Full text: Allgemeine Schulzeitung - 21.1844 (21)

1691 
zurufen : Vater, vergib ihnen, deun ſie wiſſen niht, was 
ſie thun. Es unterliegt dom keinem Zweifel, daß mit 
einem Gemengſel von theologiſ<en und pädagogiſchen Prin- 
eipien und Sätzen weder der Wiſſenſchaft, noc< der Menſch- 
beit gedient ſein könne. 
Wenn man die Theorie unſeres Pädagogen unbefangen 
prüft, ſo wird man ihm das Zeugniß nicht verſagen kön- 
nen, daß er wirklich das Chriſtenthum viel zu hoch achte, 
um es aus dem pädagogiſchen Felde wegjagen zu können, 
weil er ſi< von der Ueberzeugung nicht losreißen kann, 
daß es dem Leben der Menſchheit erſt die Vollendung, die 
Fülle und Kraft verleihen könne, Nur glaubt er, behanup- 
ten zu dürfen, daß der Weg der <riſilihen Geſinnung 
durch die Bildung der Menſchheit gehe, daß nur in dem 
Boden echter Humanität das Chriſtenthum wurzeln ; ge- 
deihen und fruchten könne. Das Menſchliche muß nach 
ſeiner Anſicht anſtatt eingeſchränkt, durch und durc< gebildet 
werden. Durch ſich ſelbſt und durch ſein eigenes Bewußt- 
ſein ſoll: der Menſch ſih zu Gott und zu Chriſto erheben. 
Die Kluft, die irgend ein Zufall oder etwa eine verkehrte 
Erziehung zwiſchen dem menſchlichen oder göttlichen Leben 
möchte beveſtigt haben, ſoll gebrochen und niedergeriſſen 
werden. Dieſterweg's ganzes Sinnen, Dichten und Trach- 
ten geht dahin , den Vereinigungspunfkt zwiſchen Wiſſen und 
Glauben zu treffen, das Göttliche und Menſchliche nach 
Zeſu Vorbilde in Eins zu verſchmelzen. Alle Wege und 
Mittel werden hervorgeſucht und erforſcht, dem Menſchen 
eine Bildung angedeihen zu laſſen, die ihn einigermaßen 
mit Jeſu Chriſto ausſöhnen könne, Dem Menſchen, d. h. 
dem inneren Menſchen, ſolle man um des Chriſtenthums 
willen durchaus keinen Zwang anthun z aus eigener wahrer 
Neigung und aus freiem Entſchluſſe ſoll ein Jeder ſich dem 
Chriſtenthume in die Arme werfen. Von einer religiöſen 
Bildung , die ſich nicht auf Fundamente der Menſchheit 
gründet, könne und dürfe man ſich nicht viel verſprechen, 
weil ſie ein nußloſes Außending bleiben wüſſe und nur ein 
Blendwerk und eine Täuſchung ſein könne. Nie und mm- 
mermehr kann ſich Dieſterweg darein finden, daß der 
Menſc< ſolle aus dem Menſchen verdrängt werden , damit 
„ein neuer Menſch“ und ein „gläubiger Chriſt“ daraus er- 
ſlehe, weil die Vorausſeßung aller Vernunft und Erfah- 
rung zuwiderlaufe, Um ſo mehr glaubt er aber gegen die 
Einſ<ränkung der Menſchheit eifern zu müſſen, als der 
Menſch nicht nur ein Chriſt, ſoadern auch ein Bürger iſt 
und als Bürger die regſte Thätigkeit für das Gemeinwohl 
aufweiſen muß. Faule Chriſten, welche uneingedenk ihrer 
Pflichten und Obliegenheiten gegen den Staat vom Schweiße 
ihrer Brüder zehren, heranzubilden, hält er unter der Würde 
eines Erziehers und Chriſten. Wenn er aber auch oſfenbar 
den realen Werth des Wenſchen in ein gemeinnüßiges, ſich 
ſelbſt aufopferndes Wirken ſeßt, ſo kann dieß ihn doch eben- 
ſo wenig bewegen, die Selbſtändigkeit der Menſchheit auf- 
zuopfern. Beſondere bürgerlihe Ausſtaffirung wollte er 
ebenſo ſehr, als iſolirte <riſtliche Bildung von der Schule 
fern gehalten wiſſen. "Der ſei ebenſo wenig eim rechter 
Bürger, inſofern ihn nicht die <riſtlih -humane Geſinnung 
beſeele, als ein wahrer Chriſt, inſofern er nicht thatkräftig 
für das Gemeinwohl wirke. Nichts könne lächerlicher ſein, 
als der Gedanke, daß der -Menſc< ſolle mit dem einen Fuße 
im Reiche der Heiligkeit, und mit dem andern im Reiche 
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des irdiſchen Treibens und Thuns ſtehen, Was für ein 
Unſinn wäre es, wenn ein Menſch durch die verkehrte Er» 
ziehung dahin gebracht wäre, an Sonn - und Feſttagen ſic 
gut und gottesfür<tig zu betragen oder wenigſtens ſich 
fromm zu gebehrden , an den übrigen Tagen ſich aber un- 
bedenklich wieder in den Schooß des irdiſchen Strebens zu 
ſtürzen 2? Sollte Tugend , Licht, Wahrheit, Friede und 
Glüdfeligkeit nur für den Himmel vorbehalten ſein ? Aber 
warum kam Zeſus einſt auf Erden? -=- Dr. Dieſterweg 
iſt überhaupt einer Erziehung gram, welche dem Menſchen 
Alles und Alles trennt, Gott und den Menſchen, Erde und 
Himmel, Kirche und Staat, Aeltern und Kind, Obrigkeit 
und Unterthan, .und die Geſammtheit der Menſchheit ſelbſt, 
ohne daß dadur< weder die Menſchheit im Einzelen , noc<: 
im Allgemeinen gewonnen wäre, und wünſchte mitzuwirken, 
daß dieſe Scheidewand immer mehr zerfalle, und ſeinem 
edeln Geiſte kann Nichts wohlthuender ſein, als der Ge- 
danke , daß der Einfluß und Segen des Chriſtenthums ſich 
immer mehr dem öffentlichen Leben zuwenden, und daß das 
Band zwiſchen Kirche und Staat ſich immer veſter fnüpfen 
möge , welche beide bis jetzt ſo ganz iſolirt von einander 
ſtehen. Die Kirche ſoll den Menſchen mit rechter Geſin- 
nung durchdringen, alſo daß ſie ſich in allen Lagen und 
Verhältniſſen des Lebens in ihm erweiſe. Sie ſoll mit 
ihrem Geiſte nicht bloß den einzelen Menſchen läutern, 
ſondern auch alle Einrichtungen und Juſtitutionen des 
Lebens. Der Staat ſoll ein humaner, ein <riſtlier ſein. 
Ein Reich Gottes ſoll auf Erden gegründet werden. 
Das päſſende Organ für die Vereinigung der Kirche 
und des Staates erkennt Vr. Dieſterweg nun in der all- 
ſeitigen Entwickelung und Bildung des Menſchlichen. Denn 
ver wahre Menſch lebt nur Ein Leben, nämlich ein menſch- 
liches, in welchem das Leben der Menſchheit, der Kirche, 
des Staates, des engen und engſten Kreiſes, in den er 
geſtellt iſt, auf's engſte vereint iſt, Nicht Hemmung alſo, 
ſondern Concentrirung und lebensvolle Geſtaltung des 
Menſchlichen in unverfümmerter uod ungeſchmäleriter Ent- 
faltung ſei die Aufgabe aller Erziehung und Bildung. Die 
Entfaltung und Entwickelung des kir<lichen Lebens ſei be- 
dingt durc< die Durchbildung der Menſchheit, und die Kir<- 
lichkeit könne ebenſo wenig hervorgehoben werden, als das 
ſtaatsbürgerliche Leben, wenn der Menſch nicht aus dem 
Geleiſe der Natur heraäustreten ſollte. Das Chriſtenthum 
ves Menſchen könne nichts Anderes, als das Gepräge der 
Menſchheit und Menſchlichkeit habenz Ueberſchwänglichkeit 
ſei der wahren menſchlichen Natur ein fremdartiges Ele- 
ment. Alles wahrhaft Menſchliche ſei göttlich, alles Gött- 
liche wahrhaft menſc<hli<. Nur eine, von Liebe der Menſc<- 
heit und dem regſten Jutereſſe für das Gemeinwohl glü- 
hende Thätigkeit, nicht ſtille oder zu vornehme Zurückge- 
zogenheit von der Welt ſei der Glanzpunkt in der Bildung 
des Chriſten. -- Nicht der Buchſtabenglaube, ſondern der 
Geiſt mache den Chriſten z der rechte <hriſtliche Geiſt theile 
ſich aber denjenigen mit, deren Menſc<heit tätig durch 
und durch gebildet iſt. Uebrigens müſſe der Chri das 
Chriſtenthum von ſeiner geiſtigen Seite auffaſſen, und den 
Buchſtaben von dem Geiſte unterſcheiden und ſcheiden ler- 
nen. Der Buchſtabendienſt ſei entehrend für die Menſc<- 
heit und entferne den Menſchen eher von dem Chriſten- 
- thume, als daß er ihn zu demſelben zurückſühre.
	        
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