Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

iwenwatig“ 
Bet. unſerem Rundgäng kommen wir in ein Schüler- 
leſezimmer mit Kriegsbüchern, Photographien und Bil- 
dern und in den Liebesgabenraum. Hier ſind die Hand- 
arbeiten ausgebreitet, die in verſchiedenen Anſtalten und 
Jugendvereinigungen für die Krieger im Felde gefertigt 
worden ſind, viele wollene Deen und Kleidungsſtücke. Daß 
ein biSchen viel mit ſchwarz-weiß-roten Verzierungen ge- 
jündigt worden iſt, wie an anderer Stelle mit der Anwendung 
des Eiſernen Kreuzes, läßt ſich denken! In einem inhalt- 
reichen Liebe8gabenpaket voll ſorgfältig gearbeiteter Dinge 
liegen muſterhaft geſtrickte grauc Strümpfe, = jie mußten 
unbedingt oben und unten ein zierliches Ihwarz-rot-weißes 
Müſterhen haben! Man jah, das tat dem Herzen der 
jungen Strickerin wohl! Merkwürdigerweije iſt neben Mar- 
melade und Wurſt auch Gebä> ausgeſtellt, Kuchen und der- 
gleichen ; es widerſtrebt einem doch, jezt Nährungs3mittel un- 
brauchbar werden zu ſehen! -- Die Organijation und das 
(Frgebnis der Liebe8gabenarbeit an Schulen ijt tabellarij 
dargeſtellt, auch die Lazarettfürſorge durch Schulen, die 
der Berliner Fröbelverein angeregt und organiſiert hat. --- 
Ein Baſtelraum zeigt die freie Spieltätigkeit der Kinder in 
Kindergärten, Horten und Schulen, ſowie die kleinen Gaben 
zur Freude der Mutter und des Vater3 im Felde oder La- 
zarett. =- Eine Menge von Schlachtenplänen und Photo- 
graphien verteilt ſich auf die Räume. Am Schluſſe der Wan- 
derung findet der Beſchauer einen ruhigen Aufenthalt in 
vem Leſezimmer, in dem Bücher, Broſchüren und Zeit- 
ſchriften ausliegen, die ſich auf den Krieg beziehen. 
Dieſer kleine Bericht gibt nur flüchtige Gindrüce, er 
fann noch feine Bewertung bringen, dafür iſt eine Durch- 
arbeitung des gebotenen Materials nötig. J< bejuchte die 
Ausſtellung ein zweites Mal, wieder nur ganz kurz. Da 
erlebte ich eine Überraſchung. Es war eine ganze Anzahl 
Kinder da. Jſt dieſe Ausſtellung der Kinder für Kinder ? 
(Es war mir feſter Glaube, Kinder dürften hier keinen Ein- 
laß befommen, wie ich auch gedacht hatte, jie dürften über 
den Zwed ihrer Zeichnungen und Auffäße nicht aufgeklärt 
werden. Sie ſollten unbefangen aus ſich heraus jchaffen, ohne 
den ſtörenden Gedanken an Wirkung und Wersffentlichung. 
-- Und nun waren da in der Ausſtellung die Kinder. Jh 
beobachtete ſie, = jie waren ganz vertieft, voller Eifer. 
Merkwürdigerweiſe laſen ſie die Aufſätze, ſtatt vor den ge- 
baſtelten Waffen oder den plaſtiſchen Darſtellungen zu 
ſtehen. Drei Knaben, anſcheinend Gemeindeſchüler, fielen 
mix beſonders auf, einer las halblaut vor = die andern 
hörten zu. Die Niederſchrift mußte ſie ſehr intereſjieren, 
ſie lachten, nicht kritiſch, jondern voll Wohlgefallen. Ich 
hörte das Wort „Petroleum“ einige Male und merkte mix 
das Heft. Lange mußte ich warten, =-- endlich bekam ich 
es: die „Potroleumnot“ hieß der Kinderaufjaß, der aus 
einer weſtdeutſchen Mädchenſchure ſtammte. Nun wußte ich, 
warum er die Knaben feſſelte, das war wirklich ein kleiner 
Ausſchnitt aus dem Leben, ſv etwa wie die Leſeſtücke der Jlſc 
Frapan. Friſch und unbefangen fing die kleine Erzählung 
etwa jo an: „Lauf doch ſchnell "mal zu Hartmanns, -- und 
jieh, ob es Petroleum gibt. J< nahm die Petroleumkanne 
und jprang die Treppe hinab.“ Dann folgt die anj<hauliche 
Schilderung des Ladeninhabers und ſeines Berhaltens3. 
„Alles Andere fannſt Du bei mich haben, nur kein Petro- 
ſeum. Du biſt die 22ſte. Kuck mal alle die Kannen.“ Die 
Kleine muß ihre Kanne neben die blaugeſprenkelte einer 
Nachbarin ſtellen und unverrichteter Sache abziehen. Da 
hört ſie den Petroleumwagen. Sehr lebendig wird uun 
erzählt, wie dex Anſturm auf den Laden erfolgt und 
jich das Geſchäft abwickelt. Man lieſt das kleine Erlebnis 
mit wirklichem Vergnügen. Manche Arbeiten enthalten wohl 
Abſichtlichkeiten und Künſteleien und ſind unter dem Dru 
der Schullehre entſtanden, aber ſolche freien Darſtellungen 
wie die obige zeigen die Luſt, mit der die Kinder ſchaffen, 
wenn ihr unmittelbares Intereſſe berührt wird. = Die 
 
 
Mädchen in einem Kriegshort baten wieder und ivieder Uhit 
jolche Aufgaben, ſie, die ſie nach der Schule doch ſonſt ſo 
ihre Freiheit genießen! Aufſtellungen über Lebensmittsl- 
preije vor dem Kriege und jezt finden ſich in den Schulheften 
der Kinder. Die Arbeiten bieten ein Gemiſch von geſteiger- 
ten Gefühlen, ungeſchi>t und knapp im Aus8druc, und All- 
tags8proja. Wir müjſen verſuchen, aus allen dieſen Zeichen 
herauszuleſen, wie den Kindern zumute iſt, und wie ſie auf 
ihre eigene Weiſe dieſe Zeit erleben. 
Daß aber Kinder in dieſe Kinderarbeiten blicken, hat 
etwas Beſremdendes. Vielleicht nehmen ſie die Sachen aber 
harmlojer, als wir Erwachſenen e3 denken, unbeſchwert von 
Pſychologie, aber erfüllt von kindlihem Intereſſe an der 
Produfiion der Alter3genoſſen und von kindlicher Kritik und 
nehmen allein die Anregung zu einer neuen Selbſttätigkeit 
nach Hauſe. 
Da uns Erziehern wohl die Erfahrung darüber fehlt, wie 
derartige Dinge auf Kinder wirken, wird e8 unſere Pflicht 
jein, nicht nur das ausgelegte Material gewiſſenhaft in 
Rüdjicht auf unſere Berufserfüllung zu prüfen, ſondern auch 
die Kinder aufmerkſam zu beachten, die ihren Weg in die 
Ausſtellung finden. Mancher unbefangene Kinderbrief an 
den Vater im Felde, mancher drollige Ausſpruch wäre wohl 
zurüdbehalten worden, hätte man geahnt, daß forſchende 
Kinderaugen darauf ruhen würden, und daß ſich die Urheber 
womöglich als „„Ausſteller“ fühlen könnten. 
Zwei Nichtdeutſche über Deutſchland. 
Bon Franzis3ka Ohneſorge. 
Fin allgemeinen, -- das wiſſen wir alle und empfinden 
es mehr oder weniger ſchmerzlich --, ſteht das Ausland uns 
fühl bis ans Herz hinan, wenn nicht feindlich gegenüber. 
Die Zahl unſerer Feinde auch in den neutralen Ländern iſt 
größer als die unſerer Freunde. Aber nicht zählen, ſon- 
dern wägen wollen wir die leßteren. Was einzelne be=- 
deutende Männer zu ſagen haben zu dem Rieſenkampfe, 
in dem unſer Volk jeßt ſteht, das wird weiterklingen und 
das Urteil der Nachwelt beſtimmen, wenn der Chor der 
leinen gehäſſigen Schreier längſt verſtummt und ver- 
geſſen iſt. 
Sven Hedin*) und Houſton Stewart Chamberlain 2) haben 
beide in deutſcher Sprache Bücher über den Krieg erſcheinen 
laſſen, die es verdienen, von jedem Deutſchen geleſen zu 
werden. 
Sven Hedin hat als Gaſt de8 Großen Hauptquartier3 
eine Reiſe an die deutſche Front im Weſten gemacht und 
jhildert nun ſeine Eindrücke mit jener natürlichen Friſche, 
die aus ſeinen Reiſebeſchreibungen längſt bekannt iſt. Ge- 
führt hat ihn die leidenſchaftliche Anteilnahme an der deut- 
j<en Sache, die ihm die Sache der germaniſchen Kultur 
ijt, und der Wunſch, den über Deutſchland ausgeſchütteten 
Verleumdungen gegenüber, die er keinen Augenblick geglaubt 
hat, ein eigenes Urteil abgeben zu können, das man ans= 
nehmen müſſe, wo man vielleicht die Beteuerungen der 
Deutſchen als Befangenheit ablehnt. 
Das, was er im einzelnen an kriegeriſchen Bildern bieret, 
Lazarettweſen, Schüßengrabenleben, Kampfſzenen, Gefange- 
nen- und Verwundetenſ<ifal u. dgl. m., iſt uns aus Kriegs8- 
Ihilderungen und Feldpoſtbriefen längſt bekannt; aber mit 
Freuden laſſen wir uns von einem jo beredten Schilderer 
jolche Bilder no< einmal entrollen, und mit Stolz emp- 
finden wir die warme Teilnahme und Hochſchäßzung, die 
er deutſchem Wejen entgegenbringt, mag e3 ſi< ihm uun 
bei der großen Maſſe der ſchlichten Kämpfer oder bei den 
hervorragenden Führern offenbaren. Unzählig ſind die Be- 
1) Sven Hedin: Ein Volk in Waffen. Leipzig, F. A. Brock- 
haus, 1915. 1 4. | 
2) Houſton Stewart Chamberlain: Kriegsaufſäte, München 
T. Brudmann, 1915. 1 HF ? Den,
	        

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