Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

ſtürzt verwundet nieder, die andern entfliehen dem unſichtbaren 
Feinde; die Knaben kehren triumphierend von ihrer Erkun- 
dungsfahrt zurück, und wenn ihnen auch von dem Offizier, der 
den verwundeten Franzoſen in Kriegs8gefangenſchaft übernimmt, 
eindringlich geſagt wird, daß ſie ſo etwas nie wieder verſuchen 
ſollen, da ſie ja ſonſt Franktireure ſeien, ſo trägt doch die ganze 
Art der Erzählung ſicher nicht dazu bei, jugendliche Leſer der 
Geſchichte vor eigenwilligen Franktireurleiſtungen zu warnen. 
Cine andre Unternehmung, die ebenfalls der Jugend dienen 
will, kann ohne derartigen Vorbehalt empfohlen werden. Im 
Verlage von Julius Beltz in Langenſalza erſcheint eine Folge 
von Heften *?), die Stoffe für die Abhaltung von Jugendabenden 
gebein. Der Beſprechung liegen das erſte, dritte und vierte Heft 
vor. Das erſte iſt bereits vor dem Kriege erſchienen, wird aber 
mit ſeiner guten AusSwahl aus der ſchönen Literatur unſeres 
Volkes auch jeht mit herangezogen werden können, und zwar 
nicht bloß mit den Proben friegeriſchen Inhaltes, die auch 
dieſes Heft ſchon bietet. Heft 3 und 4 ſind zuſammengebunden 
unter dem Titel: „Jugendpflege während des Kriegszuſtande3“ 
erſchienen. Im Unterſchiede. von Heft 1 bieten ſie nur ganz 
wenige Literaturproben, dagegen ſehr viel Belehrendes über den 
Krieg, das nicht nur dem Jugendpfleger für ſeine Jugendabende, 
ſondern auch dem Volk8- und JFortbildungsſchullehrer gute 
Dienſte leiſten kann. Knapp und klar wird an der Hand des be- 
kannten Telegrammwechſel3 des deutſchen Kaiſer3 mit dem ruſ- 
ſiſchen Kaiſer und dem engliſchen Könige gezeigt, „wie es zum 
Weltkriege kam“. Vaterländiſch warm und doch ſchlicht iſt das 
große Erleben der erſten Kriegs8tage dargeſtellt; eine weiter zu- 
rücfgreifende Behandlung der Kräfte, die im lezten Grunde zum 
Weltkriege getrieben haben, bietet das Kapitel: Das perfide 
Albion, .das die ränkevolle Politik Englands während der leßten 
400 Jahre im Kampfe um die See- und Weltherrſchaft darlegt, 
und gründliche Abhandlungen ſind den wirtſchaftlichen Kriegs- 
fragen (Ernährung, Arbeitsloſigkeit und Arbeitermangel, 
Kriegswohlfahrt3pflege) gewidmet. 
Im Anſchluß an das Kapitel über die Ernährung ſei eine ein 
drudsvolle furze Predigt von Ernſt ztlein, Pfarrer in Weißen- 
burg, über das K-Brot 3) erwähnt, im Anſchluß aun die Abhand- 
lung über England eine Veröffentlichung des Dre8dner Pro- 
feſjors Wildgrube *), der ebenfalls England8 Schuld am Welt- 
kriege darſtellt. Er erhebt darin die Forderung, die ſicher vielen 
ſchon in den Geſchicht3ſtunden während der Krieg8monate auf- 
gegangen iſt, daß unſere Geſchicht3betrachtung anders eingeſtellt 
werden müſſe. Wir haben uns, mit gutem Grunde allerdings, 
daran gewöhnt, „unſere ganze nationale Entwicklung zu betrach- 
ten und zu begreifen in dem Gegenſatz zu Frankreich“, wir müſ- 
ſen ſie nun aber auch „begreifen lernen mit dem fragenden Blick 
über die Nordſee, in ihrer Abhängigkeit, Dienſtbarkeit, Gegen- 
ſäßlichkeit und Mißhandlung durch England“. Zur Aufklärung 
hierüber ſind die beiden Reden Wildgrubes gegen England ſehr 
gut geeignet. Ju der erſten Rede: „Englands Verrat an Deutſch- 
land in hiſtoriſch-politiſcher Beleuchtung“ wird, von der Vor- 
geſchichte des gegenwärtigen Krieges ausgehend, die Geſchichte 
der lebten vier Jahrhunderte dargeſtellt al8 das von glänzen- 
dem äußerem Erfolge gekrönte Unternehmen England38, durc 
Koalitionsfkriege die Völker Europas zu ſchwächen und auf ihrer 
Erſchöpfung ſeinen Herrſcherthron aufzurichten. In der zweiten 
Nede: „Englands Feindſchaft wider die deutſche Einheit“ wird 
die Zeit der leßten hundert Jahre behandelt und dabei gezeigt, 
wie jeder Fortſchritt Deutſchlands auf dem Wege zur politiſchen 
Einheit unter der Mißgunſt Englands zu leiden hatte, ja, im 
Gegenſaß zu England durchgeſebt werden mußte. Gewiß iſt 
auch früher j<on engliſche Politik im deutſchen Volke oft bitter 
empfunden worden. Man denke an die Enttäuſchungen, die ihm 
 
2) Jugendabende. Darbietungen für unſere Jugend im Zu- 
gendheim. Herausgegeben im Auftrage des Arbeit3ausſchuſſes 
für Jugendpflege im Regierungsbezirk Merſeburg von Karl 
Hemprich. Langenſalza, Juliu38 Belt. Jedes Heft 1,25 46. 
3) K-Brot. Eine Predigt von Ernſt Klein. Göttingen, Vanden- 
hoek & Ruprecht. Einzeln 20 Pf. 
4) Zwei Reden gegen England. Von M. Wildgrube. Dresden, 
Emil Weiſe. 1 4, | 
 
der Wiener Köngreß brachte, an die Demütigung, die ſich aut 
den erſten däniſchen Krieg knüpfte, an die feindſelige Stimmung 
Eugland8 während des Deutſch-Franzöſiſchen Krieges. Aber in 
ihrer wahren Bedeutung und ihrem inneren Zuſammenhange 
iſt die engliſche Politik von weiteren Kreiſen des deutſchen 
Volkes doch erſt unter dem Eindrucke der gegenwärtigen Ereig- 
niſſe erfannt worden, und was unjerm Volke jetzt die bittere 
Erfahrung flar macht, das muß auch im Geſchichtsunterricht der 
Schule zu ſeinem Nechte kommen, nicht, um für die Zukunft un- 
auslöſchlichen Haß zu ſäen, wohl aber, um dem künftigen Ge- 
ſchlechte das richtige Verſtändnis für die Geſchichte ſeine8 Volkes 
und für ſeine zukünftige weltgeſchichtliche Aufgabe zu vermitteln. 
Dazu können ſowohl die Wildgrubeſchen Neden wie der vorher 
erwähnte Aufſaß aus der Sammlung Jugendabende gute Fin- 
gerzeige geben. 
Zum Schluß ſei noch eine kleine, ernſte Schrift *) erwähnt, die 
vom Standpunkte des Chriſten aus die ſittlichen Fragen, die der 
Krieg erweckt, behandelt und all denen gute Dienſte leiſten kann, 
die aus ſittlichen und religibſen Bedenklichkeiten heraus in Ge- 
fahr ſtehen, ſich den nationalen Notwendigkeiten der Gegenwart 
zu verſchließen. Der Name des Verfaſſers, eines bekannten 
Leipziger Theologen, bürgt ſchon dafür, daß er ſolche Bedenken 
nicht leicht nimmt, ſondern gründlich unterſucht, und gerade 
darum iſt er imſtande, denen zu helfen, die „mit dieſen Fragen 
ſich quälen und durch ſie gehindert werden, unſere Zeit ſo zu 
durchleben, wie ſie müßten und -- mödten“. Er zeigt ihnen das 
ſittliche Recht, ja, die ſittliche Pflicht unſeres Krieges, die beruht 
in der Notwendigkeit, daß das deutſche Volk bis zum lezten für 
ſeinen gottgegebnen Beruf in der Völkerwelt eintritt, daß es 
dieſen Krieg mit dem rechten ſittlichen Zorn nicht bloß führen 
darf, jondern führen muß, -- „ein temperamentlos geführter 
Krieg wäre vollend3 vor Gott ein Greuel“, =- daß es aber die 
Berechtigung, ſich dabei als Diener ſeines nationalen Berufes, 
ja, als Diener der Kulturziele der Menſc<heit zu empfinden, zu 
erweiſen hat durch innere Läuterung. Daran mitzuhelfen, ruft 
er alle die auf, deren Bewußtſein der Verantwortung tief in 
der Gebundenheit an Gott verankert iſt. „Denn die letzte Ent- 
ſcheidung über die Zufunft unſeres Volkes wird erſt nach dem 
Friedensſchluß erfolgen. Sie gilt es jetzt ſchon für uns daheim 
vorzubereiten.“ 
Soziale Rundſchau. 
Ausſchuß für ſoziale Hilfsarbeit im Landesverein 
Preußiſ<er Volksſchullehrerinnen. 
Kriegsfürſorge, 
Aufruf an Deutſchlands Lehrer und Lehrerinnen, 
Jn den deutſchen Lazaretten gehen jeßt viele Tauſende von 
Volksgenoſſen dank der Aufopferung dex Ärzte und Pfleger, 
vank auch der glänzenden Entwickelung der deutſchen Medizin 
und Chirurgie ihrer Heilung und Geneſung entgegen, und täglich 
ſchreiten Hunderte aus ihren Toren, ſich von neuem in die 
Neihen der Waffengenoſſen zu ſtellen oder ihren bürgerlichen 
Berufen nachzugehen und der wirtſchaftlichen Wehrhaftigkeit 
unſeres Volkes hinter der Front zu dienen. Aber nicht allen 
fann vollfommene Hilfe geleiſtet werden, nicht allen iſt es ver- 
gönnt, wieder in den uneingeſchränften Gebrauch ihres Körpers 
zu gelangen. Vernichtete Körperteile, verlorenes oder ſtark be- 
einträchtigtes Gehör- oder Sehvermögen bedeuten Schmäle- 
rungen der kürperlichen Leiſtungsfähigkeit, die keine Kunſt aus- 
zugleichen vermäg, ſchwere rheumatiſche oder nervöſe Leiden 
können auf Jahre hinaus die von ihnen Betroffenen bi8 zur 
Gefährdung ihrer wirtſchaftlichen Exiſtenz hemmen. So bleibt 
neben der großen Menge der von ihren Kriegswunden Geheilten 
und der von ihren Kriegsfrankheiten Geneſenen eine nicht uner- 
hebliche Zahl zurü>, die wir unter dem Namen der Kriegs- 
beſchädigten zuſammenfaſſen. 
5) Der Krieg im Lichte der <riſtlichen Ethik. Vortrag von 
Prof. D. Ludwig Ihmel3. Leipzig, A. Deichertſche Verlags8buch- 
handlung (Werner Scholl). 60 Pf. oo 1-1 
| ed
	        

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