Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

Teilnehmerinnen än jener erſten Verſammlung, and wir 
grüßen unter ihnen vor allem unſer verehrte8 Fräulein Rom- 
mel, das die ganzen 25 Jahre als eifrige Mitarbeiterin 
unjerem Vorſtande angehört hat. 
E3 iſt Ihnen, verehrtes Fräulein Lange, und uns gegeben 
gewejen, die Arbeit innerhalb unſerer Drganiſation in fried- 
licher Weije zu vollziehen; und daß der weit verzweigte 
Apparat, dem ſich immer neue Glieder anſchließen und dem 
jich immer neue Aufgaben eröffnen, ſo ſicher arbeitet, das 
danken wir in erſter Linie Jhrer großzügigen Arbeitsmethode. 
Sie haben die Richtlinien gezogen, die zugrunde liegenden 
Jdeen in ihrer ganzen Tiefe erfaſſen laſſen, um ſie dann -- 
ic) möchte jagen: in ihrer kriſtallenen Klarheit = wirken 
zu laſſen, ohne kleinliche Regeln und Vorſchriften, viel- 
mehr in dem ſtolzen Vertrauen, daß allen Hinderniſſen, 
Mißverſtändniſſen, Anfeindungen zum Troß ſc<ließlich do) 
„das Gute wirke, wachſe, fromme, und daß der Tag dem 
GCdlen endlich komme“. Sie haben das Geheimnis ver- 
jtanden, Menſc<en zu binden und ihnen doch Bewegungsfrei- 
heit zu laſſen, ſie zu binden an das im tiefſten Grunde als 
gut Erkannte, nach deſſen Verwirklichung je nac< Anlage 
und Neigung auf verſchiedenem Wege gerungen werden kann. 
Für dieſe Sicherheit und Weitherzigkeit der Arbeit3methode, 
die es zugleich den ſelbſtändigen Geiſtern und den Anleh- 
nungsbedürſtigen möglich macht, un3 anzugehören, danken wir 
Ihnen. ' 
Damit hängt ein Anderes eng zuſammen: Es iſt unſer 
Stolz und unſere Freude, in unſerem Verein die nach Vor- 
bildung und Arbeitsgebiet verſchiedenſten Lehrerinnen zu 
vereinigen und damit zugleich eine Möglichkeit zu gegen- 
jeitiger Förderung und Ergänzung, 'zu gemeinſchaftlicher 
kräftiger Wirkjamkeit zu beſigen, um die uns die Einſich- 
tigen unter unſeren männlichen Berufsgenoſſen beneiden. Die 
Schaffung dieſer Einigkeit in der Vielheit iſt recht eigentlich 
3hr Werk, und dafür danken wir Ihnen. 
Die von Jhnen geſchaffene Einigkeit iſt uns in den man- 
djerlei uns aufgezwungenen Kämpfen häufig genug zuſtatten 
gefommen =- in Kämpfen, denn das können wir uns ja 
nicht verhehlen, nach außen hin ſind die hinter uns liegen- 
ven Jahre keineSwegs bequeme und verweichlichende Frie- 
densjahre gewejen. Sie erſcheinen mancher von uns wie 
ein fortgeſeßter Stellung3krieg, in dem mit Hilfe von Pe- 
titionen und Reſolutionen und den übrigen un3 zugäng- 
lichen Waffen um jeden geringſten Zuwachs von Pflichten 
und Rechten gekämpft worden iſt. Was wir in dieſem 
Kampfe an Fortſchritten zu verzeichnen haben, danken wir 
in hohem Maße der nie verſagenden Kampfesfreudigkeit un- 
jererx Vorſißenden, die fich zahlloſe Male für uns zur Wehr 
gejeßt hat, manchmal auch von der Defenſive zu einer wirk- 
jamen Offenſive übergegangen iſt. 
. Wenn angeſichts der gewaltigen Ereigniſſe der Kriegs3- 
zeit dieſe Kämpfe für uns in den Hintergrund getreten ſind, 
jo haben ſie do< nichts von ihrem Ernſt, ſondern nur etwas 
von ihrer augenbli>lichen Dringlichkeit verloren. 
Wir dürfen doch wohl überhaupt feſtſtellen, daß vor dem 
ſtrengen Kritiker Krieg, dieſem Umwerter ſo mancher Werte, 
unjere Organiſation die Probe beſtanden hat. Zum Beweiſe 
Dafür nur ein35: Die durc< die Organiſation3arbeit geſchulten 
Kolleginnen ſind ganz unentbehrlich für die mannigfache 
joziale Hilfsarbeit, die der Krieg den Frauen auf die Schulter 
gelegt hat, und mancher ſtille Dank iſt mitten aus der Be- 
friedigung der Kriegsarbeit heraus dem Verein und ſeiner 
Leiterin gezollt worden, die zu ſolcher Leiſtung die Sc<hu- 
lung gaben, die eine heimatliche Kerntruppe ſchufen, von der 
dic Neulinge lernen fonnten. So haben auch unſere Kriegs- 
erfahrungen das Band, das un3 mit unſerer Organiſation 
verbindet, nur feſter knüpfen, das Dankgefühl, das wir ihrer 
Leiterin entgegenbringen, nur vertiefen können. 
Wir ſind ſtolz darauf, daß wir den Namen dieſer Führerin 
in die Blätter unſerer Verein38geſchichte einzeichnen dürfen, 
ind wir ſind dankbar, daß diejenige Frau, die ja längſt 
 
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nicht nur mehr Führerin der Lehrerinnen, ſondern eines 
weit größeren Frauenkreiſes iſt, ja, eine3 Fraten- und Män- 
nerkreijes, der noc< über den Rahmen der organiſierten 
Frauenwelt hinausgeht und den man vielleicht als den Leſer- 
kreis der „Frau“ umſchreiben könnte, den Zuſammenhang 
mit uns, ihren Berufsgenoſſinnen nicht gelo>kert hat, ſo daß 
wir ſie in beſonderem Sinne „unſere“ Führerin nennen dürfen. 
Wir danken ihr für die' ein Vierteljahrhundert lang bewährte 
Hingabe an unjere gemeinſame Sache und geloben ihr Treue 
um Treue. 
 
Die Lehren des Weltkrieges für die deutſche 
Pädagogik. 
Von Dr. Gertrud Bäumer. 
Cs könnte vermeſſen erſcheinen, daß wir heute ſchon von 
dent reden wollen, was dieſer Krieg un3 „lehrt“. Wir 
ſtehen ja noch mitten in den Ereigniſſen, wir erleben ja heute 
erſt den Eintritt einer neuen Periode dieſes Krieges. Den 
Ausgang umhüllt noch ein Dunkel, in das unſere Wünſche 
und Hoffnungen ihre Bilder einzeichnen. Sind wir ſchon 
fähig zu jener Einkehr, die aus den Erlebniſſen dieſes Jahres 
Erkenntniſſe ſchöpft für die Geſtaltung der Zukunft ? Sind 
wir heute ſchon imſtande, aus dem, was wir in dieſen unver- 
geßlichen Monaten erlebt haben, Grundſätze für irgend ein 
Teilgebiet unſeres Kulturlebens abzuleiten? Jſt nicht dieſe 
Zukunft ſelbſt und ſind nicht die politiſchen, wirtſchaft- 
lichen und jozialen Grundlagen, mit denen wir zu rechnen 
haben werden, noch viel zu wenig deutlich, als daß wir 
jebt ſchon Jdeale künftiger Arbeit aufſtellen könnten ? Iſt 
es zu früh für das Thema, das unſere Kriegstagung vor uns 
hinſtellt ? 
Wir ſagen aus voller Überzeugung: nein. E3 iſt nicht zu 
früh. Im Gegenteil. Wir wollen von den Lehren des Krieges 
jeßt jprechen, jeßt, wo uns alle noch die Eindrücke von 
der Größe diejer Zeit ganz erfüllen. Wir wollen unſere 
Maßſtäbe für die Zukunft jetzt aufſtellen, damit ſie nicht 
einmal kleiner werden als der Geiſt, dex unſer Volk in dieſer 
Zeit höchſter Anſpannung erfüllt. Wir wiſſen, daß nicht 
leichter geſchieht, al8 daß der Alltag die Größe und Wucht 
von Erlebniſſen vergeſſen macht, die un3 die Welt in einem 
ganz anderen Lichte gezeigt haben, die unſeren Willen kraft- 
voller, unſeren Mut kühner machten. Zu ſchnell verwiſcht 
jich ja doch die Eindringlichkeit des Außerordentlichen, wenn 
erſt einmal die alten Bahnen des Leben38 un3 wieder auf- 
genommen haben. Was wir aber jetzt alle als eine tiefe Ver- 
pflichtung fühlen, das iſt, die Zukunft im Geiſte dieſer großen 
Gegenwart zu bauen und in jedem Kulturgebiet dauernde 
Wirkungen der großen Erhebung unſeres Volke3 feſtzuhalten. 
Und darum muß jeßt von der Bedeutung der Kriegserfah- 
rungen für die Pädagogik die Rede ſein. 
Damit hängt die zweite Frage zuſammen: hat es Sinn, 
jich heute, im Rahmen eines Vortrag8 und in der Be- 
jprechung eines Nachmittags, mit der Aufgabe zu befaſſen, 
die ja doch in ihrer Ausführung ſich auf tauſend beſtimmte 
Cinzelforderungen verteilt, auf Fragen des Lehrplan38, der 
Stoffauswahl, der Methodik der einzelnen Fächer, und erſt 
in allen dieſen Fragen ihren praktiſchen Wert bekommt? 
I< glaube, auch dieſe Frage muß bejaht werden. Gewiß, 
es ijt im Rahmen unſeres Zuſammenſeins hier nicht möglich, 
in dieje praktiſchen Einzelheiten einzugehen, und ich muß alle 
die enttäuſchen, die etwa erwartet haben, daß ich eine Liſte 
von Wünſchen aufſtellen würde, wie etwa: zwei Stunden 
mehr Deutſch im Oberlyzeum, oder eine Rechenſtunde mehr 
im Lyzeum uſw. Aber ſo wenig wir heute =- heute am aller- 
wenigſten -- verkennen wollen, daß alle großen Gedanken. 
und Jdeale erſt in der Ausführung und in der Verkörperung 
ihren Wert bekommen, ſo ſtark iſt doch heute -- wiederum 
gerade heute -- in uns der Glaube an die Notwendigkeit 
großer lebendiger und richtunggebender Grundſäße, durch die
	        

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