Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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Meine braven Soldaten, von denen wohl gar mancher auch, 
ein liebes Kind verlaſſen mußte, als er in8 Feld hinau83og, 
haben durch ihre Tapferkeit und ihren Mut, troß Regen, Kälte 
und Schneeſturm in den denkwürdigen Tagen des 8. bis 
11. Jänner nach ſchweren Kämpfen den vom Feinde hart- 
nädig verteidigten, ſteil und ſteinig in die ſtolze Höhe von 
1750 Metern aus der Erde aufragenden Lovzen eingenommen 
und in der Folge das Land der ſchwarzen Berge bezwungen, 
jo daß deſſen Streitmacht die Waffen ſtre>en und ſein König 
um Frieden bitten mußte. Aus Euren Zeilen und Euren 
lieben Glüdwünſchen ſehe ich, daß Jhr innigen Anteil nahmt 
an dieſem Siege, und ich danke Euch dafür beſonder3 herzlich. 
Ja, es war ein ſchöner Sieg! Jhn zu erringen aber hat uns 
Gott geholfen, und Gott müſſen wir danken für ſeine all- 
mächtige Hilfe. Aber bitten wollen wir ihn auch, daß er 
uns weiter helfe, auf daß, wir auch alle die anderen böſen 
Feinde, die uns bedrängen, niederwerfen und danach in 
unjer liebes ſchönes Vaterland der erſehnte Friede wieder- 
kehre. Wie werden dann die Herzen aller jubeln, und wie 
danfbar- werden Gott dann all die harten Männer ſein, die 
im grauſigen Kampfe dem Tode ins Auge geſchaut, wenn 
jie heimkehren in ihre Heimat, in ihr Haus, zu ihren treuen 
Frauen und zu ihren lieben, lieben Kindern. Zu den Kin- 
dern, für deren Gedeihen ſie tagtäglich gebangt und gebetet, 
für deren Zukunft, Ruhe und Glück ſie ihr Leben eingeſeßts 
wie werden ſie ſtolz ſein auf ihre teuren lieben Kleinen, die 
jo genügſam waren, in ſchwerer Kriegszeit, ſo folgſam ihren 
Lehrern, ſo ernſt in ihrer Pflichterfüllung und ſo fleißig in 
ihren Arbeiten. Und wie erſt werden ſie ſich freuen, iwenn 
jie: erkennen werden, was für tüchtige, brave Mädchen aus 
den Kleinen werden müſſen. Auch da werden die Krieger 
Gott innig danken, daß er Euch liebend beſchüßte und führte, 
und beten werden fie, daß Gure Zukunft glücklich ſei. Das 
bet auch ich als Euer Freund. Grüßet mir unſer gemein- 
ſames, teures Heimatland mit ſeinen mächtigen Bergen, 
jeinen lieblichen Seen und klaren Flüſſen, mit ſeinen un- 
vergleichlihen Bewohnern. Recht herzlich, al8 Euer Lands8- 
mann aber grüße ich Eu<, Ihr braven Kleinen. Troll- 
mann FML.““ 
Nac<richten. 
Soziale Frauenbildung. 
Eine „Wohlfahrtsſchule“ für Hamburg wurde in der 15. Haupt- 
verſammlung des Hamburgiſchen Verein3 zur Förderung von 
Frauenbildung und Frauenſtudium für notwendig erklärt. Ver- 
ſtanden wird darunter eine Anſtalt, die auf die ſoziale Arbeit 
theoretiſch und praktiſch vorbereitet. Überall -- ſo wurde bei 
Begründung dieſer Forderung ausgeführt -- habe fich im Na- 
tionalen Frauendienſt, in der Krieg3hilfe gezeigt, daß der 
Mangel an Schulung in ſozialer Arbeit bei den meiſten Frauen 
große Hemmniſſe verurſacht habe. Die Einrichtung einer ſolchen 
Wohlfahrtsſ<hule begegne aber weitaus größeren Schwierig- 
feiten, als ſeinerzeit die Einrichtung des Mädchengymnaſium. 
Cs fehle an einem bewährten Lehrgang, die wenigen Anſtalten 
in Deutſchland haben ihre Verſuche nog nicht abgeſchloſſen. 
Eine ſolche Anſtalt müſſe die Schülerinnen =- junge Mädchen 
von 18 bis 20 Jahren -- auf dem Wege zu hohen Zielen 
feſtzuhalten verſtehen, ſie zu Erkenntniſſen in ſozialer Ethik, 
Rädagogikt, Volkswirtſchaft, zu grundſäßlicher Erfaſſung der 
Jugendpflege führen und zugleich die praktiſchen Fähigkeiten, 
die Liebe zu ſorgfältiger Kleinarbeit entwickeln. Die dafür ns- 
tigen Lehrkräfte müßten dafür erſt herangebildet werden, es 
gehöre pädagogiſ<e Schulung und tüchtige Facbilbung auf 
dieſen Gebieten dazu. | 
Eine ſoziale Frauenfc<hule ſoll auch in Breslau eröffnet wer- 
den. In den letzten zehn Jahren und vor allem im Kriege 
hat die praktiſche ſoziale Frauenarbeit in Bre8lau einen un- 
erwarteten Aufſhwung genommen und ſich immer neue Gebiete 
der Betätigung erobert. Mit dieſer praktiſchen, Ausbreitung 
der Arbeit: und dem damit erwachenden Bedürfnis. nach fozial 
da8 Reifezeugnis einer Mädchenmittelſchule. 
 
geſchulten Frauen hat bi3her die Schaffung von Einrichtungen 
für theoretiſche Vor- und Durchbildung nicht Schritt gehalten. 
De3halb iſt die Gründung einer Bre3lauer ſozialen Schule 
für Frauen und Mädchen, die ſich beruflich oder ehrenamtlich 
ſozialer Arbeit auf den verſchiedenſten Gebieten widmen wollen, 
vorausgeſehen. Der Lehrplan der mit Genehmigung und unter 
Aufſicht der Behörde eingerichteten Frauenſchule wird neben 
Bürgerkunde und Volk3wirtſc<aft5lehre inSbeſondere auch Ju- 
gendpflege, Jugendfürſorge, Kriegsfürſorge, Armenweſen, Syſte- 
matik und Technik der ſozialen Arbeit, Geſundheitöpflege, Pſy- 
dhologie und Pädagogik, ſowie Beſichtigungen und Beſprechun- 
gen von Wohlfahrt5einrichtungen und die Möglichkeit prak- 
tiſcher ſozialer Arbeit unter ſachverſtändiger Leitung umfaſſen. 
Eine ſoziale Frauenſchule iſt für September 1916 in Augs8- 
burg in Ausſicht genommen. Dieſelbe wird vom BVerein für 
Frauenintereſſen gegründet werden. Zur Aufnahme koms- 
men Mädchen, welche das 18. LebenS3jahr zurückgelegt und eine 
höhere Mädchenſchule oder gleichwertige Anſtalt beſucht haben. 
Cine Alter3grenze nach oben ſoll nicht gezogen werden. In 
einem einjährigen theoretiſchen Kurſe mit angegliederten ſemi- 
nariſtiſchen Übungen ſollen die Schülerinnen in alle Gebiete 
der Wobhlfahrtspflege eingeführt werden, um dann nachher 
ein halbe3 Jahr praktiſch in den einſchlägigen Ämtern und 
Wohlfahrtöeinrichtungen zu arbeiten, ſo daß ſie dann imſtande 
ſind, ſowohl beruflich al8 ehrenamtlich in die ſoziale 
Arbeit einzutreten. Das AusStritt3zeugni3 der ſozialen Frauen- 
ſchule ermöglicht die Anſtellung als Säuglings3pflegerin, 
Schulſchweſter, Wohnung3pflegerin, Jugendfür- 
ſorgerin, Polizeipflegerin und in ähnlichen ſozialen 
| Berufen. Auch hier ſind die Krieg3erfahrungen aus8ſchlaggebend 
geweſen, die ebenſo deutlich den Wert der geſchulten Frauen- 
kraft wie die geringe Hilfsfähigkeit der anderen gezeigt haben. 
Berufsfragen. 
über die Berechtigungen der Müdchenmittelſchulen iſt eine 
Zuſammenſtellung gemacht worden, die einen Überbli> über 
die bi3herigen Einzelergebniſſe geſtattet. Danach haben die 
Poſt- und Telegraphenverwaltungen der meiſten Bezirke an- 
geordnet, daß bei der Annahme junger Mädchen zu Poſt- und 
Telegraphengehilfinnen die Zeugniſſe über den erfolgreichen Be- 
ſuch der erſten Klaſſe der Mädchenmittelſ<ule al8 Nachweis der 
erforderlichen Schulbildung angeſehen werden. Auch für die 
Aufnahme in die königl. Lehranſtalten für Wein-, Obſt- und 
Gartenbau in Geiſenheim und Pros3kau genügt in Zukunft der 
erfolgreiche Beſuch der oberſten Klaſſe der voll entwickelten 
Mädchenmittelſchule mit neunjährigem Lehrgang, außerdem wird 
eine zweijährige praktiſche Lehrzeit verlangt. BiSher beſtanden 
bereit3 folgende Berechtigungen: Zulaſſung zur Ausbildung 
als Lehrerin der weiblihen Handarbeiten, als Lehrerin der 
Vauswirtſchaftskunde, als Turnlehrerin und Zeichenlehrerin, 
wenn vorher die Prüfung als Handarbeit3-, Hauswirtſchaſt3- 
oder Turnlehrerin beſtanden iſt. Auc< zur AuSbildung als 
Gewerbeſchullehrerin genügt unter beſtimmten Vorausſetzungen 
Ferner können 
Schülerinnen der Mädchenmittelſ<hule ohne vorherigen Beſuch 
einer Präüparandenanſtalt in ein Volksſc<hullehrerinnenſeminav 
aufgenommen werden, wenn ſie da3 erforderliche Alter haben 
und eine Prüfung abgelegt haben. Ohne Prüfung werden ſie 
al3 AuShelferinnen bei der Eiſenbahn zugelaſſen. 
Lehrerin der Haushaltungsfunde. In den Beſtimmungen des 
Miniſters für Landwirtſchaft, Domänen und Forſten über die 
Ausbildung von Lehrerinnen der landwirtſchaftlihen Haus- 
haltungskunde iſt der Eintritt in das haus- und landwirtſchaft- 
liche Seminar der wirtſchaftlichen Frauenſ<ulen auf dem Lande 
an eine fachliche Vorbereitung geknüpft. Als fachlihe Vor- 
bereitung gilt ſowohl die erfolgreiche Abſolvierung des Maiden- 
jahres der wirtſchaftlichen Frauenſchulen auf dem Lande als 
auch das Beſtehen der Prüfung zur Lehrerin der HauShal- 
tung3fkunde auf den ſtädtiſchen Seminaren. Damit iſt der 
lezteren Lehreringattung, die bis dahin nur eine Weiterbildung 
zur Gewerbeſchullehrerin' erſtreben konnte, ein Lehrberuf er- 
öffnet worden, der zurzeit ſehr ausſicht3reich iſt. Die Wirt-
	        

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