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n September 1911.
KINE „zah.
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Od .
'Monaisbeilage zu „Ethiſche Kultur.“
Heraus8gegeben von Dr. R. Penzig.
. Inhalt:
. +. . Eine Reihe von ſchönen Tagen. Vom Herausgeber.
Schäfers Sonntagslied. Von Ernſt Lorenzen.
Lebenslied. Von Hann3 B. Herfurth.
Zwiſchen den Dornen und am Wege. .
Leſefrüchte.
Sprüche. Von Hanns: B. Herfurth.
.... Gine Reiße von [ſchönen Sagen.
Die Ferienzeit dieſes Sommer38 hat uns wirklich einmal
vraktiſ(<; die Wahrheit oder Unwahrheit des Goethe'ſchen
Sprüchleins prüfen laſſen, ob „nichts jchwerer zu ertragen
ſei, al8 eine Reihe von ſchönen Tagen“. Daß ic<h's nur
gleich ſage: ich hab's aushalten können! Gern wüßt' ich
aber auch, wie's Anderen gegangen iſt.
Offen geſtanden: ich hab' mich ſchon immer Über das
Wort innerlich ceärgert. Wahr mochte '8 ja ſein; dann um
ſo ſchlimmer! Was für eine Erbärmlichkeit drückt ſich doch
darin aus, daß wir Menſchen es nicht mal vertragen können,
daß es uns gut geht! daß wir gleich Üppig werden und
„über die Stränge ſchlagen“ müſſen!
Bei den Strängen aber fällt mir ein, daß wir dem
Pferde ja ähnliche nachſagen. Früher ſagte mant „Der
Hafer ſticht's.“ Die zu gute, zu Üppige Ernährung macht
es toll und übermütig. Aber ob wir wohl recht geſehen
haben? Wo wir uns ſonſt in der Natur umſehen, da
herrſcht eigentlich doch überal Maß und Ordnung. Was
kann ſc<ließlich das junge Pferd dafür, daß wir ihm Stränge
auflegen und e8 ankoppeln? Kann man's ihm übelnehmen,
wenn es, ſeiner Kraft froh, über unſere Schranken ſpringt?
E3 ſind ja gar nicht ſeine: natürlihen. I< möchte ſehen,
wa38 ihr machtet, wenn man eu eine eiſerne Stange durch
die Mundwinkel zöge und euch, wenn ihr frei ſpringen und
ſpielen wollt, an einen ſchweren Karren oder Pflug anbände!
I< weiß manchen, der keine Gxtraſtulle brauchte, um mächtig
hinten auszuſchlagen! oo
Aber wie iſt's denn mit der Pflanzenwelt? Da exr-
zählt man uns ja auch mit Vorliebe von der Schädlichkeit
zu reichlicher Nahrung. Geil und. Üppig ſollen ſie werden
auf fetter Gartenerde, die Wildlinge; ſie wollen nicht mehr
Frucht bringen, ſondern ſchießen nur no< in Halme, Blatt-
' werk und, Kraut. Aha! Da ſtec>t's wieder. Wie beim
Pferde. Weil wir von ihnen nichts haben, ſchelten wir ihr
Üppiges Wachs8tum! Die Früchte!..
- „Oder iſt nicht doh etwas wahres dran? . Sie: ſchädigen
ſich ja doch ſelbſt, wenn ſie aufhören Früchte zu tragen,
wenn ſie ſich durch -den liſtigen Gärtner treiben und ver-
- deiten laſſen, „gefüllte“ Blüten zu. bringen, ſtatt brav ihre
|
Staubgefäße und Stempel unverbildet zu brauchen. Vielleicht
habt ihr euch aus den Alpen einmal ein paar Stauden
Edelweiß mitgebracht, mit Wurzeln natürlich, und in euer
Gärtchen oder in einen Topf gepflanzt. Aber dem iſt die
Ueppigkeit ſchleHt bekommen. E38 ſieht doM ganz anders
aus, gar nicht mehr die ſchönen geſchloſſenen wolligen Blüten»
ſterne, ſondern auseinandergefahrene, ſtelzbeinige dumme
Dinger! Und wenn ihr die Grika aus ihrer mageren Wald-
ſtreu nehmt und in den fetten Lehm eures Gartens jezt,
da ſteht gar bald ein Beſen da, ſtatt der zierlichen Glöä<en.
Nun fa, eins ſchickt ſich nicht für alle. Wajſſer=, Heide-,
Berg - Pflanzen müſſen eben ihre natürlichen Lebensbe=-
dingungen haben, wie eben Gartenblumen die ihren. Das
iſt alſo kein Beweis. Für da3 Heidekraut ſind's ja keine
guten Tage, die ich ſie zwinge im fetten gedüngten Boden
des Gartenbeet8 zu verleben. Aber am Uebermaß der ihm
zuträglihen Dinge ſieht man ſelten eine Pflanze zu
Grunde gehen.
So? Und der Sonnenbrand dieſer lezten 8 Wochen?
Iſt nicht überall die ſchönſte Wieſe einfac ausgebrannt ?
Und gibt's nicht Ueberſ<wemmungen, die alles erſticken?
Und Sonne und Waſſer ſind doF wohl für alle Pflanzen
natürlich und zuträglich! Wie die Erde. Der Gärtner und
Landwirt weiß aber doch wohl auch etwas von überdüngtem
Boden, wie von zu hungrigem. Warum wachſen denn nicht
in den Rieſelfeldern auch Rieſenkartoffeln und Rieſenrüben ?
A<h Goti, es iſt wirklich nicht leiht, auch nur eine jo
einfache Frage zu löſen! Und iſt man wirklich dabei, dann
kommt als Reſultat ſicher ſo eine langſtielige alte Weisheit -
heraus, die wir ſchon von Urväter Zeit her kennen, wie:
Uebermaß ſchadet nur! Zu viel und zu wing iſt allemal
ſchlimm Ding! oder ſo ähnlich.
Ja, da38 dürfen wir uns nun nicht verdrießen laſſen.
Neue Wahrheiten erfinden iſt ja wohl das Schwerſte von
der Welt. Nicht al3 ob nach dem unausſtehlichen Ben Akiba
„Alle3 ſchon dageweſen“ wäre = es iſt vielmehr nichts,
aber abſolut nichts ſchon ſo dageweſen, weil es doch zum
: mindeſten doch ein paar Jahre-oder Minuten oder Sekunden
älter wäre, als da38 frühere! =- Sondern weil unſere
Voreltern und Urahnen auch nicht auf den Kopf gefallen
waren! Und das kann uns- doh nur ſc<meicheln. Aber
dafür gibt's für die. mangelnde Neuheit der Wahrheiten
doch einen mächtigen Troſt: ſie werden nämlich immer nur -
Wahrheiten in dem Augenblike, wo wir ſie für uns |
neu entde>en. Vorher waren ſie eben, wie ihr ſie -
nanntet, „Langſtielige alte Weisheit", modriger und ſchimm-
- liger Urväterballaſt vom Boden und Keller, großartige .
Redenzarten, zu denen man ein andächtiges Geſicht machen
.-