Ob und wie weit die -Kirchengeſchichte in der Bür?
gerſhule zu berückſichtigen ſei.
So ſtehen Verwerfung und Empfehlung einander gegen?
"ber , aber nicht auf gleicher Höhe. Wir glauben ohne Ein-
ſeitigfeit der Kirchengeſchihte das Wort geredet zu haben und
nun vollfommen in den Drxand geſeßt zu ſein, die Gründe -
dey Verwerfung in ihr“ rechtes Limt zu ſetzen, Sie ſei nicht
bildend, ſagt man, weil ſie zu hoch hinaufführe und zu ſehr
mit Abſtractienen beſchöfftige z aber die Kirchenſ<hichte iſt ja
FeineSwegs -nur Geſchichte der Lehre (Dogmengeichichte )-, das
reichſte , mannichfaltigſte Leben wogt neben der Lehre her, ja,
dieſe wird nicht ſelten vom Leben getragen und iſt zulegt nichts
Anderes, als Manifeſtation eines reichen Lebens, Und ver-
mühte auch der Schüler die hohen Geſtalten, welche die Kir-
Jengeſhichte an ſeinem Auge verüberführt, nicht. ganz zu
Faſſen und das, was ſie bewegt hat, nur mangelhaft in ſich
nachzubilden - == ſein Gemüth richtet ſich doM an ihnen em-
per - utid ahnen wenigſtens lernt er , wel<er Erhebung der
Menſch fähig, zu welchen Kämpfen , Opfern und Leiden er
fart ſei, und welche Siege er, aum ſcheinbar untergehend ,
erringen könne. == Die: Kirchengeſchi<te könne mißbildend
wirken , bemerkt man weiter , indem ſie ſo viel ven traurigen
Verirrungen , fanatiſchen Ausbrüchen ,2c. zu erzählen habe;
aber muß man das - woven eine WVerbildung zu erwarten
it, mittheilen , und kann man, wenn man es erzählt , nicht
ſo es darſtellen , daß es abſchreckend wirken muß ? Kein Lch-
rer wird z. B. ſeine Schüler mit Aufzählung der Intriguen
quälen , welche in die dogmatiſchen Kämpfe unter den erſten
<riſtlichen Kaiſern ſid eingemiſ<t haben 3 und dieſe Kämpfe
ſelbſt nur im Vorübergehen , vielleicht auch gar nicht, berüh-
ren; aber im Einſiedler Antonius und in Franciscus von
Aſſiſi-ihnen die Verirrungen der Aſcetik anſchaulich zu machen,
dürfte Niemand Bedenken tragen. =- Man müſſe die Jugend
ſo lange als mögli mit Darſtellung der kirchlichen Spaltun-
gen und Gegenſäße verſchonen , fügt man. hinzu , und aller-
dings, wer wird Knaben zu Polemikern bilden und zur Un-
duſdſamfeit anleiten wollen , ja, wer wird je vor ihnen ein
verdammendes , oder auch nur berbes Urtheil über eine hiſto-
riſche Erſcheinung , de qua vub judice lis est, ſim erlauben ;
behandelt man indeß die Sache.von dem oben gezeigten Stand-
punkte aus , ſo iſt nicht uxr keine Gefahr zu beſorgen , ſon-
dern ſogar ein bedeutender Gewinn 'zu erwarten, und die
Zeitverhältniſſe ſcheinen ein Uebergehen oder ängſtliches Fern-
halten nicht einmal zu geſtattem
Aber wie Raum für dieſen Zweig des Unterrichts gewin
nen? Dieß führt nun zu unſerer zweiten Frage hinüber 2
inwieweit'die Kirhengeſchichte in der Bürgerſchule
I huſzeifung.
* Nr. 1635.
zu behandeln ſei, Man hat bei Bearbeitung. der Ge-.
ſchichte für den Unterricht häufig ſo ausfommen zu önnen
geglaubt , daß man, ſim möglicht an die wiſſenſchafiliche Bes
handlung anſchließend , den Stoff nur no<* Kräften popula«
riſirt , beſchnitten und zerhacft hat. Es iſt aber erſtaunlich ,
welche Maſſen man dabei immer noc< vor der Jugend auf-
geſchichtet , welch? ein Verdauungsvermögen man bei ihr vor«
ausgeſebt hat; als ob es darauf anfäme , die Kinder in die
Geſchichte als Wiſſenſchaft einzuführen, und nicht vieltnehr
darauf, durch Vorzeigung großer und edler Bilder für das.
Große und Edle zu gewinnen! Wenn aber dieß, == wie
viel unbrauchbare Dinge kann man über Bord werfen! Der
Verf, ſteht nic<t an, zu bekennen, daß er bei ſeinem Unterx«
richte , wo er auf ſol<e an Ueberfülle leidende Compendien
ſim angewieſen ſieht , ohne Bedauern ganze Partieen liegen
läßt, um für Perſonen und Ereigniſſe Zeit zu gewinnen,
von denen er ſich , bei friſcher und anſchaulicher Darſtellung,
Wirkung verſprechen. zu können glaubt, und eine mehrjährige
Erfahrung hat ihn überzeugt, daß er auf rechtem Wege wan
dele, Dabei hat er noh immer den <ronologiſ<en Gang
für den beßten gehalten und weder die Vorſchläge, welche D.
Fr. Jacobi *) ,/ no<M die Art und Weiſe, wie D. Haupt **)
verfahren will, habe ihn davon abziehen können, obwohl er
zwar anerkennt , daß der leßtere zur Vereinfachung des Stofs-
fes einen trefflichen , nicht genug zu rühmenden Verſuch ge-
macht hat. Vereinfachung thut vor allen Dingen Noth!
Fordert man auch jeßt vielleicht von den Kindern nic<t mehr, *
was die Verkehitheit mancher Aeltern im Zeitalter Juvenal's
„von einem Lehrer verlangte,
| - == Ut forte rogatus,
Dum petat aut Thermas aut Phoebi balnea, dicat
Nutricem Anchisae , nomen patriamque novercae
Archemori; dicat quot Acestes Yyixerit annos ,
Quot Sieulus Phrygibus vini donaverit urnas,
Viel muthet man den Kindern noc< oft genug zu , und es
gibt bis dieſe Stunde Lehrer, welche, indem ſie ſich außer
Stande fühlen , die Menge von Notizen, wel<e das Com-
pendium darbietet, für die Schulen zu beleben, und doch auch
nict den Muth haben , wegzulaſſen , was entbehrlich iſt, in
ihrer Rathloſigkeit zu dem Mittel greifen , nac< kurzen Er-
klärungen Namen und Jahrzahlen einlernen zu laſſen, um
wenigſtens für den ſpäteren Unterricht einen Grund zu legen,
--- Was nun von der Geſchichte überhaupt gilt, das leidet
*) Grundlage einer neuen Methode für den vaterländiicmen Gez
ſchichtsunterri<t in deutſchen Schulen. Nürnberg 1839. 8.
88) Die Weltgeſchichte , nah Peſtalozzi's Elementargrundſäßen und
von <riſtlicher Lebensanſchauung aus bearbeitet, Zweite Auf«-
lage, Hildburghauſen 4841, gtr. 8,