Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Behaufungen herangegangen werden, da die ganz unbemitrel- 
ten Schichten nicht in der Lage ſind, beſſere Wohnungen zu 
bezahlen. Der Mangel an Kleinwohnungen wird noch dadurch 
verſchärft, daß auch Kreiſe, die mehr bezahlen könnten, aus 
falſch angebrachter Sparſamkeit an der Miete ſparen wollen. 
Erſt allmähliche Aufklärung und Erziehung zu beſſeren Wohn- 
ſitten wird hier Abhilfe ſchaffen. Im Juni 1914 hat die 
Gemeindeverwaltung auf Anregung der Wohnungsaufſicht hin 
beſchloſſen, den Bau von Kleinwohnungen durch gemeindliche 
Maßnähmen zu Fördern. 
Squſlgeldbeihilfe für die Kinder der Einberufenen ſichert 
ein Erlaß de3 preußiſchen Kriegsminiſter8 an ſämtliche General- 
kömmando3: Für die ſchulpflichtigen Kinder der Mannſchaften, 
die a) aus dem Beurlaubtenſtande zum aktiven Dienſt ein- 
berufen oder b) freiwillig unter oder ohne Vertragsabſchluß 
- in den aktiven Dienſt eingetreten ſind, kann das Volksſchuldgeld 
voll und für die höhere Schulen beſuchenden Kinder, die in 
der Verfügung vom 15. Auguſt 1914 erwähnte Schulgeldbei- 
hilfe gewährt werden. Den Mannſchaften de38 Beurlaubten- 
ſtandes ſind die zum aktiven Dienſt einberufenen Mannſchaften 
ves Landſturmes gleichzuachten. 
Fürſorgeerziehung betreffend erläßt der Miniſter des Innern 
fjolgende3: „Durch da3 Geſeß vom 7. Juli 1915, betreffend 
die Abänderung de3 Geſees über die Fürſorgeerziehung vom 
2. Zuli 1900, erfährt 8 1, Abi. 1 eine weſentliche Änderung 
Während außer den Vorausſezungen des 8 1666 oder des 
8 1838 de3 BGB. nach dem bisherigen Rechte von dem Vor- 
mundſchaft5gerichte geprüft wurde, ob die Fürſorgeerzie- 
hung erforderlich war, um die Verwahrloſung des Min- 
derjährigen zu verhüten, iſt nach der neuen Vorſchrift ledig- 
lich feſtzuſtellen, ob eine anderweitige Unterbringung 
des Minderjährigen zu dieſem Zwecke notwendig iſt und ob 
eine geeignete Unterbringung nicht ohne Inanſpruchnahme 
öffentlicher Mittel erfolgen kann. Der Zwe> dieſer Geſeße3- 
änderung iſt, dem vorbeugenden Charakter de38 Für- 
ſorgeerziehungs8geſezße8 in höherem Maße Gel- 
tung zu verſchaffen, als dies bis jezt möglich war. 
Soll dieſer Zweck erreicht werden, ſo muß überall da durch 
die Antragsbehörden rechtzeitig eingegriffen werden, wo eine 
Belaſſung de8 Minderjährigen in ſeinen Verhältniſſen die Ge- 
fahr der Verwahrloſung in ſich birgt. Es muß erwartet werden, 
daß die Antragsbehörden dieſer Pflicht gewiſſenhaft nachkom- 
men. Geſchieht dies, ſo werden demnächſt zahlreiche Minder- 
jährige der Fürſorgeerziehung überwieſen werden, für deren 
ordnung5mäßige Unterbringung ſeitens der im 8 14 des Ge- 
jezes8 vom 2. Juli 1900 bezeichneten Kommunalverbände Sorge 
getragen werden muß. Da e8 ſich vorwiegend um ſolche Minder- 
jährige handelt, die dem ſittlichen Verderben noch nicht an- 
Veimgefallen ſind, ſo wird die Familienerziehung in erſter 
Linie und nur in ſeltenen Ausnahmefällen die Anſtalt35erziehung 
in Frage kommen. Die Kommunalverbände werden deSshalb 
mehr wie biSher darauf Bedacht nehmen müſſen, ſich eine 
ausreichende Anzahl von Familien zu ſichern. Bei 
Deren Ermittlung werden ſie von den in den einzelnen Pro- 
vinzen vorhandenen Organiſationen derfreien Liebe3- 
tätigkeit, wie ich annehme, gern unterſtüßt werden, wie 
dies auch jezt ſchon in dankenswerter Weiſe geſchieht. 
Selbſtverſtändlich iſt es nicht der Zwe> der Novelle, alle 
gefährdeten Kinder unbedingt der Fürſorgeerziehung zuzufüh- 
ren. Es wird vielmehr in allen den Fällen, wo ſich bisher 
ſchon die freie Liebestätigkeit ſolcher Kinder angenommen hat, 
auch in Zukunft dieſe Arbeit unbehindert forigeſeßt werden 
können, ſofern die Vereine, welche die Sorge für Unterbrin- 
gung und Erziehung gefährdeter Kinder übernehmen, die exr- 
forderlichen Mittel beſißen und als geeignet zur Erfüllung 
dieſer ihrer Aufgabe anzuſehen ſind.“ | 
Segensreiche Erfolge der Kriegstrauungen. Allen Ange- 
hörigen der bewaffneten Macht, die dur< die Mobilmachung 
betroffen ſind, ermöglicht die Kriegstrauung noc< vor ihrem 
Auzgrücen in38 Feld, durch ſofortige Eheſchließung die An- 
erkennung der vor der Ehe geborenen Kinder zu 
 
erwirfen, wodurch die betreffenden Kinder nicht nur den 
Namen des Vaters erhalten, ſondern auch alle Rechte der 
ehelich geborenen Kinder. Da 23 erfahrungs8gemäß immer noch 
vorkommt, ſei es aus Unkenntnis oder anderen Gründen, daß 
die Anerkennung unterbleibt, wird darauf hingewieſen, daß 
die Anerkennung auch im Felde auf Antrag de8 Vater3 
vor dem Kriegsgericht der Diviſion gültig ausgeſprochen wer- 
den kann. Auch wenn die Eheſchließung nicht ſtattgefunden hat 
oder die Mutter des Kinde3 nicht mehr am Leben iſt, kann 
die Anerkennung der Vaterſchaft durch einen im Felde ſtehen 
"den Soldaten von dem Kriegs8gericht entgegengenommen wer- 
dem. Das Kind erhält dadurch zwar nicht die Rechte eineSi 
ehelichen und behält auch den Namen der Mutter bei, eint 
ſolche Anerkennung würde aber als Unterlage für etwaige 
Kriegsunterſtüßung von weſentlichem Werte ſein. Koſten ent- 
ſtehen durch die Anerkennung nicht. 
Unſer Kriegserlebnis. 
Von Dr. Max Brahn, Leipzig. 
Wer dem Kriege ſehr nahe ſteht und ſeine äußeren For- 
men ins Auge faßt, dem erſcheint er wohl nur als Men- 
jchenmord und Verwüſtung, denen ein Sinn nicht abzu- 
gewinnen ijt.*) Eine andere Anſicht gewinnt ſchon der, der 
da erwägt, welches die Mittel ſind, mit denen der Krieg 
durchgeführt wird. Sowohl die perſönlichen Eigenſchaften 
der Menſchen, wie die Fähigkeiten der Staaten zur Orga- 
niſation werden im Kriege auf die ſtärkſte Probe geſtellt, 
und von ihnen hängt der Ausgang zum großen Teil ab. 
Noch weiter dehnt ji das Blickfeld desjenigen, der über- 
legt, auf welchen großen geijtigen Geſamteigenſc<aften Staat 
und einzelner ruhen, und wie durc<4 die Kriege die geſamte 
geiſtige Entwicklung von Staaten und Menjc<en beeinflußt 
wird. Da zeigt ſi ihm, wie häufig die Notwendigkeit, 
ji< gegen den äußeren Feind zu verteidigen, die Grundlage 
der grüßten inneren, geiſtigen Reformen iſt, und wie im 
Kriege geiſtige Veränderungen des Volkes, die man ſonſt nur 
wie im Schattenriß ſah, nun lebendig und anſchaulich vor 
Augen treten. Da wird der Krieg zur Probe dafür, wieviel 
die geiſtigen Strömungen der vor ihm liegenden Zeit wert 
geweſen jind, und zum Anreiz dafür, dieſe Strömungen, 
joweit jie jich bewährt haben, nun zu organiſieren, zu ſtär- 
fen, bewußt zu geiſtigen Mächten zu machen. Man b.aucht 
ja nur daran zu denken, was die Befreiungskriege für 
Deutjichlands geiſtiges Leben bedeuten, wie ſie einerſeits durch 
das geſamte Geiſtesleben der deutſchen Klaſſiker in Lite- 
ratur und Philofophie vorbereitet werden, und wie ſie ande- 
rerjeit3 die Entwicklung des deutſchen Geiſtesleben3, beſon- 
ders in all den Dingen, die mit Erziehung und Bildung 
zuſammenhängen, beſtimmen. Beſtimmte geiſtige Eigenſchaf= 
ten des Volkes erweiſen ſich als wertvoll; ſie zu erziehen, 
wird eine Aufgabe, die der Staat im eigenen Intereſſe für 
nötig hält. Und neue Formen der Erziehung und Bildung 
tauchen auf, nicht aus unbekannten Tiefen und nicht plöß- 
lich, jondern aus Wahl alles deſſen, iwas ſchon lange als 
fortſchrittliche Jdee vorhanden war, und über deſſen Be= 
rechtigung jonſt noch lange geſtritten worden wäre. 
Wie der jezige Krieg zum Beginn einer neuen geiſtigen 
Epoche wird, das ſchildert in meiſterlicher Weiſe der Bremer 
Domprediger Ludwig Jacobskötter in „Unſer Kriegs8- 
erlebnis“ ?) mit einer Anſ<haulichfeit und Wärme, die jedem 
1) Wir bringen dieſe eingehende Beſprechung aus der Jeder 
des befannten Pſychologen, des wiſſenſchaftlichen Leiters des 
Inſtitut38 in Leipzig, wenn wir auc< nicht allen Anſichten 
deSſelben bedingungs3lo3 zuſtimmen und namentlich der erſten 
Behauptung Beweiſe aus Feldpoſtbriefen und Tagebüchern ent- 
gegenſtellen können, die da zeigen, wie gerade von den Kämpfern 
an der Front der tiefe Sinn, die ſittlich ſteigernde Kraft der 
Hingabe und Selbſtaufopferung erlebt werden. 
Die Schriftleitung. 
2) Ludwig Jacobs38kötter, Unſer Kriegserlebnis. In ſeiner 
geiſtesgeichichtlichen Bedeutung dargeſtellt. VI und 90 S. Leipzig, 
Veit & Co. 1,30 4. “ SER
	        

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