Full text: Weltliche Schule - 16.1910 (10)

 
 
 
 
 
 
Januar; März 1910. 
Berin 8.9. 16 
Bureau : Rungeftraße 27. 
Nr. 16. ' 
Anſex Biel: Der Bund erſtrebt die Verwirklichung der weltlichen Schule und die Ginführung eines rein menſchlich 
natürlichen Moralunterrichts. 
Müäglieder des Bundes, die einen Jahresbeitrag von Mi. 5.--, und mehr zahlen, erhalten UmSonst die Halbmonatsschrift 
„BEBthische Kultur“ mi der Beilage „,. Kinderland“. 
(Bezugspreis Mk. 6,40). 
Die Wiedergabe von Artikeln aus der „Welitichen Schule“ iſt geſtattet, wenn die Bemerkung beigefügt wird: „Abdruck aus der „Wettlichen Schule“. 
 
 
 
 
Wir erlauben uns hiermät unsere verehrten Mit- 
glieder, die Sich bisher nur ideell durch Propaganda usw. 
an ungeren Bestrebungen beteilzgt Traben, und denen 
unsgere Drucksachen Seit längerer Zeit zugegangen Sind, 
zm Interesse der quten Sache darauf hinzuweisen, dass 
ein ordentlicher oder ausserordentlicher Beitrag ihrersetcts, 
auch wenn er noch 80 bescheiden iet und nur zur Deckung 
der Unkosten dienen würde, unsere Bestrebungen be- 
deutend fördern würde. Viel Wenige machen ein Viel! 
 
Unſere „lebten“ Beweggründe. 
Von Dr. R, Penzig. 
„Der Bund für weliliche Schule und Moralunterricht 
würde zur Klärung der Sachlage beitragen, wenn er der 
Oeffentlichkeit auch ſeine lezten Beweggründe nennen 
würde." So fordert Heinrich Spanuth in ſeiner An- 
zeige der Bundes8gründung (Monatsblätter für den evangel. 
Religion3unterricht 1, 1. bei Vandenhoek und Ruprecht in 
Göttingen 1908), die mir erſt jezt zu Geſicht gekommen 
iſt. Vorher hat er die in einigen unſerer Flugblätter auf- 
geführten „Sieben Gründe“ kritiſiert, „warum jeder, der 
ſein Vaterland und ſeine Kinder liebt, dem Bunde beitreien 
ſoll“. Dankbar ſei daraus das Zugeſtändnis hervorgehoben, 
daß ein Teil unſerer Wünſche (Umwandlung der Wiſſen3- 
ſchule in eine Erziehungs8ſchule, Ausrüſtung der Jugend für 
den Lebenskampf) auch bei den Vertretern der Reſorm des 
Religionsunterrichts Zuſtimmung findet. Die weitere Kritik 
(die übrigens offenbar den „Sieben Gründen“ mit Un- 
recht den Charakter eines ausführlichen Programms oder 
einer lückenloſen Motivenreihe für die Bundesgründung zu- 
ſchreibt) bezweifelt die Vorzüge eines rein menſchlichen Moral- 
unterrichts für die Erziehungösaufgabe und ſucht vor allem 
das. „Unlogiſche“ hervorzuheben, daß man aus der (vielfach 
zuzugebenden) Mangelhaftigkeit des ReligionSunterrichts 
ſeine Beſeitigung, ſtatt nur ſeine Reform fordere. 
Auch die bedauerliche Zerreißung unſeres Volkes durch die 
Rirchlichen Konfeſſion8parteien wird zugegeben, aber daran 
der Zweifel geknüpft, ob es überhaupt möglich ſei, eine 
ſchlechthin menſchlihe Moral von allgemein verbindlichem 
Charakter aufzuſiellen. Auf dieſe gewiß beachtenswerten 
Ginwände hier von neuem einzugehen, muß ich mir z. B. 
allerdings verſagen, um zum Wichtigſten zu komment „Das 
wichtigſte Motiv“ -- ſo heißt es am Schluſſe -- „iſt 
aber offenbar zwiſchen den Zeilen zu leſen =- iſt es mit 
Bedacht verhüllt, iſt es das unbewußte „zweite Motiv“? 
wir wiſſen es nicht --: die Ablehnung der religiöſen Er= 
ziehung infolge der Ablehnung der Religion ſelbſt."“) 
Nun zunächſt: „mit Bedacht verhüllt“ ſollte hier nichts 
werden. Sonderbar, daß man doch immer wieder die ſo- 
eben „religionsfeindliche Radikale" genannten Leute jofort 
auch als Jeſuiten anſieht, die mit Bedacht ihr Giſt in 
*) Unterſireichung von mir. 
 
harmloſe Bouillonkapſeln verbergen! RadifaliSömus geht 
geradezu und nennt Alles beim rechten Namen -- wenigſtens 
dieſe Anerkennung ſollte ihm nicht verſagt werden. Aber 
vielleicht weiß er nicht recht, was er will (das iſt die 
zweite Gabel des Dilemmas, auf das wir geſpießt werden) 
und handelt aus unbewußten „zweiten“ Motiven? Der=- 
gleichen kommt freilich vor, immerhin nicht gerade allzuoft. 
In der Regel aber iſt es für die Verſtändigung unter- 
einander erſprießlicher, man nimmt die Motive als richtig 
- an, die der Gegner ausſpricht und ſucht lieber nicht nach 
ſolchen unbewußten zweiten Motiven, zumal wenn ſie ge- 
eignet ſind, ihre Träger zu disfreditieren. Angedeutet wird 
dies hier durch das Wort: „Ablehnung der Religion jelbit.“ 
Religions8feindſchaft wurde ſhon vorher behauptet. Beides 
ſoll zweifellos nicht zur Empfehlung dienen, wenn auch 
härtere Ausdrücke, wie „Religionshaß“ vermieden jind. 
Beklagenswert lahm indeſſen muß man eine Phantaſie 
nennen, die ſich zur Erklärung der Tatſache, daß man die 
Verwirklichung der weltlichen Schule und die Einführung 
eine8 rein menſchlich-natürlichen Unterrichts fordert, nur bis 
zur Vermutung der Religionsfeindſchaft aufi<hwingen kann. 
Könnte nicht ſchon ein lebhaftes Bewußtſein von der kul- 
turellen Aufgabe der Staatsſchule, der Wunſc< nach rein- 
licher Trennung von Kirche und Schule, die Ueberzeugung 
von der prinzipiellen Unverbeſſerlichkeit des Religions- 
unterrichts, die Sehnſucht nach einer einheitlichen Geſinnungs- 
bildung unſerer Jugend u. ä. ebenfalls dazu führen? Ja, 
iſt nicht heute == wo mit den eignen Worten Spanuth's 
„ernſte Freunde der <riſilichen Religion die Forderung er- 
heben, die Religion vor Verſchulung zu bewahren und um 
ihrer ſelbſt willen aus der Schule zu entfernen" -=- die 
nächſtliegende Vermutung nicht vielmehr tatſächlich die, daß 
wir =-- aus Religion keine Religion mehr in der 
Schule haben wollen? 
Und ſo iſt es denn in der Tat. Von Religionsſfeind- 
ſchaft wiſſen wir uns ſo ſehr frei, daß wir vielmehr eben- 
ſoſehr als Freunde der Religion, wie als Freunde 
der Schule unſere Forderungen erheben. Wie außer 
ordentlich betrübend e8 der armen Religion, tro aller Re- 
formen des Religionöunterrichtes ſeit nun mehr als einem 
halben Jahrhundert, noh immer in den meiſten Schulen 
geht, das weiß ja Herr Spanuth und ſeine Freunde genau, 
ſezen ſie doch ſelbſt ihr beſtes Können daran, ihr zu helfen 
-- auf ihrem Wege. Warum wollen ſie uns auf unſerem 
Helfergange ſtören? Die wir mit Fichte der Ueberzeugung 
ſind: „innere Religioſität des Gemütes, d. h. heilige Ahnung 
eines über alle Sinnlichkeit Erhabenen und Hinneigung zu 
ihm finde ſich bei innerer Rechtſchaffenheit des Geiſtes und 
zweckmäßiger Geiſtesbildung ganz von ſelbſt, ſie plan= 
mäßig aber anlehren zu wollen, würde den inneren Sinn 
dafür erhöhen und Heuchler bilden“. Die wir mit Peter 
Roſegger die „Verlederung des Herzens und aller reli- 
giöſen Empfindung“ durch den gegenwärtigen Unterricht 
beklagen, mit Gottfried Keller nicht „das Göttliche, das 
..
	        

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