Full text: Flugschriften des Bundes für Schulreform - 1.1910 (1)

Volksſchullehrer, der den Ausweis des Univerſitätsſtudiums erworben hat, damit 
auch geſeßlich feſtgelegte Rechte erwerben. Id verfüge über eine achtjährige Er- 
ſahrung über die Wirkung, die das Univerſitätsſtudium für den Dolksſchullehrer 
hat und kann Sie verſichern, daß ich dieſe Wirkung für die denkbar günſtigſte halte, 
ſowohl was den einzelnen betrifft, wie aud mit Rüdſicht auf die Lage des ganzen 
Lehrerſtandes. Es iſt beſchämend für unſeren preußiſ<en Staat zu ſehen, in 
weld)em Maße wir in dieſer Frage von andern deutſchen Bundesſtaaten überflügelt 
worden ſind, die entweder ſchon ſeit vielen Jahren das Univerſitätsſtudium der 
Dolksſhullehrer in vortrefflicher Weiſe organiſiert haben --- wie Sachſen --- oder 
die jezt dazu übergehen oder kürzlich übergegangen ſind --- wie Bayern, Württem- 
berg und Baden. -- Und weiter müſſen wir ein vermehrtes pädagogiſ<es 
Studium der Oberlehrer fordern. Aber auc) das fahwiſſenſc<aftlice 
Weiterſtudium der Oberlehrer nad der Univerſitätszeit iſt ein beſonders wichtiger 
Geſichtspunkt, und es iſt Ihnen vielleicht bekannt, daß gegenwärtig durd) die ſo- 
genannte Paulſen- Stiftung Mittel beſchafft werden ſollen, durd wel<he man den 
Oberlehrern Gelegenheit geben will, während der Amtszeit einzelne Seiten ihres 
wiſſenſchaftlicen Studiums wieder aufzunehmen und zu vertiefen. 
Die Bildung des Doltksſchullehrers darf uns aber nicht nur intereſſieren, ſoweit 
ſie der Sukunft angehört, ſondern wir haben vor allen Dingen die gegenwärtig 
auf den Lehrerſeminaren herrſchenden Bildungsmethoden und Mittel 
einer kritiſchen Prüfung zu unterziehen. Da iſt es mir 3. B. bekannt, daß an 
zahlreichen preußiſchen Lehrerſeminaren no<h Lehrbücher der Pſychologie und der 
Pädagogik verwendet oder empfohlen werden, die zum Teil den allerniedrigſten 
Stand der wiſſenſhaftlichen Forſchung auf dieſen Gebieten repräſentieren, wie 3. B. 
das jämmerliche Bud) von Martig „Anſ<hauungspſydologie", das faſt nichts ent- 
hält als geiſtloſe Einteilungen, die dann von den Seminariſten mechaniſch aus- 
wendig gelernt und in der Prüfung „abgefragt“ werden. 
Aber aud) auf die Frage der pädagogiſ<hen Profeſſuren an unſeren 
Univerſitäten haben wir unſer Augenmerk zu richten. In dieſem Punkte haben 
wir faſt unglaubliche Suſtände vor uns. Tauſende von Studierenden und Hunderte 
von Lehrern verlangen jezt nach pädagogiſchen Vorleſungen an den Univerſitäten, 
und do<h haben wir überhaupt faſt nod) keine pädagogiſche Profeſſur, und no im 
vergangenen Jahr hat man in Berlin die angeſehenſte pädagogiſche Profeſſur, die 
von Paulſen, wieder einſchlafen laſſen. Dieſe faſt beiſpielloſe Gleichgültigkeit der 
maßgebenden URreiſe gegen die Errichtung pädagogiſcher Profeſſuren, müſſen wir vor 
allen Dingen dadurd) bekämpfen, daß wir aufklären über die Stellung und Auf- 
gabe, welche die Pädagogik als Wiſſenſchaft im Suſammenhang der übrigen Uni- 
verſitätsſtudien beſitzt. ?) 
1) Bekanntlich iſt im preußiſchen Abgeordnetenhauſe vor kurzem die Äußerung ge- 
fallen, die „Uachfrage" nad pädagogiſchen Profeſſuren ſei gering. Eine eigenartige Ver- 
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