Full text: Weltliche Schule - 16.1910 (10)

Daß der Sparſamkeit hiermit Nutzen eine Betrachtung 
gewidmet werden kann, braucht wohl faum erwähnt zu 
werden. 
Wohl keine Materie läßt ſo klar die Notwendigkeit einer 
elementaren ſittlichen Belehrung anerfennen, wie das Ver- 
halten gegen das Eigentum andrer. ES5 werden von 
ſchulpflichtigen Kindern jo häufig Vergehen gegen das Eigen=- 
tumsrecht verübt, daß die Schule Veranlaſſung hat, ſich der 
Erziehung zur Ehrlichkeit ernſtlich und rechtzeitig anzunehmen. 
Dies iſt um ſo nötiger, als in gewiſſen Kreiſen das Recht5= 
gefühl mit der beſtehenden Wirtjchaftsordnung nicht mehr 
übereinſtimmt. Trozdem müſſen wir verſuchen, das Recht 
am erworbenen und ererbten Gute den Kindern als natür- 
lich darzuſtellen und den Ungriff auf fremdes Eigentum als 
unſittlich zu bezeichnen. Da es uns in vielen Fällen aber 
nicht gelingen wird, das Rechtsgefühl ausreichend zu ent- 
wickeln, ſo haben wir auch zu zeigen, welche Mittel dem 
Staat zur Verfügung ſiehen, um das Eigentum ſeiner 
Bürger zu '<hüßen. Man fingiere 3. B. einen Diebſtahl und 
zeige, welche Maßregel von der Polizei und vom Publikum 
getroffen werden, um die Tat ans Licht zu bringen. Man 
laſſe auch den Zuſtand des Täters während der Untexr= 
ſuchung ergründen und feſtſtelen, ob der Dieb durch die 
Tat ſein Los verbeſſert oder verſchlechtert hat. Durch ſolche 
Betrachtungen wird das Pflichtbewußtſein vertieft; ein 
ſchwaches Rechtsgefühl erhält dadurch eine wirkſame Stüßge. 
Wie überall im Sütenunterricht, ſo ſind auch hier die 
Erfahrungen der Kinder zu beſprechen. Um dies möglich 
zu machen, muß zwiſchen Lehrer und Kinder volles Ver- 
trauen herrſchen. Wenn der Lehrer kein Alleswiſſer und 
nicht in jeder Beziehung vollkommen fein will, dann werden 
auc< die Kinder, falls ſie eine ſchonende Beurteilung er- 
fahren, mit ihren Fehlern herausrücken und zu wertvollen 
Belehrungen Stoff liefern, um ſo lieber, wenn man ihnen 
ſagt, daß die Urſache der jugendlichen Verfehlungen in der 
Unwiſſenheit zu ſuchen ſei, von der man ſich eben befreien 
mülſe. 
Um die poſitive Seite dieſes Gedankens in den Kindern 
lebendig zu machen, richte man 1ihre Aufmerkſamkeit auf 
Menſchen, denen es an ausreichender Nahrung, ordentlicher 
Kleidung und einer neiten Behauſung fehlt, forſche nach 
der Urſache dieſer Zuſtände und laſſe nach Mitteln zur Ab- 
hilfe ſuchen. Wenn die Kinder das Elend aus der Um- 
gebung kennen lernen, dann wird auch der Wille zu helfeu 
angeregt werden, und die ſoziale Mithilfe wird ihnen als 
ein erhebenswertes Jdeal erſcheinen. 
Zu den Angehörigen ſtehi das Kind inbezug auf 
das Eigentum in einem ganz andern Verhältnis als zu 
andern Menſchen; es ſind daher hier auch andere Forderungen 
an ſein Verhalten zu ſtellen. Daß die Bedürfniſſe jedes 
einzelnen aus der Familienkaſſe beſtritten werden, weiß das 
Kind; für ſein Bewußtſein iſt es wichtig, hieraus den Grund- 
ſag abzuleiten, daß alle Angehörigen gleiche Rechte daran 
haben, daß keinem geſtattet iſt, in irgend einer Weiſe, ſei 
es in der Kleidung, im Eſſen oder im Vergnügen, vor den 
andern etwas voraus haben zu wollen. Und dies Ver- 
hältnis wird man ſchon hier damit rechtfertigen können, daß 
die Angehörigen durch Liebe, die in der Blutsverwandtſchaft 
liegt, miteinander verbunden ſind. Durch dieſe Grörterungen 
ſol egoiſtiſchen Anlagen, wie der Unbeſcheidenheit, der 
Habgier, der Ueberhebung u. a., der Boden entzogen werden, 
damit ſie ſich nicht zu Charaktereigentümlichkeiten entwickeln. 
Das Familienleben bietet aber auch Gelegenheit, alle 
guten Eigenſchaften, wie Genügſamkeit, Freigebigkeit, EGnt- 
ſagung und Hilfsbereitſchaft im Kinde zu entwickeln, nament- 
lich dann, wenn die Mittel der Familie beſchränkt ſind und 
einzelne Angehörige beſonderer Pflege bedürfen. Solche 
Verhältniſſe und ihre eingehende Behandlung bildet einen. 
wichtigen ethiſchen Anſchauungs8unterricht für die ganze Klaſſe. 
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vater wird in ſeinem Einkommen herabgeſeßt. 
Den Stoff für dieſe Beſprechungen nehme man auch 
hier aus den Erfahrungen der Kinder. Eine wertvolle 
Betrachtung liegt auch in folgender Aufgabe : Gin Familien- 
Welche Ein- 
ſc<hränfungen müſſen alle Angehörigen ſich auferlegen, um 
den Ausfall zu decen ? 
Im 3. Sculjahr, wo die Heimats8kunde aufzutreten 
pflegt, kann auch die Bedeutung des Gemeinweſens 
den Kindern zum Bewußtſein gebracht werden. Für Ver- 
faſſung8s= und WVerwaltungsfragen werden ſie ſich nicht 
intereſſieren, wie überhaupt der Begriff Staat ihnen nicht 
völlig klar werden wird; aber ſie werden begreifen, daß die 
öffentlihen Gebäude und alle ſonſtigen öffentlichen Gin- 
richtungen von allen gemeinjam unterhalten werden, daß 
ſie jedem einzelnen nüßen und daher als Eigentum der 
Geſamtheit anzuſehen ſind, das niemand beſchäftigen darf. (Es 
iſt dies ein Gebiet, das bis8her der heimatkundliche Unterricht viel- 
fach behandelt haben wird, das aber noch mehr für die ethiſche 
Bildung verwertet werden kann. Zn dieſem Unterricht 
kommt es nicht ſo jehr darauf an, wie eine Ginrichtung, 
3. B. die Waſſerleitung, im einzelnen beſchaffen iſt und wie 
ſie arbeitet, ſondern darauf, zu zeigen, daß die Menſchen durch 
ihre Bedürfniſſe gezwungen worden ſind, ſie zu ſchaffen, daß ſie 
jedem Vorteil bringen und ihre Beſchädigung jedem ſchadet. 
Auf dieſe Weiſe erhält das Kind einen Begriff vom Weſen 
und von der Notwendigkeit des gemeinjamen Handeln38; 
dadurc< wird der Solidaritätsgedanke in ihm geſtärkt. Daß 
der Staat Schußleute angeſtellt hat, die über das öffent- 
lihe Eigentum wachen, iſt gewiß auc< ein erziehlicher 
Gedanke ; daneben iſt aber in Beiſpielen zu zeigen, wie der 
einzelne gelegentlich den Schumann unterſtügen und der 
Geſamtheit nüßen kann. 
Zur Beſprechung eignen ſich das Schulweſen, der 
Straßenbau, die Straßenbeleuchtung, die Kanaliſation, die 
Waſſerleitung, die Krankenhäuſer, die Strafanſtalt, gärt= 
neriſche Anlagen uſw. Die Notwendigkeit einer guten 
Waſſerleitung würde durc<h eine Schilderung der im Jahre 
1892 in Hamburg auftretenden Cholera trefflich begründet 
werden können. | 
Der ethiſche Unterricht ſol die Kinder nicht nur für 
die nächſtliegenden Pflichten erziehen, jondern er ſoll auch 
planmäßig einer vernünfügen Erfaſjung des Yatur- 
ganzen und ſeiner Kräfte dienen. Es dürfte daher im 
dritten Schuljahre angebracht ſein, den Bli> anf das Welt- 
ganze zu richten und den Begriff Natur zu veranſchaulichen. 
Indem man das tut, entſteht im Kinde die Vorſtellung von 
einem unendlich Großen und Schönen, das Bewunderung 
und Ehrfurcht erzeugt; eine derartige Beſprechung iſt durc<h 
ein geeignetes Gedicht zuſammen zu faſſen. 
Vor allen Dingen aber ſoll das Kind in zehnien Jahr 
einen Begriff davon erhalten, wie der menſchliche Geiſt mit 
Hilfe der Naturkräfte das Wohlergehen dex Menſchen ge- 
fördert hat. E8 muß ihm klar werden, daß der materielle 
und ideelle Fortſchritt ein Werk der Menſchheit iſi, die ſeit 
Jahrtauſenden beſtrebt iſt, das Leben zu ſichern und zu ver- 
vollkommnen. Dieſe Vorſtellung wird wirkſam geſördert 
dur< einen Einblick in die Geſchichte der Kultur. Robinſon 
Cruſoe wird hier wertvolle Anhaltspunkte bieten. 
Sind die Kinder in den drei erſten Schuljahren in 
dieſer Weiſe unterrichtet worden, ſo werden ihnen Leben, 
Geſundheit und Eigentum, die erſten Jdeale des Menſchen, 
als wertvolle Güter erſcheinen; ſie werden auch diejenigen 
Pflichten, deren Beobachtung man jetzt ſchon von ihnen er- 
warten kann und im allgemeinen Intereſſe erwarten muß, 
in ihr Bewußtſein aufgenommen haben. Außerdem aber 
werden Fühlen, Denken und Wollen eine ſittliche Richtung 
eingeſchlagen haben, was für die weitere Entwickelung von 
ausſc<laggebender Bedeutung ſein wird. Mehr wird man 
von dem ethiſchen Unterricht auf der Unterſtufe nicht er- 
waiten dürfen.
	        

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