Dlfgemeine
1844.
SEETEREEENNN
ernennt
nega
Geſh<i<tskalender: 21, Januar 1835. Geſtorben: K. G, Horſtig, geb; 3. Juni 1763.
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- Aus dem Königreiche S achſen, In der 82. Sißung
wurde unſerer zweiten Kammer eine nicht geringe Anzahl
gewichtiger Petitionen zur Berathung vorgelegt, welche alle
dahin ſic) ausſprachett, „es möchte die Cinführung re-
gelmäßiger Leibesgübungen für unſere Jugend
als Stagatsſame. betrachtet und daher dieſe Cin-
führungdur< Geſehß >ll'gemein bedingt werden.“
Wir hätten wirklich erwartet, daß die hohe Kammer dieſe
€ ewatzenek,
In der erwähnten Sißung zweiter Kammer waren es vor-
züglich. zwei Bemerkungen, -welche eine weitere Ergreifung
dieſes Gegenſtandes durchfallen ließen. Man war vielfach
der Anſicht, regelmäßige Turnübungen ſeitenauf
demplattenLandenichtnötbig, weil dort die Jugend
ſchon anderweit Gelegenheit habe, ihren Körper zu kräftigen,
und zweitens: wußte man nic<t, wie man Turnan-
ſtalten errichten. ſollte, ohne die. Staatskaſſen mit neuen
Ausgaben zu belaſien' oder die ſchon gedrücten Gemeinden
zu beſchweren. . Das.:“Erfte müſſen wir, als eine ſchiefe
hoh wichtige Angelegenheit allſeitiger beleüchtenf und mehr- Auſicht, geradezu beſtreiten, bei. dem Zweiten wollen wir
ihun würde, als ſich mit frommen Wünſchen zu begnügen,
Denn daß ſie die hohe Zweckmäßigkeit ſolcher Leibesübungen
anerfannie, iſt im Grunde blutwenig, Kein Menſc< kann
und wird ſolche bezweifeln, :und wer in dieſer Hinſicht ſein
Urtheil no<-vervollfändigen will , darf 'nur Einiges aus der
darüber erſchienenen zahlreichen Literatur zu ſeiner Beleh-.
rung herauswählen.".= Die Heutige Generation bedarf
wahrhaftig der Kräftigung ; das iſt niht zu läugnen, Sie
iſt. ein Pygmäengeſchle<ht, - das vor Allem Manſchetten
hat. Elle, Sc<eere, Nadel, Gänſekiel, Pfeſferrohr u. ſ. w.,
das ſind die Waffen, durch die es ſeine engbrüſtige Exiſtenz
ſriftet, und, während ſonſt der liebe Gott die geſunde
Geſtalt gab, muß ſie jeht der Schneider geben... Wir
wollen keine. Raufbolde , keine ungeſchlachte Cyklopen z
aber wer dä fagt, daß. durch das Turnen dergleichen erzo-
gen werden, „der lügt, Es liegt in dem Bewußtſein und
in vem Gefühle männlicher Kraft eine Sicherheit, eine Ruhe
und ein Tact, der jedes gemeine Gezänk, allen Skandal
vermeidet, und was no(<ß viel :mehr ſagen will , eine Grad
beit, die weder Ränke noh Schwänke, weder Lüge no<
Tü>e, weder Liſt. :no< Zwiſt und. Falſchheit kennt, und
die wir deßwegen 'no< „Gott ſei Dank, am häufigſten bei
ver fräſtigen, ärmeren :Menſchenclaſſe antreffen. Weich-
lich fett des Körpers iſt dagegen die Quelle aller Laſter
von der Faulheit bis zur Unzucht, von: der Heim-
tüde bis zum Betruge, von der Falſchheit bis zur
BSerleumdung. Unſer Geſchlecht duftet nur, hört Con-
certe, tändelt, raucht, ſc<lemmt und tanzt, und warum?
Weil es mit ſeinem faulen Leibe nichts Anderes anzufangen
weiß, Alle Untugenden unſerer ſonſt großen Zeit entſpringen
wahrhaftig aus dieſer ſcheußlichen Verzärtlung unſers Kör-
pers. Doch wir wollen hier nicht den Anwalt des Turn-
weſens in“ Allgemeinen mächen. ES vedarf auch deſſen
weniger, als vielmehr Bedenflichkeiten entgegenzutreten,
die der allgemeinen Einführung desſelben im Wege ſtehen,
verſuchen zu zeigen , wie man ſich vie Sache viel ſchwieriger
gedacht hat; .als ſie an ſich und bei genauer Beleuchtung
verfelben erſcheint. 0 H .
Nicht bloß in unſerer zweiten hohen Kammer, ſondern
guch ſonſt noch vielfach im Leben hört man die Aeußerung,
regelmäßige und Foſiemaziſche Leibesübungen
ſeien für die Jugäend des platten Landes nicht
ndthig, "dieſelbe habe. an ſi< Gelegenheit genug, ihren
Körper zu üben und zu kräftigen, befinde ſih guc< ganz
wohl und bedürfe nicht noch. weiterer Anſtrengungen, --
Auf den erſien Anblick möchte“dieſe Anſicht 'ſo dur<ſchlagend
erſcheinen, daß ein großer Theil der Hörer ſich dabei be-
ruhigt; allein die Sache ſieht. doh ſchief. Bei näherer
Anſchauung. werden wir uns genugfam überzeugen, : daß
das Turnen keineswegs dloße Vermehrung der
rohen phyſiſchen Kraft, einſeitige Stählung derſelben
ſei, ſondern daß es vielmehr Ausbildung der Kraft,
'daß .es die herrliche Kunſt iſt, ſeine Gliedmaßen zweckmäßig
und allſeitig zu gebrauchen und folglich“ auch das Mittel,
im Leben von ſeinen Kräften die beßte Anwendung zu machen.
Wahr und natürlich iſt es; wir finden unter denjenigen,
welche bei ihren Arbeiten .den Körper bethätigen müſſen,
ſtarke, robuſte Leute; denn Uebung ſtählt die Kraft. Aber
betrachten wir dieje Menſchen näher, ſo iſt ihre Kraft und
die Ausbildung derſelben 1) immer nur eine einſeitige,
geübt durc< die Beſchäfftigung, welche ſi< im Jahre circa
365 mal wiederholt. Der hat eine Rieſenkraf: in den
Armen, jener in den Beinen, ein Dritter im Rückgrade,
insSgeſammt aber ſind ſie unbeholfen, und oft ſehen wir den
Falt eintreten, daß ein Vierter, welcher Behendigkeit mit
Kraft gepaart hat, Einer, der ſeine. Kräfte kunſtfertig zu
verwenden weiß, die ſogenannten Cyklopen in jeder Hinſicht
überflügelt. Und oft mitt welcher ungeheuren Kraftanſtrengung
verrichtet ein ſol<er unbeholfener, ungelehriger und unge-
lernter Kraftmenſch ſein Werk? Wie nicht ſelten finden