Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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von Marie Loeper aus den Quellen geſpeiſt wurde, die ich 
in dieſen kurzen Säßen zu kennzeichnen ſuchte. Wir haben 
Frl. Rommel als die früheſte und vertrauteſte Freundin aus 
der Zeit, da dieſe LebenSarbeit ihre entſcheidende Richtung 
nahm, gebeten, jie zur Darſtellung zU bringen, und hoffen, 
bald imſtande zu ſein, dies Leben8bild zuſammen immt eini- 
gen anderen Erinnerungsblättern zu einem Heftc<en ver- 
einigt unſeren Vereinen darzubieten. Denn im Allgemeinen 
Deutſchen Lehrerinnenverein darf das Gedächtnis an eine 
der j<höpferiſchen Kräfte, die ihn in3 Leben riefen, nicht er- 
löſchen, eine Kraft, die in fich = und darin beſtand der eigent- 
liche Zauber ihre3 Weſens = das Beſondere der Frauen- 
natur jo bezeichnend zur Darſtellung brachte: durch Liebe 
zu wecen, zu fördern, zur höchſten Leiſtung zu bringen, und 
den Glauben an da3 Gute in faſt verzagender Seele immer 
wieder aus erlöſ<henden Funken anzufachen. 
Helene Lange. 
Unſere Kriegskurſe.') 
Von Marie Martin. 
„Das Ärgſte und Schlimmſte, was ſich von 
einem Volk jagen läßt, iſt, daß es ſeine jun- 
gen Mädchen traurig und hoffnungslos ge- 
macht hat. Ruskin. 
Millionen von deutſchen Frauen und Mädchen werden 
heute ihres natürlichen Berufes und damit ihres ſicherſten 
Rebens8glückes beraubt. Das iſt eine ebenſo große, wenn nicht 
noch größere Volkönot, als daß Deutſchlands blühende 
Männerkraft im Kriege hingemäht wird. Allein aus der 
Tiefe diejer Not quellen auch friſche, ungeahnte Leben3- 
triebe für die Zukunft, fo daß die ſchöpferiſche Größe der 
Zeit uns wohl noch gewaltiger faßt als ihre großen Schmer- 
zen und Nöte. Ein neues, junges Deutſchland ſoll zur Welt 
kommen; wer von uns Bolks8genoſſen bezahlt das nicht 
gerin mit Leben und Glück? Wo aber der große Moment ein 
feines Geſchlecht findet, da naht ſich die Gefahr, daß die 
Betroffenen traurig und hoffnungslo3 werden. Dieſer Ein- 
Drud nun drängt fich mir leider oft auf bei den vielen An- 
frageit, die ſich auf die Ankündigung unſerer Kriegskurſe 
„Frauenberufsfrage“ beziehen. Jd) gehe zwar nicht ſo weit, 
wie eine jehr tüchtige und gewi] jenhafte Kollegin, die ſich 
unjerm Unternehmen glatt verſagte unter der Begründung. 
jeit mindeſtens 20 Jahren nun werden den Mädchen Be- 
rufsbildung3möglichleiten faſt auf dem Präjentierbrett nach- 
getragen ; wer heute hilflos und unjelbſtändig dem Schickſal 
gegenüberſtehe, der trage ſelbſt die Schuld und verdiene weder 
Mitleid noh Hilfe. J< ſtehe der Frage anders gegenüber, 
und das Herz brennt mir in der Bruſt, wenn ich die Un- 
erfahrenheit und Unklarheit beobachten muß, mit der Eltern 
und Töchter über die plößlich hereingebrochene Verſorgungs3- 
not. jammern und nach jedent Strohhalm greifen, ohne zu 
ahnen, was ſie eigentlich wollen. Nun wird nur zu wahr, 
was die Frauenbewegung biSher vergeblich prophezeite, wenn 
jie das oberflächliche Treiben in der Mädchenerziehung jah, 
obwohl ihre Warnung in der großen Maſſe immer wieder 
Spott und Kampf ernteten. Vielleicht iſt die Krieg8not ein 
leßtes ernſtes Mittel, mit den weiblichen Vorurteilen aufzu- 
räumen und unſer Geſchleht vorwärt3 in die Wirklichkeiten 
des Lebens zu treiben. Dann joll dieſe Not dreimal geſegnet 
jein, denn ſie wird helfen, der Traurigkeit und Hoffnungs- 
Iofigfeit vieler junger brachliegender Frauenkräfte in der 
Zukunft ein Ende zu bereiten und unſerem Volk die Mütter 
zu erziehen, die in der Not den Vater erſezen und auch 
Mütter des Geiſtes und Herzen3 ihrer Kinder werden können. 
Die Haupturſachen für die Frauennste, über die nun mit 
jolcher Wucht die Kriegsverhältniſſe hereinbrehen, glaube 
ich nadh; meinen jeßigen bejonders ſtarken Eindrücken in 
folgenden Punkten kurz zuſammenfaſſen zu ſollen. 
1) Auf die Einrichtung diejer Kurſe iſt hingewiejen in „VLehrerin' 
Nr. 44, S. 351. Die Sqriftleitung. 
 
1. Die faſt abſolute Gleichgültigkeit des gebildeten Publi- 
fums gegenüber der Frauenbildungsfrage als einer ſozialen, 
einer Volks3frage, hat für die Sculentwiklung und Bil- 
dungsreſorm die Erfahrungen der Nächſtbeteiligten, der 
Eltern, in Stadt und Land viel zu jehr von der Mitarbeit 
und Mitberatung ausgeichtojjen. Die meiſten Eltern küm- 
mern jich erſt und nur ſo [ange um dieſe Fragen, als ſie 
direkt in Verlegenheit oder gar Not um dieſer oder jener 
Tochter Schiſal und Vorteile ſind, und beurteilen dann die 
ganze Frage vollkommen jubjektiv perſönlich und oft reich- 
lich unverſtändig und ausfallend. Jc< könnte geradezu er- 
göbliche Beiſpiele aufweiſen, was ſich eine ſolche in ihren 
Wünſchen aufgehaltene Mutter an Entrüſtung gegen die Be- 
hörden, die Frauenbewegung, die Lehrer und Lehrerinnen 
ihrer verehrten Lieblinge leiſtet. 
2. Die Sympathie der Geſellſchaft und der Eltern richtet 
jich fajt immer gegen die Berechtigungsbildung der Tochter, 
die jie faſt als Gefahr für ihre Heiratsausſichten anſieht. 
Sehr ungebrochen gilt noch der Grundſatz: die Söhne erzieht 
man für die Aufgabe, ſich äußerlich und innerlich ſelbſt zu 
verſorgen, die Töchter für den Anſpruch, ſtande8gemäß ver- 
jorgt zu werden. Eine Menge Eltern kommen jekt ganz 
unverfroren zu mir: „Wir dachten ja nie, daß unjere Toch- 
tex nötig haben würde, ſelbſtändig zu werden; aber bei 
den heutigen HeiratsSausſichten, bei dem Fallen der Brüder 
und männlichen Verwandten, bei der Unſicherheit des Ver- 
mögens ujw. möchten wir ſie nun ſo ſchnell und billig wie 
möglich einem Werſorgungsberuf zuführen. “ Und bei dem, 
was ſie ſich unter dex Vorbereitung für einen ſolchen Ver- 
jorgungsberuf vorſtellen, ſtellen ſich jedem die Haare ſtracks, 
der noch welche auf dem Kopfe hat. 
3. Daher iſt die alte widerliche Anſchauung, als vb Staat 
und Öffentlichkeit die ungemeſſene Verpflichtung hätten, ein- 
fach alle Frauen, die durch den Krieg Schaden erlitten, jo zu 
verſorgen, daß ſie eigentlich nur zu ſchmarozen brauchten, 
noch unerhört in Kraft. Nicht nur jene armſeligen ungebilde- 
ten Wehrfrauen, die ihre Pflicht mit der Hingabe ihres 
Mannes völlig erfüllt glauben und ſich gegen jede Gin 
Ihräntung und jede eigne Arbeitsleiſtung ſträuben, weil 
ja ihr Mann im Felde af, oder gar im Felde gefallen iſt, 
zeigen uns dies dunkle Bild ſittlicher Minderwertigkeit, jon- 
dern, was nod) viel ſchwerer ins Gewicht fällt, unendlich viele 
gebildete Kriegs3witwen zeigen fich auf gleicher Stufe; ja, 
man kommt zuweilen auf den finſteren Gedanken, daß eine 
Menge der „Kriegstrauungen“ in Wahrheit am richtigſten 
unter die Rubrik „WVerſorgungsgeſchäft“ zu bringen wären. 
Man darf nicht hart jein und muß. Ehrfurc<t vor Schmerz 
und Trauer, Milde gegenüber der erſten Faſſungs- und Ent- 
jhlußloſigfeit haben. Aber wer viel mit den jungen Kriegs- 
witwen, meiſt in tadelloſer, durchaus ſtandeSgemäßer Trauer- 
fleidung zu tun hat, der hat doch helles Entſezen, wie viele 
wohlverſorgt fein: wollen, und wie wenige dagegen fähig 
ſind, ſich nun mit allen Kräften ein neues, würdiges, 
jelbſtändiges Leben zimmern zu wollen. Oder daß gar eine 
auf den Gedanken käme: nun habe ich meinem Waterland 
mein. Liebſtes hingegeben, nun foll auch mein ganzes Leben 
dem Dienſt an meinem Volke gewidmet jein! Viel Schuld an 
diejer ſchreflichen Schwäche unſerer Frauenwelt hat der un- 
verſtändige Unterſtüßungseifer, der jich auf jede Not ſtürzt 
und protektionstoll iſt, ganz noch erfüllt von den alten 
„Wohltätigkeit3tändeleien“, die ein Werſallzeichen unſerer 
Zeit ſind. Davon weiß wohl der Nationale Frauendienſt und 
gar manche Beratungsſtelle ein Liedchen zu ſingen. Unter- 
ſtützt werden müſſen die Mütter, die dem Vaterland ihre 
Kinder geſund aufziehen ſollen; unterſtüßt werden müſſen 
die Frauen, die ſich für die Arbeit tüchtig machen wollen, 
und die beſte Unterſtüßung beſteht dann ſtets darin, daß 
man ihnen ſolide Wege zur Ertüchtigung öffnet. Wer 
aber ſeine Kreppſchleier und eleganten weißen Trauerſtreif- 
<hen nicht jelbſt bezahlen kann, der ſoll eben keine tragen, 
joll ich j<ürzen und arbeiten lernen.
	        

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