Volltext: Ethische Kultur - 23.1915 (23)

.auc< die „ergebenſten Rückfragen“, Aufſichis-, Kontroll-, Ober- 
aufficht5s- und Superreviſion3-Behörden, die unendlichen Re- 
Famationen, jfubmiſſeſten Erinnerungen, Regijtraturvermerte 
eic., kurz jener ganze ſtaubige Papierwujt, der mit jeiner er- 
'drüdenden Laſt jede freie Entſchließung hemmt und aus 
leiſtungsfähigen Menſchen -- Büromaſchinen machte. 
„Da tritt kein andrer für ihn ein, | 
Auf ſich ſelber ſteht er dort ganz allein . . . 
das iſt der Wahlſpruch auß de3 Beamten im Kriege. Und 
das Reſultat, da8 jeden Oberkalfulaturexpedienten mit Den 
ſ<wärzeſten Befürchtungen erfüllen mußte? Siehe da, es ging 
nicht nur auch jo, ſondern es ging und geht tauſendmal beer 
al3 je vordem! Wo Jeder an ſeiner beſcheidenen Stelle die 
direkte Verantiwortlichfeit für ſeine Arbeit trägt, ſtatt daß jie 
von ihm auf vine Staffel von 5, 6, „höhergeordneten Stellen“ 
abgewälzt wird, da wird freudige und darum gute Arbeit ge- 
Leittet, ob nun ein Nagel an der Brücke einzuſchlagen ijt, von 
deren Feſtigkeit das Leben von tauſend Kameraden abhangt, 
oder ob ein Fahrplan richtig zu kopieren, eine ſtatiſtiſche Auf- 
ſtellung zu machen ijt. - 
Innigſt wäre zu wünſ&>en, daß dieſer friſche Geiſt der 
perſönlichen Initiative, der Bewegungsfreiheit und Erlöjung 
vom alleinſeligmachenden Buchſtaben des Kopierbuchs auch in 
die Frieden3zeit hinübergerettet werden könnte! ieder mit 
'dem Bürofrati3mu38 -- e3 lebe der militäriſche Geiſt, der auch 
dürre Gebeine lebendig macht! 
* | * 
5“ 
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Mißtrauen Trau, ſchau, wem? -- mag als „bejte 
Polititk“ wohl eine ganz brauchbare Geſhäft5mazime ſein; 
für-Nurfaufleute und Krämer nämlich. Aber nimm' cs als Le- 
benz2regel für den Ginzelnen in ſeinen Beziehungen zu jeinen 
Mitimneiſchen, oder gar al3 politij<e WeiSsheit für den Verkehr 
der Völker =- und die Welt wird zur Hölle -- wie Figura zeigr. 
* u * 
Ueber allen Botſchafterpalais, in den Kanzleien der au2- 
wärtigen Aemter, auf dem Briefpapier der Diplomaten ſollte 
iiberall der Spruch als Motto angebracht werden: „bomo 1o- 
mini lupus“ -- damit hätte endlich die „völferverbindende Di- 
plomatie“ ihre erſte Aufrichtigkeit gejagt. = 
* * 
x 
Wa3 macht das deutſche Volk unüberwindlich nach au- 
ßen? -- Das ungeheuren Vertrauen, das zwiſchen gemei- 
nem Soldaten und ſeinen ſämtlichen Führern, von unten nach 
oben und umgekehrt, beſteht; zwijchen allen Parteien im Au- 
genblid der Gefahr. 
(Von der Zenſur geſtrichen.) 
> 
Welches Unheil ein, noh dazu falſch verſtandener, naiur- 
wiſſenſchaftlißer Gedanke in dex Welt der Kultur anzurichten 
vermag, da38 hat das Sculbeiſpiel Darwins von „der Ausleſe 
des PRaſſendſten im Daſeinskampfe“ bewieſen, weil man den 
Raſſendſten einfaeh mit dem Gewalttätigſten und VNüchſicht5- 
loſeſten gleichſeßte. -- 
- Dus öder elßbiſchen Wewegung. 
Abteilung Berlin. „Die Ethik der außerordent- 
lichen Zeit“, ſo lautete das Thema, das Dr. Gertrud 
Bäumer im Berliner Rathausſaal behandelte. Die Red- 
nerin ging von der Widerlegung der mannigfach vertretenen 
Anſicht aus, daß dieſer blutige Krieg die Ohnmacht unjerer 
Kultur beweiſe. Der Krieg hat immer der Ethik bejondere 
Probleme geſtellt, immer die Menſchen in einen inneren Kon- 
flift gebra<ßt. Der Zwieſpalt entſpringt daraus, daß wir dem 
Krieg gegenüber zwei Maßſtäbe für unſer ſittliches Verhalten 
haben. Der Krieg erſcheint un3 zuerſt als eine Rückkehr zum 
Urzuſtand, zum energiſch betonten LebenSswillen des Ginzelnen 
und des Staates. In jedem Staatsleben ſind lebendige Kräfte, 
die nac; Entfaltung drängen, aus denen alle Kultur zuleßt 
kommt. Die Völker gleichen da oft zwei benachbarten Pflan- 
zen, die mn gleichen Ort naß Wachstum und Entfaltung rin- 
gen. Den zweiten Maßſtab gibt uns die Erkenntnis8, daß alles, 
iwas wir al3 Kulturgüter wert halten, an unſerem Volks8tum 
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-Jahr, dieſe Opferfreudigfeit zu verlieren. 
. neren Sinne ijt. 
haftet, an dem Staai, mit deſſen Leben wir verwurzelt ind. 
Unſere Kultur ijt aus der Zujammenarbeit zahlreicher Gene- 
rotionen vor uns entſtanden. Was unſer Volk in Wiſſenſc<aft, 
Technik, Erfindungen, Kunſt, Literatur, Philoſophie, in Volks- 
wirtſchaft und Handel geſchaffen hat, darin wurzeln wir mit 
unſerer Ginzelfultur. Wer fürs Vaterland kämpft, fämpſt zu- 
gleich für geiſtige Güter. Deutiche Cthifer mußten vor hun- 
dert Jahren dieſe Wahrheit erit begreifen lernen. Die Red- 
nerin zeigt an dem Beiſpiel von Fichte, wie dieſer uns jeBt als 
Ttzpus des reinen Deutſchiums anmutende Denker ſich erit 
aus dem Ko38mopvoliten unter der zvremdherrihaft zum Batrio- 
ien entwickeln mußte. 
Kriegszeit iſt aber eine gefährliche Zeit, weil im i9r da2 
Recht des Stärkeren gili. Geadelt wird der Krieg nur durch 
den Verzicht des Ginzelnen auf den eigenen Vorteil, nur durch 
Hingabe an die große Opferfreudigkeit des Sterbenwollens Jur 
die nationale Gemeinſ<haft. Für die draußen Kampfenden 
mit den täglich an 'ſie herantretenden Forderungen der K&Ka- 
meradſchaftlichfeit und der TodeSbereitichaft beſtehi keine Ge- 
Wir zu Hauſe Ge- 
bliebenen haben die Aufgabe, dies Gefühl immerfori zu erneu- 
ern. Da3 wunderbar große Grlebni3 der Ginigkeit unſeres 
Volfe38 angeſichts der großen Aufgabe der Setlbitverteidigung 
und der Verteidigung unſerer Vergangenheit und Zukunft 
madte. einen tiefen GCiniſchnitt in unfere Zeit. Die Luxus- 
fultur, die „ofi zu viel Geiſt und zu wenig Haltung bhaite“, 
die geiſtigen Kräfte, die o7t nur 3erlteßend, micht aufbauend 
wirkten, jind abgelsö1t durc< die Tat. Da3 konkreie Beitpiel der 
BPol*8ernährung zeigt, wie der Cinzeine au? Gedeih und Ber- 
derb an den anderen gebunden it. Weiten Kreiten mu3 jeBt 
Die Crfenntnis dafür aufgeben, wa3 die Volk8wirtſchafi für die 
Sinzelwirtſ<aft bedeutet. Wir mütien die Tatſache lernen, das, 
unſer Gigentum, auch wenn wohlerworben, Gigentum des Bol- 
fes bleibt. Da3 Verbundenſein aller Volk3ſchichten erleben wir 
aud in der Kriegsfürſforge. Der Krieg hai uns alle auf die 
Baſis des gemeinſamen Shichals geitellt. WÜu838 der eingetire- 
tene Umwertung aller Werte muz uns ein erhöhter Mut zum 
Bau eines neuen Volks8lebens fommen. Wie die Kämvkfer in 
Den zyretheitsfriegen bewußt für ibre Zdeale fämvpfien, wie der 
Krieg von 1870/71 dem deuti<en Bol? der Dichter und Denker 
im neuen Reiß Naum zur Betätigung feiner prafiiichen Ga- 
ben in Handel und Technif ſchu?, ſo ſollen wir jezt kämpfen 
für eine durc<gebildete Volkseinheit, die demokratiich im ic<v- 
Der der Vortragenden ae?pendere und Die 
Erariffenbeit des PRublikums ſhlofien aus. 
iR. VW. im Berliner Tageblatt. 
- 
Bücherſchau. 
Siart wie das Leben. 
Dresden. Carl Reißner. 1915. 
- Der Verfaſſer, richtiger: die Verfaſſerin, nell ein Emer 
jonſ<es Wort ihrem Buche voran und der Geitt Cmerxions geb 
IJ. D. Gennerich : 
NTiederfachten. 
Ddurc< die Graählung: „Nichts kann Frieden bringen, als Der 
Triumph der Grundſäze.“ Die Grundſätze, um die es ſich 
handelt, verkörpern jich in der Figur aus den Anſichten Des 
jungen Sozial-Wiſſenſchaftler3 Hermann Ehrhardt. Ex 1<reibt 
an einem Buche zu Zweden memn1t<liher Kulturentwielung, 
vor allem der Volk3geyundheit. Für ihn find dieſe Ziele und 
Ueberzeungungen nichts, was man an- und ablegi wie ein 
Kleidungsſtü> = er will fie erreichen und in die Tat umſetzen 
dur) Aus7ſ<luß erblich belaſteter und angekränkfelrer Men- 
ſchen von der Che, auf Grund von YNJachforſ<hungen und ärztr- 
lichen Zeugniſſen und dur< Grziehung zur Ginſicht. Wille 
und Vernunft müſſen Über da8 Herz wachen, denn der Men]Hs 
iſt berufen, mit dem Geiſte den Stoff zu beherrichen. Daß 
nun der Apotjtel fol>er Grundſätze ſelbſt jich. gerade in eine 
Schwindſüchtige verlieben muß, iſt hart; härter, daß er dadur< 
die aufrichtige Neigung einer nicht mehr ganz Jungen, aber 
geſunden und fräftigen Perſon unbeachtet läßt. Zu ſeinem 
GlüE> entſagt die kranke Jngeborg und au< die alternde GlS5- 
beth beſcheidet ſich, eine fiolze, ſtarke Ucberwinderin, „wie es 
des Niederſachſenſtammes und eines deutichen Mädchens wür- 
dig iſt“, um dem Geliebten die volls Freiheit zu geben und 
damit die Kraft, an ſeinem Buche und an dem erſehnien 
Menſchheit3werke zu arbeiten. Die Erzählung iſt mit ſchöner 
innerer Wärme geſchrieben und eine begeiſterte Verherrlichung 
niederſächtiſcher Art. So ganz freilich iſt es der Verfaſſerin 
nicht gelungen, uns an ihren Helden und detjen geiſtige Ueber- 
winderkraft glauben zu machen -- dazu klaffen zu viele Lücken 
in der ſeeliſchen Entwiklung. Auch ſind die Cpiſoden-Figuren 
in recht verſchwommenen Umriſſen gezeichnet, kaum eine ſtellt 
ſich greifbar vor un3 hin. Alle2 in allem aber iſt die Exr-
	        
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