Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

-- 386 -- 
al8 Nebenbeſchäftigung aufgefaßt werden kann. Nicht zu ver- 
geſſen iſt auch, daß eine Lehrerin, die auf der Höhe bleiben 
will, auc Zeit zur eigenen Fortbildung haben muß. Waz3 
der Verfaſſerin vorſchwebt, da8 iſt -- die Lehrerin, die ge- 
wiſſenhaft ihren Unterricht erteilt, aber ihrer Pflichten ledig 
zu ſein glaubt, wenn die Tür de8 Sculhauſe3 ſich. hinter 
ihr geſchloſſen hat, das iſt der Typus der Lehrerin, den von 
der Bolksſhule fernzuhalten unſer eifrigſtes Beſtre- 
ben ſein muß. 
Demgegenüber können Erwägungen, die ſich auf die wirt- 
Ihaftlichen Vorteile der Verſc<hmelzung von Beruf und Ehe 
beziehen, nicht ins Gewicht fallen. Die Frage, wer an der 
Schule arbeiten ſoll, muß lediglich danach entſchieden werden, 
was zum Wohle der Kinder gereicht, nicht zu dem der Leh- 
renden. 
In gewiſſenhafter Würdigung dieſer Verhältniſſe hat im 
Jahre 1910 auch der Lande3verein Preußiſcher Volk3»- 
ſc<hullehrerin nen, die einzige preußiſche Lehrerinnen- 
organiſation, die biSher zu dieſer Frage Stellung genommen 
hat, ſich mit weit überwiegender Mehrheit gegen die An- 
jeltung verheirateter Volk3ſc<hullehrerinnen er- 
, . ' - ' I 
Daß die hier vertretenen Anſichten nicht bloß innerhalb 
de3 Landesvereins Preußiſcher Volks8ſchullehrerinnen, ſon- 
dern auh innerhalb des Verbande38 Deutſcher Volksſc<ul- 
lehrerinnen vorherrſchen, bewie8 das Ergebnis einer Um- 
frage, die ſeinerzeit von München al8 Vorort de3 Verbandes 
aus an die Zweigvereine des Verbandes gerichtet wurde. Die 
eingelaufenen Antworten wurden damals im Beiblatt B zu- 
jammengeſtellt und im Geſchäftsbericht, der in Nürnberg 
1911 erſtattet wurde, dahin zuſammengefaßt, „daß weit- 
aus der größte Teil der Mitglieder die Verbindung von Be- 
ruf und Ehe für untunlich hält“. 
(E3 iſt wertvoll, daß von Lehrerinnenſeite ſo vor der Öffent- 
lichfeit dargelegt worden iſt, wie die Mehrzahl der Lehre- 
rinnen zu den Forderungen ihre8 Berufes ſteht und von 
ihnen aus die Möglichkeit einer Vereinigung von Beruf 
und Ehe beurteilt; denn e3 liegt keine8weg3 im Intereſſe 
des Lehrerinnenſtandes, die Widerlegung der Forderung des 
Doppelberufs der Lehrerin und Ehefrau allein den Männern 
zu Überlaſſen. Sie wird von männlicher Seite nur zu 
leicht zu einem Angriff auf die Lehrerinnen. Das zeigt eine 
Veröffentlihung des Herrn Schulinſpektor8 Dr. Schepp in 
Berlin im „Berliner Lokalanzeiger“ vom 17. Februar, die 
zunächſt ganz allgemein die Bewegung für die Vereinigung 
von Beruf und Ehe den „Lehrerinnen und Frauenrechtle- 
rinnen“ in die Schuhe ſchiebt, weiterhin ungünſtige Erfah- 
rungen mit den jebt während des Krieges in Berlin einge- 
ſtellten verheirateten Lehrerinnen andeutet, die Unmöglich- 
keit, Beruf und Ehe zu vereinigen, in großer Ausführlichkeit 
mit den Ziffern der Berliner Verſäumnisſtatiſtik beweiſt und 
da8 Wort vom „Zölibat3zwang“ der Lehrerinnen mit fol- 
genden Säßen abtut : 
„Bei der großen Mehrzahl der Fälle liegt e3 doch ſo, daß 
die Lehrerin nah ihrer Verheiratung nicht gezwungen iſt, 
dur< Beibehaltung ihre8 Berufs zur Unterhaltung der Ja- 
milie mit beizutragen. Wenn die Lehrerin nicht heiratet, ſo 
iſt e8 alſo nicht die Angſt vor dem Aufgeben de38 Berufs, 
die ſie vom Heiraten fernhält; ſondern der Grund iſt der, 
daß „feiner fam und ſie mitnahm“. Das weiß ein jeder, der 
längere Zeit mit Lehrerinnen zuſammen gearbeitet hat.“ 
- E3 muß für die dieſem Vorgeſeßten unterſtellten : Leh- 
rerxinnen ein bitteres Gefühl ſein, aus den Darlegungen 
ihres Sculinſpektor3 eine ſo geringſchäßzige Meinung über 
die Lehrerinnenſchaft und ihre Stellung zu ihren Schul- 
pflichten herausleſen zu müſſen. „Der muß es ja wiſſen ; der 
fennt die Lehrerinnen ja von Amt3 wegen“, ſagt ſich der 
Durchſchnittsleſer und fühlt ſich dann völlig in ſeinem Rechte, 
wenn er die Lehrerinnen als körperlich unfähige und innexr- 
lich ihrem Berufe widerſtrebende Weſen anſieht, die ihn wie 
eine ſchwere Laſt weiterſchleppen, „weil keiner kam und 
ſie mitnahm“. -- All den ungerectfertigten Verallgemeine- 
rungen gegenüber iſt es geradezu eine glückliche Fügung zu 
nennen, daß Frl. Jaſtrow8 Aufſaß in der „Voſſiſchen Zei- 
tung“ ſc<hon vier Tage vor den Ausführungen de3 Herrn 
Bezirksſhulinſpektox8 Dr. Schepp erſchienen" iſt. 
 
Troß des geringen Wohlwollens für die Lehrerinnen aber, 
das jene Äußerungen verraten, ſoll doch noc<h ein Geſichts8- 
punkt, den ſie anführen, mit herangezogen werden. Der 
Verfaſſer ſagt: . 
Wa3 nun die Berufung auf andere Länder betrifft, 
jo bin iM nie ein Freund davon geweſen, auch in dieſem Falle 
nicht. Vor allen Dingen möchte ich nicht, daß uns Länder 
wie Frankreich, Belgien, Jtalien, Spanien und Portugal, deren 
Unterricht3erfolge weit hinter den ruſſiſchen (ſoll wohl beißen: 
unſrigen ?) zurückbleiben, als Vorbilder auf dem Gebiete der 
Schule hingeſtellt werden. Wa38 für himmelſchreiende Zuſtände 
jim in Jtalien manchmal bei der Verwaltung von Sculſtellen 
durch verheiratete Lehrerinnen herausbildeten, habe ich wäh- 
rend zweier Jahre ab und zu mit Augen ſehen und erleben 
können. Und bei den Borichten aus den anderen Ländern 
ſpielen die Ausdrücke „ſollen, man ſagte mir“ u. a. eine zu 
große Rolle, als daß man ihnen unbedingten Wert beilegen 
könnte. 
Er weiſt in dieſer Aufzählung auf lauter romaniſche 
oder wie Belgien romaniſierte Länder hin, in denen 
die Verwendung verheirateter Lehrerinnen weit verbreitet 
iſt. Nun gibt es allerdings auch germaniſche Länder, wo 
jie geſtattet iſt, 3. B. in Teilen von Deutſch-Öſterreich, in 
der deutſchen Schweiz, in Skandinavien; es iſt aber auf- 
fallend, daß gerade in den germaniichen Ländern die Frage, 
ob die Verheiratung der Lehrerinnen im Intereſſe der Schule 
liege, eigentlich nie zur Ruhe kommt. In Öſterreich verhalten 
jich verſchiedene Schulbezirke ganz verſchieden ; während man 
in der Stadt Wien Lehrerinnen bei der Verheiratung im 
Amte beläßt, entläßt man ſie auf dem Lande. In der 
Schweiz war vor einiger Zeit im Kanton Zürich eine große 
Bewegung gegen die verheirateten Lehrerinnen ; ſie ſcheiterte 
aber an den Stimmen der Sozialdemokratie; in Norwegen 
bejchäftigt man ſich gegenwärtig mit Maßnahmen, die dahin 
führen ſollen, den wirtſchaftlichen Anreiz zur Verheiratung 
von Lehrern mit Lehrerinnen zu beſchränken. Da38 „Depar- 
tement für Kirche und Schule“ führt in einer Eingabe an den 
Reichstag aus, daß, wenn in einer Familie ſowohl Mann 
wie Frau als Lehrer und Lehrerin ihr volle3 Gehalt be- 
kommen, ihr Ginkommen das notwendige Maß erheblich 
überſteigen würde, was einer Verſuchung zur Eheſchließung 
zwichen Lehrer und Lehrerin gleichkfäme und allzuoft dahin 
führen würde, daß die Frau auch nach ihrer Verheiratung 
ihre Stelle behält. Dies könne aber weder der Schule, noch 
der Familie beſonder38 nüßlich ſein; das Departement ſtellt 
dem Reichstag zur Erwägung, ob die Familie nicht hin- 
reichend bezahlt wäre, wenn 3. B. der Lehrer das Grund- 
gehalt, die AlterSzulagen und die Verſorgungs3zulage er- 
hielte, die Gattin aber nur das Grundgehalt -- oder umge- 
kehrt. Sogar in dem freien Amerika, im Staate Neuyork, 
hat man auf gerichtlichem Wege verſucht, einer Lehrerin, 
die ji) verheiratete, das Recht zum Verbleiben im Amtto 
abzuſprechen ; zwar trug die Lehrerin, die ihre Stelle nicht 
aufgeben wollte, in dieſem Falle auf Grund der amerikani- 
jchen Geſeße ſchließlih den Sieg davon, aber da8 Vor- 
fFommnis zeigt doch, wie auch dort drüben ſich Bedenken, 
gegen die Vereinigung von Lehrberuf und Ehe regen. Die 
germanijche Auffaſſung von Beruf8- und Mutterpflichten iſt 
jedenfalls eine andere al38 die romaniſche, und wenn auch 
einzelne germaniſche Länder unter dem ſtarken Einfluß der 
romanijchen Kultur ſich in ihren Geſezen den romaniſchen 
Anſc<auungen angepaßt haben, ſo ſtärkt uns Deutſchen doch 
hoffentlich der Krieg das Rücgrat, un3 fernerhin nicht gegen 
unjere innere Überzeugung von dem, wa8 Schule und Fa- 
milie dient, von romaniſcher LebenSauffaſſung beeinfluſſen zu 
laſſen. . OD. 
Eine deutſche Lehrerin im Ausland. 
Von Maria Raſſow. 
Die Bedeutung der deutſchen Frau für das geiſtige Leben 
ihres Vaterlande3 iſt oft unterſucht und bewertet worden. 
Die Einwirkung deutſcher weiblicher Intelligenz auf das
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.