Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Chriſtentünis und auch mit Einwirkungen anderer Kul- 
turen, und aus dieſen Verbindungen gehen, wie etwa 
unſere Legenden; Märchen ind Weihnachtsſpiele und Volks8- 
lieder zeigen, entzückende Gebilde hervor. =- Jm Volke lebt 
äuch oft; nach ſeinem Bedürfnis umgebildet, in Kunſt und 
Tracht, in Brauch und Feſt das fort, was früher Ritter und 
Bürger pflegten. Die Volkskunde muß daher die Geſchichte 
und die Art diejer Umbildung erforichen. Sie darf ſich über- 
haupt nicht auf das Land beſchränken, ſondern hat auch das 
ganze innere Leben der Arbeiter, der Gandwerker, der die- 
nenden Klaſſen zu ergründen und darf darum das Studium 
der Hintertreppenhefte, de3 Kinematographen, der Anjicht3- 
farte und des Öldrucks8, des Zauberbuchs8 und des Kurpfuſcher- 
tums nicht verſchmähen. Volkskunde und Geſellichaftskunde 
jollten ſich bald zu einer großen Wiſſenſchaft verſchmelzen, 
e3 würde dann wohl die Volkskunde die Ruhe und Einheit 
erlangen, deren Jie heute noch entbehrt. =- Eine ſo reiche, 
für die Erkenntnis Deutiſchland8 [ſo wichtige Wiſſenſchaft 
wie die deutſche Volks8funde muß auch im deutſchen Unter- 
richt, von der Bolks8ſchule bis zur Univerſität die gebührende 
Beachtung finden. Vor allem kann die Volksfkunde den 
Unterricht in der deutſchen Sprache, deutſchem Aufſaß, 
in Geſchichte, Heimatkunde und Religion beleben und ex= 
friſchen. =- Volksſprache, Sage, Legende, Märchen, WolkS3- 
buch, Weihnachtsſpiele, religiöſe Volkskunſt bieten hier über- 
reiche Möglichkeiten. Auch das Wandern der Schüler durch 
die Heimat wird den Sinn für die Schäße unſeres volkstüms- 
lichen Lebens weden und ſtärken. Inſofern die Volkskunde 
das Bolf erforſcht, bevor ſie e8 bildet, kann fie auch den rech- 
ten Weg zwiſchen der oft allzuraſchen Volks8bildung und 
den Gefahren der WVolksverbildung finden. An der großen 
Auſgabe der Zukunſt, an der Läuterung und Wandlung des 
deutſchen Weſens8, muß, auch die Volkskunde an vielen Stellen 
arbeiten, und man darf auf ihr Wirken noch große Hoff- 
nungen jeßen. 
Ein Flugblatt des Verbandes für handwerksmäüßige 
und fac<hgewerbliche Ausbildung der Frau.*) 
Berlin W, Eic<hornſtraße 1. 
Berlin, Datum des Poſtſtempels. 
An die Arbeitgeber! Das Ziel der PflichtfortbildungS- 
ſchule, unſere männliche und weibliche Jugend zu be- 
' rufstüchtigen Menſchen, zu guten Staatsbürgern, 
bie Mädchen zugleich zu pflichtbewußten Hausfrauen 
und Müttern zu erziehen, liegt im Intereſſe unſerer wirt» 
ſchaftlichen und nationalen Entwicklung. Jeder Arbeit- 
geber erfüllt daher eine vaterländiſ<he Pflicht, wenn er 
die Fortbildungsſ<hule durch Einſtellung ſchulpflichtiger 
Jugendlicher in ihren wichtigen Aufgaben unterſtüßt. 
Der Nußen dieſer Einrichtung für alle Beteiligten iſt leider 
noch nicht in vollem Umfange erfannt, denn es kommt noch 
immer vor, daß Arbeitgeber davon Abſtand nehmen, fort- 
bildung3ſchulpflichtige Jugendliche einzuſtellen, ohne zu beden- 
fen, daß die Fortbildungsſhule auch Erziehungsanſtalt iſt, 
die unüberlegten Handlungen, 3. B. häufigem Stellungs- 
wechſel, entgegenwirkt. Wenn die Arbeitgeber das dur den 
Fortbildung3ſchulbeſuch veranlaßte zeitweilige Fehlen al3 Störung 
ihres Betriebes empfinden, ſo müſſen fie darauf hingewieſen 
werden, daß die gute Fachbildung, die die Fortbildungs- 
ſchule vermittelt, dieſe Störung reichlich wettmac<t. Durch den 
Unterricht, der eine Ergänzung der pratktijchen Berufstätigkeit 
bildet, werden berufliches Können und Wiſſen erweitert 
und vertieft, Verſtändnis und Freude an der Arbeit ge- 
weckt und leiſtung3fähige Arbeit3kräfte herangebildet, die 
ſowohl für den einzelnen Arbeitgeber als auch für das Wirt- 
ſchaftsleben wertvoll ſind. 
1) Die Geſchäftsſtelle des Verbandes für handwerksmäßige 
und fachgewerbliche Ausbildung der Frau hat dieſes Flug- 
blatt zu Hunderten an die Arbeitgeber Groß-Berlins aus- 
geſandt. Möge es der Oſtern die Schule verlaſſenden Jugend 
gute Früchte tragen! 
er 
 
Der Krieg hat große LüFen in die Reihen der Quaglitäts3- 
arbeiter geriſſen. E38 muß verſucht werden, dieſe durch Heran- 
bildung eines leiſtung38fähigen Nachwucſe3 beider- 
lei Geſ<lec<ht5 ſc<nell wieder zu ſchließen, damit ſich die 
deutſche Volk5wirtſchaft nach Beendigung des Krieges 
in ungebrochener Kraft entfalten kann. Deutſchlands Wett- 
bewerbsfähigkeit muß durch Hervorbringung von Quali- 
tät3leiſtungen auf möglichſt vielen Gebieten ſo geſteigert 
iwverden, daß nach Friedensſchluß dex Weltmarkt wieder er- 
obert werden kann. 
Durc< Einſtellung und Weiterbeſc<häftigung fort- 
bildungs8ſ<hulpflichtiger Jugendlicher tragen die Arbeit- 
geber in hohem Maße zur Verwirklichung dieſer Ziele bei. 
Mit vorzüglicher Hochachtung 
Verband für handwerksmäßige und jachgewerbliche 
Ausbildung der Frau 
J. A.: 
Dr. M. E. Lüders, I. Levyy- Rathenau, 
Vorſißende. 
Ausſhuß für Schulreform 
im Landesverein Preußiſcher Volksſchullehrerinuen. 
Der Ausſchuß für Schulreform im Lande3verein Preußiſcher 
Volksſchullehrerinnen hat auf den ausdrüclichen Wunjc<h von 
Amtsſchweſtern ein Krieg3leſebückhlein herausgegeben, da3 
ſich für die Unterſtufe und die unteren Klaſſen der Mittelſtufe 
eignet, aljo etwa zweites bi3 fünftes Schuljahr. Es enthält 
Geſchichten und Schilderungen, iſt mit Bildſ<hmuc> verſehen, 
hat einen farbigen Umſchlag und koſtet 10 Pf. Zu beziehen 
iſt es vom Verlage für ſoziale Ethik und Kunſtpflege, Berlin 
SW 61, Lankwißſtr. 2-3. Sehr günſtige Erfahrungen haben die 
Amtsſchweſtern mit deni Auslegen der Heftchen bzw. mit dem 
Verkauf derſelben bei Mütterabenden gemacht. 
Einzelanzeige. 
Zu den vielen Mahnern, der Zukunft des deutſchen Volkes 
durch beſſere Jugenderziehung die ſichere Grundlage zu ſchaf- 
fen, geſellt ſich Paul Maßdorf mit einer eindringlichen kleinen 
Schrift: Jugendland--Zukunft3land ?). Die Schrift iſt getragen 
von einem feſten Glauben an die Zukunft des deutſchen Volkes, 
zugleich aber auch von einer tiefernſten Auffaſſung der ſitt- 
lichen Schäden, die ſeine geſunde Entwicklung bedrohten. Der 
Verfaſſer dankt e8 dem Kriege, daß ex un3 „länger, als wir 
glaubten, die Seele durchfurcht und alles Unkraut unterpflügt, 
was uns früher oder ſpäter verderben mußte“. Er will die 
Allgemeinheit von der unabweisbaren Pflicht der Jugendpflege 
überzeugen, die in ihren biSherigen Anfängen auf Grund 
der Freiwilligkeit nur Halbes leiſten konnte. Er beſchäftigt 
ſich hauptſächlich mit der männlichen Jugend. Für ſie joll 
die allgemeine Pflichtfortbildungs3ſc<hule in Stadt und Land 
für die erſten drei Jahre nach der Schulentlaſſung neben 
geiſtiger, ſtaat3bürgerlicher und volfswirtſchaftlicher Bildung 
auch die Möglichkeit körperlicher und ſittlicher Ertüchtigung 
bringen; nach dem 17. Leben3Sjahre aber ſoll eine militäriſche 
Pflichtorganiſation eintreten, die in erſter Linie das für die 
Allgemeinheit Notwendige im Intereſſe der Zukunft des Staates 
zu pflegen hat; neben ihr ſollen freie Jugendvereinigungen ein- 
hergehen mit der ſchönen Aufgabe, der „„Perſönlichkeit“ nach- 
zugehen. Es ſind im Grunde dieſelben Forderungen, die auf 
der leßten Jugendpflegekonferenz der Zentrale für Volks8wohl- 
fahrt vertreten wurden. Auf den lekten Seiten wird kurz 
auch die weibliche Fortbildungsſ<ule und die weibliche Jugend- 
pflege gefordert und zum Schluß Bodenreform, Rückkehr zur 
Natur und Zurückdrängung des „Berechtigungsunweſen5“, da- 
mit den ſtarken in unſerem Volke ſchlummernden Kräften 
Entwiclungsmöglichkeiten geboten werden. JF. O. 
1) „Jugendland--Zukunftsland“. Ein Beitrag zur Neugeſtal- 
tung der Jugendpflege. Von Paul Maßdorf. Leipzig, Arwed 
Strauch.
	        

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