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zurufen : Vater, vergib ihnen, deun ſie wiſſen niht, was
ſie thun. Es unterliegt dom keinem Zweifel, daß mit
einem Gemengſel von theologiſ<en und pädagogiſchen Prin-
eipien und Sätzen weder der Wiſſenſchaft, noc< der Menſch-
beit gedient ſein könne.
Wenn man die Theorie unſeres Pädagogen unbefangen
prüft, ſo wird man ihm das Zeugniß nicht verſagen kön-
nen, daß er wirklich das Chriſtenthum viel zu hoch achte,
um es aus dem pädagogiſchen Felde wegjagen zu können,
weil er ſi< von der Ueberzeugung nicht losreißen kann,
daß es dem Leben der Menſchheit erſt die Vollendung, die
Fülle und Kraft verleihen könne, Nur glaubt er, behanup-
ten zu dürfen, daß der Weg der <riſilihen Geſinnung
durch die Bildung der Menſchheit gehe, daß nur in dem
Boden echter Humanität das Chriſtenthum wurzeln ; ge-
deihen und fruchten könne. Das Menſchliche muß nach
ſeiner Anſicht anſtatt eingeſchränkt, durch und durc< gebildet
werden. Durch ſich ſelbſt und durch ſein eigenes Bewußt-
ſein ſoll: der Menſch ſih zu Gott und zu Chriſto erheben.
Die Kluft, die irgend ein Zufall oder etwa eine verkehrte
Erziehung zwiſchen dem menſchlichen oder göttlichen Leben
möchte beveſtigt haben, ſoll gebrochen und niedergeriſſen
werden. Dieſterweg's ganzes Sinnen, Dichten und Trach-
ten geht dahin , den Vereinigungspunfkt zwiſchen Wiſſen und
Glauben zu treffen, das Göttliche und Menſchliche nach
Zeſu Vorbilde in Eins zu verſchmelzen. Alle Wege und
Mittel werden hervorgeſucht und erforſcht, dem Menſchen
eine Bildung angedeihen zu laſſen, die ihn einigermaßen
mit Jeſu Chriſto ausſöhnen könne, Dem Menſchen, d. h.
dem inneren Menſchen, ſolle man um des Chriſtenthums
willen durchaus keinen Zwang anthun z aus eigener wahrer
Neigung und aus freiem Entſchluſſe ſoll ein Jeder ſich dem
Chriſtenthume in die Arme werfen. Von einer religiöſen
Bildung , die ſich nicht auf Fundamente der Menſchheit
gründet, könne und dürfe man ſich nicht viel verſprechen,
weil ſie ein nußloſes Außending bleiben wüſſe und nur ein
Blendwerk und eine Täuſchung ſein könne. Nie und mm-
mermehr kann ſich Dieſterweg darein finden, daß der
Menſc< ſolle aus dem Menſchen verdrängt werden , damit
„ein neuer Menſch“ und ein „gläubiger Chriſt“ daraus er-
ſlehe, weil die Vorausſeßung aller Vernunft und Erfah-
rung zuwiderlaufe, Um ſo mehr glaubt er aber gegen die
Einſ<ränkung der Menſchheit eifern zu müſſen, als der
Menſch nicht nur ein Chriſt, ſoadern auch ein Bürger iſt
und als Bürger die regſte Thätigkeit für das Gemeinwohl
aufweiſen muß. Faule Chriſten, welche uneingedenk ihrer
Pflichten und Obliegenheiten gegen den Staat vom Schweiße
ihrer Brüder zehren, heranzubilden, hält er unter der Würde
eines Erziehers und Chriſten. Wenn er aber auch oſfenbar
den realen Werth des Wenſchen in ein gemeinnüßiges, ſich
ſelbſt aufopferndes Wirken ſeßt, ſo kann dieß ihn doch eben-
ſo wenig bewegen, die Selbſtändigkeit der Menſchheit auf-
zuopfern. Beſondere bürgerlihe Ausſtaffirung wollte er
ebenſo ſehr, als iſolirte <riſtliche Bildung von der Schule
fern gehalten wiſſen. "Der ſei ebenſo wenig eim rechter
Bürger, inſofern ihn nicht die <riſtlih -humane Geſinnung
beſeele, als ein wahrer Chriſt, inſofern er nicht thatkräftig
für das Gemeinwohl wirke. Nichts könne lächerlicher ſein,
als der Gedanke, daß der -Menſc< ſolle mit dem einen Fuße
im Reiche der Heiligkeit, und mit dem andern im Reiche
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des irdiſchen Treibens und Thuns ſtehen, Was für ein
Unſinn wäre es, wenn ein Menſch durch die verkehrte Er»
ziehung dahin gebracht wäre, an Sonn - und Feſttagen ſic
gut und gottesfür<tig zu betragen oder wenigſtens ſich
fromm zu gebehrden , an den übrigen Tagen ſich aber un-
bedenklich wieder in den Schooß des irdiſchen Strebens zu
ſtürzen 2? Sollte Tugend , Licht, Wahrheit, Friede und
Glüdfeligkeit nur für den Himmel vorbehalten ſein ? Aber
warum kam Zeſus einſt auf Erden? -=- Dr. Dieſterweg
iſt überhaupt einer Erziehung gram, welche dem Menſchen
Alles und Alles trennt, Gott und den Menſchen, Erde und
Himmel, Kirche und Staat, Aeltern und Kind, Obrigkeit
und Unterthan, .und die Geſammtheit der Menſchheit ſelbſt,
ohne daß dadur< weder die Menſchheit im Einzelen , noc<:
im Allgemeinen gewonnen wäre, und wünſchte mitzuwirken,
daß dieſe Scheidewand immer mehr zerfalle, und ſeinem
edeln Geiſte kann Nichts wohlthuender ſein, als der Ge-
danke , daß der Einfluß und Segen des Chriſtenthums ſich
immer mehr dem öffentlichen Leben zuwenden, und daß das
Band zwiſchen Kirche und Staat ſich immer veſter fnüpfen
möge , welche beide bis jetzt ſo ganz iſolirt von einander
ſtehen. Die Kirche ſoll den Menſchen mit rechter Geſin-
nung durchdringen, alſo daß ſie ſich in allen Lagen und
Verhältniſſen des Lebens in ihm erweiſe. Sie ſoll mit
ihrem Geiſte nicht bloß den einzelen Menſchen läutern,
ſondern auch alle Einrichtungen und Juſtitutionen des
Lebens. Der Staat ſoll ein humaner, ein <riſtlier ſein.
Ein Reich Gottes ſoll auf Erden gegründet werden.
Das päſſende Organ für die Vereinigung der Kirche
und des Staates erkennt Vr. Dieſterweg nun in der all-
ſeitigen Entwickelung und Bildung des Menſchlichen. Denn
ver wahre Menſch lebt nur Ein Leben, nämlich ein menſch-
liches, in welchem das Leben der Menſchheit, der Kirche,
des Staates, des engen und engſten Kreiſes, in den er
geſtellt iſt, auf's engſte vereint iſt, Nicht Hemmung alſo,
ſondern Concentrirung und lebensvolle Geſtaltung des
Menſchlichen in unverfümmerter uod ungeſchmäleriter Ent-
faltung ſei die Aufgabe aller Erziehung und Bildung. Die
Entfaltung und Entwickelung des kir<lichen Lebens ſei be-
dingt durc< die Durchbildung der Menſchheit, und die Kir<-
lichkeit könne ebenſo wenig hervorgehoben werden, als das
ſtaatsbürgerliche Leben, wenn der Menſch nicht aus dem
Geleiſe der Natur heraäustreten ſollte. Das Chriſtenthum
ves Menſchen könne nichts Anderes, als das Gepräge der
Menſchheit und Menſchlichkeit habenz Ueberſchwänglichkeit
ſei der wahren menſchlichen Natur ein fremdartiges Ele-
ment. Alles wahrhaft Menſchliche ſei göttlich, alles Gött-
liche wahrhaft menſc<hli<. Nur eine, von Liebe der Menſc<-
heit und dem regſten Jutereſſe für das Gemeinwohl glü-
hende Thätigkeit, nicht ſtille oder zu vornehme Zurückge-
zogenheit von der Welt ſei der Glanzpunkt in der Bildung
des Chriſten. -- Nicht der Buchſtabenglaube, ſondern der
Geiſt mache den Chriſten z der rechte <hriſtliche Geiſt theile
ſich aber denjenigen mit, deren Menſc<heit tätig durch
und durch gebildet iſt. Uebrigens müſſe der Chri das
Chriſtenthum von ſeiner geiſtigen Seite auffaſſen, und den
Buchſtaben von dem Geiſte unterſcheiden und ſcheiden ler-
nen. Der Buchſtabendienſt ſei entehrend für die Menſc<-
heit und entferne den Menſchen eher von dem Chriſten-
- thume, als daß er ihn zu demſelben zurückſühre.