Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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rechnen, daß mich das Geſchi> in jungen Jahren in dieſen 
Kreis führte. Für ſie alle, die dich geliebt und die e3 ſchmerz- 
lich empfunden, daß ſie in dieſer Weiheſtunde nicht mit uns 
ſind, rufe ich dir den leßten Liebe3gruß nach. Dein Scheiden 
hinterläßt in unſeren Herzen eine Lüce, die ſich nicht mehr 
Ichließen wird. 
So ſchlaf denn wohl, geliebte Frau! Unſer Herzensdank 
folgt dir und unſere Liebe, und dein Geiſt joll ſortwirken 
unter uns als teuerſtes Vermächtnis. Das geloben dir die 
deutſ<en Lehrerinnen, alle die Tauſende, die in Gedanken 
dieſe Trauerfeier mit uns begehen, ſie alle, die Iu geliebt 
haſt. Reichen Segen hat deine LebenSarbeit gebracht, viel 
Liebe haſt du gegeben, viel Liebe empfangen. Liebe und 
unauslöſchliche Dankbarkeit folgen dir nach. Du bleibſt Un- 
vergeſſen! 
Ruhe in Frieden! 
 
Gedächtnisworte 
des Vereins badiſcher Lehrerinnen, 
geſprochen von Fräulein O. Klein. 
Wenige Wochen ſind es, daß die badiſchen Lehrerinnen an 
dieſer Stätte verjammelt waren zu einer bitteren Abſchied8- 
ſtunde, Minna Lanz, die geliebte Mutter unſjere3 Vereins, 
ivwar heimgegangen. 
Heute ſtehen wir wieder ſchmerzdurchzittert am Sarge 
einer unſerer Beſten, unſerer teuren Frau Marie Loeper- 
Houſſelle. 
In inniger Freundſchaft verbunden mit Minna Lanz, hat 
der Freundin Tod ihr den TodeSöſtoß gegeben; ſie hat ſich 
von dem Schlag nicht mehr erholen können. Wir mußten 
auch ſie hergeben. 
Wa3 Marie Loeper-Houſſelle den deutſchen Lehrerinnen, 
was ſie dem Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnenverein ge- 
iveſen iſt, iſt von berufenem Mund beredt zum AusSdruck gIe- 
bracht worden; laſjen Sie mich ihr den Dank der badiſchen 
Lehrerinnen nachruſfen. 
Voll Stolz nennen wir Marie Qoeper-Soufſelle die uUnjrige, 
und das mit einer innigeren, perſönlicheren Beziehung, als 
die übrigen deutſchen Lehrerinnen. Lebte ſie doh) lange Jahre 
in unjerem Lande, und ſtanden wir unmittelbar unter ihrem 
Ginfluß. 
Sie war die Mitbegründerin unjere3 Verein3, die treue 
Patin, die ihm von der Geburtsſtunde an zur Seite ſtand. 
In der Nähe Karlsruhes, in Js38pringen wohnend, ſtand 
ſie uns bei mit Rat und Tat. Sie ermutigte die Zaghaſten, 
begeiſterte die Lauen, pflanzte ihre Jdeale in un. 
Untrennbar verbunden mit den erſten ſchönen Jugendjahren 
des Bereins iſt de3halb die Erinnerung an Marie Loeper- 
Houſjelle. 
In unſerem dankbaren Gedächtnis leben no jene Mit- 
gliederverſammlungen, denen jie durch ihre von der höd)- 
ſten Auffaſſung des Erzieherberufes durc<glühten Vorträge 
Schwung und Weihe gab. Jn vielen jungen Herzen hat 
ſie damal38 das Feuer der Begeiſterung entzündet oder es 
dort, wo es unter der Aſche des Alltags zu verglimmen 
drohte, wieder zur hellen Flamme angefacht, 
So lebte Marie Loeper-Houſſelle unter un3 als Weckerin 
und Führerin, al8 geiſtiger Mittelpunkt. Das werden wir 
ihr nie vergeſſen. 
Mit dankbarer Freude begrüßten wir e8, daß des Schidfals 
Wege ſie nac mehrjährigem Aufenthalt in Rhens a. Rhein 
wieder in unſer Land zurücführten, daß ſie ſich in Lichten- 
tal, in der Nähe unſeres Heims niederließ und mit ihm in 
die innigſten Beziehungen trat. 
Viele von uns ſind ſeitdem, wenn die Ferien jie nach 
Lichtental führten, bei ihr eingekehrt. Und ſooft wir kamen, 
gingen wir bereichert von dannen, erwärmt von ihrer unbe- 
grenzten Menſchenliebe, erhoben von ihrem Jdeali3mus, be- 
wegt und ergriffen von ihrer Herzensgüte, ihrer innigen 
perſönlichen Anteilnahme. . 
 
Leuchtend ſtand über ihrem Leben der Wahlſpruch des 
Allg. Deutſchen Lehrerinnenvereins8, das Huttenwort: 
„Ob ich nit mag gewinnen, 
Noch muß man ſpüren Treu.“ 
Treu war ſie bis ans Ende ihren großen Zielen, treu den 
deutſchen Lehrerinnen, treu jeder Aufgabe, die ſie einmal 
erfaßt hatte. Noc4 in den lezten Jahren widmete ſie ſich 
mit rührender Hingabe dem Kinderheim in Lichtental, deſſen 
Mitgründerin ſie war, und unermüdlich war jie auch in der 
Kriegshilfe tätig. „„Siehe, e8 will Abend werden“ jchien 
nicht für ſie zu gelien; ihr Geiſt war Herr über ihren Körper, 
bis der Schmerz über den Heimgang der Freundin ihre Kraft 
brach. 
Nun hat es ausgeſchlagen, das goldtreue, edle Herz; die 
ſtrahlenden Augen, ſie haben ſich für immer geſchloſſen, 
der nach dem Höchſten ringende Geiſt iſt eingegangen in 
andere Welten. 
Uns aber bleibt das, was ſie geſchaffen hat, und das Bild 
ihrer eden, hinreißenden PBerſönlichfeit. Hell leuchtet es 
auf dem Hintergrunde dieſer ſchweren Zeit. Lauter und rein, 
von Menſchenliebe durchglüht, begeiſtert für die höchjten 
Ziele, ſo ſteht Marie Loeper-Houſſelle vor uns, eine Er- 
zieherin und Führerin der Lehrerinnen, und ſo wird jie uns 
im Gedächtnis bleiben. 
Wenn je eine Zeit, ſo braucht die heutige und die kommende 
Frauen, wie Marie Loeper-Houſſelle, eingeſ<woren auf die 
Grkenntnis: die Frau iſt die berufene Erzieherin der Menj<- 
heit zu Kultur und Sitte, braucht Frauen, die wie ſie, tapfer 
und unbeirrt kämpfen für dieſe Erkenntms. 
Nicht beſſer können wir das Andenken an die geliebte 
Heimgegangene ehren, nicht beſſer die Schuld unjerer Dank- 
barfeit und Liebe abtragen, -:als wenn wir weitergehen auf 
ihren Bahnen, wirken in ihrem Sinne an der Jugend und 
an der Menſchheit. 
„Ob ich nit mag gewinnen, 
Nod muß man ſpüren Treu.“ 
Abſchiedsworte, 
geſprochen von Fräulein Auna Jungk, im Namen der 
Sektion für höhere und mittlere Shulen. 
Jm Namen der Sektion für höhere und mittlere Schulen, 
die den Verband akademiſch gebildeter Lehrerinnen in ſich 
ſchließt, rufe ich unſerer lieben heimgegangenen Frau Loeper 
ein leßte38 Lebewohl zu. Was ſie mit ihrer gütigen, ausge- 
glichenen und abgeflärten PBerſönlichfeit uns geweſen , was 
ſie im Verein mit den anderen Führerinnen des Allgemeiner 
Deutſc<hen Lehrerinnenvereins für uns gewirkt und errungen 
hat, das danken wir ihr über Grab und Tod hinaus, das 
wird ſfortwirken unter uns bis in ferne Zeiten. 
Als im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts 
zunächſt in Preußen der Kampf entbrannte um cine ver- 
tieftere und erweiterte Frauen- und Lehrerinnenbildung, als 
e3 fich handelte um die Erſchließung der Univerſitäten für 
Frauen im allgemeinen, um die Zulaſſung zur philoſo- 
phiſchen Fakultät für Lehrerinnen in3befjondere, da wurde 
Marie Loeper mit ihrem milden Weſen, mit ihrem Streven 
nach Wahrheit und Geredtigfeit eine Wohltäterin für viele, 
da floß ein Strom von Beruhigung und Ermutigung in die 
Herzen der kampferregten, oft auch kampfmüden Frauen, 
und viele Lehrerinnen, die unter den widrigſten Umſtänden 
ihre Univerſitätsſtudien begannen, fanden bei ihr neuen Mut 
und neue Freude, Sie hat das ſeltene Glück gehabt, daß. ſie 
einen Teil der Früchte hat reifen ſehen, bei deren Ausſaat 
jie jo treu geholfen hat. Nun iſt jie von uns gegangen und 
ruht im Frieden Gottes. Wir aber, die wir hier ſind, und 
die Unzähligen, die im Geiſte unter uns weilen, geloben, 
von dieſer todgeweihten Stätte hinauszutreten an die immer 
j<hwerer werdenden Pflichten und Aufgaben, die das Leben 
un3 ſtellt, mit dem heiligen Grnjt, der ihr eigen war; 
unentwegt mutig durchzuhalten in der ſchweren Läuterungs=
	        

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