Full text: Flugschriften des Bundes für Schulreform - 1.1910 (1)

überhaupt möglich iſt -- einem ſolchen ſchlechten Schüler weiter zu helfen. Aber 
damit iſt für die heutige Pſy<hologie die Sache nicht erledigt. Wir wiſſen, daß es 
eine formale Übung einzelner geiſtiger Sähigkeiten gibt, durch welche die 
Mängel der Begabung in weitem Maße ausgeglichen werden können, und wir 
wiſſen ferner, daß ſol<he formale Übung geiſtiger Sähigkeiten ſich keineswegs 
von ſelbſt dur den Schulbetrieb ergibt. Sie muß vielmehr beſonders erſtrebt 
und dur beſondere Anleitung des Schülers geſördert werden. Wir können 
durd) die pſychologiſche Analyſe feſtſtellen, wo der Grundmangel bei einem Rinde 
liegt, der es verhindert, in einem beſtimmten Fa), 3. B. im Rechnen oder Screiben, 
vorwärts zu kommen, und wir können mit unſerer Übung bei der Überwindung 
dieſes elementaren Mangels einſezen. Dor allen Dingen aber hat man zu 
beachten, daß keineswegs etwa das Gedä<tnis geübt wird, indem wir den Schüler 
lernen laſſen, und der Verſtand, indem er Mathematik und Grammatit treibt. 
Man kann vielmehr nach unſerer hevtigen Überzeugung auf zwe>mäßige und 
unzwe&mäßige Weiſe lernen und auf zwe>mäßige und unzwe>mäßige Weiſe 
ſeine Studien treiben; und es gilt, dem Schwadcbegabten mit einer Ökonomie 
und Te<hnik der geiſtigen Arbeit an die Hand zu gehen, auf Grund deren er 
eine wirkliche Steigerung ſeines Gedächtniſſes beim Lernen oder ſeines Denkens bei 
den mathematiſchen Fächern erreichen kann. 
Als leiztes Beiſpiel für die Art und Weiſe, wie die gegenwärtige Uinderfor- 
ſchung über das herrſchende Schulweſen hinausgeht, mag nod unſere wiſſen: 
ſchaftliche Knalyſe des Schreibens des Uindes erwähnt ſein. Wir ſuchen die 
Arbeit des Rindes in den einzelnen Shulfäcern zu analyſieren, um nadzu- 
weiſen, wie ſie zuſtande kommt und wie der Fortſchritt in ihr am beſten erreicht 
wird. Ihre Hauptbedeutung erlangt dieſe Analyſe des Kindes in den Elementar- 
ſäch ern, weil wir damit zugleich der außerordentlich wichtigen Frage der Me- 
thode des erſten Schuljahres nahekommen. Das erſte Schuljahr iſt zugleich 
das allerwichtigſte und das allerſchwierigſte, weil ſi hier der Übergang des 
Uindes in eine total andere Lebensweiſe vollzieht und weil es eine ganz andere 
Art der geiſtigen Beſchäftigung zu erlernen hat. Es gibt noch zahlreiche Pädagogen, 
die gar nicht wiſſen, wie ſchwierig die Arbeit iſt, welche die heutige Volksſhule in 
ihrer dur<hſc<hnittlichen Organiſation dem Uinde im erſten Schuljahre zumutet. Th 
mödte verſuchen, das klar zu machen an der Hand des Shreibens der Hinder. 
Das Sdreiben iſt eine äußerſt komplizierte Tätigkeit, bei welcher zuſammenwirken: 
ein vom Willen geleiteter motoriſcher Prozeß: die „malende'' Ausführung der 
Schriftzeichen mit der Hand; dieſe Shreibbewegungen werden ferner kontrolliert 
und Überwacht, einerſeits durc; das Auge, das die Sormen der Buchſtaben auf 
dem Papier entſtehen läßt, das iſt der optiſc<he Prozeß des Schreibens, er enthält 
alſo das Sehen der Buchſtaben und der Schreibbewegungen, ſodann kontrollieren wir 
die Shreibbewegungen dur< die „Bewegungsempfindungen“, die hauptſächlich in 
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