Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins. Beiblatt B - 33.1915/1916 (32)

Emma] 
Es iſt allerdings ſehr auffallend, daß unter Lehrerinnen 
ſich nicht ſogar ein fehr lebhafte3 Bedürfnis nach Vereinigung 
fühlbar macht, da gerade ihre Arbeit, ich möchte ſagen, drängt 
zu gemeinſamer Beratung, gemeinſamem Erfahrungs- und 
Meinungs3austauſch, da gerade ihre Arbeit das lebhafteſte 
Bedürfnis erregt nach dem Verkehr mit Berufsgenojjinnen, 
und man darf den Uneingeweihten, die mit der Entwicklung 
des Lehrerinnenſtande3 wie mit dem Bildungsſyſtem unſerer 
Lehrerinnenſeminare nicht bekannt ſind, e8 nicht übelnehmen, 
wenn ſie den Lehrerinnen einen Vorwurf aus ihrer Gleich- 
- gültigfeit gegenüber dem Bereinsleben maden. 
Wir aber, die wir mit beidem vertraut jind, wir richten 
unſere Vorwürfe in erſter Reihe gegen diejenigen, die über 
die Bildung des weiblichen Geſchlechts wie über die Bildung 
der Lehrerinnen entſchieden haben. Dieſe den Frauen bisher 
gewährte Bildung hat die Mängel verſchuldet, unter denen 
unſer Vereinsleben leidet. Man hat bei der Erziehung der 
„Srau einen für die Geſamtwohlfahrt hochwichtigen Sinn 
ganz außer acht gelaſſen, und doch iſt ohne deſſen Entwicklung 
weder ein Familien-, no< Gemeinde-, noc< Staatsleben, über- 
haupt irgendwelche gejellſchaftliche Zuſammengehörigkeit denk- 
har; ich meine: den Gemeinſinn. Der Gemeinjinn iſt für 
die Durchführung de8 Wohlfahrt8prinzips von jo außer- 
ordentlicher Bedeutung, für die Ausführung der gejamten 
Kulturarbeit ein gar nicht zu entratendes Hilfsmittel, daß, 
. wenn eine ganze Hälfte der menſchlichen Geſellſchaft dieſer 
Tugend ermangelt, wir uns nicht wundern dürfen, troß. der 
viel geprieſenen Höhe unſerer Kultur no<h ſo weit entfernt 
von dem Ideal aller Kultur, der Geſamtwohlfahrt, zu ſein. 
E5 iſt für mich ganz außer Frage: viele der ſozialen Schäden 
haben ihren Grund in der unheilvollen Verſäumnis, daß 
das weibliche Geſchle<ht nicht zum Gemeinſinn erzogen wor- 
den iſt. 
Nur wenn das Kind vom früheſten Lebensalter an lernt, 
daß es ſeinem Ich nur ſoweit Freiheit geſtatten darf, als e3 
das andere Jh. nicht ſchädigt, und die Vervollkommnung jeines 
Sc<h3s nur inſofern von Wert iſt, als es die Vervollkomm- 
nung des anderen J<s8 fördert, daß feine Glücjeligkfeit 
möglich iſt auf Koſten des Glü>s8 anderer -- nur dann wird 
im ſpäteren Leben ſein ganzes Verhalten den Mitmenj<en 
gegenüber durh Gerehtigkeit und Gemeinnüßigleit, 
die die Wurzeln de8 Gemeinſinns ſind, beſtimmt werden. 
Mit der Grenze, die man der Frau mit der Schwelle des 
Hauſe38 390g, hat man in ihr einen Egoi3mu3 groß gezogen, 
„der alles, was an Liebe und Wohlwollen ein Frauenherz von 
Natur aus birgt, gewiſſermaßen verzehrt im Intereſſe der 
Familie. Der Familien-Egoismus aber iſt nicht weniger 
ichlimm als jeder andere, und wenn man einer Frau nicht3 
anderes nachrühmen fann, als daß ſie für ihre Familie ſorgt, 
jo ſollte man das Rühmen laſſen, denn die Familienfürſorge 
iſt ebenſowenig rühmenswert wie die Sorge des einzelnen 
Individuums für ſein eigenes Wohl. 
Dieſe unſerer Bildung willkürlich gezogene Grenze, die in 
dem Saß: „Die Frau gehört in8 Haus!“ ihren Aus- 
drud gefunden hat, haben mir Lehrerinnen als Entſchuldi- 
gung für ihr Fernbleiben vom Vereinsleben genannt. 
Meine Damen, indem Sie Lehrerinnen geworden ſind, 
haben Sie die Grenze des Haujes überſchritten, haben Sie 
das Hau38 verlaſſen, wenigſtens in dem Sinne, in dem dieſer | 
Saßz Jhre Hauszugehörigkeit auffaßt. Ihr Beruf hat Sie 
. in das öffentliche Leben geführt, auf deſſen ſturmbewegter 
Welle des einzelnen Kraft nicht hinreicht, um ſtandzuhal- 
ten allen Angriffen und zu genügen allen Anforderungen. 
Da werden Sie gleichſam wie von unjichtbaren Armen über 
Klippen hinweggetragen, dur< Brandungen geleitet, vor Un=- 
wetter geſhüßt, und wenn Jhr Lebensſchifflein in ſicherem 
Bort landet, dann [ſprechen Sie, jo Sie Selbſterkenntnis ha- 
ben: daß ich glücklich hier bin, das bin ich anderen j<uldig. 
Ja, meine Damen, alles, was wir ſind und was wir 
haben, danken wir ja doch im letzten Grunde nur der ge- | 
meinſamen Arbeit aller, und dieſes Bewußtſein macht 
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uns zu Schuldnern allen gegenüber. „Es iſt nur fremde, 
überkommene Gabe, die fich ethiſch ſogleich in Aufgabe ver- 
wandelt.“?) Dieſe Schuld aber können wir nicht ander3 til- 
gen als durch den Dienſt, den wir jedem einzelnen erweiſen, 
und dieſe Dienſtbarkeit führt uns zur Gemeinſchaft; zu 
dieſer Dienſtbarkeit ſind wir alle als Glieder des Menic<h- 
heitsganzen verpflichtet, ihr iſt jede Lehrerin als Glied ihres 
Standes unterworfen. 
Wenn ſich jede Lehrerin nur erſt einmal klar und voll be- 
wußt ſein wird deſſen, was da3 für jeden einzelnen be- 
deutet, einem Stande anzugehören, dann werden wir auch 
keine Gleichgültigkeit gegen das Bereinsleben zu beklagen 
haben, denn mit dem Standesbewußtjein wird das Pflicht- 
bewußtſein erwachen: daß jede8 einzelne Mitglied ver- 
antwortlich iſt für die Arbeit und das Wohl des anderen. 
Andere haben mich gefragt: Wa3 habe ich denn nun eigentlich 
von dem Verein? -- Ja, meine Damen, [ſo könnte ich als 
Menſch fragen: Was habe ich denn nun eigentlich davon, 
daß ich Glied des großen Menſchheit8ganzen bin? Wie ich 
vorhin ſchon andeutete: der einzelne für jich allein bedeutet 
nicht3, abſolut gar nichts, weder für die Geſellſchaft noch 
für fich jelbſt. Sein Einzel-Ic< gewinnt erſt Bedeutung als 
Glied der Geſamtheit; ſeine Pflichterfüllung gegen das eigene 
Selbſt hat nur Wert, wenn fie anderen zugute kommt. Gin 
Menſc<, der für ſich allein lebt, wäre vergleichbar einem 
auf einem Eiland einzig lebenden Weſen, deſſen Leben voll- 
ſtändig wertlos, weder ſittlich noc< unjittlich genannt wer- 
ven fönnte. Pfleiderer jagt von einem ſolc<en Menichen: 
es iſt völlig gleichgültig, wie er lebt, er fann tun, was er 
mag, [ſo deutlich hängt alle und jede Sittlichkeit Ihließlich an 
der Geſellichaft. -- 
Dieſterweg hält von einem Lehrer, der nicht den Lehrer 
jucht, um mit ihm Erfahrungen, Beobachtungen, Gedanken 
auszutauſchen, nicht viel; er meint, man kann von einem 
ſolchen Lehrer nicht jagen, daß er einen gewiſſen Trieb nicht 
in ſich entwickelt habe, nein, er hat einen natürlichen 
Trieb in ſich getötet. 
„E53 ſollte feinen Lehrer geben, der nicht zu einem Vereine 
gehörte und regelmäßig daran teilnähme. Gehört einer zu 
den Schwächeren, jo hat er es um jo nötiger; gehört einer zu 
den Stärkeren, jo bedürfen andere ſeiner. Jeder iſt 1<Gwach, 
mit allen anderen zuſammen verglichen ; jeder kann lernen 
und foll es, nehmend und gebend. Gibt es denn etwas S<ö- 
nere3 als einen Verein für dieſelbe Sache ergriffener Men- 
ſchen ? Gibt e3 etwas Freudigeres al8 das Zuſammenjein mit 
Berufsgenoſſen ? Gibt es heiterere Stunden als die in emp- 
fangender und gebender Tätigkeit mit Berufsgenoſjen voll- 
brachten ? Sieht man nicht mit Verlangen wochenlang auf 
fie hin ? Kehrt man nicht geſtärkt und belebt in das Haus, 
zum Beruf zurück?“ ſo ruft Dieſterweg ſeinen Amtshrüdern 
zu in Begeiſterung für die Lehrervereine, die er die eigent- 
lie Lebensluft des wahren Lehrerſinns nennt, in denen 
derſelbe den jeinem Weſen entſprechenden Ausdru> gefun- 
| den hat. 
Und ich ſtimme ihm aus tiefſtem Herzensgrunde zu ; auch 
ich fann mir feine Lehrerin vorſtellen, die nicht ein unab= 
weisbares Bedürfnis nach einer Zuſammenkunft mit ihren 
Berufsgenoſſinnen hat; auch ich, wie ic<hon bemerkt, verlange 
mit einer gewiſſen Dringlichkeit nach einem zeitweijen Zu- 
ſammenſein mit Lehrerinnen, bei dem ich immer lerne; mir 
ſind die Stunden mit Jhren Pforzheimer Kolleginnen, an 
deren Sißungen ich regelmäßig teilnehme, am genußreichſten 
und lehrreichſten, wenn ſich die einzelnen Damen beſon- 
der3 mitteilſam erwieſen über ihre Arbeit in der Schule; | 
wenn jie z. B. darüber berichten, welche Vergehen ſie be=- 
ſtrafen, wie ſie ſtrafen, wie die verſchiedenen Strafen auf 
die verſchiedenen Kinder wirken, oder wenn ſie erzählen, 
mit welchen Schwierigkeiten ſie bei der Erziehung zur Wahr- 
heit oder zur Geſittung zu kämpfen haben oder welche Hemm- 
2) E. Pfleiderer, „Eudämonis8mus und Egoismus"'. 
aher ZI Ei Bg
	        

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