Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung. Feuilleton-Beilage - 50.1898 (50)

Zeuilleton-Beilage der „Allgemeinen Zeufſhen Lehrerzeitung“. 
N 1. 
 
Sonntag, den 2. Januar. 
1898. . 
 
 
 
 
 
Bei Friedrich Niehſche. 
Von Karl Böttc<er. 
| (Nachdru> verboten.) 
Bergauf zieht die Straße unter laublojem Baumgeäſt. Weimar, die 
traute, von klaſſiſcher Luft umhauchte Reſidenzidylle, bleibt hinter mir, 
dies freundlich friedliche Städtchen, wo die wenigſten der braven Bürger 
wiſſen, welch leuchtender Genius da oben in der roten, weit ins Land 
hinausſchimmernden Villa „Silberbli>" in geiſtiger Umnachtung all- 
mählich erliſcht. 
Der Wetterſtrahl des Irrſinns -- ho<hgetürmte Geiſter triſfſt er am 
eheſten. Leute mit hausba>kenem Verſtande jind ſolcher Gefahr weniger 
ausgeſezt. Im Verlaufe meiner Irrenhausſtudien bin ich bei jenem um- 
florten Thema angelangt, welches den Verfall eines Genies behandelt. 
Drum führt mich heute mein Weg zu Friedrich Nießſche. 
Während ich die Straße weiter emporſteige, beſchäftige ich mich nur 
mit ihm, dem gewaltigen Denker, wie er in ſeinen Werken neue Sonnen- 
ſtriche des Geiſtes entde>t, die Fackel der Freiheit entzündet, Jahrhunderte 
alte Vorurteile anbohrt, auf Morgenröten hinweiſt, die noch nicht geſtrahlt 
haben, felſenſtrarre, überlieferte Anſchauungen unterminiert, und wie es 
in dieſen Werken glänzt und funkelt von reichſter Gedankenpracht . . . . 
Und im Gegenſaß dazu gedenke ich des armen Geiſteskranken da oben, 
und bunte Träumereien durchwallen meinen Kopf wie von wunderſamen, 
jäh erloſchenen Sternennächten, von eingeſtürzten Tempeln, von blumen- 
vollen Tropenlandſchaften, die plößlich welkten . . . . 
In der Villa werde ich von Niebſches Schweſter, Frau Dr. Förſter- 
Niebſche, empfangen, derſelben, deren noch nicht beendete Biographie ihres 
großen Bruders beim Erſcheinen ſo bedeutendes Auſſehen erregte . . . . 
Wir befinden uns in den behaglich lauſchigen Parterre-Räumen ; der 
Kranke bewohnt die erſte Etage. Seit ſeine Mutter geſtorben, hat Frau 
Dr. Förſter die Pflege allein übernommen und ihr Leben nur dieſem 
Zwe geweiht. Ich fühle gar bald, ſie iſt vom ſchmerzlich ſüßen Gedenken 
an den Teueren erfüllt wie ein Tautropfen von der Sonne . . . . Hier, 
im „Nietſche-Archiv“, überall bedeutſame Erinnerungen an ihn, der zwar 
no<h unter den Lebenden weilt, aber doch -- tot iſt. Auf hohen Geſtellen 
ſeine Bibliothek, da oben ſeine Büſte, drüben ſein Porträt, weiterhin ver- 
Ihiedene Ausgaben ſeiner Schriſten und hier und da manc< teure Gegen- 
ſtände, verklärt von lieben Erinnerungen, die ſie raſch erzählt, während 
ihr Geſicht von innerer Erregung ſtrahlt. 
Vor allem feſſelt mic< der Manuſkriptenſchrank mit ſeinen gelblichen 
Bußenſcheiben. Wie Nießſche3 Schweſter vor den ganz mit Skripturen 
beladenen Regalen ſteht -- ſie erſcheint wie eine Prieſterin, welche Heilig- 
tümer hütet. Auf den drei oberſten Fächern liegen die bereit8 gedruckten 
Manuſkripte, die die biSher erſchienenen „Nietbſches Werke“ ausmachen; 
die drei unteren bergen in überreicher Fülle Ungedrucktes. 
I< halte das Manuſkript des „Zarathuſtra“ in den Händen, dieſe 
unſterbliche Schöpfung mit den gewaltigen Gedanken und der eigenartig 
plaſtiſchen Stiliſtit, wie herausgehauen aus herrlichſtem Marmor . . . .. 
Angeſichts dieſer zahlloſen auſgeſpeicherten Arbeiten verſteht man, wie 
durch Überanſtrengung ſelbſt ein fo großer Geiſt wie Friedrich Nießſche 
zertrümmert werden konnte. Da gärte es in ſeinem Kopf von tauſend 
Jdeen, die nach Geſtaltung rangen. Unermüdlich ſchaffen, forſchen, denken, 
grübeln hieß die Loſung. Höher und höher flog der Geiſt, und wenn 
der ermattete Körper ſchließlich nicht mehr mit wollte -- er wurde durc 
Morphium und dergleichen nervenſchädigende Mittel künſtlich angeregt. 
Bei folhem Schaffen mußte ſchließlich der Körper zuſammenbrechen, der 
Geiſt Schiffbruch erleiden. 
Gewiſſe fanatiſche, in ſtarrer Orthodoxie beinahe erſtikende Theologen 
ſind freilich raſcher fertig mit einer Erklärung von Niekhſches Krankheit. 
„Gott hat ihn geſtraft für ſeine Irrlehren!“ führte kürzlich einer blind- 
eifernd in theologiſchen Blättern aus. 
Ich erinnere Frau Dr. Förſter daran, wie haushälteriſCch manch 
andere Geiſte8heroen mit ihrem Denken wirtſchafteten. Ein ſo eminenter 
„Geiſt wie Schopenhauer erzählt einmal, daß er länger als zwei Stunden 
nichts arbeiten könne, was drufähig wäre. Verſchiedene Profeſſoren 
ſeien ihm hierbei allerdings bedeutend über; aber was ſie dann ſchreiben -- 
„es iſt auch dana<!“ Und der geiſtesgewaltige Ibſen veröffentlicht nach 
dem Haushaltungsplane ſeiner Produktivität kaum jedes Jahr ein einziges 
Theaterſtück, hält ſich dabei fern von Politik und ſonſtigen aufregenden 
Dingen, läßt ſich nicht 
ein teuerer Luxus, weil viele dichteriſMe Stimmungen rauben. 
Zu ſolc< geweihten freilich ſtehen gewiſſe gutgeölte Schnell- 
poeten in grellem Gegenſaß -- Leute, welche unermüdlich die ſchwere 
Menge zujammendichten, nebenbei womöglich noc<h ein verantwortungs- 
volles Staat3amt bekleiden, bald in Aktenſtücken herumſtöbern, bald eine 
Periode der Geſchichte dramatiſieren, ſic mit der Pünktlichkeit des Steuer- 
erhebers alljährlih mit ihrem fälligen Weihnachtsroman einſtellen und 
faum ein halbwegs hervorragendes patriotiſches Feſt mit dem Abladen 
wyriſc<her Gefühle ungeſchoren laſſen =- aber „es iſt auch danach!“ 
Der Diener meldet, daß das Diner bereit ſei. I< reiche Frau 
Dr. Förſter den Arm; wir treten in das anſtoßende Speiſezimmer, wo 
zwei Gedecke auſgelegt ſind... 
Die Mahlzeit verlänft in lebhaſteſter Unterhaltung. Natürlich ſprechen 
wir nur von Friedrich Nichiche. Alle Phaſen dieſes ſchöpfungsreichen 
 
und meinte gelegentlich, Freunde ſeien 
 
Lebens hat die Schweſter mit ihm durchgemacht. Goldene Zeiten läßt 
ſie aufleben: die Wonnetiage von Tribſchen am Vierwaltdſtätter See, die 
beide in der gaſtlihen Villa Richard Wagners verbrachten, dann die 
Tage herrlichſter Einſamkeit im Hochgebirge, wohin ſich der Philoſoph zu 
tiefernſter Arbeit zurücgezogen . . . . Wir plaudern und plaudern . . . . 
Nur wenn i< an das Zimmer oben mit dem Geiſtig-Toten denke, be- 
ſchleicht mich ein Gefühl, al8 befände ich mich in der Nähe eines im- 
poſanten Kirchhof8, wo im offenen Marmorſarkophag einer der größten 
Toten unſeres Jahrhunderts ſ<lummert. -- 
Das Diner iſt beendet. 
„Jet kommen Sie hinauf zu meinem Bruder!“ ſagt Frau Dr. Förſter. 
„Wahrſcheinlich hält er ſein Mittagsſ<hläſchen; aber wir ſtören ihn nicht." 
Mit erregt klopfendem Herzen ſteige ich die Treppe empor und gehe 
oben auf den Fußſpizen den Korridor entlang . . . . 
Beim Eintritt in das geräumige, von zwei Seiten erhellte Zimmer 
finde ich es leer. Doch nein =- da hinten in der E>e, auf dem Sopha, 
hinter dem dicht herangeſchobenen Tiſch ruht im Schlafro> eine etwas 
zuſammengezogene Geſtalt . . . . Leiſe nehme ich in dem danebenſtehenden 
Korbſtuhl Plaß. 
Er ſchläft; der Kranke, ſchläft in langen, ruhigen Atemzügen -- tief, 
feſt, friedlih. So ruht ein geiſtiger Herkules nach Beendigung ſeiner 
Rieſenarbeiten . . 
Wie in weihevoller Stimmung betrachte ich den Schläfer genauer, 
die hohe Stirn, den ſtarken, dunkelblonden Schnurrbart, die tiefliegenden, 
etwas krampfhaft zuſammengekniffenen Augen, die blaſſen, auf der Bruſt 
ruhenden Hände. 
Die Unterhaltung mit der Schweſter geht im Flüſterton weiter. 
„O, wenn Sie ſpäter die guten, großen, blauen Augen jehen werden,“ 
meint ſie, „und die ganze rüſtige Geſtalt!“ 
I< trete ans Fenſter. 
Eine eigenartige Situation: neben mir der ſchlafende, geiſteskranke 
Friedrich Niehſche; im Zimmer gerade drunter die Bibliothek mit der 
gewaltigen Geiſte3revolution, die ſein Feuergeiſt entzündete; draußen tief 
unten, hinter der langen, herbſtlich umrauſchten Kir<hofsmauer die gold- 
ſchimmernden Kuppeln der ruſſiſchen Kapelle mit der daranſtoßenden 
„Fürſtengruft“ und den Särgen von Goethe und Schiller . . . . Und 
rings in weiter Ferne fonnenbeſtrahltes Hügelland. -- 
Wir kehren zurück in die Bibliothek. 
Frau Dr. Förſter zeigt mir ein Notizbuch, das ſie ihrem Bruder 
einſt zum Geburtstag ſchenkte. Auf dem Dekel hat ſie in künſtleriſch 
ausgeführter Holzmalerei zwei Drachen dargeſtellt, die den Namen 
„Nietſche“ zerreißen wollen . . . . Die alte Geſchichte: Bei Sonnen 
ſpäht der kleinliche Geiſt am eifrigſten nach ihren Fle>en. Dem großen 
Denker iſt ſolch edle Beſchäftigung nicht erſpart geblieben; gewiſſer theo- 
logiſ<er Fanatizmus hat ihn bebelfert, ſchablonenhaftes Zukunft-Pro»- 
feſjorentum ihn leidenſchaftlich bekrittelt, Enggeiſterei jeder Nuance ihn 
angeplärrt. Troßdem =- auf beſchwerlichem Pfade unternahm der Kühne 
die „Gipfelerſteigung ſeines Jdeal8“. Hin geht's über Eisgebilde des 
Haſſes, an ſchmalen, abgrundumſtarrten Pfaden entlang, bedroht von 
niederdonnernden Lawinen der Unduldſamkeit; dahin an Pfaden, die ſich 
hoch oben im Gewölk verlieren, um dann, noch weiter oben, als ſonnen- 
glänzende Linie wieder zu erſcheinen; weiter hinauf, wo Adler hauſen und 
Stürme toben und Bliße zu>en, bis er endlich am Gipfel den reinen 
Ather nahverwandter Geiſter erreicht =- von Lehrern der Menſc<<hheit, 
wie Ariſtoteles, wie Shakeſpeare, wie Goethe. -- 
Nach einiger Zeit betrete ich das Wohnzimmer des Kranken noc- 
mals. Er hat ſich jezt vom Schlaf, dem ſüßen, erhoben und ho>t nun 
auf einem Stuhle am Fenſter. Die breiten Schultern ſind niedergebeugt 
ein dies Buch, in dem er j|c<einbar lieſt, obgleich er es verkehrt in den 
Händen hält. Große, lebhafte Augen funkeln mir entgegen; es iſt, als 
fange er an, in ſeinen Erinnerungen zu ſuchen, wer wohl der fremde 
Mann da vor ihm ſein mag. Dann aber neigt er ſich wieder über das 
Buch, ohne von der Schweſter und mir weiter Notiz zu nehmen . . . . 
Manchmal ſtößt er wie im Selbſtgeſjpräc< einige Worte hervor: „In 
dieſem Hauſe wohnen lauter gute Menſchen“ . . . . und ſpäter: „I< 
habe viele ſchöne Sachen geſchrieben“ . . . . Es wird ihm ein Stück<hen 
Torte gereicht; anſcheinend ſchmeckt es ihm. „Das iſt ein ſchönes Buch,“ 
meint er ernſt. 
Nicht wie Lenau, der erregt tobte, nein =- wie einſt Hölderlin wird 
Friedrich Nießſche von einer Art elegiſ<em Wahnſinn umnachtet; er iſt 
ruhig, mild, ſanft, aber freud- und leidlos. Völlig zerſtört liegt feine 
ſeeliſche Thätigkeit darnieder: erloſ<en das Gedächtnis, erloſchen die 
Urteilskraft, erloſchen die Phantaſie, verſcopft der ſonſt himmelanſteigende 
Springquell des Geiſtes, ehemals in herrlichſter Regenbogenpracht in der 
Sonne funkelnd. 
Nachdem ſo der finſtere Geiſt des Irrſinns dem Denker die goldene 
Feder entwand -- eine Feder, wie dem Flügel eines Cherubs entriſſen --, 
möge nun der erlöſende, langſam mahnende Engel des Todes ihm die 
blauen, in geiſtiger Umnachtung flimmernden Augen ſanft ſchließen! . . . . 
So lebe wohl, du in den vorderſten Reihen beim Kampf der Geiſter 
ſc<hwerverwundeter, zu Tode getroffener Held! Lebe wohl, du -- in den 
Tempelhallen der Unſterblichkeit Lebendiger! 
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