Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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merfungen, die ſeine Freude am deutſchen Soldaten und 
Jeinen Gläuben an den Sieg der deutſchen Waſſen wieder- 
geben. Unterwegs, bei der Reiſe durch Deutſchland, ſieht 
er Trupps von Freiwilligen. 
„Es ſind Germanen. Sie ſind nicht geboren, um von ſlawi- 
jMen oder lateiniſchen Völkern beſiegt zu werden. Ihre Väter 
: ſind von Tacitus beſungen worden und haben im Teutoburger 
Walde geſiegt. Nun ſind ſie würdige Nachkommen der alten 
Germanen... Hört das E<ho ihrer ſtahlfeſten Schritte in Wit- 
tenbergs Straßen! So hallt es ähnlich in allen deutſchen 
Städten, wo die Freiwilligen zu den Fahnen ſtrömen! EZ iſt 
eine Völkerwanderung, derengleichen die Welt noch nicht ge- 
ſehen hat!“ 
Draußen bei Dun ſteht er an einem Soldatengrabe, das 
von. der. deutj<en Beſagung des Ortes immer wieder mit 
friſchen Blumen geſchmücdt wird. 
„Und er war bloß einer unter Millionen! Dem Deutſchen 
ſcheint es die einfachſte Sache von der Welt, ſein Blut hinzugeben 
und zu ſterben. Nein, ein ſolche8 Volk kann nicht beſiegt werden !“ 
In Flandern trifft er mehr als vierzigjährige Land- 
jturmmänner, die fünf Tage im Eiſenbahnzuge gefahren ſind. 
und jeßt 45 Kilometer zur Gefechtsſtellung marjchieren, 
„vielleicht, um für38 Vaterland zu fallen. Deshalb ſingen ſie. 
Und doc< haben ſie Frau und Kinder daheim gelaſſen. Für 
- Freiheit und Glü> kämpfen und fallen ſie. Je mehr Kinder 
ſie dem Vaterlande geſchenkt haben, deſto mehr haben ſie zu 
verteidigen, und deſto wichtiger iſt es für ſie, daß Deutſchlands 
Freiheit und zukünftige Größe geſichert wird.“ 
Seine Schilderung deutſcher Lazaretteinrichtungen iſt eine 
lebhafte Verteidigung der Deutſchen gegen den Vorwurf 
des Barbarentums. Er hat ſich ſchon auf der Reiſe zur 
Front und dann auch draußen wieder davon überzeugt, 
daß den verwundeten Gefangenen genau dieſelbe treue Pflege 
zuteil wird wie den eigenen Soldaten. Und in dem Ka- 
pitel „Barbariſche Juſtiz“ weiß er zu berichten von einem 
Kriegsgericht über gefangene Bewohner von Drten, aus 
denen man auf Flieger und Truppen geſchoſſen hatte. Die 
Unterſuchungen dauerten tagelang, und das Ende vom Liede 
war, daß alle Gefangenen aus Mangel an Beweijen frei- 
gelaſjen wurden. Die wirklichen Täter waren wahrſcheinlich 
Ic<on geflüchtet. | 
„Man ſoll nicht meinen, daß die deutſchen Kriegsgerichte. 
jolche Fälle leichtſinnig und im Handumdrehen erledigen, als 
wenn ein Menſchenleben im eroberten Lande keinen Wert hätte. 
Nein, die Kriegs8gerichte dex „Barbaren“ ſind höchſt gewiſſenhaſt, 
inparteiiſm und human.“ 
Jn dem Kapitel „WVandalismu3“ ſchildert ex das Schi>- 
jal Namurs und zeigt dabei, wie die Belgier zum Zwecke 
der Verteidigung in ihrem eigenen Lande mindeſtens ebenſo 
viel zerſtört haben wie die Deutſchen beim Angriff. Sein 
Urteil lautet: . 
„Die Verwüſtung, die die Deutſchen bei ihrem Vordringen 
angerichtet haben, war teils unfreiwillig, teils durd< die Hal- 
tung der Zivilbevölkerung erzwungen; aber niemals erfolgte 
ſie aus Zerſtörungö8wut oder VandaliSmus.“ 
Das ſind Proben, die zeigen, wie Sven. Hedin ſeine im 
Vorwort ausgeſprochene Abſicht durchführt, die Werleums=- 
dung auszurotten und die Wahrheit zur Kenntnis der All- 
gemeinheit zu bringen. Mit beſonderem JIntereſſe lieſt man 
natürlich, was er von den deutjchen Führern zu fagen hat, 
von denen er vielen perſönlich nahegetreten iſt, da er nach 
einem beſtimmien, im Hauptquartiere feſtgelegten Plane eine 
Armee nach der anderen beſuchen konnte. Er iſt voll von 
Bewunderung der Ruhe, Sicherheit und Planmöäßigkeit, mit 
der an allen führenden Stellen gearbeitet wird. An der 
Tafel de8 Kronprinzen iſt er Gaſt, al8 eben Varennes 
genommen und zugleich die Kunde von Weddigens Tat 
eingetroffen iſt. Die Stimmung weicht von der gewöhn- 
lichen nicht ab. Es werden keine Reden gehalten, und es 
wird nicht Hurra gerufen. 
„Die unerſchütterlihe Ruhe der Deutſchen, beſonders der 
Oberbefehl3haber, gegenüber den Erfolgen hat mich oft in 
Erſtaunen und Bewunderung verſeßt. Sie nehmen die Erfolge 
als die natürlichſte Sache von der Welt, und wenn ein Erfolg 
Woche für Woche ausbleibt, ſo bewahren ſie dieſelbe Ruhe in 
dem Bewußtſein, daß er kommen wird und kommen muß!“ 
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Zum Schluß mag ein etwas längerer Au3zug aus Sver 
Hedins8 warmherziger Schilderung des Kaiſers einen Ein- 
dru> von ſeiner Darſjtellungskunſt geben, die das Büchlein 
jo geeignet macht, auch mit Kindern geleſen zu werden. 
Es jollte in keiner Schulbibliothek fehlen. | 
„Runkt 1 Uhr wird die Tür des Veſtibüls geöffnet, und 
Kaiſer Wilhelm tritt mit feſten, ruhigen Schritten herein. Aller 
Augen richten ſich auf die mittelgroße, kraftvoll gebaute Ge» 
ſtalt. Es wird vollkommene Stille; man fühlt: eine große 
NRerſönlichkeit iſt ins Zimmer getreten. Der ganze, ſonſt ſo 
anſpruchsloſe Raum hat eine unerhörte Bedeutung erhalten. 
Hier iſt die Achſe, um die ſich die Weltereigniſſe drehen. Hier 
iſt das Beratungszimmer, von dem aus der Krieg geleitet wird. 
„Deutſchland ſoll zermalmt werden“, ſagen ſeine Feinde. „Magſt 
ruhig ſein“ ſagt das deutſche Heer zu ſeinem Vaterland. Und 
hier ſteht in unſerer Mitte ſein oberſter Kriegs3herr, ein Bild 
der Mannhaftigkeit, Entſchloſſenheit und offenen Ehrlichkeit. 
Ihn umkreiſen die Gedanken der Welt; er iſt Gegenſtand der 
Liebe, blinden Vertrauens, der Bewunderung, aber aud) der 
Jurcht, des Haſſes und der Verleumdung. Ihn, der den Frie- 
den liebt, umraſt der größte Krieg der Geſchichte, und um ſeinen 
Namen tobt der Kampf. Ein Mann, der in einem ſtammver- 
wandten Neiche einen ſo unſinnigen Haß und ſo ſc<ändliche 
Schmähungen hat erwecken können, muß in Wahrheit ein ſehr 
bedeutender Mann ſein... Aber es ſind auch ein paar Augen, 
die eine wunderbar magnetiſche Kraft haben und alle feſjeln, 
ſobald der Kaiſer hereintritt. Es iſt, als würde der Raum 
heller, wenn man den ruhigen blauen Augen des Kaiſers be- 
gegnet. Seine Augen ſind merkwürdig ausdrudsvoll. Ste er=- 
zählen vor allem von unerſchütterlicher Willenskraft und eiſex- 
ner Energie. Sie erzählen von Wehmut über die Blindheit 
derer, die nicht einſehen wollen, daß er nur das will, wa3 Gott 
gefällig und ſeinem Volke nüßlich iſt. Sie erzählen auch von 
ſprudelndem Wiß, von durchdringendem Verſtand, dem nichts 
Menſchliches fremd iſt, und von unwiderſtehlichem Humor. Sie 
erzählen von Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe und einer Aufrichtig- 
keit, die niemal8 den Blick abirren läßt, der einem feſt und 
unerſchütterlich durch Mark und Bein dringt.“ 
Vielleicht erhalten wir bald aus Sven Hedins Feder aud) 
ein Bild unſeres größten jezt lebenden Heerführer8; denn 
befanntlich iſt er neuerdings zur Oſtfront gereiſt, um auch 
dort den deutjcen Krieg zu verfolgen. 
Ganz anders al3 Sven Hedin hat Chamberlain die Auf- 
gabe ergriffen, jeine Stellung zum Weltkriege und zum 
Deutſchtum darzulegen. Er gibt nicht Einzelbilder und Er- 
lebnisihilderungen, jondern philoſophiſche Betrachtungen. 
Das Ziel ſeiner Schrift aber iſt das Gleiche: eine Wer- 
teidigung der deutſchen Sache gegen alle gehäſſigen An- 
würfe ihrer Feinde, und wie Spen Hedin, ſo gelangt aud) 
Chamberlain dabei zu einem begeiſterten Lobpreis idealen 
Deutſ<htums, der jedem Deutſchen das Herz höher ſchlagen läßt. 
Wie er in dem erſten ſeiner Kriegsaufſäße Deutſchland 
gegen den Vorwurf in Schuß nimmt, den Krieg entzündet 
zu haben, iſt in dieſem Blatte bereits geſagt worden.*?) Mit 
dem zweiten Vorwurfe, daß Deutſchland die Freiheit unter- 
drüde und fein Sieg die Welt mit militärijcher Deſpotir 
bedrohe, ſeßt ſich Chamberlain in dem Aufjatze: Deutſche 
Freiheit auseinander. Hier legt er in wundervoller Weiſe 
flar, wie verſchieden die Begriffe von Freiheit bei den 
verſchiedenen Völkern ſind. Wenn er im Auslande als 
ſeine Überzeugung ausgeſprochen hat, daß Deutſchland allein 
ſeit Jahrhunderten die eigentliche und einzige Heimat men- 
ſhenwürdiger, menſchenerhebender Freiheit ſei, ſo erfuhr 
er ſtet3 die Widerlegung, der deutſche Reichsfanzler werde 
allein vom Kaiſer ernannt und könne auch gegen Reichs- 
tag3mehrheiten gehalten werden. Nur ein politiſcher .Be= 
griff iſt im Auslande der Begriff der Freiheit; ihr Weſen 
beſteht allein darin, Kanzler nach Belieben ſtürzen zu dürfen. 
Demgegenüber entwickelt Chamberlain nun den wahren Be- 
griff der Freiheit, wie er von Luther, Kant, Goethe und 
andern großen Deutſchen geſchaffen worden iſt, jener Frei- 
heit, die errungen werden muß durc< methodiſche Empor- 
hebung des Geiſtes über das anfänglich Gegebne, durch. be- 
wußte Voranſtellung des Ganzen, bewugtes Sichfügen in 
die notwendige Ordnung zum Wohle des Ganzen, innere, 
ſittliche Freiheit, die nict Willkür, ſondern Wahrhaftigkeit iſt. 
3) Vgl. Nr. 26, den Artikel: Zeitdokumente,
	        

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