Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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einpfehle dieſen Band jedem Lehrenden al8 unbedingt not- 
wendige Ergänzung zur „Menſc<henerziehung“, vor allem den 
Lehrenden an Kindergärtnerinnenz und Jugendleiterinnen- 
ſeminaren. Außerdem halte ich es für wichtig, daß auch die 
Kindergärtnerin und noc< mehr die Jugendpflegerin einige der 
Keilhauer Schriften ſelbſtändig durcharbeitet. Anfügen mödte 
ich noch den Wunſc< nach einer Neuausgabe der Autobivgraphie, 
die bekanntlich ſehr wichtig iſt für das Verſtändnis der Ents>= 
wicklung Fröbels3. 
Noch einen Schritt weiter, und wir ſind bei der Kleinkinder- 
pädagogik angelangt. Hier wird uns Prüfer Führer und 
Berater. Sein Werk5) „Kleinkinderpädagogik“ zerfällt in einen 
hiſtoriſ<en und einen theoretiſch-praktiſchen Teil. In jenem 
bringt er Gedanken über Kleinkindererziehung von Bitſchin, 
Comenius, Rouſſeau, den Philanthropen, Heuſinger, Peſtalozzi, 
T. I. Wagner, Jean Paul und Fröbel. In dieſem erörtert er 
die wichtigſten Einzelfragen der praktiſchen Kleinkindererziehung, 
wie: Spiel, Beſchäftigung, Kameraden, Märchen, Kinderlügen, 
Gewöhnung und Strafen. Im Anhang zum erſten Teil finden 
wir einen hiſtoriſchen Überbli> über die Entſtehung von Spiel- 
ſ<ulen, Kleinkinderbewahranſtalten und Kindergärten, und als 
Schluß des theoretiſch-prafktiſchen Teiles gibt uns Prüfer ſeine 
Gedanken über Maßnahmen zur Verbeſſerung der gegenwärtigen 
Kleinkindererziehung. Aus dieſem Überbli> ergibt ſich für den 
Kundigen die Fülle von Stoff, die verarbeitet und klargelegt 
verden mußte. So dargelegt, daß die Menichen der Erfahrung 
wie der Wiſſenſchaft einen Anreiz fühlen ſollten, ſich inner- 
lich mit dem Borgebrachten auseinanderzuſeßen. Unſeres Er- 
achtens iſt dies Prüfer gelungen. Die Darſtellung iſt reiz- 
voll, ſowohl im hiſtoriſchen, wie im theoretiſch-praktiſchen Teil. 
Hier iſt wiſſenſc<haftliches Fundament und geſchichtliches Ver- 
ſtändnis. Cin Hauch von Großzügigkeit weht durch das ganze 
Buch. Überall die großen prinzipiellen Fragen. Nichts Klein- 
liches. Das wirkt ſo erfriſchend. Und das hat die Kleinkinder- 
pädagogit, fo wie fie uns leider noch hier und da entgegen= 
tritt, nötig =- gerade in die unbedingt notwendige Kleinarbeit 
j<leicht ſich ſo leicht ein Zug des Kleinlichen ein. Wertvoll 
ſind auch die Angaben der Quellen. Daß Fröboel3 Werk eine 
beſonders ſorgfältige Würdigung empfängt, iſt bei Prüfer, 
dem Frübelforſcher, ſelbſtverſtändlich. Nur ein3 bleibt unver- 
ſtändlich und Hö<hſt bedauerlich. Warum iſt die Weiterführung, 
rüöbeljic<er Jdeen durch Henriette Schrader, der WVer- 
wandten und Schülerin Fröbel3, nicht gewürdigt worden ? Das 
Peſtalozzi-Fröbel-Haus in Berlin iſt auf dieſem Wege weitex- 
gegangen, und das Wachſen und Werden der Anſtalt zeigt 
Lebenskraſt und Gieghaftigkfeit in der praktiſchen Geſtaltung 
dieſer Jdeen. Fröbels voluntaxiſtiſche Anſchauungen und Peſta- 
lozzis ſozialreformatoriſche Gedanken -=- übertragen auf das 
Leben der Gegenwart = haben hier ihre Vereinigung gefunden. 
In dieſer Syntheſe liegt die Eigenart de38 Peſtalozzi-Fröbel- 
Vauſes. Daß von dieſem Hauſe aus jahrzehntelang ein Segen 
ausging in die Welt =- lange bevor die Hochſchule für Frauen 
in Leipzig entſtanden iſt --, daß dieſes Haus der echten Kinder- 
gartenidee die Wege bereitet hat zur Anerkennung, daß von 
hier aus der Kampf geführt wurde um Notwendigkeit und 
Wertung einer auf gründlichſter, praktiſcher und theoretiſcher 
Vorbereitung beruhenden Frauenarbeit, iſt doch eine dem Ken- 
ner geläufige Tatſache und dürfte auch Herrn Dr. Rrüfer nicht 
unbekannt ſein. 
Eine ganz anders orientierte Geſchichte der Kleinkindeverzie- 
hung gibt uns Dr. Heußner.t) Hier vermiſſen wir die Bor- 
züge der Brüferſchen Schrift. Wenn die Aufgabe des Leit- 
5) Kleinkinderpädagogik von Dr. I. Prüfer. Sammlung: Päd- 
agogik der Gegenwart. Bd. 8. Leipzig 1913, Otto Nemnich Ver- 
lag. Geb. 5,40 4%. 
6) Dr. Alfred Heußner, Geſchichte der Kleinkinderpädagogik 
in Einzeldarſtellungen. Ein Leitfaden für den Unterricht in den 
Irauenſchulen an Oberlyzeen und in den Seminaren für Kinder- 
j<ullehrerinnen, Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen. 
1. Heft: Peſtalozzi, Fröbel, Herbart und die <riſtliche Kleinkinder- 
ae Teipaig und Berlin 1914, B. G. Teubner. Kartoniert 
 
faden3 auch mehr darin beſteht, ſachlich fühl zu referieren und 
dic Grundlage des wiſſen3notwendigen Material8 darzubieten, 
jo muß er doch andererſeit8 dem Leſer unbedingt einen vollen 
Bli in die gewaltigen Tiefen ſeine8 Stoffes gewähren. Solche 
GeiſteSgrößen wie Peſtalozzi und Fröbel ſind allerding3 auf 
einem Raume von 30 Seiten ſchwer umfaſſend zu würdigen, 
aber eine Ahnung ihres Wertes muß auch durch dieſe wenigen 
Zeilen dem Leſer aufgehen. 
Anfechtbar iſt auch die Methode, die Pädagogen dieſes Bänd- 
dens: Beſtalozzi, Fröbel und Herbart im erſten Halbjahr 
zu behandeln, im zweiten Rouſſeau und die Philanthropen, 
und erſt im dritten die alte Zeit von Luther bis Francke. 
Wir glauben nicht, daß „der Bli> für die hiſtoriſchen Zus 
ſammenhänge“ auf einem ſolchen ſprunghaft rückwärts ſ<rei- 
tenden Wege an Klarheit und Schärfe gewinnt. Selbſtverſtändlich 
ijt es notwendig, neben der aufbauenden, <ronologiſch fortſchrei- 
tenden Geſchichte in beſonderen Stunden die Gegenwart8- 
fragen zu beſprechen und auch aus der Vergangenheit her- 
aus immer wieder die Beziehungen und Vergleichömomente zur 
JReuzeit aufzuſuchen und klarzuſtellen. Im übrigen halten wir 
dafür, daß auch die Pädagogen dieſes Bänd<ens8 ſ<on Ge- 
ſchichte geworden ſind. 
Für Jugendleiterinnenſeminare iſt unſeres Erachtens ein 
Leitfaden für Kleinkinderpädagogif nicht mehr am Plate. Dort- 
hin gehört auf Grund eigenen Quellenſtudium38 eine Ein- 
führung und gründliche Verarbeitung der allgemeinen pädago- 
giſc<en Jdeen in ihrem hiſtoriſchen Entwiklung8gang. | 
Von dieſen Punkten abgeſehen, iſt die Darſtellung und Zu- 
ſammenfügung des Stoffes überſichtlich und tlar. 
(Schluß folgt.) 
 
 
ECinzelanzeige. 
Der Verband Deutſcher Kinderhorte hat ein kleines Heft) 
erſcheinen laſſen, das die „Schulkinderfürſorge“ behandelt. Es 
beleuchtet die mancherlei Aufgaben der Kinderfürſorge, Hort- 
weſen, Schulſpeiſung, Geſundheit3pflege durch Ferienkolonien 
u. dgl., und die wirtſchaftlichen Verhältniſſe, die ſolche Für- 
: jorge in immer ausgedehnterem Maße nötig machen, unter- 
jucht aber auch gewiſſenhaft den Einfluß derartiger Maßnah- 
men auf die Familienerziehung, die durch öffentliche Für- 
ſorge nicht von ihrer Verantwortlichkeit entbunden werden 
darf, ſondern vielmehr durch ſie geſtüßt und gefördert werden 
muß. Als Borbedingungen geſunder Weiterentwicklung aller 
Fürſorgebeſtrebungen ſtellt die Abhandlung ein Dreifache3 hin: 
1. Drganiſc<e Verbindung allex einſchlägigen Beſtrebungen, z. B. 
Verbindung von Kindergärten mit gemiſchten 
Horten und Abendheimen für entlaſſene Hortzöglinge, 
in denen fürſorgebedürftige Geſchwiſter ohne Rückſicht auf Alter 
und Geſchlecht gemeinſam zu Hauſe ſind, 2. Hebung der Pflege- 
arbeit durc< beſſere Vorbildung der Berufsarbeiterinnen 
und 3. Straffe Zuſammenfaſſung aller Maßnahmen durch plan- 
mäßige Schulpflegs. Die Forderung, daß Staat und Ge- 
meinde dieſe Ziele durch Geldmittel und planmößige Aus8- 
breitung der Schul- und Bezirkspflege fördern -- in bezug 
auf Geldunterſtüßung find Preußen, Sachſen und Hamburg 
bereits in vorbildlicher Weiſe vorgegangen -=-, begründet die 
Schrift ſchließlich mit dem „faſt unerlaubt trivialen“ Hinweis 
darauf, daß alle auf Kinderfürſorge aufgewandten Mittel au 
Krankenhäuſern, Heilſtätten, Fürſorge- und Strafanſtalten er- 
ſpart werden und dabei ſtatt einer körperlich und geiſtig 
verfommenen einer geſunden und aufrechten Generation junger 
Menſchen zugute kommen. Die eindringliche kleine Schrift ſei 
beſtens empfohlen. . F. OD. - 
Zur Angeſtelltenverficherung. 
Die Verrechnung der Arbeitgeber= und Arbeitnehmerbeiträge 
bei der Bezahlung von Stunden iſt für Privatlehrerinnen oft 
eine peinliche Angelegenheit. Von Wichtigkeit iſt für ſie daher 
1) Schulkinderfürſorge. Herausgegeben vom Verband d Deutſcher 
Kinderhorte, Berlin € 19, Gutenberg. "
	        

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