char- 
lottenburg iſt im Anſchluß an die Vereinigung für Wohltätigkeit3:
	        

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