Full text: Allgemeine Schulzeitung - 18.1841 (18)

«ewa 
Ueber bibliſchen Religionöunterricht in Geiſtlichen 
Volksſchulen. 
Von 
5. Kell, 
Sokratik =“ und bibliſche Katechetif =“ ſtreiten ſich um 
die Herrſchaft in der Volksſchule, und es iſt die Frage öfter 
aufgeſtellt worden , ob die ſokratiſirende, d. h. ſynthetiſch - heu- 
riſtiſche Lehrart , wel<e dur< zweckmäßige Fragen den Schü- 
ler ſo leitet, daß er das , was mani geben will, ſelbſt finde, 
oder ob die bibliſch katechetiſche, d. hv. analytiſche Lehrart, 
welche durch zwekmäßige Fragen den Schüler in etwas Se» 
gebenem , in den Scrifiworten das finden läßt, was das 
Chriſtenthum lehrt , bei dem NReligionsunterrichte anzuwen: 
den ſei, 
Dem Sotkratiker iſt die Kunſt des Selbſtſindens Haupt- 
ſache , die Erweckung religiöſer Gefühle , feſten Glaubens und 
heiliger Entſchließungen tritt in den Hintergrund vor den 
künſtlichen , begriffsentwi&elnden, zertheilenden und zuſammen» 
faſſenden Fragen einer regelrecht aufgebauten Katecheſe, wobei 
das Selbſtgefundene immer nur Produkt der eigenen Wer- 
nunft iſt und bleibt, wenn auc<ß beigefügte Bibelſprüche die 
<hriſtlimde Wahrheit und verpflimtende Kraft des Selbſtgefun- 
denen nachweiſen ſollten , == eine für Chriſtenfinder , die nicht 
wie Sokrates vernünftige Heiden bleiben wollen, gewiß nö- 
thige Beweisführung. 
Dagegen iſt für den bibliſchen Kateheten das Bibelwort 
des Glaubens Grund und des Lebens Richtſc<nurz hierin fin- 
det er Wahrheit, ohne erſt zu ſuchen, was vielleicht gar nicht 
anderswo gefunden werden kann (zz. B. alles Poſitive im 
Chriſtenthume) 3 hieraus entwickelt er die <<riftlihen Glaus 
benslehren , ohne erſt zu beweiſen, was mathematiſch nicht 
bewieſen werden kannz hier gibt des göttlichen Wortes gött« 
liche Autorität den praftiſ<en Forderungen desſelben ein ſol- 
d<jes Gewicht, wie kein ſelbſtgemachtes Geſe der Wernunft 
geben kann. Des bibliſchen Katecheren Aufgabe iſt nicht zu 
geben , ſondern Gegebenes zu erklären / einzugrägen , anzu» 
wenden ; und dieſe Merhode beruht auf dem feſten Grunde 
des Glaubens, welcher der Sokratik fehlt, da die eigene 
Vernunft keine ſichere Garantie für die abſolute Wahrheit 
der ſelbſtgefundenen Vernunftwahrheiten geben kann, am 
allerwenigſten Kindern, welche bald einſehen werden , daß die 
eigene gereifte Vernunft wieder verwirft, was der ungereiften 
unuwſivßlide Wahrheit erſchien. Ueberhaupt aber werden 
Kinder und das Volk im Allgemeinen ſelten ganz ſelbſtſtändig 
denfen , urtheilen und glauben , ſondern na< fremder Auto- 
rität ſich richten , oder das denken, urtheilen und glauben, 
was der Lehrer durc< Verſtandesſchlüſſe ſie finden lehrte 3; es 
f&nnte, wenn er anders nur die Abſimt hätte. 
 
 
wird alſo der Kinder und des Volkes Glaube immer wieder 
ein jurare in yerba magistri bleiben , welches der Sofratiker 
ja eben perhorrescirt. Aber ein ſoiMer Glaube, der ſeinen 
Grund in der menſchlichen Autorität des Lehrers ſindet , iſt 
um ſo gefährlicher, je leichter der Beweis praktiſch zu führen 
wäre , daß ein geſchickter Sokratiker dur< Fragen und Schluß 
folgerungen Kindern alles Mögliche beweiſen könnte , was er 
nur beweiſen wollte, daß ein mit trügeriſchen Fragekünſten 
und künſtlichen Werſtandesſchlüſſen vertrauter Katehet wohl 
auch unvernünftige und un<riſiliche Dinge herauskatechiſiren 
Und ein 
BibelſprüchelHen, aus. dem Zuſammenhange Hherausgeriſſen , 
ließe ſim dann wohl ex post , nachdem der Gedanke fertig 
wäre, auch no< zum nothdürftigen Beweiſe für dergleichen 
unwürdige Kunſtſtück<en auffinden ! 
Wir wollen doch nie vergeſſen, daß das Chriſtenthum 
unſere Vernunft groß gezogen hat, damit wir an der rechten 
Mutter , dem Worte Gottes , nicht aber an der Stiefmutter 
Bernunft die ſofratiſche HDebekunſt üben 3 wir wollen doc nie 
vergeſſen , daß die religiöſen Ideen und Ueberzeugungen in 
uns , die allgemeinen Vernunftwahrheiten, wie Mancher ſie 
gern nennt, eben nur durch <riſtliche Erziehung und <hriſt- 
lichen Religionsunterricht in uns geweckt, genährt und ver«- 
vollfommnet worden ſind, und ſelbſt erſt ein Ausfluß des 
durc Chriſtus in die Menſchheit eingetretenen göttlichen Prin» 
cips, alſo exwas Gegebenes , nicht Selbſtgefundenes oder 
Selbſtzufindendes ſind. 
Nein , wir wollen den Erfahrungsbeweis feſthalten , daß 
die vom Chriſtenthume iſolirte Menſchenvernunft die <riſt- 
lihen Heilslehren weder gefunden hat, no< heute finden 
würde, wollen aber vorzüglich beachten , daß die Religions« 
wahrheiten , als Wernunftprodukte , weder über allen Zweifel 
erhaben ſein , noc< verpflichtende Autorität für Alle haben 
würden. Das ſind aber, das haben Bibelworte, und ſomit 
iſt auch für unſeren Religionsunterricht der naturgemäße Gang 
vorgeſchrieben , nämlich das Gegebene , im Worte Gottes 
Niedergelegte , deſſen abſolute Vernünftigkeit an ſich Niemand 
beſtreiten wird, zu entwickeln , mit bibliſchen , vernünftigen 
Gründen zu beweiſen und dasſelbe ſo zu behandeln , daß jede 
eigene Vernunft, als Glauben und Wilken beſtimmendes Prin» 
cip , ſi) Gottes Wort zu eigen macht und in ſich ſelbſt auf- 
nimmt. Es wird alſo im <riſtlihen Religionsunterrichte -- 
Religion iſt ja eben die Beziehung des ganzen Denkens, 
Wollens, Fühlens auf Gott, -- es wird da eben das in 
der heil. Schrift dargeſtellte rehte , <riſiliche, gläubige Ver- 
hältniß des Chriſten zu Gott und ſeinem Erlöſer Gegenſtand 
der Betrachtung und Quelle der Erbauung ſein, und ſomit 
die analytiſche Lehrmethode oder bibliſche Katechetik den Sieg 
davon tragen müſſen. Zwar wird der bibliſche Katechet dabei
	        
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