Full text: Weltliche Schule - 1.1906 (1)

Deutſche Liga für weltliche Schule 
und IMoralunterricht. 
 
Zwangloſe 
Mitteilungen. 
 
Charlottenburg im Jum 1906. 
N 2. 
 
 
 
 
Anſerx Biel: Befreiung der Schule von jeder kirchlichen Bevormundung und Eriezung des konfeſſionellen 
Religion3unterrichts in der Schule durch Moralunterricht im Sinne einer gemeinjamen, 
menſchenverbindenden Lebenskunde. 
 
 
Was nun? 
Binnen wenigen Wochen, faſt Tagen, 
wird der Studt' ſche =- nein, geben wir Ehre, 
dem Ehre gebührt, zumal hier nomen et omen: 
der Sc<hwarßkopff' ſche Schulunterhaltungsgeſeß- 
entwurf Geſeg ſein. Niemand glaubt mehr, 
ſelbſt wenn das Herrenhaus noch die ſeinem 
Geiſte entſprechenden „Verbeſſerungen“ (Ents=- 
laſtung der Großgrundbeſiger, Verſchärfung der 
konfeſſionellen Beſtimmungen und weitere EGin- 
ſchränfung der ſtädtiſc<en Rechte) anbringen 
ſollte, daß ein ſo überſc<hlau dur< alle Klippen 
geſteuertes Schiff noch im Hafen ſcheitern könnte. 
Wir Preußen müßen uns mit dem geſchaffenen 
Elend abfinden, das ſicherlich ſchon die allſeitige 
Angſt vor neuer Anrührung der ſo heißen 
Materie zu langen Jahren kommen laſſen wird. 
Der parlamentariſche Feldzug iſt aus. -- 
Einhundertundzehntauſend deutſche Volks8- 
ſchullehrer, neun Zehntel der Geſamtheit, haben 
ſich in München durch ihre Vertreter mit überaus 
großer Mehrheit für eine Schulform ausgejprochen, 
die ihnen die glückliche Mitte zu halten ſcheint 
zwiſchen den Extremen der Konfeſſionsſchule und 
der weltlihen Schule. Man darf annehmen, 
daß ſie in der Simultanſchule einen Schulkörper 
ſehen, der, weſentlich vom Geiſt der Toleranz 
befeelt, die jeder Konfeſſion natürliche Intoleranz 
auf das kleinſte Maß, auf die räumlich getrennten 
Religionsſtunden, beſchränken möchte. Dazu 
kommt, daß ſie die ſchönſte, wirkungsvollſie 
und erhebendſte erzieheriſche Aufgabe, die We>ung 
einer wahrhaft frommen Geſinnung, (die als 
ethiſ<e Willenstat mit dem Glauben31in halt 
des Bekenntniſſes nichts zu tun hat), nicht dem 
Lehrer vom Geiſtlichen aus der Hand nehmen 
laſſen wollten. Endlich meinten ſie wohl, als 
praktiſche Politifer zunächſt ein Ziel aufſtellen 
zu ſollen, das unter den gegebenen Verhältniſſen 
eher erreichbar ſcheint, als das Zukunftsideal der 
rein weltlichen Schule. 
Wir rechten mit ihnen nicht darüber. Uuch 
ſie ſind ja Beſiegte gleich uns, wenigſtens äußer- 
lich. Ueber die faſt einhellige Verurteilung 
ſeines Reformwerkes durc< die direkt davon 
Betroffenen und doch nicht ganz der Sachkenntnis 
Entbehrenden wird ſich das Kultusminiſterium, 
nach berüchtigtem abſolutiſtiſchen Muſter, (oderint, 
dum metuant, frei überſeßt ; raiSonnieren mögen 
fie, wenn ſie nur Ordre parieren!) zu tröſten 
wiſſen. Trozdem -iſt die Niederlage des von der 
Lehrerſchaft auf ihre Fahne 
Simultanſchulprinzip38 weniger bedenklich, als der 
Sieg, den ſie ihrerſeits über das kleine Häuflein 
der Anhänger der weltlicher: Schule davontrug. 
Daß die konſervativen Mächte der Vergangenheit 
geſchriebenen 
 
über Gegenwartsforderungen triumphieren, iſt all- 
täglich und verhältnismäßig erträglich: die Freude 
dauert nie lange. Schlimmer iſt's, wenn ſich 
die Gegenwart über die Bedürfniſſe der Zukunft 
täuſcht. 
Da8 aber war unſeres Grachtens hier der 
Fall. Vielleicht nicht ohne eine leiſe Mitſchuld 
der temperamentvollen Vertreter der ZufunftS8- 
forderung. Aber gleichviel: jedenfalls zeigt dieſe 
unſere, ſchwerere, Niederlage, wie unendlich 
viel noch zu tun iſt, um dem Gedanken der rein 
weltlichen Schule alle die unzählichen Hinderniſſe 
aus dem Wege zu räumen, die ihm heute noch 
den Eingang in Lehrer- und GEGCliernjc<haft 
verſperren. 
Und das iſt eine wahre Freude. 
Der Blick auf ein Arbeitsfeld weitet fich, wo 
Generationen noch, des künftigen Sieges gewiß, 
werden wirken können, wo geiſtige Pionierarbeit 
der Energie Tauſender harrt, wo kein Lorbeer, 
feine äußeren Ehrenzeichen, keine Machthaber=- 
gunſt, wohl aber das beſeligende Bewußtſein 
winkt, für unſere Kinder und Kindeskinder den 
Weg zu bahnen aus dem mittelalterlichen Geſtrüpp 
konfeſſioneller Zänkfereien um die Formeln und 
Worte, in denen Menſc<henſehnſucht von ihrer 
heiligſten Sehnſucht nach Höherem ſtammelte, zu 
der lichten Höhe einer auf dem feſten Grunde 
der Wirklichkeit wurzelnden Sittlichkeit, die gleich- 
zeitig tiefſte Ehrfurcht weckt vor allen Menj<- 
heitöidealen und der Perſönlichkeit zuruft: Wage 
e3 nur, du ſelbſt zu ſein! Wir ſehen vor uns 
in der Ferne, aber erreichbar, das Bild einer 
Schule, die nicht den Kindergeiſt in das Prokruſies- 
bett eines kirchlichen Bekenntniſſes zwingt, ohne 
Rückſicht darauf, daß ſie ihm den Trieb nach 
Erforſchung der Wahrheit von morgen mi 
der Aufnötigung der Offenbarungswahrheit v on 
geſtern verſtümmelt, nicht eine Schule, die 
mit ängſtlicher Rüſicht vor der möglichen Ver= 
lezung fremder Wahrheit3pächter dem Kinde die 
edelſten Geſtaltungen menſchlichen Dichtens und 
Denken38 in ihrer bunten Mannigfaltigkeit ferne 
hält, um es in einem geſonderten Seonventifel 
dieſem oder jenem Bekenntniſſe zuzuſchmeicheln 
oder zuzudrohen, ſondern eine dem ganzen jungen 
Deutſchland weit geöffnete Schule, mit dem Er= 
ziehungs8ziel, dem Vaterlande und der Welt 
ſittliche Vollmenſd<en zu ſchenken, die, 
geeint in dem ernſten Willen zu gegenjeitiger 
Hilfsbereitſchaft und in dem Streben, nach einer 
immer beſſeren Menſchheit, in der Vielheit der 
individuellen Anſchauungen über Welt und Gott 
pietätvoll die Einheit des Wahrheitsſtrebens er- 
kennen, eine Schule, wo Sittlichkeit: edelſte 
Gemeinſchaftsſahe aller Menſchen, Religion
	        

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