Full text: Allgemeine Schulzeitung - 23.1846 (23)

 
chylzeifung, 
 
Samstag A. November Im 
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1846 
„W 184 
 
Jedem Verdienſt iſt eine Bahn zur Unſterblichkeit aufgethan. 
Zur Geſchichte des britiſchen Unterrih<t8- und Er-, 
ziehungsweſens. 
(Fortſeßung.) nn 
Zu Egmore, in der Nähe des Forts St. George bei 
Madras in Oſtindien, wo D. Bell Kaplan war, befand 
ſich eine Schule für die Kinder der dortigen Europäer, das 
male asylam oder Waiſenhaus für Knaben genannt. Die 
vier Lehrer dieſer Shule waren Francis Johnſon, Richard 
Taylor, James Blood und John Mackay. 
der Directoren der oftindiſchen Geſellſchaft übernahm D. Bell 
das Directorium und die Oberaufſi<ht dieſer Schulanſtalt, 
Unzufrieden mit den langſamen Fortſchritten der Kinder, 
ſann er darauf, Leine von der bisherigen verſchiedene Un- 
terrichtsart einzuführen. Die erſte Veranlaſſung dazu gab 
ihm der Beſach einer malabariſ<hen Schule. Yls er 
in dieſelbe hineintrat, bemerkte er, wie die malabariſchen 
Kinder, ohne Lehrer, beſchäfftigt waren, mit den Fingern 
Buachſtaben auf den Boden in den Sand zu malen, Die 
Kinder erklärten ihm, daß ſie auf dieſe Art ſich mit dem 
Alphabeth bekannt machten, ohne eines Lehrers zu bedür- 
fen, indem ein Kind das andere zurechtwieſe , wenn dieſes 
einen Buchſtaben unrichtig gezeichnet habe, D. Bell be- 
nüßte dieſe Erfahrung ſogleich in ſeiner Schule, und ließ 
die Kinder das Alphabeth ebenfalls dadurc< lernen, daß er 
auf eine vor den Schülern ſiehende Bank Sand hinſtreute 
und die Kinder die Buchſtaben in den Sand malen ließ, 
ſo wie es die Kinder der Eingeborenen auf dem Boden 
machten. 
behagen und ſie waren dem D. Bell in der Einführung 
des Sandſchreibens mehr hinderlich, als beförderlich. Da- 
her nahm er ſeine Zuflucht zu den Kindern ſelbſt. Er ließ 
diejenigen Schüler, welche die Buchſtaben benennen und 
ſchreiben konnten, den ganz unwiſſenden Anleitung in die- 
ſer Fertigkeit geben, Er betrachtete dabei eine genaue 
Stufenfolge, indem er zuerſt die einfachſten und leichteſten 
Buchſtaben zeichnen und einen nach dem andern vollfom- 
men lernen ließ, ehe er zu den ſc<wereren und zuſammen- 
geſeßteren fortſchritt, Hatten ſich die Kinder die Kenntniß 
aller einzelen Buchſtaben und die Fertigkeit, dieſelben in 
'Sand zu zeichnen, erworben? ſo mußten ſie zwei Buch- 
ſtaben zuſammenſeßen, und auf dieſe Weiſe ging er dann 
zum Buchſtabiren und Leſen fort. Seine Schüler, deren 
Anzahl ſich auf 200 belief, theilte er in 12 Claſſen ein, 
und gab jeder derſelben aus den geſchickteren Knaben einen 
Auf Erſuchen 
Proſelyten derſelben werden wollen. 
Nur. den Lehrern der Schüler wollte dieſes nicht 
Schiller, 
Monitor (Unterlehrer) nebſt einem Gehülfen. Jeder Schü- 
ler mußte ſein eigenes Papier ſelbſt liniren, ſeine Federn 
ſc<neiden und überhaupt unter des Lehrers Leitung Alles 
ſelbt thun. Er ließ über Alles, was die Schule betraf, 
Regiſter führen , und durch eine aus 12 der beſſeren Kna- 
ben beſiehende Jury über die in der Woche vorgefalienen 
Vergehungen an jedem Samſtag ein Urtheil fällen, -- Die 
Gegenſtände des Unterrichts, welche er ſpäterhin mehr ver- 
einfachte, beſtanden im Leſen, Schreiben, Rechnen, in Geo- 
graphie , Geometrie, im Buchalten, in der Aftronomie 
und in der Schifffunſt. Was den Reltgionsunterricht be- 
trifft, ſo war dieß der Hauptpunkt, worin er von Lancaſier 
abwich, und .worin die eigentliche Urſache des Streites zu 
ſuchen it, welcher ſpäterhin von den Anhängern der bei- 
den Männer über die Ehre der Erfindung der neuen Lehr- 
art geführt wurde, Sowie nämlich die Lancaſter*ſche 
Schule die Kinder der biſchöflihen Kirhe von England, 
die Kinder der Presbyterianer von Schottland, der römi- 
ſchen Katholilen von Irland und aller verſchiedenen Secten 
in Eintracht umfaßte: ſo war und iſt die Thüre der Bell'- 
ſchen Schulen den Kindern der Katholifen, Presbyte- 
rianer und aller Diſſenters (d, h. der Mitglieder al- 
ler nißt zur engliſchen Kirche gehörigen Religionsparteien) 
verſchloſſen, wenn ſie ſich niht im Katec<hismus der 
anglicaniſchen Kir<e unterweiſen laſſen und folglich 
Die Grundſäße der 
Intoleranz ſind hier nicht zu verkennen, 
Vebrigens ſchaffte aue D. Bell in ſeiner Schule die 
förperlihen Züchtigungen ab, welches ihm um Vieles leich- 
ter, als dem Joſeph Lancaſter ward, da ſeine Schüler eine 
ſanfte, duldende Race von Menſchen waren und überdieß 
von der Anſtalt, von der ſie ihren Unterhalt erhielten, 
ganz abhingen, 
- Sieben Jahre hatte D. Bell das Amt eines Directors 
des male asylum befleidet, als ſeine ſ<wächlic<en Geſund- 
heitsumſtände ihn nöthigten, nach England zurüczufehren. 
Er erhielt von der engliſch-oſtindiſchen Compagnie eine jähr- 
li<e Penſion von 200 Pfd. Sterling bewilligt, mit welcher 
er ſih im Jahre 1797 naH Swanage in Dorſetshire zue 
rüczog , wo er zwar eine Schule nach ſeiner Unterrichts- 
manier anlegte, übrigens aber um die weitere Augbrei- 
tung derſelben ſih im mindeſten nicht bekümmerte. Er 
ſchrieb jedoM eine Brochüre, in welcher er die Reſultate 
- Feiner pädagogiſchen Erfahrungen mittheilte, Dieſe Brochüre, 
die er im Jahre 1797 unter dem Titel:
	        
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