Full text: Weltliche Schule - 16.1910 (10)

 
 
weltliche Schule und Moralunterricht. 
 
 
 
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Mitteilungen des Deutſchen Bundes für 
Oktober/Dezember 1910. 
"Berlin 3.9. 16 
Bureau : Rungeftraße 27. 
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Nr. 19. 
Anſexr Biel: Der Bund erſtrebt die Verwirklihung der weltlichen Schule und die Einführung eines rein menſchlich- 
natürlichen Moralunterrichts. 
 
Mitglieder des Bundes, die einen Jahresbeitrag von Mk. 5.--, und mehr zahlen, erhalten umS8onst die Halbmonatsschrift 
»„Bihische Kultur“ mit der Beilage ,,. Kinderland““ (Bezugspreis Mk. 6,40). 
 
Die Wiedergabe von Artikeln aus der „Weltlichen Schule“ iſt geſtatiet, wenn die Bemerkung beigefügt wird: „Abdruck aus der „weltlichen Schule“. 
 
 
Ginladung zur ſabungsmäßigen Generalverſammluüng 
zu Sonntag den 30. QktobBer, 12 Ubr mittags, in Berlin 
(Lokal wird durch Zeitungen und Anſchlagſäulen noch bekannt gegeben). 
Im Anſchluß daran: Anſprachen von Dr. Maurenbrecher- Erlangen, Wolfgang EHeine-Berlin u.a. 
 
Der ethiſche Unterricht im 5. Schuljahr. 
Lon IJ. H. Müller (Bremen). 
(Nac<hdru> verboten.) 
Eine ſchwierige, aber auch wichtige Angelegenheit 1ſt 
die Behandlung der Ehre, von der ja jelbſt Erwachſene 
oft keinen klaren Begriff haben. ES iſt nicht angängig, dies 
Thema für die Oberſtufe zurückzuſtellen, da die Kinder des 
5. Schuljahres ſehr wohl das Weſen der Ehre erfaſſen können, 
ein lebhaftes Gefühl dafür an den Tag legen und häufig 
Gelegenheit haben, ſich entſprechend zu betätigen. Nur kommt 
es hier ſehr darauf an, den vorliegenden Begriff auf ſeinen 
ſachlichen Grund zurückzuführen und in Anlehnung an die 
Erlebniſſe der Kinder zu entwickeln und anzuwenden. Der 
Begriff Ghre hat den Begriff Wert und dieſer den Begriff 
Brauchbarkeit zur Vorausſezung. Der Unterricht wird aljo 
davon ausgehen müſſen, daß Dinge, die zu irgend einem 
Zwecke gebraucht werden können, einen Wert haben, im 
entgegengeſeßzten Falle aber wertlo3 ſind. Dann erſt wendet 
man dieſe Begriffe auf den Menſchen an und unterſucht, 
inwiefern dieſer oder jener körperlich, geiſtig oder moraliſch 
Wert hat oder nicht. Iſt das Kind darin geübt, die Eigen= 
ſchaften andrer richtig zu bewerten, dann kann man auch 
über die Wertſhäßung und die Formen der Achtung und 
Ehrung das Nötige ſagen. | 
Zu den Eigenſchaften, die den ſitilicen Wert des 
Menſchen ausmachen, ſind hier neben den ſchon behandelten 
vor allem Aufrichtigkeit und Anſtand hinzuzufügen. 
Aufrichtigkeit und Zuverläſſigkeit iſt die erſte Bedingung, 
die man an einen brauchbaren Menſc<en ſtellt. Dieſe Tugend 
in Beiſpielen leuchten zu laſſen, die ſich mit den Erfahrungen 
der Kinder nicht berühren, genügt nicht; der Erzieher muß 
erfunden, wo die Kirder in Gefahr kommen, die Wahrheit 
 
zU verleugnen, muß nach den Motiven forſchen und zeigen, . 
wie der aufrichtige Menſch innere Ruhe und Feſtigkeit er- 
langt und Vertrauen erweckt, der Lügner aber ſich nie recht 
ſicher fühlt und mit Mißtrauen betrachtet wird. Man wird 
nicht umhin können, den Begriff Lüge ſchon hier näher zu 
erkflären,*) E38 entſtehen anregende Unterhaltungen, wenn 
man mit den Kindern ihre Erlebniſſe unter dieſen Geſichts- 
punkten betrachtet. | 
Aeußerſt wichtig iſt eine Belehrung über die Forderungen 
de3 Anſtandes. In dieſer Beziehung beſtehen in der Ge- 
- *) Nicht als Lüge bezeichnen wir das Erzählen von Märchen, 
die Verheimlichung von Dingen, die andre nicht zu wiſſen brauchen, 
die ihnen keinen Nuzen, aber vielleicht Schaden bringen, wohl 
aber Mitteilungen wider beſſeres Wiſſen, die andern ſchaden oder 
ein Recht verletzen. | 
 
dama 
ſellſchaft große Gegenſäße, und die Schule hat gewiß BVer- 
anlaſſung, zu ihrer Ausgleichung etwas beizutragen. Es 
handelt ſich hier um die Reinheit der Tat, des Wortes 
und de8 Bewußtſeins. Man gehe hier direkt auf die 
Gewohnheiten und Reden der Kinder ein und prüfe, ob 
gegen ſie etwas einzuwenden iſt und ob ſie noch verfeinert 
werden können. ES iſt hier nicht allein das Ethiſche, ſondern 
auch das Aeſthetiſche als Maßſtab anzulegen. Auch die 
Schönheit der Vorſtellungswelt und die Reinheit des Ge- 
dankenleben8 iſt den Kindern zu veranſchaulichen und ihnen 
als ein erſtrebenswertes Jdeal, als eine Quelle inneren 
Glückes hinzuſtellen. Es wird dem Kinde ein Bedürfnis 
ſein, die Wohlanſtändigkeit einzelner Dinge in einer Regel 
prüfen zu können, die etwa ſo gegeben werden kann: 
1. Tue nicht3 vor den Leuten, wa38 ihnen Übel erjcheint! 
2, Rede nichts, was häßliche Bilder erzeugt! 3. Denke nichts, 
deſſen du dich zu ſchämen hätteſt, wenn andre es erfahren würden! 
Zu dieſen Erörterungen muß nun noch eine jeeliſche 
Vertiefung hinzukommen. Das Kind muß an ſelbſterfahrenen 
Beleidigungen und Belobungen erkennen, daß die Abſprechung 
moraliſcher Werte in uns ein drückendes, ſchmerzlicges Ge- 
fühl erzeugt und die Beachtung unſerer Vorzüge uns mit 
Genugtuung und Freuve erfüllt. Hat es die Wirkung dex 
Ehrung und Kränkung auf ſein Gefühl erkannt, ſo beſitzt 
es einen Maßſtab zur Beurteilung des Gindruc>ks, den ſeine 
Werturteile bei andern hervorrufen. | 
Jür das Verhalten gegen die Chre andrer bietet 
das Sculleben ein reichhaltiges Material; es vergeht wohl 
kein Tag, an dem ſich nicht jemand in ſeiner Ehre verletzt 
fühlt und ſi< beim Lehrer beklagt. In ſolchen Fällen hat 
man bis8her nur den Tatbeſtand unterſucht und nach feſi- 
geſtellter Schuld durc eine Beſtrafung oder Verwarnung 
die Angelegenheit gewaltſam zum Abſchluß gebracht, jo daß 
die Zwiſtigkeiten ſehr bald wieder eintreten. Der ethiſche 
Unterricht will aber dieſe gewöhnlichen Vorfälle des Kindes- 
leben3 in bezug auf Urſache und Wirkung unterſuchen, dur< 
eine ſcharfe Beobachtung die Kinder von der Unzuträglich- 
keit der Ehrverlezungen und der Notwendigkeit ihrer Be- 
ſeitigung überzeugen und ſie mit den Formen einer beſſeren 
Lebensart bekannt machen. Man laſſe die Kinder darauf. 
achten, daß zwei miteinander Streitende ſich in Erregung. 
befinden, daß ſie ſich ärgern, nicht klar denken, ſondern. 
übertreiben oder gar lügen, daß ſie nach dem Streit ſeeliſch 
abgeſpannt ſind, für länge.e Zeit ihren Frohſinn verloren 
haben und daß ihnen die Verſöhnung ſo ſchwer fällt. Dann. 
laſſe man nach der Veranlaſſung von Streitigkeiten ſuchen, 
die ja in der Regel in verlezenden Gewohnheiten, in Be-
	        

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