Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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hat es leicht in dieſer Zeit, weil ſie den Kindern zwei Dinge 
auf einmal gezeigt hat, die in dieſer Verbindung durch kein 
denfbare3 Greignis in gleicher Eindringlichfeit gezeigt wer- 
den konnten, nämlich die Bedeutung des überlegenen Führers 
und die Bedeutung des pflichtbewußten Einzelnen in der 
Majſe. Auf dieſe beiden großen Beiſpiele kann die ganze per- 
jönliche ſittliche Erziehung eingeſtellt werden, und ſie wird 
flarer und kräftiger ſein als in der Zeit der Verhätſchelung 
individualiſtiſcher Eitelkeit. 
I< glaube, daß man auch in einer anderen Hinſicht mit 
Ichwächlichen Befürchtungen aufräumen kann, die unſer gan- 
zes und beſonder3 das Meädchenſchulweſen durchdrungen 
haben, nämlich mit der Furcht vor der „Jntellektuali- 
ſierung“. Was hat man alles argumentiert darüber, daß 
dieſe ſtarke JIntellektualijierung den Willen lähme und die 
körperliche Widerſtandskraft einſchränke, daß fie eine Schwä- 
<4hung der Kräfte und der LebenSenergie ſei. Jc< glaube, daß 
das, was gerade von unſerer gebildeten Jugend im Kriege 
draußen geleiſtet worden iſt, alle dieſe Befürchtungen als 
vollfommen gegenſtandslo8 erwieſen hat. Wir brauchen uns 
nicht mehr ſo zu fürchten vor dem Gehirnmenichen, wie es 
in den lezten Jahrzehnten Mode geworden. Und wir wollen 
uns auch vor dem weiblichen Gehirnmenſjchen nicht mehr 
fürchten. Denn wir haben es alle erlebt, daß die Kräfte der 
Hilfsbereitſchaft, die aus dem Herzen kommen -- die Kräfte, 
die immer die produktivſten und ſtärkſten jein werden bei 
Männern und Frauen --, daß dieſe Kräfte vielfach gehemmt 
und verzettelt werden dadurch, daß ihnen eben die Fähig- 
keit geiſtiger Diſziplin und organiſierter Verwertung nicht 
zur Seite ging. Wir haben erlebt, wie ſtark unjere ganze 
Bolksleiſtung darauf geſtellt iſt, daß der einzelne -- ob er 
an führender Stelle ſteht oder nur mitarbeitet -- ſich auf das 
Weſen der Organiſation verſteht. Und dieſe Fähigkeit 
der Organiſation iſt nun einmal doch da38 Ergebnis der Jn- 
telleftualiſierung des modernen Menſchen. Man wird nach 
dieſem Krieg alle die Befürchtungen kaum wieder auſſtehen 
ſehen, die in aller intellektuellen Verfeinerung eine Lähmung 
des Lebenswillens jehen wollten. 
Das große Beiſpiel von Führung und geordneter Maſſen- 
leiſtung, das der Krieg gibt, wird auch die Durchführung 
und Ausbildung der kleinen Anjäße zur Selbſtverwaltung 
erleichtern, die wir in unſeren Schulſyſtemen haben. Die 
Kinder ſind durch den ſtarken allgemeinen Willen3aufſchwung 
dieſer Zeit erfüllt von dem Wunſch nac Werantwortung 
und Selbſttätigkeit und andrerſeits mit dem Willen zum 
Mittun, zum Sicheinfügen, damit etwas Gemeinjames3 zu- 
ſtande kommt. Hier kann die weitere Durchführung der 
Selbſtverwaltung anknüpfen. 
Ich kann alle dieſe Dinge in dem Rahmen, der hier gegeben 
iſt, natürlich nur thematiſch berühren. 
daher auch nur andeuten, welche Folgerungen jich aus dem 
Krieg ergeben für unſere Lehrpläne und ihre Stoffauswahl. 
Wir müſſen nach dem Krieg (oder ſchon jetzt!) eine Reviſion 
unſerer Lehrpläne vornehmen, die noch viel mutiger, als man 
biSher mit Überlieferungen zu brechen wagte, alles unter den 
Geſicht3punkt der Frage ſtellen, welche Beziehung der Unter- 
richtsſtoff zu dem praktiſchen Leben haben wird, in das das 
Kind hinausgehen wird. Der Krieg hat den Schulen die Frei- 
heit gegeben, ihren Unterricht in anderer Weiſe als jonſt, den 
Rahmen der Stunden und Fächer durchbrechend, in Bez 
ziehung mit dem Leben des Tages zu bringen. Dieſe Frei- 
heit muß im Frieden erhalten bleiben. Denn ſie war nicht 
nur Zugeſtändnis der außerordentlichen Zeiten und CEreig- 
niſſe, jondern ſie ergab ſich aus einem ganz allgemeinen 
und immer vorhandenen Bedürfnis heraus, das nur der 
Krieg in eindringlicher und zwingender Form enthüllt hat. 
Die Auwahl der Stoffe nach der tatjächlichen Leben3- 
beziehung, die fie zum Kinde haben können, wird wahr- 
ſcheinlich no< ſehr vieles aus unjeren Plänen ausmer- 
zen, wa3 ſich jeßt noch darin aufhält, und wird vieles 
hineinbringen müſſen, wovon heute nur in verſtreuten An- 
Thematiich kann ich 
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zeugen 
ſägen die Rede iſt. Jh möchte drei kurze Programmworte 
für dieſe Repiſion der Lehrpläne angeben. 
Da3 erſte Wort heißt: „das größere Deutſchland.“ 
In der großen Maſſe unſere38 Volke3, ja auch der Gebildeten, 
waren die Tatſachen noh nicht lebendig, die zum vollen Ver- 
ſtändnis de3 Jneinandergreifens der auswärtigen JInterejſen 
beſähigt hätten. EC3 wird ja jene Berliner Portierfrau nicht 
typiſch ſein, die, das Extrablatt ſchwenkend, begeiſtert ſagte : 
„Lüttich iſt gefallen, det iſt die Dreckſerben aber recht.“ Aber 
geläufig ſind die Bahnen weltpolitiſchen und weltwirtſchaft- 
lichen Denkens erſt einem kleinen Kreije in Deutſ<land. Auf 
alle Fälle muß dieſem Kriege, der uns mit ſo mächtigen 
Schlaglichtern die Verflechtung der Völkerintereſſen über die 
Erde hin gezeigt hat, in der Schule die Verkündigung eines 
Deutſchland folgen, deſſen wirtſchaftliches und politiſches 
Dajein -- auch ohne geographiſche Gebiet8erweiterung -=- 
nicht mehr zwiſchen Maas und Memel, zwiſchen Etſch und 
Pelt eingeſchloſjen iſt. Der Jugend müſſen die lebendigen 
Organe, die unjer deutſches Volk durch Gewerbe, Handel, 
Wiſſenſchaft über die Welt ſtre>t, muß das weite Reich 
unſerer deutſchen Intereſſen in der Welt ſtärker und leben- 
diger zum Bewußtſein gebracht werden. 
Und mit dieſem Programmwort „das größere Deutſchland“ 
hängt ein anderes zuſammen: die Gegenwart. Wir kön- 
nen nicht anders, wir müſſen mit hiſtoriſchem Stoff ener- 
giſcher als biSher in der Schule aufräumen, damit wir mehr 
Plaz; befommen für die ungeheure Fülle, die ſc<hwierige Viel- 
geſtalt dieſer Gegenwarts3verhältnijſſe. Von der Unterſtufe 
bis zum Abiturienten muß dieſe Einſtellung auf das Ver- 
ſtändnis der Gegenwart noch viel mehr in den Vordergrund 
rüden wie biSher. 
An die Forderung: mehr Gegenwart ſ<ließt ſich al3 dritte 
die ſtärkere Erweckung des Verſtändniſſe3 für volkswirt- 
ſ<aftliche Tatſachen und Zuſammenhänge. Dar- 
über brauche im all denen kaum etwa38 zu ſagen, die mit 
Dußenden von Worträgen ſich abgemüht haben, die volks5- 
wirtſchaftlichen Grundbegriffe für die Ernährungs3frage dem 
breiten Publikum auszeinanderzuſezen. Dieſe ganze Aufklä- 
rungsarbeit hat gezeigt, wie auch die, die vom beſten Willen 
bejeelt waren, vielfach nicht das geeignete geiſtige Rüſtzeug 
bejaßen, um wirkfjam mithelfen zu können. Wir müſſen 
auch in der Lehrerbildung eine ganz andere Rolle für die 
Tatſachen des Wirtſchaftslebens verlangen. Und hier. möhte 
ich auch vor einem Trugſchluß warnen, der angeſichts des 
Verſagens der Hausfrauen im breiten Publikum jezt von 
zahlreichen Volksfreunden begangen wird. Man will näm- 
lich dieſes Verſagen der Hausfrauen ausſchließlich auf die 
Unfähigkeit im Koc<hen zurückführen. I< glaube, noch ſehr 
viel ſtärker als die Frauen im Volk mit der ungenügenden 
wirtſchaftlichen Ausbildung haben verhältnismäßig die Haus- 
frauen verjagt, die ſehr gut -- vielleicht beinahe zu gut 
-- fochen können, denen aber das fehlt, was mit der bloßen 
Kochkunſt nicht gegeben iſt: das Verſtändnis der Zuſammen- 
hänge des Ginzelhaushalt8 mit der Volkswirtſc<haft. Wir 
werden ja über dieje Frage im Zuſammenhang mit dem 
weiblichen Dienſtjahr ſprechen. Es muß aber auch an dieſer 
Stelle ſehr ſtark hervorgehoben werden, daß es wahrlich 
hieße, die ganze Leiſtung der Frauen in dieſer Zeit ſehr falſch 
bewerten und beurteilen und die Quelle ihre3 Verfägens 
an ſehr verkehrter Stelle ſuchen, wenn wir ſie nun zurüc- 
j<hiten an ihren Kochtopf und in ihren Einzelhaushalt und 
ihnen jagten: die Kriegslehre für euch iſt, daß ihr euch hier 
no<h viel mehr einkapfelt als vorher. Praktiſche Beherrſchung 
des HauShalts iſt notwendig und ſelbſtverſtändlic<ß, weil 
wir praktiſche Tüchtigkeit in den einfachen Anforderungen 
des Tagesleben3 als Grundlage für alles andere brauchen. 
Aber was dieſe Zeit im beſonderen und eigenen für die: 
Hausfrauen lehrt, iſt die Erweiterung ihres Horizonte3 in' 
das Volks8wirtſchaftliche hinein. 
Mit einer ſtärkeren Hinwendung auf volkswirtſchaftliche 
Tatſachen würde der geſamte Schulunterricht in. vieler Hin--
	        

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