Full text: Pädagogisches Jahrbuch - 1.1911 (1)

Schlußwort. 
Von C.1. A. Pretzel, 
Alles Alte, Soweit es Anspruch darauf hat, 
Sollen wir lieben, aber für das Neue Sollen wir 
recht eigentlich leben. | 
Theodor Fontane. 
Es wird keinem Leser entgangen Sein, daß ebensowenig in den An- 
Sichten derer, die überhaupt die Forderung nach einer Neugestaltung 
des ersten Unterrichts erheben, wie in den Auffassungen derjenigen, die 
in diesem Jahrbuch einen Überblick gegeben haben über das, was auf 
den einzelnen Unterrichtsgebieten an Reformen verlangt wird, eine völ- 
lige Übereinstimmung besteht, eine Einheitlichkeit der Prinzipien und der 
daraus gezogenen Konsequenzen, wie Sie etwa das Lehrgebäude eines 
Philosophen aufweist. Es ist augenfällig, daß in bezug auf die Frage 
der relig165s-Sittlichen Unterweisung der Schulanfänger allein von den 
im Jahrbuch vertretenen Autoren drei verschiedene Standpunkte ver- 
treten werden, und es 1ist Sicher nicht besonders Schwer, auch in Hinsicht 
auf andere Einzelfragen Unterschiede, Ja wohl auch GegensSätze in den 
vorgetragenen Meinungen der verschiedenen Bearbeiter nachzuweisen. 
Diesem Schlußwort ist daher die Aufgabe gestellt worden, in den viel- 
gestaltigen und widerspruchsvollen Reformströmungen die allen gemein- 
Samen Grundgedanken aufzuzeigen, und es wird dabei auch Bedacht zu 
nehmen Sein, einmal darauf, diese Grundgedanken Selbst auf den Grad 
ihrer Gültigkeit hin zu prüfen, und zum andern darauf, zu untersuchen, 
ob einzelne Reformtorderungen in der Tat als notwendige Folgerungen 
aus ihnen zu betrachten Sind. 
.Die Frage nach der Aufgabe des Schulunterrichts wird heute wohl 
ziemlich allgemein dahin beantwortet, daß die Schule dazu da Sei, die 
Kinder als die zukünftigen Glieder der Kulturgemeinschaft mit den Er- 
gebnissen der Kulturentwicklung vertraut zu machen. Die Formulierung 
ISt Jüngeren Datums ; tatsächlich aber hat die Schule zu allen Zeiten 
dies Ziel angestrebt. Sie sah jedoch zunächst nur die objektive Seite 
Ihrer Aufgabe und bemühte sich, möglichst direkt den Schülern posi- 
tives Wissen und allmählich auch die Anwendung gewisser fürs Leben 
notwendiger Fertigkeiten, Singen, Lesen, Schreiben, Rechnen, später 
auch Zeichnen und Turnen anzueignen. Daß die Aufgabe auch Subjektiv, 
durch die Beschaffenheit der Kindesseele, bestimmt war, wurde kaum 
beachtet, und So ward, was einer geschichtlichen oder Systematischen 
Anordnung nach das erste war, auch an den Anfang des Unterrichts 
gestellt: Der Religionsunterricht begann mit dem Memotrieren des ersten 
Gebots, die biblische Geschichte mit dem Schöpfungsbericht, das Lesen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.