Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Aus den Vereinen. 
Magdeburger Lehrerinnenvereint. 
Nachruf. 
Am 30. Dezember v. J. verſtarb nach ſchwerem Leiden 
unſer verehrte38 Vorſtandsmitglied, die Lehrerin 
Frau Eliſabeth Kühn, geb. Guntau. 
Der Magdeburger Lehrerinnen-Verein, den die Verſtor- 
bene mitbegründet hat, verliert mit ihr eine treue Beruſfs- 
genoſſin, die mit warmem Herzen für die Beſtrebungen ihres 
Standes gewirkt hat. Als Vorſitzende des Vereins iſt jie uns 
vorbildlich geweſen durch die Schaffensfreudigkeit für alle 
die Aufgaben, die ſich dem Erzieher der Jugend immer neu 
geſtalten. Jhre Pflichterfüllung, ihr unerſchöpflicher Tätig- 
keitsdrang, ihre begeiſterte Hingabe an den Lehrberuf ſind 
unz für alle Zeiten unvergeßlich und ſchaffen der Heimge- 
gangenen in unjerer Mitte ein dauerndes Ehrenmal. JIhre 
Treue wollen wir ihr danken durch gleiche Treue. 
Magdeburger Lehrerinnen-Werein. 
An Deutſchlands Jugend. 
Wiederholt iſt bereit3 die Jugend zu Sammlungen zuſammen- 
gerufen oder auch für beſtimmte Aufgaben der Kriegzshilfe 
organiſiert worden, (Der erſte Satz de3 folgenden Aufrufs 
gilt darum nicht unbedingt.) Troßdem mag es noh deutſche 
Knaben und Mädchen geben, die keinem beſonderen Zwecke ihre 
Kraft, Begeiſterung und Hilfsbereitſchaft zur Verfügung ge- 
ſtellt haben, und für dieſe kann die Aufforderung des Aufrufs 
Anregung und Anſporn zur Bereitſchaft bedeuten. 
Hervorgegangen iſt dieſelbe aus einem religiöſen Beſprechungs8- 
abend, den die Theologen Dr. Riſtelmeyer und Dr. Geyer hielten. 
Begründet wird ſie in den Sägen: 
Dieje für unſer Volk größte aller Zeiten verſtreichen zu 
laſſen, ohne die Kinder eng damit zu verbinden, erſcheint mir 
faſt als eine ſchwere Verſündigung. Sollte e3 nicht möglich 
jein, daß 3. B. deutſhe Buben und Mädchen ſic< dahin ver- 
einigen, daß ſie ſelbſtlos zunächſt einmal auf Näſchereien und 
entbehrliche Dinge verzichten, um eine Sammlung deutſcher 
Bitben und Mädchen ins Leben zu rufen und mit dem Re- 
ſultat der Sammlung an dem großen vaterländiſchen Werk 
der Kriegerheimſtätten mitzuhelfen? Dieſe Zeit gehört 
den Kindern ganz beſonders, ſie ſollen in3 kommende Ge- 
ſ<leht das Erleben diefer Zeit hineintragen. Darum müſſen 
wir ſie die große Zeit miterleben laſſen, daher haben wir 
die heilige Pflicht, ihnen die Möglichkeit zu geben, durch eigenes 
Können und eigene Kraft dem BVaterlande zu dienen. Was 
Kinder in heiligem Eifer vermögen, zeigte die Gold- und 
"Kupferſammlung. Kein Erwachſener ſollte dem deutſchen Buben- 
und Mädelbund angehören, wohl muß man ihnen den Weg 
weiſen und ſie leiten. Al3 ſelbſtändiger Bund können deutſche 
Buben und Mädel deutſcher Kraft und Größe ein weitere3 
ſc<höne5 Denkmal ſeßen. -- Daran ſchließt ſich der 
Aufruf an, Deutſc<lands Buben und Mädel. 
Wenn bisher ein Aufruf erfolgte, jo galt er Deutſchland3 
Männern und Frauen, es galt, für dieſe oder jene Sache 
mit vereinter Kraft und gemeinſamem Wirken ſich zuſammen- 
zuſchließen, um ſo dem geliebten Vaterlande zu dienen. 
Heute gilt. der Aufruf Deutſchland8. Jugend. Auch euch 
braucht das Vaterland, eure Kraft, euer heiliger Wille ſoll 
unſeren Feinden zeigen, daß nicht die Väter und Brüder drau- 
ßen allein den Feinden zu begegnen und zu ſiegen wiſſen, 
ſondern daß daheim Deutſchlands Jugend auch eine Macht 
bedeutet. Nicht wahr, mit dex Gold- und Metallſammlung, 
mit der ihr ſoviel geleiſtet, ſoll eure Kraft und euer Wille zum 
Helfen nicht erſchöpft ſein? Ihr könnt noc< viel mehr, und 
man iſt deſſen gewiß, ihr wollt auch noc< viel mehr, man. 
zeige euch nur den Weg, da weiß ſchon ein deutſcher Junge 
 
und ein deutſches Mädel da8 gänze Wollen dranzuſeßen. Seht, 
das iſt es, was das Vaterland von euch erwartet, ihr ſollt 
dieſe Zeit ganz und voll miterleben, dazu gehört ein Mit- 
helfen. 
Damit ihr in eine lichte Zukunft ſchauen könnt, kämpfen 
draußen eure Väter bitterhart. Die Feinde hoffen, in den 
Vätern und Brüdern Deutſchland8 Kraft zu treffen und zu 
zerſchmettern, ſie ſehen's und wiſſen'8s aber nicht, daß ſie 
auch mit dem Geiſt, der Jungdeutſchland beſeelt, zu rechne 
haben werden. | 
Es führen ſo viele Wege nach Rom, und ſo werden auch 
in dieſer Sache manche Wege zu begehen ſein, die zu dem 
Ziel führen, eurem Vaterlande eure große Kraft zu be- 
weiſen. . 
Darf ich euch nun durch eine ſelbſterlebte kleine Geſchichte 
einen Wegweiſer geben, wie ihr e8 anfangen könnt? Es ſoll 
eben nur ein Wegweiſer ſein. 
Meine Heimat iſt im Norden an der Oſtſeeküſte gelegen. 
Sieben Jahre war ich alt, al3 eine mächtige Sturmflut eine 
am nahen Strand gelegene kleine Fiſcherkolonie ganz beſon- 
ders heimſuchte. Mein Vater hatte der Mutter berichtet, daß 
die alten Fiſcher mit ernſtem Shweigen der gefürchteten Sturm- 
flut entgegenſähen. Ginge der Wind nach Südoſt, dann ſei 
unweigerlich das Schiſal der armen Fiſcherfamilien, deren 
Häuſer dicht am Strande lagen, beſiegelt. Die Sturmflut kam 
nit ungeahnter Schnelligkeit. Boote, Netze, die das ganze 
Vermögen der Fiſcher ausmadten, wurden wie Papierfeßzen hin- 
weggefegt, die kleinen Lehmhütten mit ihren ſtrohgedec>ten 
Dächern zuſammengedrückt, und über alles hinweg rollte haus- 
ho) mit furchtbarem Gebrüll und Getöſe die hereinbrechende 
Flut. Nicht3 blieb der kleinen armſeligen Fiſcherkolonie. Auch 
Verluſte an Menſchenleben gab e3. Alle Familien, die höher 
oben auf dem Feſtlande wohnten, wo auch da3 Haus meiner Els 
tern ſtand, nahmen ſich der armen hart Betroffenen an. Bald 
war auch unſere große Diele ein Schauplaß grenzenloſen Jam- 
mers. In meinem Beſtreben, der Mutter und unſerer alten 
Magd in Liebesbeweiſen nachzuahmen, hatte ich von meinen 
zahlreichen Spielſachen und Bilderbüchern herausgeſucht, das 
zu entbehren mir keinen Schmerz bereitete. Damit beſchenkt? 
ic die Kinder, die aber, noc<h verängſtigt, mir für meine 
mir königlich erſcheinenden Geſchenke keinen Dank wußten. 
Das empörte mich eigentlib. Daß man den Kleinen die ſonſt 
für mich beſtimmte Milch gab, ließ in mir die freudige Ahnung 
auffteigen, daß ich dafür in anderer, ſchönerer Weiſe ent- 
ſchädigt werden würde, Aber nicht3 geſchah. Al3 die Mutter 
mich abend38 zu Bett brachte, hat ſie viel mit mir geredet. 
I< hab' e3 nicht behalten, behalten habe ich aber, daß mein 
Geben der mir wertloſen Spielſachen ſie betrübte. Die Mutter 
lehrte mich, daß e3 kein Geben iſt, wenn man die Dinge fort- 
gibt, für die man ſc<önere zu erhalten hofft, jondern daß 
nur ein fröhliches Opfern eigner Wünſche, eigner Genüſſe 
wirklichen Wert hat. Ach, wie habe ic< mich jammervoll ge- 
ſhämt, wie gern hätte ic nun alle3 hergegeben, um eines 
leinen Platzes zwiſchen den Großen wert zu ſein, die helfend 
und lindernd für die Armen ſorgen wollten. Da half die 
Mutter mix in meinem Jammer. Sie verſtand mein Ver- 
langen, durch vechtes Geben gutmachen zu wollen, was ich 
jo verkehrt begonnen. Es wurde beſchloſſen, daß ic<h mit Aus- 
nahme der Sonntage auf meine täglihe Zuderration ver- 
zihten ſollte, der Ertrag der Zudererſparnis8 ſollte einer 
Sammlung zugunſten der ſo ſchwer Heimgeſuchten zugeführt 
werden, E3 wurde mir vom Vater ausgerehnet, wie viele 
Stü>e Zucker meine tägliche Ration im Jahre ausmachte, und 
wie viele ſolher Zuckerſtüke auf ein Pfund gingen. Der Wert 
de3 Zuckers, der bei der Berechnung herauskam, wurde als- 
dann für mich gezeichnet. Es war gewiß ein beſcheidenes Sümm- 
<hen, aber darauf kam e3 nicht an, der Wert lag woander3,. 
Mit einem Schlage war ich den Armen und ihrer Not ver- 
bunden, ich durfte mittragen helfen, durfte das für ein Kind 
jo beſeligende Gefühl haben, auch etwas getan zu haben, 
wirklich ſelber, ganz allein etwa38 gegeben zu haben,
	        

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