Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Aus dem Elſaß. 
Von Febronie Rommel. 
Am 8. April trat in Straßburg der Landtag zu einer 
kurzen Geſchäftstagung zuſammen. Zwölf von den 58 Mit- 
gliedern, die die 2. Kammer bilden, erſchienen in Feldgrau, 
der Plas de3 berüchtigten Krieg3hezer3 und Landesverräters 
Wetterle blieb natürlich leer. 
Den Verlauf der Kriegsereigniſſe im Lande jc<hilderte der 
Staatsſekretär zuſammenſajjend alſo: 
„Wie der äußerſte Nordoſten unjeres Vaterlandes, die 
Provinz Oſtpreußen, ſo iſt Elſaß- Lothringen ſeit unje- 
rer leßten gemeinſamen parlamentariſchen Arbeit einer der 
Schauplätze des Weltkriegs geweſen. Zwei offene Feld- 
ſchlachten, die eine bei Mülhauſen, die andere in Lothringen 
zwiſchen Mez und den Vogeſen, ſind ſiegreich gejchlagen, 
durc< das Breuſchtal, das Weilertal und das Lebertal hat der 
Krieg in den erſten Monaten getobt, im Kayſersbergertal, im 
Münſtertal und im Gebweilertal iſt dex Feind gzurücdgeworfen. 
Und der Donon, jenes alte heidniſche Heiligtum, iſt für 
uns in anderem Sinne ein heiliger Berg geworden, ge- 
heiligt durch die Tapferkoit der Truppen, die ihn ſtürmend 
nahmen, und geheiligt dur die Gräber derer, die im Schatten 
feiner Tannen ruhen. Dieſe Kämpfe haben die Bezirke Loth- 
ringen und Unterelſaß, ſowie den größten Teil des DOber- 
elſaß vom Feinde frei gemacht; nur im äußerſten Südwejten 
des Oberelſaß auf einem durchſchnittlich etwa 10--15 Kilo- 
meter von der Grenze entfernten Streiſen hat ſich jener 
Stellungskrieg entwidelt, der auf mehrere hundert Kilometer 
Länge im franzöſiſchen Lothringen und im übrigen Nord- 
frankreich für dieſen Krieg <arakteriſtiſch geworden iſt. Das 
Land iſt Durchmarſch» und Aufmarſchgebiet vieler Truppen 
geweſen, und Sie alle wiſſen, daß die Kämpfe und ihre 
Vorbereitungen nicht ſpurlo8 an Land und Leuten vorbei- 
gehen fonnten.“ 
Aus Altdeutſchland. waren zur Unterſtüßung der vom 
Kriege beſonders betroffenen Bevölkerung reiche Gaben ein- 
gegangen, für die im Landtag warme Worte der Dankbar- 
keit fielen. Daß auch verſchiedene Lehrerinnenvereine 
im alten Vaterlande des Elfaſjes und ſeiner vom Kriege mit- 
betroffenen Kolleginnen in menſchlichem wie vaterländiſchem 
Empfinden helfend gedachten, war uns elſäſſiſchen Lehre- 
rinnen natürlich noc eine ganz beſondere Freude, für die 
ich gerne auch an dieſer Stelle noch unſeren Dank ausjpreche. 
Das Gefühl abſoluteſter Einheit aller Volk8genoſjen im 
Denken, Fühlen, Hoffen, wie e8 Ihnen drüben im alten 
Vaterlande zum Erlebnis wurde, fehlte hier. Wie begreiflich, 
daß wir Altdeutſchen im Elſaß Sie um dies Erleben benei- 
deten! Aber als dann nach Verlauf der erſten Tage die große 
Spannung ſic allmählich löſte und die Forderungen der 
Stunde Hände und Börſen in Bewegung ſegten, da, im 
Spenden und im Helfen, fand ſich einmütig zujammen, was 
guten Willen3 war. Von jeher war es ein Ruhm des 
Elſaſſe3, warmherzig und gebefreudig jeder Not zu begegnen. 
Dieſe Hilfsbereitſchaft bewährte ſich auch in dieſem Krieg, 
der dem Lande ſo ungezählte Truppendurchzüge und zahl- 
loſe Lazarette, angefüllt mit Verwundeten, brachte. Wochen- 
lang glich die Straßburger Bahnhofshalle einem rieſigen Er- 
friſhung3raum, wo Frauen aus allen Ständen mit den 
reichlich geſpendeten Gaben Geſunde und Verwundete labten 
und Tag und Nacht dies Liebeswerk betrieben. Ähnlich an 
anderen Orten. 
Am Samztag, den 1. Auguſt, dem Tag, da die Mobil- 
machung verfündet wurde, begannen in Straßburg die großen 
ſechswöchentlihen Sommerferien. Die Unſicherheit der 
Verkehr3verhältniſſe, wie die bange Frage nach dem, was 
fommen würde, veranlaßte den weitaus größten Teil der 
Lehrerinnen, jeden Reiſegedanken aufzugeben, und ſtatt 
der Erholung ſuchten und fanden die Kolleginnen ein reiches 
Feld der Betätigung bei dex Speiſung der in den Kampf 
Ziehenden und der Labung und Pflege der verwundet Zurüc- 
 
fehrenden. Mit Stolz darf behauptet werden, daß die elſäſji- 
j<en und die lothringiſchen Lehrerinnen in dieſer ſchweren 
Zeit in der erſten Reihe der hilfebringenden Frauen ſtanden, 
in den Lazaretten ſowohl, wie überall ſonſt, wo Hilfe not 
tat. So nahmen ſich viele der Straßenjugend an, was 
um ſo verdienſtliher war, als der Schulbetrieb erſt viel 
jpäter als ſonſt und auch da nicht in vollem Umfang 
wieder einjeßen konnte. 
In Straßburg hing dieſe unfreiwillige Ferienverlänge- 
rung mit der Umwandlung vieler Schulen in Laza- 
rette zuſammen, deren es dort zwiſchen 50 und 60 gibt. 
E3 war für die Schulverwaltung eine ſehr ſchwierige Auſ- 
gabe, auch nur einigermaßen genügende Räume zur Unter- 
bringung von dreihundert oder mehr Schulklaſſen aufzu- 
treiben, die obdachlo3 geworden waren. Und die Kolleginnen 
werden ſich unſchwer eine Vorſtellung davon machen können, 
wie aufreibend ein Unterricht in Räumen iſt, die vordem ganz 
anderen Zween dienten, etwa Tanzlokale waren oder Waren- 
lager, und kaum zu heizen und zu lüften ſind. Dazu eine 
Jugend, auf welche der Krieg und ſeine Aufregungen, die 
langen Ferien und die beträchtlich verkürzte UnterrichtSzeit 
natürlich nicht ſittenmildernd wirken. In Met und Mül- 
hauſen liegen die Dinge ähnlich. Die ſtädtiſche höhere Mäd- 
<enſchule in Metz mit höherem Lehrerinnenſeminar konnte 
erſt im November ihre Arbeit wieder aufnehmen, die ſtaat- 
lihen Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanſtalten des Lan- 
des nicht viel früher. Und da die Seminare Schüler und 
Schülerinnen aus Gebieten haben, die im Operations3gebiet 
liegen, zum Teil auch noch in Feindes Hand ſind, ſo zeigen 
ſich im Schulbeſtand Lücken, wie auch die verminderten Zah- 
len der Meldungen zu den Aufnahmeprüfungen den Einfluß 
des Krieges zeigt. | 
Beſonders hart betroffen wurde die Vorſteherin des Kgl. 
Vorſeminars für lothringiſche Volksſchullehrerinnen in Chä- 
teau-Salin8, Frl. Wagner. Die Kreisſtadt Chäteau-Salins, 
8 Kilometer von der franzöſiſchen Grenze entfernt an 
der nac< Nancy führenden Eiſenbahnlinie gelegen, wurde 
beint Einfall der Franzoſen Mitte Auguſt von dieſen über- 
j<wemmt und „für immer mit der glorreichen Republik 
wieder vereinigt“. Gleich von Krieg3ausbruch an hatte Frl. 
Wagner in ihrer zum Lazarett unter Schuß des Roten 
Kreuzes umgewandelten Anſtalt hingebungsvoll Tag und 
Nacht an der Pflege Verwundeter teilgenommen, und ſie 
jezte dieſe Tätigkeit auch während der wenigen Tage ſort, 
die unter dem Zeichen der Franzoſenherrſchaft ſtanden. Nun 
brachten aber die Franzoſen überall, wo ſie in eljaß-lothrin- 
giſche Ortſchaften eindrangen, Liſten ſolcher Einwohner mit, 
die ihre Rache fühlen ſollten. Auf Grund jolcher Liſten wur- 
den aus Elſaß und Lothringen über 1000 Menſ<<hen, darunter 
Frauen und ſelbſt Kinder, als ſogenannte „Geiſeln“ auſge- 
griffen und unter ſ<hmählichſter Behandlung ins Znnere von 
Frankreich verſchleppt, wo ſie, beſonders im Anfang ihrer Ge- 
fangenſchaft, gemeinſter Niedertracht preisgegeben, noch jezt 
ſ<machten. Es liegt auf der Hand, daß deutſ<e Beamte in 
erſter Linie Opfer dieſes Denunziantentums wurden. Unter 
ihnen leider auch Frl. Wagner. Was dieſe Armen erleben 
müſſen, wird man erſt ſpäter in ſeinem ganzen Umſang er- 
fahren. Erlebniſſe der in Frankreich interniert Gewejenen 
zeigen aber deutlich genug, welches Schifal die eljaß-loth- 
ringiſchen „Geiſeln“ traf. Man fragt ſich vergebens, ob es 
denn fein Mittel gibt, von den Franzoſen die Freigabe jo 
vieſer Unſchuldiger endlich zu erzwingen, wäre es ſelbſt auf 
dem Wege altteſtamentlicher Wiedervergeltung, der wir 
Deutſche ja ſonſt gottlob wenig Sympathie entgegenbringen. 
Hier hilft aber nichts anderes. Der Fall Schierjtädt und 
Graf Strac<witz hat dies ganz kürzlich wieder gezeigt. 
Unter den „Geiſeln“ befinden ſich beſonders viele Volk3- 
ſ<ullehrer, was für die Lehrer für immer ein Ruhm 
bleiben wird. Wer die erfreuliche Entſchiedenheit verfolgt 
hat, mit der. vorab der Elſaß-Lothringiſche Lehrerverband
	        

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