Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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jobald jie krieg8geſchädigte Lehrerinnen ermitteln ſollte. Dann 
erhielt ich zur Antwort: „Wie iſt e3 wundervoll, in dieſen 
j<weren Tageit auf einmal ſo liebe Menſchen neben ſich zu 
jehen, die von demſelben heißzin Wollen erfüllt ſind! Sie 
haben für mich das Rechte getroffen: nicht eine Hilfe 
jollte es jein, aber eine herzerquickende Freude. J<. danko 
den lieben Kolleginnen herzlich für das mir überſandte 
Geld, und Sie können verſichert ſein, daß ich es in gewiſſen- 
hafteſter Weiſe zum Segen meiner verwundeten Heimat 
verwenden werde. Vielleicht iſt auch den andern Kol- 
leginnen auf dieſe Weiſe am beſten zu helfen. Es 
wird mancher jſchwver jein, für jich etwas annehmen zzu 
müſjen, aber jede wird ſich freuen, wenn ſie in dieſer Zeit 
des großen Gebens nicht mit leeren Händen daſtehen braucht. 
Leider kann ich die gewünſchten Adreſjen noch nicht mit- 
teilen, weil ich nicht weiß, ob die Kolleginnen ſchon zurück- 
gefehrt jind. J< habe bereits bei einigen angefragt.“ =- 
Dann erzählt mir die liebe Berufsſc<hweſter noch eiiwas von 
ihrer reichlichen Arbeit und läßt mich einen Bli> in ihre 
eigene Häuslichkeit werfen; doch ich fürchte, der Bericht wird 
zu umfangreich, darum teile ich mit ihrer Erlaubnis nur 
nod) einiges davon mit: „... Dieſes ſchwere Jahr iſt für 
mich in vieler Beziehung ſo reich geweſen. Erſt jetzt ver- 
jtehen wir es dod) jo recht, wieviel in unſere Hand gegeben 
iſt. Am Anfang war ich jo ganz erfüllt von dem Gedan- 
fen, wieder ein Zuhauje zu haben, daß mir hier jede Arbeit 
lieb und leicht erjihien. Die Kinder kommen aus aller Her- 
rein Ländern zurüc. Einige waren in der Großſtadt, andere 
auf dem Lande geweſen, ſehr viele hatten überhaupt keine 
Schule bejucht. Cs iſt unglaublich, wieviel in einem Jahre 
verlorengehen fann. Aber nun ſind wir ſchon wieder auf 
zutem Wege. Da fünf von unſern Kollegen im Felde ſind, 
haben wir größere Klaſſen und erhöhte Arbeitszeit. Die 
Verren geben ohne Unterſchied des Alters 32 Stunden, ich 
-- milde = nur 28. Dafür habe ich aber zuhauſe ſo 
manches zu ſchaffen. I< führe meinem Vater die Wirt- 
Ihaft, denn eine Hilfe können wir uns aus mancherlei 
Gründen jezt nicht halten. Es iſt auch nicht ſchwer, in 
leexen Zimmern Ordnung zu halten. Nur mit dem Kochen 
muß ich mid) manchmal ein bißchen beeilen. I< habe mir 
biSher nur ein neues Beti und die notwendigen Kleidungs- 
und Wäſcheſtüke angeſchafft, mii der Wohnungseinrichtung 
möchte im noh bis zum Frieden warien. I< empfinde es 
jaſt als Unrecht, ſchon jezt an die eigene Bequemlichkeit zu 
denken.“ -- Sie erzählt dann, daß der Vaierländiſche Frauen- 
verein ihr die Mitiel gegeben habe zur Speiſung von 100 
bleichen, kraftloſen Kindern und fährt fort: „„... Das ſchöne, 
viele Geld, das ich von meinen Kolleginnen erhalten habe, 
iſt mn auch faſt verbraucht. Es war mir wundervoll, ſo 
in der Stille holfen zu können, und mit eigenen Mitteln 
wäre das doch nicht möglich geweſen. E38 haben mich viele 
dankbare und überraſchte Augen angeſehen, und das ver- 
danke ich meinen lieben Berufsſchweſtern. Und nun fragen 
Sie noh in unendlicher Güte, ob ich vielleicht eine weitere 
Hilfe haben möchte. EZ iſt zu unbeſcheiden, darum zu bitten, 
aber einen ganz leiſen Wunſch habe ich doch. Als orſte3 
Stück meiner neuen Einrichiung möchte ich gern einen kleinen 
Gegenſtand haben, der mich noch nach Jahren an die treue 
Kameradſc<aft erinnert...“ | 
Natürlich habe ich wieder 100 4 nach Pillkallen geſchi>t, 
und ich glaube, die Vereinsſ<weſtern werden die Genug- 
tuung haben, daß die Saat, welche ſie in ihrer Opferbexreit- 
jhaft ausſtreuen, in unſerm lieben Oſtpreußen auf fruchi- 
baren Boden fällt. 
 
Buchanzeigen. 
| Selbſtanzeige. 
Artur Buchenau, Kurzer Abriß der Pſychologie. Für den 
Unterricht an höheren Schulen, an Lehrer- und Lehre- 
rinnenbildungsanſtalten, ſowie für das eigene Studium. 
Berlin 1914. Verlag von Georg Reimer. 63 S. Kart. 1 4. 
 
 
Die moderne Pſychologie dringt mit immer ſtärkerer Wucht 
in den Unterricht ein, und ſo ſtellt ſich da8 Bedürfnis nad) 
knappen Leitfäden heraus, die die geſicherten Ergebniſſe zu- 
jammenfaſſen, ſoweit man von ſolchen ſchon ſprechen kann. 
Der vorliegende „Abriß“ verſucht, Wandtſche mit Kantſchen 
Gedanken zu verbinden und ſo ſowohl auf das Logiſch-Kritiſche 
wie auſ das Empiriſch-Pſychologiſche Rückſicht zu nehmen. In 
35 kurzen Paragraphen werden die wichtigſten Fragen von 
den pſychiſchen Elementen an bi8 zu den Problemen de3 
Weberſchen Geſeße38, der Sprache, de3 Denken3 uſw. erörtert. 
Tabei können durc<weg nur Leitſäße gegeben werden, alſo 
eine Art von Gerüſt, deſſen Ausfüllung dem Lehrer überlaſſen 
bleibt. Der Verfaſſer iſt der Anſicht, daß e8 überhaupt bek 
dem pſychologiſchen Unterricht nicht in erſter Linie auf Stoff- 
wiſſen, ſondern auf ſyſtematiſches Nachdenken über unſer geiſtig- 
ſeeliſches Leben ankommt. Als eine Anleitung zum eigenen 
Nachdenken aber iſt dieſer Abriß vornehmlich gedacht. 
Cinzelanzeige. 
Crich Wulffen. Kriminalpädagogie. Ein 
Verlag Voigtländer. Leipzig 1915. 99S, 
2,50 6. 
Der Verfaſſer, der ſich als Kriminalpſyc<hologe einen Namen 
gemacht hat, hat ſich in dieſem faßlich und anregend geſchrie 
benen Buche vorgenommen, zu zeigen, welche Anlagen beim 
Kinde ausgebildet oder zurüdgedämmt, welche Umſtände be- 
jeitigt oder umgangen werden müſſen, damit Kinder und 
Jugendliche das Unſittliche, das Verbrechen nach Möglichkeit 
vermeiden. Eine der Haupteinſichten Wulffen38 iſt dabei, daß 
alle Erziehung3geſeße einfach ſind, weil die Natur ſelber 
ſie aufgeſtellt hat und uns ihren wirkungsvollen Ablauf täg- 
lich deutlich zeigt, daß aber gleichwohl die Menſchen dieſe natür- 
lichen Erziehungsgeſeße überſehen und nicht zur Anwendung 
bringen. Günſtige und ungünſtige Kräfte liegen in den Seelen 
der Kinder nahe beieinander, und die Anlagen ſpielen dabei 
eine fundamentale Rolle, ſo daß die Erziehung ſtet3 nur be 
dingt auf Erfolg rechnen darf. So formuliert Wulffen ſein 
erſtes Geſe dahin, daß alles darauf ankomme, die günſtigen 
Seelenkräſte im Kinde zu pflegen und die ungünſtigen nieder- 
zuhalten. Das zweite wichtige Moment iſt dex Bewegungs- 
trieb des Kindes, den e3 gilt, in die richtigen Bahnen zu 
lenfen, wobei Wulffen mit Recht betont, welche eniſcheidende 
Bedeutung die Bildung der Konzentrationsfähigkeit hat. Auch 
darin wird man dem Berfaſſer beiſtimmen können, wenn er 
fordert, daß die arbeitende Jugend durch die Freude zu evr- 
ziehen fei und das als eine hohe ſoziale und nationale Auf- 
gabe bezeichnet. Das Buch) enthält eine Reihe feiner pſy- 
<hologiſcher und pädagogiſcher Bemerkungen, ſo daß es der 
Lehrerſchaft durchaus empfohlen werden kann. 
Dr. Artur Buchenau. 
Nachrichten. 
Ausland. | 
Die große Handel3- und Induſtrieſtadt Bialyſtok, die troß 
allex Bemühungen während der Ruſſenherrſchaft keine ein- 
zige polniſche Schule erringen konnte, hat unter der deutſchen 
Verwaltung eine Reihe von polniſchen Volks8ſchulen ſowie je 
ein Kuaben- und Mädchengymnaſium erhalten. Es hat ſich 
daſelbſt ein „Verein zur Förderung des polniſchen Schul- 
weſens“ gebildet. 
Srziehung5buch. 
Geb. 2 46, geb. 
Kürſe. | 
Sprechunterricht für Erwachſene, Knaben und Mädchen ex- 
teilt Frau Annie Spieglex-Deſertus, Berlin-Friedenau, Süd= 
weſtkorjo 10, Eingang Offenbacher Straße 31 11. Sprechzeit 3--4. 
Nähe der folgenden Halteſtellen: Elektriſche Bahnlinien 0 und 
69; Untergrundbahn Rüde3heimer Plaz; Ringbahn Friedenau: 
Wilmer3doxf. Die Dame, die auch gerne als Rezitatorin in ge- 
ſchloſſenen Geſellſchaften und Vereinen ſprechen möchte, iſt 
beſten3 empfohlen dur die Herren Profeſſor Dr. Krebs, Dr. Otto 
Weddigen, Geheimrat Chriſtiani u. a. Da8 Monatshonorar be- 
trägt 10 4, doch können auch beſondere Verabredungen ge- 
troffen werden. Sn .
	        

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