heit der Bewegung, au38 dem von Jeld und Wald und nicht
von ſchüßenden Mauern umgebenen Heim entwichen ſei; alle
waren pünktlich und fröhlich von ihren Urlaubsreiſen zu den
Angehörigen wieder zurückgekehrt. Inzwiſchen hat allerdings8
das Kriegsjahr unſeren Stolz etwas abgeſchwächt. Aber es
wäre ja auch geradezu ein unheimliches Wunder geweſen, wenn
unſere wanderluſtigen, ſchwer erziehbaren Pſychopathen nicht
auch von der Aufregung dieſer zu Abenteuern mehr als je
anreizenden, unruhigen Zeit ergriffen worden wären.“
Die Fürſorgeſtelle beim Kgl. Polizeipräſidium hat durch den
Krieg eine außerordentlich vermehrte Arbeit erhalten, die vor
allem durch die Überweiſung der bedürftigen Flüchtlinge aus
Oſtpreußen. hervorgerufen wurde; da ihre Überſicht genau mit
dem Jahre 1914 abſchließt, von dem ſieben Monate der Frie-
den3- und fünf der Krieg8zeit angehören, ſo bieten ihre Zahlen
wohl einen Beweis für die durch den Krieg geſteigerte Not,
aber nicht für eine geſteigerte Gefährdung der Jugendlichen.
Ander3 ſteht e3 bei den Mitteilungen der Jugendgerichtshilfe
und der Beratungsſtelle. Sie weiſen ſchon in das Jahr 1915
hinein und laſſen deutlich erkennen, daß der Anfang des
Krieges zunächſt fördernd auf die Jugend wirkte, daß aber
bald ein ſchädlicher Einfluß ſich geltend machte. Im Bericht
über die Jugendgericht3hilfe heißt e38: „Von Dezember an machte
ſich ein Steigen der Fälle bemerkbar. Dieſes Steigen hat
ſeither nicht nur angehalten, ſondern iſt noch bedeutend ſtärker
getvorden. Infolgedeſſen werden wir im nächſten Berichts-
jahre wieder mit größeren Zahlen rechnen müſſen.“ Und im
Berichte der Beratungsſtelle heißt e35: „Dem hinreißenden
Schwunge, der glühenden Begeiſterung der erſten Wochen, die
von Kindern wie von Erwachſenen die Erfüllung jedes Opfers
möglich machte, folgte bei vielen Kindern Erſchlaffung oder
Überreizung.“ Die Beratungsſtelle hat im allgemeinen mehr
mit Mädchen, die Jugendgerichtshilfe mehr mit Knaben zu
tun; denn der Knabe läßt ſich leichter zu offenen Straftaten
hinreißen, während das Verderben des Mädchens in ſittlicher
Beziehung es nicht gleich mit dem Sirafrichter in Berührung
bringt. Die ſittliche Gefährdung dex Mädchen aber hat im
Kriege leider ſtark zugenommen. Der Bericht ſagt darüber:
„Tatſache iſt = die Überfüllung der Erziehungsanſtalten beweiſt
e8 -, daß eine erſchrefende Anzahl von Mädchen leichter
denn je der Verſuchung unterlag. Die biSher im Vergleich
zu der der männlichen Jugend vernachläſſigte Erziehung und
Pflege der weiblichen rächt ſich jekt bitter und zeigt die Not-
wendigkeit, dieſe immer hintangeſeßte Aufgabe ohne Berzug
in Angriff zu nehmen.“
Aus dieſer Krieg3not der Jugend ſind nun einige Einrich-
tungen der Deutſchen Zentrale hervorgewachſen, über die noch
furz berichtet werden ſoll: ein Kriegskindergarten und
ein Krieg38mäd<Henheim. Den Kriegskindergarten richtete
die Zentrale auf Veranlaſſung des Magiſtrats von Berlin ein,
der ihr einen Zuſchuß zu den Koſten zur Verfügung ſtellte.
80--85 Kinder -=- zeitweiſe bis 130 -- werden dort nach den
Grundſäßen des Peſtalvzzi-Fröbel-Hauſes erzogen und verpflegt.
Auch die Beeinfluſſung des Elternhauſes durch Eltern- und
Mütterabende läßt man ſich angelegen ſein. Das Kriegsmädchen=-
heim iſt dagegen auf Grund eine3 Geſuches der Zentrale an
die Städtiſche Verwaltung geſchaffen worden. Dieſe ſtellte dar-
auf im Städtiſchen Obdach (Abteilung Familienobdach) einen
Raum mit 12 Betten zur Verfügung, abgeſchloſſen von den
anderen Inſaſſen des Hauſes. Die Mädchen erhalten dieſelben
Speiſen wie die Obdachloſen, reichlich und gut, wenn ſie
in ver Lage ſind, zu bezahlen, zu einem Tagespreis von
90 Pfennig, andernfalls unentgeltlich. Etwa 120 Mädchen, die
hilflo38 in Berlin daſtanden, =- entlaſſene Dienſtmädc<hen oder
Arbeiterinnen, von außerhalb zugereiſte Arbeitſuchende, =- haben
im Laufe des Jahres hier Zuflucht und Unterkunft, Rat und
Ermutigung, Anleitung zu häuslicher Arbeit und ſc<ließlich
auch wieder Beſchäftigung gefunden, und, hochbefriedigt von den
Erfahrungen in dieſem Kriegsmädchenheim, haben die Helfe-
rinnen und Leiterinnen nur den einen Wunſch, daß es die
ae
Krieg3zeit überdauern und auch im Frieden noch heimatloſfert
jungen Mädchen ſeine ſegensreiche Hilfe bringen möge.
Beziehen ſich die hier geſchilderten Arbeiten der Deutſchen
Zentrale für Jugendpflege auf das Gebiet von Groß-Berlin
und gehören ſie demgemäß der Abteilung Groß-Berlin an,
ſo ſind daneben auch noc< zwei Einrichtungen zu erwähnen, die
der Abteilung Deutſches Reich unterſtehen: die Au3kunfts8-
ſtelle und die Geſchäftsſtelle Adoption und Pflegeweſen.
Die Auskunftöſtelle ſammelt und bearbeitet Material über
alle Fragen der Jugendfürſorge, gibt bereitwillig nicht nur
an Behörden und Vereine, ſondern auch an Einzelperſonen Au3-
kunft und iſt auch bereit, Material zu verleihen. Es iſt nicht
verwunderlich, daß ſie von außerhalb in der Krieg3zeit ſehr
viel weniger in Anſpruch genommen worden iſt als in dem
vorhergehenden Friedensjahre.
Die Geſchäftsſtelle Adoption und Pflegeweſen hat ſich ein
außerordentlich wichtiges Arbeitsgebiet erwählt. Sie erforſcht
die Mißſtände, die hier herrſchen, vorzüglich durch Eingehen
auf Zeitungsanzeigen, die ſich auf Annahme oder Abgabe von
Kindern beziehen, vermittelt Kinde3annahme und Pflegeſtellen
und beobachtet die untergebrachten Kinder. Ihre Beziehungen
erſtre>en ſich auf das ganze Deutſche Reich, und ihre Arbeit
iſt durch den Krieg ſehr beträchtlich vermehrt worden. Neben den
elternloſen und unehelichen Kindern gab es Flüchtlingskinder
unterzubringen und -- ergreifend zu leſen -- neuerdings mehr-
fach Kriegerkinder, deren Väter wohl noch leben, deren Mütter
aber, aufgerieben durch Sorge um den Mann, durc< übermäßig
betriebene Erwerb3arbeit oder durch ein Wochenbett, erſchöpft,
erkrankt oder geſtorben ſind. Glücklicherweiſe hat dieſer ver-
mehrten Not auch eine hocherfreuliche vermehrte Hilfsbereit-
ſchaſt gegenübergeſtanden.
Bei dem üÜberbli> über die vielſeitigen Leiſtungen der Deut-
ſchen Zentrale für Jugendfürſorge wäre nun noch ihrer be-
deutung3vollen anregenden Tätigkeit zu gedenken; doch ein
näheres Eingehen hierauf erübrigt ſich; unſer Blatt hat ſo-
wohl über die mancherlei wichtigen Beröffentlichungen wie
die Handbücher für Jugendpflege und Jugendfürſorge als auch
über die bedeutſamen Tagungen, 3. B. die Jugendgerichtstage,
die Erſte Deutſche Kinderhortkonferenz oder die Berliner Ex=-
örterxungs3abende ſtet38 ausführlich berichtet und dadurc< auch
an ihrem Teil mitgeholfen, die Anregungen der Deutſchen
Zentrale in die Kreiſe zu tragen, die ihre Arbeit beſonders
nahe angeht. F. DO.
Für die unehelichen Kriegswaiſen.
Das3 Archiv deutſcher Beruf3vormünder richtet an den Reich3-
tag eine Eingabe, den unehelichen Kindern gefallener Krieger
auch die Krieg3waiſenrente zu gewähren. Die Eingabe
beantragt, in den Geſeßen über die Witwen- und Waiſen»
verſorgung ſtatt de3 Worte3 „ehelicher oder legitimierter Kin-
der“ zu ſeen „Kindex“ und in den Verhandlungen klar»
zulegen, daß damit die unehelichen Kinder, ſoweit ſie eben
geſeßlich als Kinder des Betreffenden anzuſehen ſind, alſo
im Rahmen der Beſtimmung über die Kriegs3unterſtüßung,
berüdſichtigt werden ſollen. Zur Begründung wird in der
GCingabe treffend ausgeführt:
„Da3 uneheliche Kind hat nach dem Tode ſeine3 Vater3 nicht
denſelben Schuß wie das eheliche, das ſeinen Vater verlor,
denn ihm fehlt dann auch eine feſte, geſellſchaftlich anerkannte
und geſicherte Familie, die es ſchüßen würde. Selbſt wo ihm
zufällig wie ſo vielen ehelichen aus dem Erbe de3 Vater3 einiges
Geld zufallen ſollte, bliebe es immer viel ſchlechter geſtellt
als das eheliche ; ſtet3 iſt es viel größeren Gefahren ausgeſeßt
und wird leichter zugrunde gehen und verwahrloſen. Cs wäre
daher im Intereſſe des Staates und der Geſellſchaft höchſt
verderblich, ihm eine geringere Rente al35 dem ehelichen Kinde
auszuſeßen. Abweichende Beſtimmungen für uneheliche zu tref
fen, würde nicht nur unnötige Schwierigkeiten ins Geſe und
jeine Anwendung hineintragen, ſondern auch dazu führen, daß
die Unehelichfeit de3 Kinde3 durch dieſe Abweichungen ihrer
Rente von der der ehelichen bei jeder Gelegenheit beſonder3
betont und ſo die Entwicklung des Kindes häufig gefährdet
und oft geſchädigt würde, Hat doch die Regierung a1u3 dieſem