Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

Heimatkunde umſchrieben“, jo heißt es in dem kleinen 
Führer, der un38 mitgegeben wurde. Bei einem kurzen Rund- 
gang ließ ſich natürlich nur ein flüchtiger Überbli> über das 
ausgeſtellte Material ermöglichen, wobei der Katalog gute 
Dienſte leiſtet. Es finden ſich in der Ausſtellung Schüler- 
arbeiten aus höheren Schulen, Pädagogien und Lehrerbil- 
dungsanſtalten, ſowie Modelle von der Hand de38 Lehrers, 
nir ganz vereinzelt, wie mir ſcheinen will, auch Objekte 
aus Mädchenbildungsanſtalten, wie 3. B. dem ſtädtiſchen Ly- 
zeum und dem Kindergärtfnerinnenſeminar in Kreuznach 
und einigen privaten Lyzeen. (Ob das an dem biologiſchen 
Unterricht in Mädchenſchulen oder an der Abſicht der Aus3- 
ſtellungsleiter oder an einem Zufall liegt, kann ich nicht 
beurteilen.) Die Arbeiten ſind zum Teil Einzel-, zum Teil 
Klaſſenleiſtungen. Beſonderer Wert iſt darauf gelegt, zu 
zeigen, wie die Beobachtungsfähigkeit der Jugend geübt und 
wie ihr Sammeltrieb in gute Bahnen gelenkt werden kann. 
Der Naturſchuz und die Pflege de3 Naturdenkmals wird als 
eine wichtige Erziehung3aufgabe gekennzeichnet, und es iſt 
reizvoll, die vielen Anregungen zu verfolgen, die durch 
einen, die Neigungen der Jugend ebenſo wie die Förderun= 
gen der Naturkunde berücfichtigenden Unterricht gegeben 
werden. Die Anleitung zur Durchforſ<hung der Heimat geht 
auch von einem ſolchen aus. So finden ſich Verſuche zur 
Löſung von Aufgaben wie: „Die Flora der Mauern“, „Über 
den Naturgarten des Kgl. Schloſſes zu Brühl“ (aus dem 
Seminar daſelbſt), „Die Entwicklung der Kiefer“ (aus einem 
Realgymnaſium), auch weitergehende, wie typiſche Pflanzen 
de3 Hochmsoor3, der Heide, des Rieſengebirges uſw. Bemer- 
fensSwerte Bäume und Landſchaftsbilder ſind feſtgehalten und 
jind für Lichtbilder al8 JUuſtrationen zu Vorträgen gedacht. 
Ebenſo wie Holz-, Flechten-, Feder=-, Samenſammlungen 
einen doppelten Zwe erfüllen : ſie ſind Aufgabe und wer- 
den vollendet zum Lehr- und Anſchauungsmittel. 
Zum Beobachtungsunterricht gehören Zeichnungen nad) 
der Natur, Herbarien, auch Anwendung der Handfertig- 
keiten und des Modellierens zur Darſtellung 3. B. von 
Pflanzenteilen. Pappe und Papier kann zur Weranſc<hau- 
lichung der Gewerbelehre dienen; ganz beſonders eignet ſich 
natürlich Plaſtelina zur Wiedergabe von Naturobjekten, wie 
die ſj<öne Modellſammlung von Pilzen beweiſt, die von 
Lehrerhand in einem Lyzeum hergeſtellt worden iſt; auch 
alle die ſeinen Darſtellungen von Blütenteilen und Nach- 
bildungen von Körperteilen laſſen es erkennen, wie viele 
Möglichkeiten zur Selbſtbetätigung der naturkundliche Unter- 
richt bietet. Er wird. infolgedeſſen auch einen anderen Plat 
in dem geiſtigen Leben der Kinder einnehmen, wie es 
nach altem Syſtem der Fall war, und ein erhöhtes Natur- 
verſtändnis, vereint mit größerem Wiſſen, muß daraus her- 
vorgehen. | 
Die zweite Sonder-AusSſtellung trägt unſeren Zeit- 
gedanken Rechnung. Sie nennt ſich „Schule und Krieg“. 
Es iſt ſeltſam, wie wir das Außergewöhnliche, das zuerſt 
über all unſer Verſtehen ging, auch in die pädagogiſche 
Arbeit ſchon einbezogen haben. Daß e3 im Unterricht geſc<hah, 
ergab ſich mit Naturnotwendigkeit, daß aber der Krieg auch 
die Richtung pſyc<ologiſ<her und äſthetiſcher Unterſuchungen 
beſtimmen konnte, lehrt uns diefe Ausſtellung erkennen. 
Viele werden nicht ohne Bedenken die Ankündigung und 
Aufforderung zur Mitarbeit geleſen haben! So lo>end aud) 
die Aufgaben klangen, ſo ſehr ſie zur Sammeltätigkeit reiz- 
ten, es blieb do<M etwas Peinliches in dem Gedanken, daß 
man den Kindern ihre Stimmungen und Gefühle IJleichſam 
ablauſchen wollte, um ſie in feſter Form zu bekommen. 
Wa3 können Schüler und Schülerinnen unmittelbar für 
den Krieg leiſten? ſo hieß eine der Aufgaben. Wa3 wijjen 
jie vom Kriege, ſeiner Führung, der Art de38 Kampfes? 
Die zweite. Die nächſten Fragen: Wie kann man Schüler und 
Schülerinnen über den Krieg belehren und ihre. innere Teil- 
nahme weden ? Wie kann die Jugend für den ſpäteren Mi- 
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litärdienjt vorbereitet werden ? In dieſen Fragen, die noch 
ſpezialiſiert waren, iſt die Zielſezung der Ausſtellung an- 
gedeutet. Wir möchten die Einwirkung der großen Ereigniſſe 
auf die Jugend und womöglich ihren Niederſchlag kennen 
lernen, wir wollen jehen, wie fich die verſchiedenen Alter3- 
ſtufen, Knaben und Mädchen, dazu verhalten. 
Das ausgelegte Material iſt jo reichhaltig, daß man 
wochenlang zu tun hat, bis man die Mappen und Hefte 
dur<jehen und das Ergebnis ſeiner Studien ordnen kamm. 
So viel ſieht man aber auch ſchon beim flüchtigen Durch- 
wandern der Ausſtellung, daß jie von großem pſychologi- 
j<men und pädagogiſchen Intereſſe iſt. Die Auſtellung iſt 
jehr überſichtlich, flar und anregend und hat, troß der 
Fülle von Material, etwas wohltätig Ruhiges. Das kommt 
wohl daher, daß alle Zeichnungen, Niederſchriften, Kinder- 
aus]prüche und Beobachtungen an Kindern in ſ<önen großen 
Mappen oder in Büchern dargeboten werden. | 
Zeichnungen gibt es in Unmenge vom Kindergarten 
an bis zu den oberſten Klajſen der höheren Schulen. Wir 
lernen die phantajtiſchen, fühnen oder mehr ſymboliſchen 
Vorſtellungen vom Weltgeſchehen in den farbigen Gebilden 
der Kindergarten-Zöüglinge kennen, die mit größtem Eifer 
Aufgaben wie: „der Krieg zu Waſſer, zu Land, in der Luft“ 
zu löſen juchten, neben dem oft feinen, ſchon ganz perſön- 
lichen, zeichneriſchen Ausdru> der Herangewachſenen. Die 
farbigen Kriegszeichnungen aus den Oberklaſſen des Fichte- 
Gymnaſiums: Prediger im Freien, der Untergang des 
- Amphion und der Königin Luiſe zeigen nicht nur, an was 
für jſhwierige Aufgaben ſich die Knaben heranmachten, ſon- 
dern auch wie die im Geiſte geſchauten Bilder in ährer 
Seele leben und den Farbſtift zwingen, ihnen zu folgen. 
Die verſchiedenen Schulkategorien und Erziehungsanſtalten 
haben Ausſc<hneideblätter, Poſtkarten und Zeichnungen ge- 
liefert; eine entfeſſelte Broduftion3luſt tritt uns entgegen, 
ein genußjüchtiges Schwelgen in grellen roten und gelben 
Farben, die gebraucht werden, um Schiffsexploſionen, Bom- 
ben und verheerendes Feuer darzuſtellen. Daneben rührende 
Bilder: die Feldpoſt mit den Liebe8gaben, Sanitätsdienſt 
im Felde oder ein Wegweiſer mit der Aufſchrift „Weg nach 
Paris“ neben dem Sclac<htgetümmel, im glaube, von 
„Soijon“, wie von ungelenker Kinderhand dazu bemerkt 
wurde. Überhaupt die köſtlichen Erläuterungen! Man ſieht, 
wie der aufgerüttelte junge Geiſt arbeitet, zu verſtehen jucht 
und doch nicht erfaſſen kann, und, mir will jcheinen, daraus 
geht die Mahnung hervor, daß wir die erregte Saite nicht 
zu viel in Schwingung verſeßen dürfen, weder im häuslichen 
Leben, noh in dem der Schule. 
Auch in den Briefen und Aufjäßen der Kinder zeigt. 
es ſich, wie ſie verſuchen, mit den Ereigniſſen einigermaßen. 
ins reine zu kommen. Boſitive Kenntniſſe, wirtſchaftliche 
Erfahrungen, Mutmaßungen und Wünſche wechſeln mit der 
Beſchreibung harmloſer Kindervergnügungen ab. Ganze 
Kriegstagebücher ſind ausgelegt, ferner Gedichte von Kin- 
dern und ſolche, die von ihnen bevorzugt und abgeſchrieben 
wurden. Wir erfahren aus den Heften der Kinder von 
einer „Kriegszeichenwoche“, im Katalog iſt davon geſagt, 
daß da38 Thema: „Der Kampf im Tierreich“ hieß. 
Aus den ſtaatlichen Handfertigkeitskurſen iſt eine große 
plaſtiſche Darſtellung der Bodenverwertung Deutſchlands 
hervorgegangen, gedacht wohl al3 feſſelnde Auſgabe, die 
Lehrer mit Schülern zuſammen löſen können. Die Nach- 
bildung von Sc<hüßengräben, Kriegs8gelände, Brücken, Flö= 
ßen uſw. findet ſich natürlich am meiſten bei den Jugend- 
fompagnien, beſonders die der Siemen3-Schu>ert-Werke 
haben ſorgfältig ausgeführte Arbeiten ausgeſtellt. Daß es 
an Luftfahrzeugen aller Art nicht fehlt, läßt ſich denken. 
Ganz einfache, ſehr hübſch gemachte Waffen und Kriegsgeräte 
aus Aſt= und Brettholz zeigen, wie ſic das Kind einer tech- 
niſch hochentwielten Zeit mit dem Primitiven einzurichten 
verſteht und ſeine Erfindungsgabe walten läßt.
	        

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