Full text: Allgemeine Schulzeitung - 18.1841 (18)

 
Ob und wie weit die -Kirchengeſchichte in der Bür? 
gerſhule zu berückſichtigen ſei. 
So ſtehen Verwerfung und Empfehlung einander gegen? 
"ber , aber nicht auf gleicher Höhe. Wir glauben ohne Ein- 
ſeitigfeit der Kirchengeſchihte das Wort geredet zu haben und 
nun vollfommen in den Drxand geſeßt zu ſein, die Gründe - 
dey Verwerfung in ihr“ rechtes Limt zu ſetzen, Sie ſei nicht 
bildend, ſagt man, weil ſie zu hoch hinaufführe und zu ſehr 
mit Abſtractienen beſchöfftige z aber die Kirchenſ<hichte iſt ja 
FeineSwegs -nur Geſchichte der Lehre (Dogmengeichichte )-, das 
reichſte , mannichfaltigſte Leben wogt neben der Lehre her, ja, 
dieſe wird nicht ſelten vom Leben getragen und iſt zulegt nichts 
Anderes, als Manifeſtation eines reichen Lebens, Und ver- 
mühte auch der Schüler die hohen Geſtalten, welche die Kir- 
Jengeſhichte an ſeinem Auge verüberführt, nicht. ganz zu 
Faſſen und das, was ſie bewegt hat, nur mangelhaft in ſich 
nachzubilden - == ſein Gemüth richtet ſich doM an ihnen em- 
per - utid ahnen wenigſtens lernt er , wel<er Erhebung der 
Menſch fähig, zu welchen Kämpfen , Opfern und Leiden er 
fart ſei, und welche Siege er, aum ſcheinbar untergehend , 
erringen könne. == Die: Kirchengeſchi<te könne mißbildend 
wirken , bemerkt man weiter , indem ſie ſo viel ven traurigen 
Verirrungen , fanatiſchen Ausbrüchen ,2c. zu erzählen habe; 
aber muß man das - woven eine WVerbildung zu erwarten 
it, mittheilen , und kann man, wenn man es erzählt , nicht 
ſo es darſtellen , daß es abſchreckend wirken muß ? Kein Lch- 
rer wird z. B. ſeine Schüler mit Aufzählung der Intriguen 
quälen , welche in die dogmatiſchen Kämpfe unter den erſten 
<riſtlichen Kaiſern ſid eingemiſ<t haben 3 und dieſe Kämpfe 
ſelbſt nur im Vorübergehen , vielleicht auch gar nicht, berüh- 
ren; aber im Einſiedler Antonius und in Franciscus von 
Aſſiſi-ihnen die Verirrungen der Aſcetik anſchaulich zu machen, 
dürfte Niemand Bedenken tragen. =- Man müſſe die Jugend 
ſo lange als mögli mit Darſtellung der kirchlichen Spaltun- 
gen und Gegenſäße verſchonen , fügt man. hinzu , und aller- 
dings, wer wird Knaben zu Polemikern bilden und zur Un- 
duſdſamfeit anleiten wollen , ja, wer wird je vor ihnen ein 
verdammendes , oder auch nur berbes Urtheil über eine hiſto- 
riſche Erſcheinung , de qua vub judice lis est, ſim erlauben ; 
behandelt man indeß die Sache.von dem oben gezeigten Stand- 
punkte aus , ſo iſt nicht uxr keine Gefahr zu beſorgen , ſon- 
dern ſogar ein bedeutender Gewinn 'zu erwarten, und die 
Zeitverhältniſſe ſcheinen ein Uebergehen oder ängſtliches Fern- 
halten nicht einmal zu geſtattem 
Aber wie Raum für dieſen Zweig des Unterrichts gewin 
nen? Dieß führt nun zu unſerer zweiten Frage hinüber 2 
inwieweit'die Kirhengeſchichte in der Bürgerſchule 
I huſzeifung. 
 
* Nr. 1635. 
zu behandeln ſei, Man hat bei Bearbeitung. der Ge-. 
ſchichte für den Unterricht häufig ſo ausfommen zu önnen 
geglaubt , daß man, ſim möglicht an die wiſſenſchafiliche Bes 
handlung anſchließend , den Stoff nur no<* Kräften popula« 
riſirt , beſchnitten und zerhacft hat. Es iſt aber erſtaunlich , 
welche Maſſen man dabei immer noc< vor der Jugend auf- 
geſchichtet , welch? ein Verdauungsvermögen man bei ihr vor« 
ausgeſebt hat; als ob es darauf anfäme , die Kinder in die 
Geſchichte als Wiſſenſchaft einzuführen, und nicht vieltnehr 
darauf, durch Vorzeigung großer und edler Bilder für das. 
Große und Edle zu gewinnen! Wenn aber dieß, == wie 
viel unbrauchbare Dinge kann man über Bord werfen! Der 
Verf, ſteht nic<t an, zu bekennen, daß er bei ſeinem Unterx« 
richte , wo er auf ſol<e an Ueberfülle leidende Compendien 
ſim angewieſen ſieht , ohne Bedauern ganze Partieen liegen 
läßt, um für Perſonen und Ereigniſſe Zeit zu gewinnen, 
von denen er ſich , bei friſcher und anſchaulicher Darſtellung, 
Wirkung verſprechen. zu können glaubt, und eine mehrjährige 
Erfahrung hat ihn überzeugt, daß er auf rechtem Wege wan 
dele, Dabei hat er noh immer den <ronologiſ<en Gang 
für den beßten gehalten und weder die Vorſchläge, welche D. 
Fr. Jacobi *) ,/ no<M die Art und Weiſe, wie D. Haupt **) 
verfahren will, habe ihn davon abziehen können, obwohl er 
zwar anerkennt , daß der leßtere zur Vereinfachung des Stofs- 
fes einen trefflichen , nicht genug zu rühmenden Verſuch ge- 
macht hat. Vereinfachung thut vor allen Dingen Noth! 
Fordert man auch jeßt vielleicht von den Kindern nic<t mehr, * 
was die Verkehitheit mancher Aeltern im Zeitalter Juvenal's 
„von einem Lehrer verlangte, 
| - == Ut forte rogatus, 
Dum petat aut Thermas aut Phoebi balnea, dicat 
Nutricem Anchisae , nomen patriamque novercae 
Archemori; dicat quot Acestes Yyixerit annos , 
Quot Sieulus Phrygibus vini donaverit urnas, 
Viel muthet man den Kindern noc< oft genug zu , und es 
gibt bis dieſe Stunde Lehrer, welche, indem ſie ſich außer 
Stande fühlen , die Menge von Notizen, wel<e das Com- 
pendium darbietet, für die Schulen zu beleben, und doch auch 
nict den Muth haben , wegzulaſſen , was entbehrlich iſt, in 
ihrer Rathloſigkeit zu dem Mittel greifen , nac< kurzen Er- 
klärungen Namen und Jahrzahlen einlernen zu laſſen, um 
wenigſtens für den ſpäteren Unterricht einen Grund zu legen, 
--- Was nun von der Geſchichte überhaupt gilt, das leidet 
 
*) Grundlage einer neuen Methode für den vaterländiicmen Gez 
ſchichtsunterri<t in deutſchen Schulen. Nürnberg 1839. 8. 
88) Die Weltgeſchichte , nah Peſtalozzi's Elementargrundſäßen und 
von <riſtlicher Lebensanſchauung aus bearbeitet, Zweite Auf«- 
lage, Hildburghauſen 4841, gtr. 8,
	        
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