Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

in: Eſſen, Halle, Neuruppin, Stendal, Poſen und Stolp, 
in Dortmund auch den Mittelſchülerinnen. Neu iſt die Be- 
rechtigung bzw. Zulaſſung der Mittelſchülerinnen zum Poſt- 
und Telegraphendienſt ohne vorhergehende Prüfung. Außer- 
dem jind noch folgende Vergünſtigungen für die Mittelſchule 
erwähnen3wert: In Thorn werden die Mittelſhülerinnen 
ohne Prüfung in die Königl. Gewerbeſchule aufgenommen, 
in Wilhelmöhaven finden ſie ohne Prüfung Aufnahme in 
die Frauenſchule, in Köln können ſie ohne Prüfung in da3 
Seminar für techniſche Lehrerinnen eintreten, und in Aachen 
brauchen ſie beim Eintritt in das Fröbel-Seminarx keine 
Prüfung abzulegen. In Düſſeldorf endlich werden die Mittel- 
ſchüler zur Verwaltungs3beamtenſchule zugelaſſen. 
Auslandſtimmen.*) 
Ein Werk iſt erſchienen, das in der =- ſchon faſt unüber- 
ſehbar gewordenen -- Kriegsliteratur einen beſonderen Plaz, 
eine jichtbare Stelle beanſpruchen darf. 
Mitten im Lärm der Gegner und ſog. Neutralen zeigen die 
„Schwediſchen Stimmen zum Weltkrieg“ nicht nur ſachlichen 
Ernſt und Willen für Gerechtigkeit, ſondern darüber hinaus: 
mutiges Bekenntnis zur deutſchen Sache und Ermahnung zur 
Tat. 
In Sweden ſelbſt hat das Buch, das hier in deutſcher 
Überſegung vorliegt, bereit8 ſe<s Auflagen erlebt. Seine 
Bedeutung liegt zum Teil darin, daß Männer der verſchie-" 
denſten Richtungen und Parteien ſich im Eintreten für 
Deutſchland zuſammenfanden. Das vom Überſeßer voran- 
geſtellte Vorwort ſagt darüber: 
„Bedeutende Männer aus beiden Lagern, nicht nur 
Vertreter der Rechten, ſondern auch der Linken, und ſogar 
Männer der Sozialdemokratie, die hiex dem Beiſpiel ihrer 
deutſchen Genoſſen folgten, wollten durch ihre Veröffent- 
lichung den Sinn für die politiſchen Ziele und Pflichten 
ihres Baterlande38 erwecken und den Blick auf höhere Ge- 
Jichtöpunkte al38 die der inneren Gegenſäße lenken. Der 
Mut echter Überzeugung trieb ſie zu dieſer Tat. „Um 
ihre Meinungen für ſich ſprechen zu laſſen =- ohne per- 
ſönliche Kursönotierung, die in unſerem von Parteien zer- 
„Jplitterten Land jedes objektive Urteil erſchwert“, wie es 
in der Vorrede des Originals heißt, blieben ſie anonym.“ 
Dieje Angaben werden ergänzt durch eine Nachricht, die 
fürzlich dur<4 die Zeitungen ging, derzufolge wegen ihrer 
Mitarbeiterſchaft an dem Werke mehrere Mitglieder aus der 
ſozialiſtiſchen Partei ausgeſchloſſen ſeien, unter ihnen vox 
allem Profeſſor Steffen, einer der tiefſten Denker der 
durdgebildetſten univerſellen Köpfe Schweden8.2) Die Partei 
hat ſich jelbſt gerichtet, indem ſie ſich dieſe3 Vertreters ent=- 
äußerte. Daß die Konſervativen Schweden38 aus dem VWer- 
ſtändni3 Heraus für die ihrem Lande drohende ruſſiſche 
Gefahr für ein Zuſammen gehen mit Deutſchland ſchon lange 
eintreten, ijt bekannt, und faſt ſelbſtverſtändlich für eine 
Partei, die darin geübt iſt, Fragen der auswärtigen Politik 
von ihr aus und nicht nur von der inneren Lage aus Zu 
behandeln. Dieſe Frageſtellung an ſich leitet die Gedanken, 
ſtellt die Richtungslinien feſt, wie ſie zuſammengefaßt ſind 
in den einzelnen Kapitelüberſchriften : 
I. Das Vorſpiel. 11. Schwedens Aufgabe. I. Die Li- 
nien unjrer außerpolitiſ<en Beziehungen. Schweden und 
die Weſtmächte. Deutſchland und Schweden3 LebenzSinter- 
ejjen. IV. Der Weltkrieg als Kulturkampf. Die Weſt- 
mächte. Deutſchland. V. Schweden vor der Wahl. 
Troß verſchiedener Schriftſteller -- Denker, Politiker -- 
iſt der Geiſt des Buches ein ſo einheitlicher, daß e3 ſchwer- 
fallen würde, die Kapitel oder Abſchnitte nach den Verfaſſern 
1) Schwediſche Stimmen zum Weltkrieg. Überſeßt und mit 
einem Vorwort verſehen von Dr. Friedrich Stieve. Leipzig und 
Berlin 1916, B. G. Teubner. 2,40 X. 
2) Seine Werke zum Teil in deutſcher Überſeßung bei Diederichs, 
Jena, erſchienen. 
 
zu unterſcheiden. Dieſe Gemeinſamkeit liegt =- es muß 
noc< einmal geſagt werden -- nicht im Stil, der Au3druk3- 
form (die zeigen ſogar biSweilen Unterjchied3grade des Tem- 
perament3, der Flüſſigkeit), ſie liegt in den gleichen Vorau3- 
jezungen und Zielſezungen des politiſchen Wollens, in einem 
gleichen inneren Verhalten zu den gewaltigen Ereigniſſen 
ver Zeit, die au< an Schweden beſtimmte Forderungen 
ſtellen. Und dieſes Willen3moment iſt e3, das das Werk ge- 
rade für alle Erzieher bedeutungs5voll macht, den eingehen- 
deren Hinweis in der „Lehrerin“ gerechtfertigt erſcheinen 
lößt. 
- In den erjten Krieg3monaten beſchäftigte uns das Werk 
von Kjellen „Die Großmächte der Gegenwart“, das =- 
vor Krieg3ausbruch entſtanden -- bedeutſame Lichter auf die 
kommenden Ereigniſſe warf; und wir glaubten die ruhige 
Überlegenheit, die wiſſenſchaftliche Sachlichkeit aus der inneren 
Unbeteiligtheit des Schiveden ableiten zu können. Über dieſen 
Geiſt des bloßen Abwägen38, der rein objektiven Maßſtäbe 
gehen die ſc<wediſchen Stimmen jetzt hinau3; ſie verſinn- 
bildli<gen einen Erziehungs8gedanfkfen von zwingender 
Kraft: jie zeigen den Übergang vom bloßen Erkennenwollen 
zum Tatwillen. 
Wie Kjellens Werk gibt auch dieſes Buch einen Überblick 
Über die einzelnen Großmächte Europas, ihre typiſchen Le- 
ben3formen, ihre Inſtinkte, bewußten Abſichten, ihre Oe- 
fahren. Rußland, England, Frankreich treten uns in ihrer 
Entwidlung der lezten Jahrzehnte näher. In dieſer Hinſicht 
iſt viel Stoff in anregendſter Form geboten; auch nicht eine 
| Andeutung von dem Reichtum der geſchichtlichen Tatſachen, 
Zuſammenhänge, die da aufgede>t ſind, kann hier gegeben 
werden. Aber Über der Vermittlung von Kenntnis und 
Einſicht ſteht die Forderung, das Erkannte umzuſegzen in 
veräntwortungserfülltes Handeln. 
„Die geographiſchen Vorausſezungen und die geſchicht- 
lichen Erfahrungen haben un38 Schweden gezeigt, daß wir 
nur eine empfindliche Seite beſißden, nämlich die nad) 
Oſten hin, und nur einen äußeren Widerſacher, der uns 
ans Leben will, nämlih Rußland. Außerdem muß man 
nod hinzufügen, daß zwiſchen uns und Rußland die Kluft 
liegt, die die Germanen von den tieferſtehenden Rujjen 
trennt. Wir gehören dem germaniſchen Stamme an, wir 
jind der höchſten Kultur der Menſchheit teilhaſtig. Hat 
Schweden überhaupt einen Zwe im Syſtem der Staaten, 
ſo beſteht er darin, daß wir dieſen Stamm und dieſe Kultur 
auf der bedrohten Front im Nordoſten bewachen müſſen. 
Von einem höheren Standpunkt aus gibt e8 hier keine 
Wahl. Wir haben gar kein Recht, vor der herandrängenden 
Halbkultur zurückzuweichen, auch wenn Mutloſigkeit uns 
einflüſtern würde, daß dies der einzig mögliche Ausweg 
ſei. Wir dürfen und wollen nicht auf dem Weg nachfolgen, 
den Finnland uns notgedrungen vorangehen mußte. 
Daher iſt jeder Kompromiß mit Rußland aus unſerem 
Problem von vornherein ausgeſchlojfen, nachdem ſich der 
Sturm zwiſchen Oſten und Weſten einmal erhoben hat. 
Wir müſſen auf der Seite zehen, die gegen Rußland ge- 
richtet iſt: um unſrer ſelbſt willen, um Europas willen, 
um der ganzen Menſchheit willen.“ 
Wie hier der politiſche Selbſterhaltungstrieb mit dem Kul- 
turwillen, dem europäiſchen Gewiſſen eins geworden iſt, 
jo wird denn aud) die geiſtige Gemeinſchaft der Nordgermanen 
mit denen Mitteleuropas hervorgehoben. 
- „Fünfzig Jahre hindurch iſt jeßt das Deutſche die 
grundlegende fremde Sprache in unſerem Elemen- 
tarunterricht geweſen. Die Tragweite dieſes Umſtandes für 
das ſ<wediſche Bildungsleben kann man gar nicht be- 
mejjen. Selbſtverſtändlich i ijt die Tatſache, daß die Sc<ul- 
jungen einer Altersklajje nach der anderen mit der deut- 
j<en Sprache mehr oder minder vertraut wurden, von 
gewaltiger Bedeutung, zumal die älteſte dieſer Alter3klaſſen 
jeht die regierende und führende auf allen Gebieten des 
ſ<wediſchen Staatsleben3 iſt. Deutſchland iſt in unſer“
	        

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